„Von der Gitarre besessen“: JOANNE SHAW TAYLOR im Interview

Joanne Shaw Taylor

„Mein Leben hat sich komplett verändert, als ich mit 13 diese Musik entdeckt und mich in den Texas Blues verliebt habe“, sagt die britische Gitarristin, Sängerin und Songwriterin Joanne Shaw Taylor, die bereits als Teenager den weiten Weg über den großen Teich wagte, um in der Heimat ihrer größten musikalischen Helden zu einer seit Jahren prägenden Stimmen des modernen Blues- und Bluesrock zu werden. Entdeckt wurde sie früh von Dave Stewart (Eurythmics), mit Anfang 20 erschien ihr Debüt White Sugar, das sie rasch als außergewöhnliche Gitarristin auf die Touring-Landkarte brachte. Im Laufe ihrer Karriere entwickelte sie sich jedoch stetig weiter – weg vom reinen Blues-Gitarrenimage hin zu einer stilistisch offeneren Künstlerin zwischen Soul, Rock, Americana und Songwriting-Tradition.

Seit zwei Jahrzehnten lebt sie in den USA, zunächst in Detroit, heute in Nashville. Ihr jüngstes Projekt führte sie abermals mit Joe Bonamassa zusammen: Als Teil eines hochkarätig besetzten Tribute-Projekts zu Ehren von B.B. King wirkte sie an dessen aktuellem Release B.B. King’s Blues Summit 100  mit – einem Herzensprojekt Bonamassas, das zahlreiche Gäste vereint.

Vor ihrem Konzert in der Kölner Kantine Anfang Februar sprachen wir mit ihr über das Selbstverständnis einer vielseitigen Künstlerin, Erwartungen von innen und außen, über Hürden und Strategien auf der Bühne und über ihre Fender Esquire, die sie „Junior“ nennt und die sie mit dem Pronomen „er“ versieht.

Interview

Gitarristin, Sängerin, Songwriterin

Joanne, siehst du dich eher als Sängerin, die Gitarre spielt, oder mehr als Gitarristin, die auch singen kann?

Ich glaube, ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich mich als Singer-Songwriterin sehe, die zufällig viel Gitarre spielt. Auf jeden Fall viel mehr Gitarre als die meisten Singer-Songwriter, die ich kenne… Ich war eben von Anfang an fasziniert von der Gitarre und wollte einfach nur Blues-Gitarristin sein. Und ich glaube, dabei wäre es auch geblieben, wenn ich als Mann geboren worden wäre. Denn meine Einflüsse waren männlich, aber die Gitarre ist ein geschlechtsneutrales Instrument. Ich konnte Sachen von Steve Ray Vaughan lernen und mir andere Dinge von Albert Collins abschauen. Aber als ich mir selbst das Singen beibringen wollte, war klar, dass ich niemals wie Howlin’ Wolf oder auch nur Peter Gabriel klingen würde. Ich musste also Frauen finden, von denen ich lernen konnte. Und die fand man damals eher außerhalb von Blues und Bluesrock: Sängerinnen wie Stevie Nicks oder Tina Turner. Oder im Motown. Also: ursprünglich war ich Gitarristin, aber heutzutage sehe ich mich als Singer-Songwriterin, die von der Gitarre besessen ist.

Joanne Shaw Taylor mit Gibson Les Paul (Foto: Christie Goodwin)
Joanne Shaw Taylor mit Gibson Les Paul (Foto: Christie Goodwin)

Als Singer-Songwriterin: Denkst du, jeder Song braucht ein Gitarrensolo?

Oh, das ist eine interessante Diskussion, denn damit habe ich mich im Laufe der letzten Alben tatsächlich beschäftigt. Es gab ein paar poppigere Songs, bei denen ich dachte: „Ja, sie brauchen vielleicht ein Solo, aber vielleicht bin ich nicht die richtige Person, um sie zu spielen.“ Was dann neue Möglichkeiten eröffnet hat. Ich habe ein paar tolle Gäste auf den neuen Songs, die ich bald veröffentlichen werde. Auf Black & Gold gibt es zum Beispiel „Grey Shade Blue“. Der Song brauchte kein Solo. Also habe ich nur eine kleine, Fleetwood-Mac-artige Melodie auf Gitarre gespielt. Manche Songs brauchen Gitarre, aber kein selbstverliebtes Solo.

Also sagt dann die Songwriterin der Gitarristin in dir: Du bist nicht die richtige für diesen Song?

Eher: „Mach mal Pause, nimm dir frei, ich übernehme das.“ So ist es netter formuliert. Yngwie Malmsteen würde mir da wahrscheinlich widersprechen.

Ich hatte neulich ein Interview mit Paul Gilbert. Da erzählte er, dass er vor zehn Jahren angefangen hat mit Bottleneck zu spielen. Und er meinte, das wäre für ihn, als hätte er einen zweiten Gitarristen engagiert.

Oh, was für ein großartiger Gitarrist und netter Kerl. Deshalb schreibe ich viel auf Akustikgitarre. Für mich ist das ein anderes Instrument. Auf der E-Gitarre werde ich schnell „Joanne die Gitarristin“. Auf der Akustik eher „Joanne die Songwriterin“. Es fühlt sich an wie zwei Persönlichkeiten, die lernen zusammenzuarbeiten. Vielleicht fange ich eines Tages mit Slide an, mal sehen.

Lange Zeit wurdest du immer mit dem Label „Bluesgitarristin“versehen. Aber mit den letzten paar Alben hast du dich davon freigemacht, oder?

Ja, ich glaube, es gab schon immer eine Bewegung in diese Richtung, denn ich habe sehr unterschiedliche Einflüsse. Ich sehe mich als Bluesgitarristin, die Soul singt und Pop-Rock-Songs schreibt. Es ging immer darum, all diese Seiten zusammenzubringen, damit es authentisch nach mir klingt. Ich glaube, ein Teil davon ist auch Erfahrung und Alter. Aber ja, es hat sich definitiv weiterentwickelt, was schön ist. Ich finde, wenn man sich das neueste Album „Black and Gold“ anhört und dann mein erstes, „White Sugar“, wird man merken: Beide klingen nach Joanne Shaw Taylor. Aber das eine klingt wie eine 22-Jährige und das andere wie eine 40-Jährige. Und ich denke, das ist eine gesunde, natürliche Entwicklung als Künstlerin.

Und wie sind die Reaktionen der Leute auf diesen Prozess?

Sehr positiv. Dieses Album hat mir am meisten Sorgen gemacht, denn vorher hatte ich ein Blues-Coveralbum und eine Liveversion davon gemacht. Da wollte ich die Leute nicht vor den Kopf stoßen. Aber ich hatte etwas so Traditionelles gemacht, dass ich merkte, ich brauche etwas anderes für mich. Außerdem stand ich kurz vor meinem 40. Geburtstag, also ging ich selbst in ein neues Jahrzehnt und stellte mir die Frage: „Was habe ich musikalisch noch nicht gemacht, was ich immer machen wollte, aber nicht ausprobiert habe, weil ich zu viel Angst hatte oder es nicht der richtige Zeitpunkt war? Und beim Schreiben: Gibt es emotional etwas, das ich für mich verarbeiten und in diesem Jahrzehnt zurücklassen möchte?“ Dadurch ist es ein vielfältigeres Album geworden, das aber trotzdem von den Fans sehr positiv aufgenommen wurde. Es war schön zu sehen, dass man ein Risiko eingeht und es sich irgendwie auszahlt.

Auf der Bühne

Wie stellst du eine Setlist für einen Abend wie heute zusammen? Versuchst du, beiden Seiten gleich viel Raum zu geben?

Ja, absolut. Es ist wie beim Schreiben. Wenn ich keinen Spaß an etwas habe, wie soll der Funke dann auf den Hörer überspringen. Ich würde mich nur durchmogeln, und dann geht niemand glücklich nach Hause. Damit ich glücklich bin, brauche ich sowieso dieses Gleichgewicht. Ich will nicht zwei Stunden am Stück nur Gitarre spielen. Ich will auch singen, und ich will Dynamik im Set. Und ich will Geschichten erzählen, warum ich diesen Song geschrieben habe. Das richtige Gleichgewicht zu finden, ist manchmal schwer, aber ich habe das Glück, andere tolle Leute in meiner Band zu haben, die mir dabei helfen. Ich finde es sehr hilfreich, Input von außen zu haben. Außenstehende hören manchmal Dinge, die man selbst nicht hört, wenn man mitten drin steckt.

Joanne Shaw Taylor
Joanne Shaw Taylor

Wie wichtig ist der Bühnensound für dein Grundgefühl und damit auch deine Performance?

Manchmal ist es schwieriger als an anderen Tagen. Es wird immer Unterschiede geben. Du kannst dieselbe Band mit denselben FOH- und Monitortechnikern und derselben Ausrüstung nehmen, aber der Raum bestimmt so viel von dem, wie es letztendlich klingt. Letzte Nacht ist mein Monitor für vier Songs ausgefallen, und ich habe Stromschläge bekommen jedes Mal wenn ich ans Mikrofon ging. Vier Songs lang konnte ich also beim Singen kein Wort von mir hören. Aber man lernt es, solche Situationen zu akzeptieren und damit umzugehen. Ich glaube, das macht die Erfahrung. Bei meinen ersten Gigs wäre so etwas das Schlimmste auf der Welt gewesen. Aber man lernt, dass nichts jemals perfekt sein wird. Meistens merkt das Publikum sowieso nicht, dass du den ganzen Abend deinen Gesang nicht hören konntest.

Also hast du auf der Bühne keine In-Ears, sondern Monitore?

Ich benutze Wedges. Als Sängerin sind In-Ears großartig, aber als Gitarristin verändert es komplett, wie deine Gitarre für dich klingt. Es ist, als wäre eine Decke zwischen dir und der Gitarre, weil du dir selbst beim Gitarrespielen zuhörst und die ganze Zeit denkst: So klingt es in meinem Kopf nicht. Und das ist sehr irritierend. Es ist für mich einfach etwas weniger organisch, weil ich dann das Gefühl habe, es gibt eine Blockade zwischen mir und dem Publikum. Kann ich hören, was sie sagen, wenn ich ins Mikro spreche? Oder wenn ich spiele und sie jubeln oder buhen oder was auch immer?

Hast du Licks als Sicherheitsnetz, wenn du dich mal nicht so gut hören kannst?

Ich sage immer, ich plane einen Weg in ein Solo hinein und einen Weg aus einem Solo heraus. Das ist mein Sicherheitsnetz. Und wenn du wirklich Spaß hast, kann es dazwischen in alle Richtungen gehen. Aber ja, ich finde, das ist die beste Art zu improvisieren für mich.

Wenn du sagst, du kennst den Einstieg ins Solo, wie ist dieser ausgestaltet?

Naja, ich habe einfach ein Lick, das das Solo startet, und ein Lick ein paar Takte später, das es beendet. Es ist, wie wenn man eine Geschichte schreibt, oder? Du startest nicht mit einer völlig leeren Seite. Es ist schön zu wissen, was der erste Satz ist. Von da aus kannst du dann weitergehen.

Amps & Pedals

Du bist auf der Bühne vermutlich komplett analog unterwegs, richtig?

Ja. Ich habe zwei Fender Bassmans. Zu Hause ist mein Setup zwei Vintage-62-Piggyback-Fender-Bassmans, zwei Tube Screamers, einer für Overdrive, einer als Clean-Boost, ein Reverb-Pedal, weil ich es leid war, die Bassman-Reverb-Tanks herumzutragen.

2x Fender Bassman (Foto: Marian Menge)
2x Fender Bassman (Foto: Marian Menge)
Taylors Pedals (Foto: Marian Menge)
Taylors Pedals (Foto: Marian Menge)

Spielst du sehr laut auf der Bühne?

Ich versuche, es nicht zu tun. Ich mag keine laute Gitarre. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich Sängerin bin, weil ich die Lautstärke meiner Stimme nur bis zu einem bestimmten Punkt hochziehen kann. Und meine Stimme wird älter, wie physische Teile des Körpers das nun mal tun, also versuche ich, ihr die bestmögliche und schonendste Umgebung zu bieten.

Ich bin wahrscheinlich sogar eine außergewöhnlich leise Gitarristin – und das sage ich, nachdem ich kürzlich mit Joe Bonamassa und Kenny Wayne Shepard gejammt habe … Ich weiß nicht, was mit denen los ist, aber sie waren unfassbar laut. Und dann hat Joe da diese 20 Amps, und wer weiß wie viele Dumbles auf 10, und dann die Gitarre auch noch in die Wedges geknallt, in 10 verschiedenen Wedges für die verschiedenen Gitarrensounds… So bin ich nicht. Es ist ein Mittelweg für mich. Laut genug, dass man es fühlt und Spaß hat, laut genug für eine natürliche Sättigung, aber nicht so laut, dass wir alle Tinnitus bekommen und ich meine Stimme ruiniere.


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Eine Esquire namens „Junior“

Und du bist immer mit deiner alten Esquire unterwegs. Hast du keine Angst, dass ihr etwas passieren könnte?

Nein, ich nehme „Junior“ immer mit ins Handgepäck, er kommt nie in den Frachtraum. Und er kommt immer mit ins Hotel. Ich habe in meinem Leben noch nie ein Konzert ohne ihn gespielt. Vielleicht mal für einen Song zum Jammen, wenn ich überrascht wurde. Aber keine meiner eigenen Shows ohne ihn. Ich glaube, ich könnte das nicht.

Taylors Fender Esquire (Foto: Marian Menge)
Taylors Fender Esquire (Foto: Marian Menge)

Was ist so besonders an ihm?

Es gibt für mich keine andere Gitarre, auf der ich alles machen kann, was ich machen möchte. Nicht alles, klar, manchmal braucht man eine Les Paul. Du kannst eine 66er Esquire nicht wie eine Les Paul klingen lassen. Aber das meiste bekomme ich mit ihm hin. Auf die Gefahr hin, dass ich wie ein Idiot klinge, aber es ist seine Stimme. So klingt Gitarre für mich. Und diesen Sound bekomme ich von keiner anderen Gitarre. Und nach… Ich spiele ihn jetzt seit 27 Jahren jeden Tag.

Heute ist Joe Bonamassa’s „B.B. King’s Blues Summit 100“ mit einem Beitrag von dir erschienen. Happy Release Day! Feierst du so etwas auf irgendeine Weise?

Danke. Normalerweise schon. Ich glaube, nur weil wir auf Tour sind, konnte ich bis jetzt nicht feiern… Ich wusste nicht mal, dass Freitag ist, bis ich auf mein Handy geschaut habe. Aber ja. Es ist besonders schön da dabei zu sein, weil ich weiß, wie viel Aufwand Joe da reingesteckt hat und was es ihm bedeutet hat. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm in seiner Car-Bar in Nashville saß und er meinte: „Ich warte darauf, dass jemand etwas Besonderes für B.B. King zu dessen 100. Geburtstag ankündigt, aber niemand macht etwas.“ Es war ihm sehr wichtig, und es war so ein großes Ding, allein all die Gäste zu organisieren.

Aber er hat es gut hinbekommen und ich bin einfach froh, ein Teil davon zu sein. Auch weil mich von Anfang an dabei haben wollte. Er meinte: „Such dir einen Song aus.“ Ich sagte: „Never Make A Move Too Soon“. Dann kam ein Anruf: Dion will den Song unbedingt machen. Ich: „Dann gib ihn Dion.“ Das ging ein paar Mal so und dann meinte ich nur: „Joe, ich bin einfach glücklich, dabei zu sein. Sag mir, was übrig ist.“ Ich weiß, es war sehr stressig für ihn, weil es ihm so wichtig war, B.B. zu ehren und es richtig zu machen. Ich freue mich sehr für ihn, dass es jetzt draußen ist und sein Job erledigt ist.

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