Brian Bromberg stimmt seine Bässe bis ins Gitarrenregister, übernimmt Melodien und spielt Soli, die man einem Bass kaum zutrauen würde. Sein aktuelles Album „Awakening“, das am 09. Oktober veröffentlicht wurde, gibt Anlass zu der Frage: Spielt er Bass oder eigentlich Gitarre? Und ist die Antwort vielleicht auch einfach nicht so wichtig?
Ein Bassist, der die Gitarrenparts gleich mit erledigt, macht es sich bei der Personalplanung natürlich einfach. Brian Bromberg betreibt diese Form der musikalischen Selbstversorgung seit Jahren. Auf seinem Instrumental-Rockalbum ‚Metal‘ zum Beispiel verzichtete er vollständig auf Gitarren. Seine Website wirbt dafür mit der unmissverständlichen Ansage: „NO GUITARS, all piccolo bass.“ Wer nach verzerrten Leads sucht, soll sie also ruhig finden – nur eben auf einem anderen Instrument. Und das hört man in Nuancen auch heraus. Für den flüchtigen Hörer klingen seine Lines wie eine eigentümlich klingende Gitarre.
Auch auf dem nun erschienenen ‚Awakening‘ übernimmt Bromberg mit dem Piccolo-Bass Aufgaben, für die man gewöhnlich einen Gitarristen bestellen würde. Allerdings in einem völlig anderen musikalischen Kontext als auf dem erwähnten ‚Metal‘, denn hier gibt es Fusion, Latin und Jazz zu hören. In den veröffentlichten Albuminformationen erklärt er: „Einige meiner Bässe können wie Gitarren klingen, weil ich sie in das Register einer Gitarre stimme.“ Da liegt die Nachfrage nahe: Wenn ein Instrument in Gitarrenlage spielt, nach Gitarre klingt und deren musikalische Arbeit verrichtet – was genau macht es dann noch zum Bass?

Dünnere Saiten, vertrautes Griffbrett

Zunächst seine Bauweise. Ein Piccolo-Bass ist nicht einfach nur ein geschrumpfter Bass sein. Das Prinzip lässt sich ebenso auf einem Instrument mit gewöhnlicher Bassmensur umsetzen, indem man entsprechend dünne Saiten aufzieht. D’Addarios Piccolo-Satz EXL280 etwa reicht von .020 bis .052 und ist für eine Stimmung eine Oktave über dem normalen Bass ausgelegt.
Tonhöhe und Saitenstimmung sind dann tatsächlich identisch. Die Finger treffen aber weiterhin auf die Geometrie eines Basses: längere Wege zwischen den Bünden, eine andere Saitenführung und eine Konstruktion, die ursprünglich für ein tieferes Register gedacht war. Brombergs viersaitiges Kiesel-Signature-Modell besitzt beispielsweise eine Mensur von 34 Zoll. Und wer auf ihm Melodien spielt, phrasiert natürlich unter anderen körperlichen Bedingungen als auf einer üblichen E-Gitarre.
Bromberg geht auf ‚Awakening‘ noch höher hinaus: Nach eigener Aussage stimmt er seine Piccolo-Bässe eine Oktave und eine Quarte über die normale Bassstimmung. Ausgehend vom üblichen viersaitigen E–A–D–G ergäbe das A–D–G–C.
Direkte Gegenüberstellung

Für die Ausgangsfrage ist der neunte Track des Albums namens ‚Ojai‘ besonders aufschlussreich. Dort spielt Bromberg ein Duett mit Paul Brown, der das einzige Gitarrensolo der Platte beisteuert. Browns Gitarre und Brombergs Piccolo-Bass begegnen sich hier offenkundig als zwei eigenständige Stimmen. Das Interessante: Durch die direkte Gegenüberstellung der beiden Instrumente hört man, wie sehr der Piccolo-Bass Gitarrenfunktionen übernimmt, ohne jedoch sämtliche Eigenschaften einer Gitarre anzunehmen. Der Ton entsteht aus der Wahl der Saiten, der Mensur, den Tonabnehmern, die sich allesamt von der Gitarre unterscheiden. Viel wichtiger aber ist: Der Anschlag und die Phrasierung kommen aus den Fingern und der Denkweise eines Bassisten. Die hohe Stimmung öffnet ihm lediglich ein anderes Arbeitsumfeld.

