Mit einem Straßenpreis von rund 599 € bewegt sich der Erica Synths Xenodrive klar außerhalb klassischer Gitarren-Zerrpedale. Und genau dort will er auch hin. Statt „Amp-ähnlichem Drive“ oder vertrauten Distortion-Klischees versteht sich der Xenodrive als eigenständiger Klangprozessor, der Verzerrung als formbares Rohmaterial behandelt. Entwickelt in Zusammenarbeit mit 112dB, richtet sich das Gerät an Musiker, die Klang bewusst zerlegen, überformen und in Bewegung halten wollen. Für Ambient-Gitarristen, Drone-Artists und Sounddesigner ist das relevant, weil hier nicht der Ton veredelt wird, sondern neue Klangzustände entstehen. Der Xenodrive ist weniger Effekt im klassischen Sinne als vielmehr ein Instrument zur spektralen Transformation – und damit eine bewusste Investition in Klanggestaltung statt Komfort.
Design und Verarbeitung
Typisch für Erica Synths präsentiert sich der Xenodrive in einem robusten Desktop-/Pedal-Hybrid-Gehäuse mit klarer industrieller Anmutung. Metallchassis, griffige Potis und ein aufgeräumtes Layout vermitteln sofort Studio- statt Pedalboard-Denke. Trotz der Tiefe des Konzepts bleibt die Oberfläche übersichtlich, was im Alltag entscheidend ist. Auf dem Pedalboard nimmt der Xenodrive mehr Raum ein als ein klassisches Overdrive, fühlt sich dort aber als zentrales Klangmodul absolut richtig an – eher vergleichbar mit einem Multi-FX-Prozessor als mit einem Boutique-Drive.

Anschlüsse & Routing
Der Xenodrive arbeitet vollständig in Stereo, akzeptiert aber auch Mono-Signale ohne Einschränkung. Gerade für moderne Rigs mit Stereo-Delays, Reverbs oder parallelen Effektwegen ist das ein entscheidender Vorteil. MIDI In und Out ermöglichen vollständige Integration in DAW-basierte Setups oder Hardware-Sequencer. Zusätzlich gibt es einen Fußschalter-Eingang für Performance-Aktionen wie den Scream-Mode. USB dient der Preset-Verwaltung und Einbindung in hybride Studio-Setups. Damit ist der Xenodrive sowohl im Pedalboard als auch im Studio als eigenständiger Soundprozessor sinnvoll aufgehoben.
Bedienkonzept & Workflow
Trotz der komplexen Architektur bleibt der Workflow überraschend direkt. Zwölf Parameter sind unmittelbar zugänglich, tiefere Funktionen liegen logisch im Menü. Der Fokus liegt klar auf Klangarbeit statt Preset-Scrolling. Besonders gelungen ist das Preset-Morphing: Statt harter Sprünge gleiten Sounds ineinander über, was für Ambient-Transitions und Drone-Performances enorm musikalisch ist. Der Magic Mode – ein intelligenter Parameter-Randomizer – lädt zum Experimentieren ein und liefert regelmäßig Ausgangspunkte, auf die man selbst nicht gekommen wäre, ohne ins Chaos abzurutschen.
Klangcharakter & Effektarchitektur
Klanglich arbeitet der Xenodrive nicht „schön“, sondern ehrlich und kompromisslos. Die Eingangsstufe mit bis zu 24 dB Gain reagiert dynamisch und kann bereits als eigenständiger Klangformer genutzt werden. Der folgende Kompressor kontrolliert Spitzen, ohne das Signal totzudrücken. Die Germanium-Diodenverzerrung liefert körnige, organische Obertöne, bevor der wavetable-basierte Waveshaper die Kontrolle übernimmt. Hier wird der Sound spektral zerlegt, neu zusammengesetzt und oft bewusst destabilisiert. Das Ergebnis ist textural, aggressiv, manchmal chaotisch – aber immer musikalisch steuerbar.
Parameter im Praxis-Einsatz
Im praktischen Einsatz zeigt sich, wie fein der Xenodrive auf Spielweise reagiert. Kleine Änderungen im Shaper-Mix verschieben den Sound von leicht angezerrter Harmonik zu kompletter spektraler Auflösung. Der EQ mit Frequency-Shift greift nicht kosmetisch ein, sondern verändert den Charakter fundamental. Der Scream-Mode fügt resonante Schärfe hinzu, die sich hervorragend für dramaturgische Höhepunkte eignet. Der Envelope Follower bringt Bewegung ins Spiel, indem er Verzerrung und Filterung dynamisch an die Anschlagstärke koppelt – ideal für lebendige Drone-Flächen.
Anwendung für Ambient, Drone & Sounddesign
Gerade in langen Effektketten entfaltet der Xenodrive seine Stärken. Vor großen Reverbs oder granularen Delays erzeugt er dichte, schwebende Sustains, die mit E-Bow oder Volume-Pedal beinahe synthesizerhaft wirken. In Drone-Setups lässt sich der Waveshaper so dosieren, dass das Signal ständig in Bewegung bleibt, ohne rhythmisch zu werden. Übergänge zwischen Stimmungen gelingen durch Preset-Morphing organisch und ohne Brüche – ein großer Vorteil gegenüber klassischen Zerrpedalen.
Live- & Studio-Praxis
Live überzeugt der Xenodrive durch seine Ausdrucksstärke und die Möglichkeit, Sounds performativ zu entwickeln. Er reagiert sensibel auf Dynamik, verlangt aber Aufmerksamkeit – ein „immer an“-Pedal ist er nicht. Im Studio wird er schnell zum kreativen Werkzeug für Re-Amping, Layering und extreme Texturen. Im Band-Kontext setzt er sich nicht klassisch durch, sondern schafft Räume und Kontraste, die bewusst Platz einnehmen oder aufbrechen.

Fazit: Erica Synths Xenodrive – vielseitiger Zerr-Prozessor für brachiale Sounds
Der Erica Synths Xenodrive ist ein kompromissloses Werkzeug für Gitarristen und Sounddesigner, die Verzerrung als kreativen Prozess begreifen. Für ca. 599 € erhält man kein Allround-Pedal, sondern ein hochspezialisiertes Boutique Pedal, das extreme Texturen, bewegte Drones und instabile Klangflächen mit beeindruckender Kontrolle ermöglicht. Wer klassische Overdrive- oder Distortion-Sounds sucht, wird den Xenodrive als überdimensioniert empfinden. Wer jedoch Ambient-Gitarre, Drone Sounds oder experimentelles Sounddesign ernsthaft betreibt, findet hier ein außergewöhnlich tiefes Instrument mit Studio- und Live-Tauglichkeit. Der Xenodrive belohnt Neugier, Mut und Spielpraxis – und richtet sich damit klar an Musiker, die Klang nicht reproduzieren, sondern neu entwerfen wollen.
Pro
- Extrem tiefe, texturale Verzerrungsarchitektur
- Stereo-Signalweg mit vollständiger MIDI-Integration
- Preset-Morphing für musikalische Übergänge
Contra
- Kein klassischer „Amp-ähnlicher“ Drive
- Erfordert Einarbeitung
- Relativ hoher Preis
Link zur Herstellerseite: Erica Synths
