Nein, hier ist kein Buchstabe verrutscht. Und doch drängt sich die Assoziation zu Julian Lage beinahe automatisch auf. Die Namensähnlichkeit ist allerdings nicht die einzige Parallele: Auch die deutsche Gitarristin Julia Lange bewegt sich selbstverständlich zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, durchmisst stilistisch unterschiedlichste Terrains und verbindet in ihrem Spiel technische Präzision mit musikalischem Gespür, Emotionalität und Groove.
Die gebürtige Hessin hat einen ungewöhnlichen Werdegang hinter sich, den sie im Gespräch selbst nachzeichnet. Ihre klassische Ausbildung trifft auf eine ausgeprägte stilistische Offenheit, die sich weder auf ein Genre noch auf ein Instrument festlegen lässt. Diese Kombination hat der 27-Jährigen nicht nur eine wachsende Präsenz auf YouTube eingebracht, sondern auch eine feste Rolle als Gitarristin der Band Funky Times, mit der in Kürze eine Tour durch Deutschland und anschließend durch Asien ansteht. Parallel dazu ist sie regelmäßig Teil der Live-Band von Bülent Ceylan – inklusive Auftritt beim Wacken Open Air.
Ein Blick auf ihr bisheriges Schaffen zeigt die Bandbreite ihres Ansatzes: Interpretationen von Bach’schen Cello-Suiten stehen neben eigenständigen Loop-Arrangements, funkorientierten Bandkontexten und Kooperationen mit Herstellern wie Ibanez, Siccas Guitars, D’Addario oder Baton Rouge Guitars. Es entsteht das Bild einer Musikerin, die sich nicht auf ein klar umrissenes Feld festlegen lässt, sondern mehrere künstlerische Linien oder gar Karrieren parallel verfolgt. Eine spannende Künstlerin, von der noch vieles zu erwarten ist. Nun erstmal das:
Interview
Der Werdegang
Julia, lass uns vorne anfangen: Wie bist du zur Gitarre gekommen?
Ich habe mit acht Jahren angefangen. Mein großer Bruder sollte Gitarre lernen, weil meine Eltern das cool fanden. Also haben sie ihm eine Gitarre gekauft. Er hat es dann aber sehr schnell wieder bleibenlassen. Es war nicht sein Ding, er hat sich eher für Autos interessiert. Aber ich habe dann eigentlich ausschließlich klassische Gitarre gespielt, bis ich so 16 war – inklusive „Jugend musiziert“ und so weiter. Irgendwann fingen die Wettbewerbe an mich zu nerven, gleichzeitig habe ich Künstler wie Tommy Emmanuel oder Mike Dawes auf YouTube gesehen, mit eigenen Arrangements und eigenen Stücken. Das hat mich fasziniert. Dann habe ich mir eine Akustikgitarre mit Stahlsaiten geholt und einfach angefangen, das auszuprobieren und weiterzubasteln. Ich hatte aber vorher selbst schon einen YouTube-Channel gestartet und ein paar Klassikvideos hochgeladen. Das habe ich dann weitergemacht.
Und wie kamst du dann schließlich zur E-Gitarre?
Ich habe in Dresden akustische Gitarre studiert, „World Music“ heißt das da. Kurz vor dem Lockdown hatte ich ein Klassikkonzert mit zwei Brüdern, Julius und Leo Imhäuser. Julius war als Special Guest an der Akustikgitarre dabei, Leo hat den Sound gemacht. Der Veranstalter fragte uns dann, ob wir nicht eine Band für einen Frank-Sinatra-Tribute-Abend stellen könnten, unter dem Motto „New York, New York“. Wir hatten überhaupt keinen Plan, haben aber zugesagt.

Wir hatten vorher nie wirklich zusammen Musik gemacht, haben dann aber den ganzen Sommer über dieses Zwei-Stunden-Programm vorbereitet. Julius hatte die Idee, zwischen zwei Standards einen Funk-Part einzubauen. Und diese Minute hat uns am meisten Spaß gemacht. Ich habe da zum ersten Mal mit einem Pick gespielt, ein bisschen funky. Dann haben wir uns gefragt: Wo gibt es mehr davon? Kennst du Vulfpeck? Ich so: keine Ahnung. Dann haben wir uns das Madison-Square-Garden-Konzert angeschaut und waren sofort Fans.
Diesen kleinen Funk-Snippet haben wir aufgenommen, um das Sinatra-Konzert zu bewerben. Ich habe einfach auf Instagram „Funky Times“ dazu geschrieben. Das erste Video ging direkt viral. Dann haben wir weitere Snippets gemacht, immer mit demselben Hinweis: „Funky Times 2“, „Funky Times 3“. Irgendwann haben die Leute uns einfach so genannt, und wir dachten: Dann sind wir wohl eine Band und heißen Funky Times… Dann kam der Lockdown – viel Zeit zum Musikmachen und Videos produzieren im Wohnzimmer. So hat das angefangen. Es war nie geplant, E-Gitarre zu spielen. Das hat sich durch Zufälle ergeben.
Nochmal einen Schritt zurück: Warum hast du damals dein erstes YouTube-Video aufgenommen?
Das weiß ich noch genau. Ich hatte viele Stücke, die sehr schwer waren und viel Übung erforderten. Gleichzeitig wollte ich neue Stücke lernen, und dachte: Die alten sind nirgendwo festgehalten. Also wollte ich etwas aufnehmen. Erst dachte ich an eine CD. Dann habe ich gemerkt: Das kostet Geld – und wer würde die kaufen? Familie, zwei Nachbarn, eine Tante, sonst niemand. Also habe ich Videos gemacht. Die ersten sind im Freien aufgenommen, es windet total, alles sehr DIY. Ich hatte jemanden über meinen Klassikgitarrenlehrer, der Aufnahmen macht. Einen Tag konnte ich mir leisten, habe zwei Wochen intensiv geübt, alles eingespielt, mir eine Kamera geliehen, ein Schnittprogramm gekauft und mit einer Freundin die ersten Videos gemacht.
Mit welchem Ziel? Wolltest du damals schon Musikerin werden?
Ja, auf jeden Fall. Das war schon klar für mich seit ich zwölf Jahre alt war. Schon damals wollte ich klassische Konzerthäuser spielen, das war mein Ziel. Mit der Zeit hat sich mein Geschmack verändert, ich habe neue Sachen kennengelernt, und es ging in eine andere Richtung.

Und als was würdest du dich heute am ehesten bezeichnen? Klassische Gitarristin? E-Gitarristin?
Am liebsten einfach Gitarristin. Alles andere steckt einen in eine Schublade. Eine typische klassische Gitarristin bin ich nicht mehr. Ich komponiere aber viel für klassische Gitarre, da kommt auch bald ein erstes Stück raus. Ich mag einfach viele Stile.
Genres und ihre Vermischung
Würdest du zustimmen, wenn ich behaupte, dass die einzige Verbindung zwischen Klassik und Funk die Präzision ist?
Ja, aber unterschiedliche Arten von Präzision. Im Funk geht es um Timing. Klassisch gespielt würde das nicht funktionieren. Timing ist da ein ganz anderes Konzept. Aber Perfektion spielt in beiden Bereichen eine Rolle. Am Anfang war mein Timing echt schlecht. Das brauchte ganz viel Üben. Es gibt ein paar Aufnahmen von früher, die sind komplett furchtbar. Und das krasse ist, dass man es selber auch nicht hört. Es dauert, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Um es mit Sprache zu vergleichen: Klassik ist eher wie wenn man ein Gedicht vorträgt, flexibel im Tempo. Funk ist eher wie Rap, wo alles sehr auf den Punkt sein muss. Was mir sehr geholfen hat: Wir haben von Anfang an alles aufgenommen. Das ist das beste Training. Man hört sich selbst, bekommt Feedback und verbessert sich.
War dein Zugang über Spieler wie Mike Dawes auch schon rhythmisch geprägt?
Ein bisschen. Aber wenn ich mir alte Sachen anhöre, war auch das timingmäßig nicht besonders groovy. Man spielt allein, ohne Gegenpol. Trotzdem war es ein Übergang in die Richtung.

Kannst du deine klassische Ausbildung in die Musik irgendwie einfließen lassen oder passiert das automatisch?
Ich glaube, das passiert oft automatisch. Vor allem in Sachen Üben. In der Klassik arbeitet man sehr diszipliniert: Man nimmt sich etwas vor und übt das dann jeden Tag gezielt, damit es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sitzt. Diese Übekonzepte und die Art, Dinge aufzuschlüsseln, die steck auch in dem, was ich bei Funky Times mache. Ich denke da gar nicht bewusst drüber nach, aber es ist einfach so.
Und rein vom Tonmaterial oder von der Spieltechnik – nutzt du da etwas aus der Klassik?
Da musste ich ehrlich gesagt sehr viel umlernen. Das war richtig hart und ist teilweise immer noch schwierig. In der Klassik mutet man keine Saiten mit der linken Hand, das macht man einfach nicht. Die Finger stehen sehr steil auf dem Griffbrett. Bei der E-Gitarre liegt die Hand oft ganz anders am Hals, Das gibt es in der Klassik nicht.
Gerade beim Strumming ist das ein Problem, weil man die Saiten dämpfen muss. Ich habe mir dann erst ziemlich komische Techniken angewöhnt, viel mit dem ersten Finger gearbeitet, und habe das später wieder umgestellt. Irgendwann merkt man, dass andere Wege besser funktionieren. Ein großer Teil des E-Gitarrenspiels besteht wirklich aus dem Abdämpfen der Saiten. Das ist einem gar nicht bewusst, wenn man damit aufwächst. Wenn man aus der Klassik kommt, ist das eine riesige Umstellung.
Hast du im Funkbereich Vorbilder?
Ja, Cory Wong, ganz klar. Ihn habe ich damals über Vulfpeck entdeckt. Diese Spielfreude auf der Bühne hat mich total gepackt. Und sein sehr cleaner Funk-Sound und die Art, Rhythmusgitarre in den Vordergrund zu stellen, haben mich stark beeinflusst.
Equipment
Was benutzt du zur Verstärkung deiner Akustikgitarre?
Das L.R. Baggs Anthem und von da aus gehe ich in den Quad Cortex. Daraus benutze ich Hall, Delay und, EQ. Außerdem ein Expression-Pedal für Wah/Volume. Das ist mein Setup.
Welche E-Gitarren spielst du aktuell?
Ich habe eine Ibanez AZ-Modell, also meine custom-made Glitzergitarre, und eine von diesen Fender Ultra Luxe Vintage, die letztes Jahr rausgekommen sind. Auch mit ihnen gehe ich in das Quad Cortex. Auf Tour gehen wir von da aus direkt in die Anlage, splitten aber das Signal auch zu einem Amp auf der Bühne. Teilweise nutzen wir auch Speaker-Boxen als Amp-Ersatz.
Tourdaten Funky Times
09.04.26 Halle, Objekt 5
10.04.26 Plauen, Malzhaus
17.04.26 Lübeck, Treibsand
18.04.26 Hannover, Jazz-Club
23.04.26 Aschaffenburg, Colos-Saal
24.04.26 Karlsruhe, Jubez
Julia Lange im Netz:
Offizielle Website Funky Times


