„Der Twang gehört dazu“: Deathjazz-Band AGABAS im Interview

AGABAS © Terje Frostad

Aus Trondheim stammend, jener norwegischen Stadt, die einst als Machtzentrum der Wikinger galt, haben sich AGABAS in den vergangenen Jahren mit ihrem selbst definierten „Deathjazz“ eine eigenständige Position zwischen Jazz-Avantgarde und modernem Extrem-Metal erarbeitet. Für ihr aktuelles Album ,Hard Anger‘, das am 05. März noch einmal in einer Deluxe Edition veröffentlicht wird, zog sich die sechsköpfige Band zeitweise in eine abgelegene Hütte am Hardangerfjord (heißt wirklich so) zurück – mehr als 700 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Die Stille der westnorwegischen Fjordlandschaft steht dabei in starkem Kontrast zu der Musik, die dort entstand: heruntergestimmte Riffs, Blastbeats, ein aggressiv bearbeitetes Saxofon und Texte, die sich mit Krieg, Gewalt und gesellschaftlicher Zerrüttung auseinandersetzen. Hinter der klanglichen Radikalität steht eine fundierte Ausbildung – die Mitglieder verfügen über Uni-Abschlüsse im Musikbereich; Sänger Sondre Sørensen Brønstad schrieb seine Masterarbeit über die Geschichte und kulturelle Bedeutung von Moshpits

Auch live hat sich die Band längst etabliert. Tourneen mit Kvelertak sowie eine Europatour als Support von Avatar führten AGABAS durch mehrere Länder und vor ein zunehmend internationales Publikum. Bei ausgewählten Terminen standen zudem Acts wie Witch Club Satan mit auf dem Billing. Zwischen Proben, Reisen und der Arbeit am nächsten Album habe ich die beiden Gitarristen Oskar Myrseth und Jarand Aga Baas via Zoom zum Gespräch getroffen – ein Austausch über Wut, Humor, Gitarren ohne Metal-Klischees und die Kraft von Unisono-Riffs.

Interview

„Ehrliche Musik“

Ihr nennt eure Musik „Deathjazz“. Der Metal ist bei euch offensichtlich, wo genau steckt das Jazz-Element?

Oskar: Da ist natürlich das Saxofon – aber das macht es noch nicht automatisch zu Jazz. Es geht eher um die Herangehensweise: wir improvisieren viel und ziehen viel Inspiration aus den Jazz-Arten. Die wir mögen. Das ist oft 1960er-Coltrane, Post-Bop, sehr intensive, improvisierte Sachen. Aber auch Free Jazz wie Ornette Coleman gehört dazu. Das ist Musik, die komplett „all in“ geht. Sie ist direkt, konfrontativ und extrem intensiv. Genau dieses Gefühl versuchen wir in unsere Musik zu übertragen und mit den Eigenschaften des Metal zu verbinden. Wir könnten natürlich 2-5-1-Verbindungen einbauen oder irgendwelche exotischen Skalen spielen – aber das würde für uns nicht funktionieren. Vielleicht kann das jemand anders überzeugend umsetzen, aber für uns fühlt sich das nicht passend an.

,Hard Anger‘ Album-Cover
,Hard Anger‘ Album-Cover

Sowohl im Jazz als auch im Metal gibt es eher konservative Strömungen. Wie reagieren die jeweiligen Szenen auf eure Mischung?

Oskar: Ehrlich gesagt war es bisher kein großes Problem. Klar, es gibt ab und zu seltsame Online-Kommentare, aber das ist zu erwarten. Gerade das Jazz-Publikum ist erstaunlich offen. Metal-Fans sind vielleicht anfangs skeptischer, aber sobald sie merken, dass wir keinen Quatsch, sondern ernsthaft Musik machen, die uns etwas bedeutet, verstehen sie es meist. Ich habe das nie als echtes Hindernis erlebt. Wie siehst du das, Jarand?

Jarand: Ich glaube, im Metal gibt es eher Gruppen, die skeptisch reagieren würden – aber die kommen vermutlich einfach nicht zu unseren Shows. Wir ziehen eher den Teil der Szene an, der offen für Genre-Mischungen ist.

Mir ist beim Hören und Anschauen eurer Videos aufgefallen: Da ist viel Wut in der Musik, aber auch Humor in der Umsetzung. Seht ihr das genauso?

Jarand: Ja, besonders mit Sondre als Frontmann muss nicht alles 100 Prozent ernst sein. Wir transportieren Wut in Musik und Texten, aber auch Humor. Das macht es ehrlicher. Auch live ist das so: Es ist intensiv und aggressiv, aber gleichzeitig wollen wir die Leute an die Hand nehmen und sie einladen, ein Teil davon zu werden.

Oskar: Wir versuchen, ehrliche Musik zu machen – ein ehrliches Abbild dessen, wer wir sind. Wir sind über manche Dinge wütend, über andere glücklich. Wir mögen es, Spaß zu haben und herumzualbern. Das gesamte Spektrum des Menschseins darf sich in der Musik zeigen.

Wie entstehen eure Songs?

AGABAS Live
AGABAS Live

Oskar: Wir hatten nie eine feste Methode. Meistens schreibt und produziert jemand ein Demo und schickt es herum. Im Studio bleibt der Song dann meist nah am Demo, mit kleineren Anpassungen. In letzter Zeit experimentieren wir aber stärker fragmentarisch: Jeder liefert kleine Riffs oder Sound-Ideen, und alles landet in einer großen „Riff-Bank“ auf Google Drive. Dann setzen wir uns zusammen und formen daraus gemeinsam etwas Zusammenhängendes. Es gibt also kein festes „So schreiben wir Songs“, sondern eher einen offenen Prozess.

Kommt ihr musikalisch denn eher vom Metal oder vom Jazz?

Jarand: Ich stamme aus einem kleinen Ort im Westen Norwegens. Anfangs war ich Autodidakt, dann hatte ich einen Gitarrenlehrer – den einzigen in der Gegend. Ich spielte vor allem Rock und Metal, Metallica war damals das Maß aller Dinge. Später ging es mehr Richtung Noise und Progressive.
Oskar: Das war bei mir ähnlich. Ich habe mit 13 angefangen, zunächst ein sechswöchiger Anfängerkurs in der Nachbarstadt. Danach jahrelang YouTube und Songs nach Gehör lernen. Mit 17 begann ich ernsthafter Musik zu machen und hatte dann auch Unterricht. Später habe ich dann Musikwissenschaften studiert.

Lipstick-Singlecoil statt Metal-Humbucker

Oskar, ich habe dein Playthrough-Video vom Song ,Evneveik‘ gesehen. Die Gitarrenmarke Nebelung kannte ich bis dato nicht, und dein Instrument wirkt auch eher wie eine Surf-Gitarre als wie eine typische Metal-Axt …

Oskar: Die Gitarre wurde von einem Gitarrenbauer in Horten, Norwegen, gebaut. Ich finde sie einfach großartig. Und für mich funktioniert sie im Metal-Kontext perfekt. Ich wollte eine Gitarre, mit der ich mich wirklich identifiziere – und ehrlich gesagt auch eine, die gut aussieht. Ich habe den Gitarrenbauer direkt angeschrieben, weil ich sie nirgendwo im Laden testen konnte. Er meinte nur: „Komm vorbei.“ Also bin ich zu ihm nach Hause gefahren, habe sie gespielt und war sofort überzeugt. Das war eine tolle Erfahrung – so nah am Hersteller zu sein. Sie klingt ein bisschen nach Singlecoil, hat aber mehr Kontrolle und neigt weniger zum Feedback. Für mich funktioniert das im Metal hervorragend.

Und deine Gitarre, Jarand?

Jarand: Eine Danelectro Danelectro ’59M mit Lipstick-Pickups. Das ist auch nicht gerade eine typische Metal-Gitarre, aber im Studio funktioniert sie großartig. Live macht sie manchmal Schwierigkeiten wegen den schnell auftretenden Feedbacks. Vielleicht brauche ich irgendwann Humbucker.

Oskar: Nein! Der Twang gehört dazu. Es muss eine Lösung geben, ohne auf Humbucker umzusteigen.

Jarand: Dann vielleicht eine bessere Abschirmung, Folie unter dem Pickguard oder so. Sie ist sehr leicht und halbhohl gebaut, das macht sie anfällig. Aber ich spiele sie seit Gründung der Band, deswegen fällt es mir schwer, sie wegzulegen.


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Danelectro ’59M NOS Black

Über welches Equipment spielt ihr denn eure Gitarren?

Oskar: Ich verwende einen Quad Cortex.

Jarand: Bei mir ist es meist ein Line 6 Helix Stomp. Amp-Sims sind effizient, praktisch und klingen jeden Abend gleich. Allerdings kann es in kleineren Clubs soundmäßig manchmal schwierig sein, besonders wenn es zu schrill wird. Aber wir vertrauen unserem Soundmann. Solange ich weiß, dass es vorne im Saal gut klingt, kann ich damit leben. Und wenn möglich, stehen trotzdem Amps auf der Bühne fürs Spielgefühl.

Wie habt ihr untereinander die Rollen als Gitarristen aufgeteilt?

Oskar: Momentan spielen wir noch viel im Unisono – mehr als wir eigentlich möchten. Für das nächste Album wollen wir stärker komplementäre Parts schreiben.

Jarand: Anfangs war es oft schlicht dasselbe Riff gleichzeitig. Inzwischen wird es komplexer. Live soll es wie eine massive Wand klingen – sogar das Saxofon übernimmt manchmal Gitarrenfunktionen.

Oskar: Ein Unisono-Riff wirkt noch stärker, wenn es aus kontrastierenden Parts entsteht. Da liegt viel Potenzial für mehr Dynamik.

Gibt es Pläne für neue Aufnahmen?

Oskar: Im Oktober treffen wir uns für eine Woche, um all die gesammelten Ideen zu bündeln – eine Art Schreib-, Pre-Production- und Aufnahmephase in einem. Wir wollen stärker ins Chaos gehen, weniger vorab strukturieren. Früher sind wir mit fertiger Songliste ins Studio gegangen. Seit wir bei Mascot Records unterschrieben haben, haben wir etwas mehr Budget und können uns diese Vorarbeit leisten. Danach suchen wir uns einen Produzenten, der uns hilft, das Ganze zu formen.

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