,Mit der neuen EP „Celebrate“ legen Black Stone Cherry ein Release vor, das sich bewusst zwischen den Formaten bewegt: eigentlich zu lang für eine klassische EP, aber auch zu kurz für ein Album. Und genau darin liegt ein Teil des Reizes der am 06. März 2026 erscheinenden Veröffentlichung. denn so bewegt sich die Band auch formal ähnlich zwischen den Stühlen wie inhaltlich und musikalisch seit eh und je. Im Interview spricht Chris Robertson, Leadsänger, Gitarrist und Songwriter der Band, über Eskapismus als Kernidee von Live-Musik, über die Ablehnung starrer Genre-Schubladen, prägende Einflüsse von Nirvana bis Lynyrd Skynyrd und darüber, warum digitale Gitarrensounds längst zum festen Bestandteil seines musikalischen Alltags gehören. Außerdem geht es um den Entstehungsprozess der sieben neuen Songs, um seine Signature-Gitarren, seine Spielweise und darum, weshalb musikalische Intuition oft wichtiger ist als Theorie.
Interview
Genres und ihre Grenzen
Chris, du sagst, ein Konzerterlebnis sollte deiner Meinung nach echter Eskapismus sein. Gilt das eher für das Publikum oder auch für dich auf der Bühne?
Für alle, finde ich. Ein Konzert sollte ein Moment sein, in dem außerhalb dieses Raums nichts existiert. In diesem Augenblick sind wir alle gemeinsam an einem Ort, und die Außenwelt spielt keine Rolle mehr. Sobald das Licht ausgeht und wir auf der Bühne stehen, zählt nur noch das, was genau in diesem Moment passiert.
Gelingt es dir immer alles auszublenden?
Nein. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden auf der Welt gibt, der das jedes Mal schafft. Aber man gibt sein Bestes.
Und wenn wir über die neue EP sprechen: Wie schwer ist es für euch, die Energie eurer Live-Shows in einer Aufnahmesituation einzufangen?

Das ist tatsächlich schwierig. Und ich glaube nicht, dass eine Band wie wir die Live-Energie im Studio jemals zu hundert Prozent einfangen kann, weil niemand da ist, für den man spielt. Denn genau das ist der Knackpunkt. Die Energie, die wir auf der Bühne haben, kommt auch von den Leuten im Raum. Und dabei meine ich nicht nur die Leute, die völlig ausrasten, sondern auch den Typen, der mit verschränkten Armen dasteht. Da gibst du ein bisschen extra Energie, um zu versuchen, auch ihn in Bewegung zu bringen.
Ich weiß also nicht, ob man diese Live-Energie jemals komplett festhalten kann. Vielleicht gibt es deshalb beides. Eine Studioaufnahme ist dazu da, dass man hört, wie es gemacht ist, als würde man das fertige Gemälde eines Malers sehen. Und die Live-Show ist, ihm beim Malen zuzusehen.
Lass uns über Genres sprechen. Es gab ja schon immer Diskussionen darüber, welche Art von Musik ihr eigentlich macht. Aber spielt das überhaupt eine Rolle?
Ich glaube nicht. Wenn man sich heute Festival-Plakate anschaut, sind dort Bands aus ganz unterschiedlichen Genres im Line-up. Warum sollte also eine einzelne Band nicht auch in verschiedene Genres eintauchen dürfen? Led Zeppelin haben das auch gemacht. Sie haben von allem ein bisschen gespielt, und niemand hat das jemals infrage gestellt. Man wusste einfach: „Das ist Led Zeppelin. Großartig!“ Wir sind nicht Led Zeppelin, das ist mir klar. Aber sie waren in dieser Hinsicht sehr inspirierend. Sie haben nie zweimal dasselbe Album gemacht. Es gab zwar immer Gemeinsamkeiten, und man hat immer diesen Led-Zeppelin-Sound gehört, aber sie haben ständig Neues ausprobiert.
Das kam sicher auch daher, dass Jimmy Page ein Studiotyp war. Und die anderen Jungs hatten auf so vielen unterschiedlichen Aufnahmen gespielt, dass sie im Grunde alles spielen konnten, was sie wollten. Natürlich sind wir nicht diese Typen, aber wir lieben alle diese Musik und versuchen, die unterschiedlichsten Genres in unsere Musik einzubauen.
Aber warum, glaubst du, wollen Menschen Musik immer in Schubladen stecken?
Weil jeder meint, dass alles ein Label braucht, was aber Quatsch ist. Man muss nicht allem ein Etikett verpassen. Es kann einfach gut sein – oder nicht. Warum muss man alles weiter unterkategorisieren? Es gibt gefühlt 60 verdammte Metal-Genres. Ist es Metal oder nicht? Ja oder nein. Das ist doch die eigentliche Frage. Die Leute wollen Dinge in eine Box stecken, damit es da sicher aufgehoben ist. Aber wenn es nicht in diese Box passt, wissen sie nicht so recht, was sie damit anfangen sollen.
Hast du manchmal den Impuls, es dahingehend den Leuten einfacher zu machen? In dem Sinne, dass du denkst: „So kann ich nicht komponieren, das ist zu seltsam oder zu weit außerhalb der Erwartungen“?
Nein, denn genau das macht die Schönheit von Musik aus. Nicht jeder wird alles lieben. Nehmen wir Adele als Beispiel. Sie ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der letzten 30 Jahre. Es gibt Leute, die bestimmte Songs von ihr nicht mögen, aber absolute Fans anderer Songs sind. Man wird nie allen gefallen. Ich denke, das Hauptziel ist, dass die Leute, die die Musik machen, selbst glücklich damit sind und wirklich daran glauben. Und wenn wir alle vier wirklich hinter dem stehen, was wir machen, dann wird es auch jemand anderes verstehen.

Die Einflüsse
Du sagst in einem YouTube-Interview, deine beiden Lieblingsbands seien Nirvana und Lynyrd Skynyrd. Ich finde, beide Welten hört man der neuen EP auch an.
Das freut mich zu hören! Mit beiden bin ich aufgewachsen, das waren meine Favoriten. Und was echt cool ist: Mein Sohn ist jetzt 13 und ein richtig guter Drummer. Und zusammen mit ihm und meinem kleinen Bruder haben wir eine Band, in der wir Coversongs spielen. Nirvana, Smashing Pumpkins und all das Zeug, mit dem ich damals angefangen habe. Das macht riesigen Spaß. Und ich bin mir sicher, dass das Lernen dieser Songs damals – und das erneute Lernen dieser Songs heute – auch einen Einfluss auf das neue Material hatte. Und die beiden von dir genannten Bands könnten eigentlich kaum unterschiedlicher sein, trotzdem haben sie mich beide extrem gepackt.
Wie lernst du diese Songs? Kennst du dich mit Musiktheorie aus?
Nein, ich habe mich nie damit beschäftigt. Steve, unser Bassist, ist super schlau, was Musiktheorie angeht. Er ist derjenige in der Band, der Theorie wirklich versteht. Ich habe als Jugendlicher eher nach Gehör gelernt und ein paar Gitarrenmagazine gelesen, mehr nicht. Mein Solospiel habe ich durch das Nachspielen anderer Soli und Herumprobieren entwickelt. Wenn du mir sagen würdest: „Spiel eine E-Dur-Tonleiter“, hätte ich Probleme, das direkt umzusetzen. Aber wahrscheinlich spiele ich sie ständig ohne es zu wissen.
Das einzige, was ich weiß, ist: Die Moll-Pentatonik gibt es in der sogenannten „Country-Position“ und der „Rock’n’Roll-Position“. Wenn du zum Beispiel in D bist, dann kannst du die D-Moll-Pentatonik spielen. Und wenn du diese dann drei Bünde nach unten verschiebst, also zur B-Position wechselst, dann spielst du die Country-Position. Das ist der Dur-Sound, so hat es mir mein Vater beigebracht. Im Grunde gehst du also in jeder Tonart anderthalb Schritte runter und landest bei der Dur-Version.
Leslie West von Mountain war für mich als Gitarrist ein riesiger Einfluss. Die Art, wie er diese Moll-Pentatonik-Position genutzt hat, aber eher in der Dur-Variante – „Mississippi Queen“ und all das Zeug – das ist einfach unglaublich gut. Diese supermelodischen, fast countryartigen Linien über hartem Rock, das liebe ich.
Es gibt also offensichtlich eine große Bandbreite an Einflüssen in deinem Songwriting und Spiel. Kommt das alles aus deiner Jugend, oder suchst du heute noch aktiv nach neuen Einflüssen?
Ich glaube, wir lernen immer weiter dazu und nehmen ständig neue Dinge auf – egal, ob von jüngeren Musikern oder von älteren Typen. Als Musikfan bleibt immer etwas hängen, wenn du etwas hörst, das dir gefällt. Ob du dann bewusst versuchst herauszufinden, wie sie das gemacht haben, oder ob das ganz unbewusst passiert – ich glaube, man nimmt immer kleine Dinge auf, solange man weiter zuhört.
Die Aufnahmen
Erzähl mir bitte ein bisschen etwas über den Schreib- und Aufnahmeprozess für das neue Material.
Wir haben alles bei unserem Gitarristen Ben zu Hause geschrieben. Das war eine schöne Abwechslung, denn in den letzten Jahren haben wir neue Songs oft im Tourbus entwickelt, was ziemlich beengt ist. Aber diesmal haben wir alles bei ihm zu Hause komponiert und auch als Demos ausgearbeitet. Anschließend sind wir für die Aufnahmen in die High Street Studios nach Bowling Green gegangen.

Der Aufnahmeprozess war ziemlich unkompliziert: Wir sind mit den Demos ins Studio gegangen und haben zuerst Gitarren und ein paar Scratch-Tracks aufgenommen, also Spuren, zu denen John Fred Young die Drums einspielen konnte. Das Studio ist recht klein, es besteht im Grunde aus einem Regieraum und einem Aufnahmeraum. Im Aufnahmeraum könnte man eine komplette Band live aufnehmen, aber so arbeiten wir nicht. Wir nehmen eher einen nach dem anderen auf. Das mag ich mehr, weil sich jeder voll auf das konzentrieren kann, was er zu tun hat.
Nach den Drums kamen die Rhythmusgitarren, Bass und dann alle Soli oder zusätzlichen Gitarrenparts, die noch gebraucht wurden. Viele der Soli und ein paar der cleanen Gitarrenparts haben wir aber auch tatsächlich aus den Demos importiert und übernommen. Dadurch kann ich sagen, dass ich ein paar der Gitarrensoli genau hier an diesem Küchentisch, an dem ich gerade sitze, eingespielt habe. Das finde ich lustig. Einfach meine Chapman mit einem Gitarrenkabel und einem iRig Pro direkt in Logic. Für den Sound habe ich dann Helix Native verwendet.
Bist du normalerweise ein Amp-Typ, oder bist du es gewohnt, digital zu spielen …?
Ich verwende schon seit 2017 eigentlich durchgehend das Helix. Ich habe auch schon ein paar andere Geräte ausprobiert. Der Quad Cortex war großartig, aber zu dem Zeitpunkt einfach nicht das Richtige für mich. Den Kemper fand ich auch großartig, aber mir fehlte die Flexibilität, vor allem bei den Amp-Parametern und einigen zusätzlichen Effekten. Also bin ich zum Helix zurückgekehrt. Umgestiegen bin ich damals, weil wir viele Fly-Dates hatten. Da kam ich dann an, und dann warteten da zwei JCM 900er oder 800er auf mich, die seit Jahren nicht gewartet worden waren. Ich wusste einfach nie, in welchem Zustand der Gitarrenamp sein würde, auf den ich treffe. Also habe ich mich für das Helix entschieden, mich sofort darin verliebt, und dabei bin ich geblieben. Ich bin ein Digital-Typ.
Alle Gitarrensounds auf der neuen EP kommen also komplett aus dem Helix – sowohl bei Ben als auch bei mir. Die Heavy-Sounds haben wir alle im Studio neu aufgenommen: Einfach das Helix per XLR in einen Warm Audio WA73. Das ist der Gitarrensound auf der Platte. Beim Bass sind wir hingegen zweigleisig gefahren: ein echter Ampeg SVT, ein altes Modell aus den 70ern über eine 18er-Box, mikrofoniert mit einem Sennheiser MD 441-U, und parallel dazu eine Helix-Spur. Generell haben wir einfach unsere Live-Sounds für diese EP genutzt.


Die Gitarren
Gitarrentechnisch bist du von PRS zu Chapman gewechselt und von Solidbody zu Thinline. Das ist ein ziemlich großer Schritt. Warum?
Als ich PRS verlassen und angefangen habe, andere Sachen zu spielen, fiel mir auf: Meine erste Gitarre war eine Telecaster, und ich mochte diese Korpusform einfach schon immer. Dann sah ich in einem Laden zufällig eine Chapman, habe sie gekauft, damit eine Show gespielt und ein Video davon auf Instagram gepostet. Am nächsten Morgen hatte ich eine Nachricht von ihm. Daraus resultierte dann die erste Gitarre, die ich von ihm bekommen habe: Eine ML3 Pro Traditional mit zwei P90s, sparkly grün, semi-hollow. Aber drei Tage nachdem ich sie bekommen hatte, bin ich zu einem lokalen Gitarrenladen gegangen und habe den Steg-P90 rausfräsen lassen, um einen meiner Bare Knuckle Peacemakers einzubauen. Jetzt ist sie also so aufgebaut wie meine alte PRS – Humbucker am Steg, Soapbar am Hals. Sie ist bis heute eine der Gitarren, mit denen ich am meisten aufnehme.
Live spiele ich bei den meisten Shows meine Signature-Chapmans, aber ich habe auch eine normale Fender Tele dabei und eine Edwards Les-Paul-Kopie. Und was die Thinline-Thematik angeht: Ich habe viele Schulterprobleme und mein Nacken macht mir zu schaffen, deswegen bevorzuge ich leichte Gitarren. Aber ich mag auch einfach den Look und die Ästhetik des F-Lochs.

Was macht deine Signature-Chapman so besonders?
Rob sagte zu mir: „Wenn du jemals eine Gitarre bauen willst, würde ich das sehr gerne mit dir zusammen umsetzen.“ Also habe ich ihm im Grunde eine Mail mit meinen Lieblings-Spezifikationen aus verschiedenen Gitarren geschrieben, plus meinen ästhetischen Vorstellungen. Ich konnte alles auswählen. Ich wollte ein schlankeres Halsprofil und einen flacheren Radius. Zwar habe ich recht große Hände, aber nicht jeder mag dicke Hälse. Und nachdem ich nun so lange dünnere Hälse gespielt habe, mag ich das inzwischen. Zwei Humbucker, Coil-Tap – das deckt alles ab, was ich brauche. Ich kann mit zwei dieser Gitarren jede Black-Stone-Cherry-Show spielen.
