Platte der Woche: JOE JACKSON „Hope And Fury“

Albumcover Hope And Fury

Allein der Spot, den Joe Jackson für das Cover seines neuen Albums ‚Hope And Fury‘ gewählt hat, erzählt mindestens ebenso viel Musikgeschichte wie der Künstler selbst. Das South Parade Pier im Süden von Jacksons Heimatstadt Portsmouth war Spielstätte für so großartige Kollegen David Bowie, Genesis oder Blur. Dreimal brannte er ab, zum letzten Mal 1974, während der Dreharbeiten zur Verfilmung der Rockoper ‚Tommy‘ von The Who. Vieles dieser bewegten Historie hat Jackson selbst miterlebt. Und nun posiert er also in einer Fotomontage vor dem berühmten brennenden Pier seiner Stadt und übertitelt dieses Szenario mit dem Albumtitel ‚Hope And Fury‘ (zu deutsch „Hoffnung und Wut“).

Berlin, New York, Portsmouth

Joe Jackson (© John Huba)
Joe Jackson (© John Huba)

Und er kehrt gleichzeitig gewissermaßen zu dem zurück, was er selbst einmal als seinen „own mainstream“ bezeichnet hat. Gemeint ist damit eine Form von Songwriting, die sich über Jahrzehnte hinweg als erstaunlich stabil erwiesen hat: ausgefeilte Popstücke, offen für unterschiedliche rhythmische und instrumentale Kontexte. Entstanden ist ‚Hope And Fury‘ in einem transatlantischen Produktionsprozess. Erste Skizzen wurden in Berlin entwickelt, bevor Jackson in New York gemeinsam mit Co-Produzent Patrick Dillett und seiner eingespielten Band – Graham Maby am Bass, Teddy Kumpel an der Gitarre und Doug Yowell am Schlagzeug – ins Studio ging. Ergänzt wird das Ensemble durch den Perkussionisten Paulo Stagnaro, dessen Latin-Einflüsse dem Sound zusätzliche Beweglichkeit verleihen. Die Musik bewegt sich entsprechend zwischen Pop, Funk, Jazz und Rock. Einer Mischung also, die an frühere Arbeiten wie ‚Night And Day‘ oder ‚Laughter And Lust‘ erinnert, ohne diese zu zitieren.

Inhaltlich greift Jackson stärker als zuletzt auf britische Motive zurück. Der Albumtitel spielt ironisch auf „Land Of Hope And Glory“ an und verweist bereits auf das Spannungsfeld, das die Songs durchzieht. ‚Welcome To Burning-By-Sea‘ entwirft mit einem fiktiven Küstenort ein verdichtetes Bild Englands, während ‚End of the Pier‘ zwei Zeitebenen miteinander verschränkt: das Leben der Arbeiterklasse in den 1920er-Jahren und eine Gegenwart nach der Pandemie. Es sind solche Konstellationen, in denen Jackson seine Beobachtungen präzise formuliert, ohne sie eindeutig aufzulösen.

Joe Jackson (© John Huba)
Joe Jackson (© John Huba)

Jackson als Beobachter

Überhaupt lebt das Album von Kontrasten. Musikalisch oft zugänglich und rhythmisch präsent, unterläuft Jackson diese Oberfläche immer wieder mit Ironie und feinem Sarkasmus. ‚I’m Not Sorry‘ arbeitet mit bissigen Pointen, ‚Fabulous People‘ mit spielerischer Überzeichnung, während ‚Do Do Do‘ bewusst ins Absurde kippt. Gleichzeitig finden sich jene bittersüßen Momente, die seit jeher zu Jacksons Handschrift gehören: ‚Made God Laugh‘ formuliert eine abgeklärte, beinahe heitere Form von Fatalismus, ‚After All This Time‘ betrachtet eine langjährige Beziehung ohne Pathos, aber mit genauer Beobachtung.

Zentral ist dabei eine Figur, die sich durch mehrere Stücke zieht: ein überforderter Beobachter in einer zunehmend polarisierten Welt, weder Teil der „Great Unwashed“ noch wirklich zugehörig zu den Entscheidungsträgern. Diese Perspektive verleiht den Songs eine unterschwellige Nervosität, die im Kontrast zur oft federnden Rhythmik steht. Dass Jackson am Ende mit „See You in September“ eine ruhige Ballade setzt, folgt einer vertrauten Dramaturgie, wirkt hier aber besonders schlüssig. nach den vielen Brechungen und Perspektivwechseln.

‚Hope And Fury‘ ist damit weniger ein stilistischer Neuanfang als eine präzise Selbstvergewisserung. Jackson greift auf vertraute Mittel zurück, kombiniert sie jedoch mit einer thematischen Schärfe, die seine langjährige Beobachterrolle noch einmal zuspitzt. Dass er sich dabei weiterhin zwischen New York, Portsmouth und Berlin bewegt, spiegelt sich auch musikalisch wider: als ein bewusst offenes, „bicoastales“ Verständnis von Pop, das sich nicht auf eine eindeutige Herkunft festlegen lässt.

Tourdaten

28.10. Stuttgart, Liederhalle/Hegelsaal
01.11. München, Circus Krone
02.11. Berlin, Admiralspalast
04.11. Essen, Lichtburg
05.11. Hamburg, Fabrik
07.11. Darmstadt, Staatstheater
09.11. CH-Zürich, Kaufleuten
16.11. A-Wien, Globe
17.11. Köln, Gloria

Tracklist

01. Welcome To Burning-By-Sea
02. I’m Not Sorry
03. Made God Laugh
04. Do Do Do
05. Fabulous People
06. After All This Time
07. The Face
08. End Of The Pier
09. See You In September

Album-VÖ: 10.04.2026
Label: earmusic
www.joejackson.com

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