Fingerpicking Basics – das Travis-Picking

Rechte Hand eines Gitarristen beim Spielen mit Daumenpick auf einer Westerngitarre.

Heute legen wir das Plektrum zur Seite und richten unseren Blick auf eine klassische Spieltechnik des Country – das Travis-Picking. Die auf den legendären Country-Musiker Merle Travis zurückgehende Spielart zeichnet sich durch ein stetiges Wechselbass-Muster im Daumen in Kombination mit rhythmischen Melodien der anderen Finger aus. Diese Technik ist nicht nur tief im Country verwurzelt, sondern auch im Folk, Blues und sogar im Pop weit verbreitet. Musiker wie Tommy Emmanuel, Chet Atkins oder auch Paul Simon haben das Travis-Picking perfektioniert und damit unzählige Songs geprägt.

In diesem Beitrag erfährst du, was das Travis-Picking ausmacht, wie du es lernen kannst und welche Tipps dir helfen, die Technik sauber zu spielen.

Wer war Merle Travis?

Merle Travis war nicht nur Namenspate des berühmten Pickings, sondern auch ein angesehener Country-Sänger und Songwriter, der eine wichtige Rolle innerhalb der Country-Musik des 20. Jahrhunderts einnahm. Merle wurde während des ersten Weltkriegs in Kentucky geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Hier lernte er mit Daumen und Zeigefinger gespielte Pickings im Stile von Blues-Größen wie Blind Blake, Elizabeth Cotten oder Mississippi John Hurt kennen. Zu seinen Lehrern zählten Ike Everly von den Everly Brothers und der großartige Arnold Shultz, der bereits die beiden Bluegrass-Legenden Charlie und Bill Monroe unterrichtete.

Country-Musiker Merle Travis.
Country-Legende Merle Travis. (Bild: Country Music Hall of Fame)

Merle Travis war also keineswegs der Erfinder des Travis-Pickings, das schon damals bereits seit Jahrzehnten tief in der afroamerikanischen Blues-Musik verwurzelt war. Viel mehr wurde die Spieltechnik unter seinem Namen bekannt, da er sie als erster weißer Musiker einem größeren Publikum bekannt machte. Doch Merle wurde letztlich auf andere Weise zu einem wahren Pionier seines Genres: er war einer der ersten Country-Musiker, die schon in den Vierzigerjahren zur E-Gitarre griffen.

Travis-Picking – so geht’s

Die Grundlage für jedes Picking im Travis-Stil ist ein gut geübter Daumen, der die tiefen Saiten E, A und D bedient. Der Daumen spielt nämlich nicht nur die Bassstimme, sondern bildet gleichzeitig das rhythmische Fundament für unser Picking. Man könnte also sagen, dass er sowohl die Rolle des Bassisten als auch die des Drummers übernimmt.

Für ein typisches Travis-Picking spielt der Daumen meist einfach den Grundton des gegriffenen Akkords und die Quinte als Viertelnoten im Wechselschlag. Das Muster fängt in der Regel auf dem Grundton an, je nach gegriffenem Akkord kann sich das Pattern also unterscheiden. Wenn wir einen Akkord greifen und ihn auf die Töne der drei Basssaiten reduzieren, können sich für den Daumen folgende Muster ergeben:

Daumenmuster im A-moll-Akkord

Beispielübung für ein Travis-Picking in a-moll.

Daumenmuster im G-Dur-Akkord

Beispielübung für ein Travis-Picking in G-Dur.

Die hier gezeigten Patterns sind selbstverständlich nur Beispiele, die man nach Belieben anpassen kann.

Während der Daumen also die tiefen Saiten bedient und das Fundament für Bass und Rhythmus bereitstellt, können wir die drei hohen Saiten G, H und E mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger bedienen und unser Picking mit Melodie und Harmonie ergänzen. Besonders interessant wird das Travis-Picking erst, wenn wir Synkopen spielen.

Was sind Synkopen?

Eine Synkope bezeichnet im Grunde eine rhythmische Abweichung vom regulären Takt und verleiht unseren Pickings etwas mehr Pep, da sie aus rhythmischer Sicht interessanter klingen. Wenn wir für unser Beispiel einen C-Dur-Akkord greifen und auf jeden Daumenschlag die H-Saite mit dem Zeigefinger mitspielen, ergibt sich folgendes – wenn auch nicht allzu spannendes – Muster:

Beispiel-Picking auf C-Dur.

Weitaus interessanter wird’s, wenn wir vor die in Vierteln gespielten Anschläge des Zeigefingers eine zusätzliche Achtelnote schieben. Dadurch verschieben sich die gespielten Melodietöne insgesamt um eine Achtel und passieren nicht mehr gleichzeitig mit den Daumenschlägen, sondern dazwischen:

Beispiel eines synkopierten C-Dur-Pickings.Melodietöne können also entweder zusammen mit den Daumenschlägen (auf den Schwerzeiten 1, 2, 3 und 4) oder auf den Achteln dazwischen (auf den Leichtzeiten „Und“) gespielt werden, um ansprechende Rhythmen mit unserem Picking zu bilden.

 

Songbeispiel: Kansas – Dust in the Wind

Sobald der Daumen weitestgehend automatisiert ist und die restlichen Finger im richtigen Timing mitspielen, können wir uns an die ersten Songs mit Travis-Picking heran wagen. Ein besonders berühmtes Beispiel hierfür ist das Picking-Pattern aus Dust in the Wind von Kansas:

Viertaktiges Notenbeispiel aus Dust in the Wind von Kansas.

Tipp: Die vom Daumen gespielten Töne sind durch nach unten zeigende Notenhälse markiert, die Noten der Melodietöne zeigen nach oben.

Ja, das sind schon verdammt viele Noten! Aber keine Sorge: es ist einfacher, als es aussieht 😉 Um rhythmisch nicht den Faden zu verlieren, konzentrieren wir uns zunächst einfach auf den Daumen. Durch sein beständiges Viertelmuster können wir das Daumenmuster nämlich wie ein Metronom nutzen, das immer mitläuft. Alle anderen gespielten Töne passieren entweder gleichzeitig mit einem Daumenschlag (auf der Schwerzeit) oder zwischen zwei Daumenschlägen (auf der Leichtzeit).

Im Beispiel der ersten vier Takte von Dust in the Wind ergibt sich in der Melodiestimme folgendes Pattern:

  • Erster Melodieton C (1. Bund H-Saite) zusammen mit 1. Daumenschlag
  • Zweiter Melodieton (Leere G-Saite) zwischen 2. Und 3. Daumenschlag
  • Dritter Melodieton C (1. Bund H-Saite) zwischen 3. Und 4. Daumenschlag
  • Vierter Melodieton (Leere G-Saite) zwischen 4. Daumenschlag und 1. Daumenschlag des nächsten Taktes

Hier sind einige nützliche Tipps und Tricks zum Üben:

  • Konzentriere dich anfänglich auf den Daumen: Je besser du deinen Daumen automatisiert bekommst, desto leichter fällt es dir, dieses und andere Travis-Picking-Patterns zu lernen, da du dich besser auf andere Aspekte deines Spiels konzentrieren kannst.
  • Übe das Pattern isoliert: Statt die Akkordwechsel direkt mit einzubauen, übe zunächst lieber nur einen kurzen Abschnitt. Da sich das Picking-Muster in jedem Takt wiederholt, solltest du dich anfangs besser auf einen Takt beschränken, bis das Picking wie von selbst von der Hand geht.
  • Übe langsam! Wie bei jeder Spieltechnik gilt, sie zunächst langsam, aber so präzise wie möglich zu üben. Langsames Üben verhindert, dass deine Pickings unsauber klingen, wenn du sie später auf schnelleren Tempos spielst.
  • Dämpfe die Basssaiten mit der Handkante: Ein beliebter Trick ist es, die drei tiefen Saiten leicht mit der Handkante zu dämpfen, die drei hohen Saiten jedoch offen zu spielen. Dadurch erhalten die vom Daumen gespielten Basstöne zum einen einen perkussiveren Klang. Zum anderen schaffst du einen klanglichen Kontrast zu den Melodietönen, sodass beide Stimmen wie von zwei verschiedenen Instrumenten gespielt klingen.
  • Vereinfache gegebenenfalls den Song: Falls es dir am Anfang einfacher fällt, kannst du das Wechselmuster im Daumen auch zunächst weglassen. Stattdessen spielst du immer die gleiche Saite mit dem Daumen, um dich vollständig auf die rhythmische Komponente konzentrieren zu können.

Sobald du das Pickingmuster mit der rechten Hand sicher drauf hast, ist der Rest des Songs recht einfach zu lernen. Es ändern sich nämlich lediglich die gegriffenen Akkorde, während das generelle Picking weitestgehend gleich bleibt und lediglich an die Saiten des jeweils gespieltem Akkords angepasst werden muss.

Berühmte Pickings und Picker

Wenn dir das Travis-Picking gefällt und du mehr Munition für dein Picking-Repertoire suchst, solltest du dir folgende berühmte Klassiker anhören:

  • „Landslide“ oder „Never Going Back Again“ von Fleetwood Mac
  • „Freight Train“ von Elizabeth Cotten
  • „The Boxer“ von Simon & Garfunkel
  • „Windy and Warm“ von Chet Atkins

Ansonsten gibt es zahlreiche berühmte Musiker, die das Travis-Picking in vielen Stücken nutzen und sogar in ihrem eigenen individuellen Stil weiterentwickelt haben:

  • Chet Atkins – nicht umsonst als „Mr. Guitar“ und „the Country Gentleman“ bekannt. Er verfeinerte das Travis-Picking zu komplexen Arrangements.
  • Jerry Reed – der „Alabama Wild Man“. Elvis Presley ließ ihn 1967 extra nach Nashville einfliegen, um Jerrys einzigartigen Picking-Stil für sein Cover von „Guitar Man“ einzuspielen.
  • Paul Yandell – Sideman von Chet Atkins und ein genialer Nashville-Picker, der von Chet Atkins und Merle Travis gelernt hat.
  • Doc Watson – Arthel Lane „Doc“ Watson gilt als Legende der Bluegrass-Szene und war ein absoluter Meister des Travis-Stils.

Fazit:

Das Travis-Picking ist eine bedeutende Technik, die dein Gitarrenspiel ungemein bereichern kann. Mit recht einfachen Mitteln erlaubt es dir, simple Akkordbegleitungen mit interessanten Rhythmen und Melodien zum Leben zu erwecken. Mit ein wenig Übung und klanglichem Feinschliff wird deine Gitarre so im Handumdrehen zur vollständigen Band – inklusive Schlagzeug und Bass!

Alle Notenbeispiele wurden mit Guitar Pro 8 erstellt

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