Von der Pentatonik zur Melodie – 5 Tipps für musikalische Solos

E-Gitarrist mit Verstärker schaut Richtung Sonnenuntergang.

Kaum eine Skala hat so vielen angehenden Gitarristinnen und Gitarristen den Weg zur Improvisation geebnet wie die Pentatonik. Sie ist der erste große Schritt ins Solospiel: Fünf Töne, eine überschaubare Griffbrett-Logik, sofort einsetzbar in Rock, Blues und Pop. Es verwundert also kaum, dass die Pentatonik zu den bekanntesten und beliebtesten Skalen zählt. Doch irgendwann kommt leider auch der Punkt, an dem sich Solos trotz korrekter Technik gleichförmig und vorhersehbar anhören. Ganz so, als würde man eher eine Übung abspulen statt eines Solos spielen. Genau hier wollen wir ansetzen und Wege von der reinen Pentatonik zur echten Melodie aufzeigen.

Das heißt übrigens nicht, dass du die Pentatonik komplett hinter dir lassen musst, um dich fortzuentwickeln. Stattdessen zeigen wir dir, wie du mit ihr musikalisch weiterdenkst und aus einfachen Tonleitern singende Linien machst.

Was ist die Pentatonik überhaupt?

Die Pentatonik ist – genau wie Dur oder Moll – eine Tonleiter. Also ein Vorrat an Tönen, den wir problemlos zu bestimmten Harmonien spielen können, ohne dabei schief zu klingen. Im Gegensatz zu diatonischen Skalen wie Dur oder Moll, die aus sieben Tönen pro Oktaven bestehen, beschränkt sich die Pentatonik lediglich auf fünf Töne – daher auch ihr Name (Penta griech. = fünf).

Im Beispiel A-Moll besteht die zugrundeliegende Pentatonik in A-Moll aus folgenden Tönen:

A – C – D – E – G

Die wohl bekannteste Form der A-Moll-Pentatonik auf dem Griffbrett der Gitarre ist die sogenannte 5. Position. Sie ist deshalb so beliebt, weil sie sehr einfach nachzuvollziehen ist, der Grundton A auf den beiden E-Saiten jeweils unter dem Zeigefinger liegt und viele berühmte Licks aus dieser Position heraus gespielt werden:

A-Moll-Pentatonik in 5. Position
A-Moll-Pentatonik in fünfter Position (ab 5. Bund gespielt) mit Hervorhebung des Grundtons A.

Die Pentatonik ist übrigens nicht nur essenzieller Bestandteil unserer europäisch geprägten Musik, sondern in allen möglichen Genres wie Rock, Jazz, Blues und Gospel vertreten und sogar in zahlreichen anderen musikalischen Kulturen tief verwurzelt. Wie sehr wir alle durch die Pentatonik geprägt sind, hatte bereits Bobby McFerrin in folgendem Video eindrucksvoll bewiesen:

Warum die Pentatonik allein oft nicht reicht

Die klassische Moll-Pentatonik funktioniert deshalb so gut, weil sie fast immer „richtig“ klingt. Wer die Pentatonik in A-Moll über einen A-Moll-Akkord spielt, wird natürlich auf keine harten Reibungen oder kritischen Töne treffen. Genau das ist aber auch ihr Problem: Wenn alle Töne sicher sind, entsteht wenig Spannung. Die Pentatonik allein klingt also sehr schnell langweilig, wenn wir ihre Töne einfach nur willkürlich aneinanderreihen.

Das passiert vor allem dann, wenn unser Solo

  • keine klare Richtung oder Melodie hat,
  • rhythmisch eintönig ist,
  • nur oberflächlichen Bezug zur Harmonie nimmt.

Und genau hier können wir ansetzen. Hier sind unsere wichtigsten Tipps, um deinen Leads und Improvisationen garantiert mehr Leben einzuhauchen und die Musik in den Vordergrund zu stellen.

1. Melodien statt Muster denken

Der wichtigste Schritt aus dem „Skalen-Gefängnis“ ist zunächst einmal ein Perspektivwechsel. Sobald du dich mit dem Tonvorrat der Pentatonik ein wenig vertraut gemacht hast, kannst du anfangen, aus den dir bekannten Tönen Melodien zu entwickeln, die du während einer Improvisation als Thema nutzen, variieren und spielerisch verarbeiten kannst.

Was macht gute Melodien aus?

Diese Frage ist mindestens genau so alt wie die Musik selbst. Nicht ohne Grund wurde ihr mit der Melodik ein ganzes wissenschaftliches Feld eingeräumt, das sich ausschließlich mit dieser Frage beschäftigt. Trotzdem lassen sich grundlegende und einfach nachvollziehbare Faustregeln für gute Melodien ableiten. Gute Melodien kannst du erkennen, wenn du folgende Fragen mit Ja beantworten kannst:

  • Kann ich diese Phrase mitsingen?
  • Hat sie einen Anfang und ein Ende?
  • Würde ich sie wiedererkennen?

Die besten, die bekanntesten Solos zeichnen sich nämlich nicht dadurch aus, dass sie aus vielen schnellen Tönen bestehen. Sie bleiben uns deshalb im Gedächtnis, weil sie eine nachvollziehbare Melodie mit Ohrwurmcharakter zur Grundlage haben. Große Solisten denken daher nicht in Boxen oder Shapes auf dem Griffbrett, sondern in Phrasen.

Hier sind noch ein paar weitere Tipps, um geeignete melodischere Lines zu finden:

  1. Beginne nicht immer auf dem Grundton!
  2. Beende deine Phrasen auf stabilen Tönen! Dazu zählt in der Pentatonik die Oktave und die Quinte (Im Beispiel A-Moll das A oder E)
  3. Nutze Wiederholungen und kleine Variationen! Selbst Spielfehler lassen sich durch Wiederholungen gewollt klingen. Oder wie Musiker gerne sagen: Repetition legitimizes 😉
  4. Baue Pausen ein! Stille ist ein legitimes Element zum Bauen von Melodien.

Ein einfaches Motiv, zweimal leicht verändert gespielt, wirkt oft stärker als ein blitzschnell gespielter langer Lauf, der zwar über mehrere Oktaven geht, musikalisch aber kaum etwas zu sagen hat.

2. Rhythmus: Der unterschätzte Melodie-Faktor

Bisher haben wir viel über Töne, Intervalle und Skalen gesprochen. Dabei ist der richtige Rhythmus mindestens genau so wichtig, um gute Melodien zu schaffen. Genau wie wir durch unterschiedliche Tonfolgen können wir auch durch rhythmische Stilmittel relativ einfach Anspannung und Entspannung erzeugen. Hier sind ein paar nützliche Dinge, die unsere Lines weitaus interessanter gestalten:

Lange gegen kurze Noten

Die einfachste Form, mit Rhythmus zu arbeiten, ist die Verwendung unterschiedlicher Tonlängen. Selbst die interessantesten Melodien werden schnarchlangweilig, sobald wir all ihre Töne komplett gleichförmig spielen und z. B. nur Viertelnoten verwenden. Wenn wir allerdings manche Töne länger halten, andere wiederum zu kleinen schnellen Läufen verbinden, bringen wir hörbare Tempovariationen in unser Spiel.

Synkopen
Mit Synkopen lassen sich Töne von den Schwerzeiten (1, 2, 3, 4) auf die Leichtzeiten (+) verschieben.

Synkopen

Ein weitere wichtiger rhythmischer Aspekt ist die Frage, wann die gespielten Töne im Takt beginnen. Gerade im Zusammenspiel mit Perkussion oder einem Schlagzeuger kann es besonders spaßig sein, Töne nicht immer nur auf, sondern auch zwischen den Schwerzeiten zu beginnen. Ganze Genres wie z. B. Ragtime oder Swing, aber auch der Funk beziehen einen Großteil ihrer Faszination aus diesem simplen Trick.

Das beste Beispiel, wie man mit ein paar simplen Tönen aus der Pentatonik ansprechende Lines bildet, beweist Bass-Legende Bootsy Collins eindrucksvoll mit seiner „Funk Formula“:

3. Zielnoten: Die Harmonie bewusst treffen

Während wir unsere Soli an der Lead-Gitarre entwickeln, geschieht im Hintergrund meist etwas ganz anderes: Andere Begleitinstrumente wie die Rhythmusgitarre oder der Bass schaffen ein harmonisches Fundament, auf dem unsere Leads fußen. Oftmals können wir Akkordwechsel problemlos überspielen, indem unsere Pentatonik im Grundton des Songs bleibt. Wenn die Begleitband z. B. die Harmoniefolge A-Moll – F-Dur – G-Dur – A-Moll spielt, wird die A-Moll-Pentatonik auch über den F- und G-Akkord gespielt sicherlich nicht falsch klingen, da A weiterhin der Bezugston im Song ist.

Weitaus professioneller klingt es aber, wenn du es schaffst, Melodien zu entwickeln, die dem Harmonieablauf des Songs bewusst folgen. Hierzu ist es hilfreich zu wissen, aus welchen Tönen sich die Begleitakkorde jeweils bilden:

  • A-Moll – A, C und E
  • F-Dur – F, A und C
  • G-Dur – G, H und D

Wenn wir uns die Töne des F-Dur-Akkords betrachten, stellen wir fest, dass A und C bereits Teil unserer Pentatonikskala sind. Das fehlende F erhalten wir, indem wir aus unserer bisherigen Skala den Ton E einfach um einen Halbton erhöhen.

Im G-Dur-Akkord haben wir auch bereits zwei Töne des Akkords in unsere A-Moll-Pentatonik enthalten, nämlich das G und das D. Das fehlende H (engl. B) erreichen wir, indem wir den Ton C einfach einen Halbton tiefer spielen.

Dadurch ergeben sich neue Skalen, nämlich die F-Dur-Pentatonik und die G-Dur-Pentatonik:

F-Dur-Pentatonik

F-Dur-Pentatonik

G-Dur-Pentatonik

G-Dur-Pentatonik

4. Pentatonik erweitern

Nachdem wir unsere Pentatonik bereits auf verschiedene Harmonien angepasst haben, können wir sie schließlich auch erweitern. Zum Beispiel auf die vollständige A-Moll-Skala. Hierzu nehmen wir einfach alle Töne der vorherigen Skalen, und bauen sie zu einer gemeinsamen Skala zusammen:

A-Moll-Skala.
A-Moll-Skala

Im Gegensatz zu unseren bisherigen pentatonischen Skalen haben wir nun sieben verschiedene Töne, die uns allerdings bereits allesamt bekannt sind. Wir haben also bereits ein gutes Verständnis darüber, wie wir sie gezielt verwenden können und neue Melodien aus dem erweiterten Tonvorrat entwickeln.

5. Bending, Vibrato & Artikulation

Zu guter Letzt können wir natürlich noch auf nützliche Verzierungen zurückgreifen, die unserem Spiel Ausdruck verleihen und so manches Solo erst so richtig lebendig klingen lassen. Hier gibt es nahezu unzählige Möglichkeiten, die natürlich auch von deinem jeweiligen Instrument abhängig sind. Wir schauen uns die bekanntesten Formen auf der Gitarre an:

Bending

Die wohl bekannteste und beliebsteste Verzierung ist das sogenannte Bending. Hierfür greifen wir eine Saite auf einem Ton unserer Skala und ziehen die Saite einfach nach oben oder unten, bis sie den nächsthöheren Ton erreicht. Am einfachsten klappt das, wenn wir uns hierfür einen Ausgangston aussuchen, dessen nächster Ton auf der Skala bereits im nächsten Bund liegt. Wichtig ist hierbei nur, dass wir den Zielton auch tatsächlich treffen!

Vibrato

Eine weitere Verzierung, die gerade den lange gehaltenen Tönen Ausdruck verleihen kann, ist das sogenannte Vibrato. Statt den Ton einfach nur auf seiner eigentlichen Tonhöhe zu halten, umspielen wir diese konstant durch ganz kleine, super schnell ausgeführte Bendings und lassen den Ton ‚flattern‘. Vibratos können auf zwei Arten und Weisen umgesetzt werden: Entweder lenken wir die Saite nach oben und unten aus, oder indem wir den Finger der Greifhand hin- und herbewegen.

Slides, Hammer-Ons & Pull-Offs

Die dritte beliebte Möglichkeit, Melodien flüssiger und musikalischer klingen zu lassen, ist das Legatospiel. Statt jeden gespielten Ton einzeln mit der rechten Hand anzuschlagen, haben wir unterschiedliche Möglichkeiten, Tonwechsel besonders flüssig klingen zu lassen. Die flüssigste ist der Slide, bei dem wir einfach mit der Greifhand auf den nächsten Ton rutschen, ohne ihn erneut anzuspielen. Weitere Möglichkeiten

Zusätzliche Tipps & Tricks

  • Lerne von Sängern und anderen Instrumentalisten – Nicht nur wir Lead-Gitarristen sind um gute Melodien bemüht. Höre dir an, was andere Musiker spielen und singen und übertrage es auf dein Griffbrett.
  • Beschränke dich auf’s Wesentliche – Reize nicht gleich den vollen Tonvorrat einer Skala aus. Wähle lieber eine Handvoll Töne aus und schau, was du daraus machen kannst!
  • Hör zu! – Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, höre deinen Mitmusikern aufmerksam zu. So findest du geeignete Ideen, die musikalisch passen.
  • Traue dich, Fehler zu machen – Fehler gehören immer dazu. Immerhin haben sie sogar schon so manchen ikonischen Song geprägt!
  • Denke außerhalb von Skalen und Akkorden – Nicht alles, was gut klingt, lässt sich immer in Skalen oder Begrifflichkeiten fassen. Wenn etwas für dich funktioniert, dann funktioniert es!

Fazit: Melodie beginnt im Kopf, nicht in der Skala

Der Weg von der Pentatonik hin zur Melodie besteht aus vielen Schritten und verbessert nicht nur deine Lead-Skills an der Gitarre, sondern macht auch insgesamt einen besseren Musiker aus dir. Denn egal, ob du noch weitere Instrumente spielst, Songs schreibst oder komponierst: ansprechende Phrasierung, interessante Rhythmen und artikulativer Ausdruck bilden stets das Fundament wirklich gut gemachter Musik!

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