Sound Decoded: Carlos Santana

Carlos Santana (Foto: Marylene Eytier)

Carlos Santana hat einen der markantesten Lead-Guitar-Sounds der Rock-Geschichte. Neben seiner Spielweise, die zweifellos ziemlich einzigartig ist, geht es bei seinem Distortion-Sound weniger um den Grad der Verzerrung, als um die richtige Balance aus mittigem Frequenzfokus und natürlicher Kompression. Santanas Ton ist warm, singt und atmet und lässt viele spieltechnische Nuancen zu. Natürlich hat sich diese klangliche Identität durch wechselnde Gitarren und Verstärker über die Jahrzehnte in mehr oder minder großen Nuancen verändert, aber wiedererkennbar war und ist Carlos Santana wie kaum ein anderer.

Santana nutzt bis heute überwiegend Humbucker-basierte Gitarren mit einem eher warmen, kräftigen Ton und kombiniert diese mit übersteuernden Röhrenverstärkern, die eine natürliche Röhrenkompression und damit Sustain erzeugen. Außerdem wird der Mittenbereich betont, und dieser Mittenfokus ist entscheidend: Er lässt die Lead-Lines sich im Mix durchsetzen, ohne zu harsch oder dünn zu klingen.

Die Wahl der Gitarre

Für den Santana-Sound ist die Gitarre nicht nur die Signalquelle, sondern sie prägt den Ton fundamental. Wesentlich ist eine Gitarre mit Humbucker-Tonabnehmern, einem geleimten Hals und einem ausgewogenen Mahagoni-Body. Ein gutes Beispiel für eine moderne, praxistaugliche Gitarre in diesem Kontext ist sicherlich Santanas Signature-Gitarre, die PRS Santana Retro Charcoal. Dieses Modell bietet die für Santanas Klang charakteristische Saitenlage und Humbucker-Tonabnehmer, die eine breite, singende Mittenbasis liefern und sich gut und sinnvoll mit den später beschriebenen Verstärker- und Pedal-Setups kombinieren lassen.

PRS Santana Retro Charcoal
PRS Santana Retro Charcoal

Verstärker

Jenseits vom Instrument ist Santanas Lead-Sound eng mit Mesa/Boogie– und ähnlichen -Verstärkern verbunden. Die frühen Modelle wie der Mesa Boogie Mark I oder Mark IIB erzeugen eine weiche, cremige Verzerrung mit starkem Mittenfundament, die Sustain und vokale Klangqualität vereint.
Für die heimische Praxis stehen zwar nicht immer solche Vintage-Schätzchen zur Verfügung, aber man erreicht einen ähnlichen Charakter auch mit pedalbasierten Röhrenvorstufen oder Overdrive-Stack-Lösungen, die den Mittenbereich anheben und Röhrenamp-Charakter simulieren. Pedale wie das Wampler Tumnus Deluxe V2 oder das JHS Pedals Morning Glory Overdrive sind beliebte Werkzeuge, um einen cremigen, mittigen und warmen Overdrive zu erzeugen, der an einen ordentlich angeschobenen Boogie erinnert.

EQ und Tonformung

Während bei vielen klassischen Rock-Sounds Höhenbetonung für Durchsetzung sorgt, geht Santana schon immer genau den umgekehrten Weg: Die Höhen werden moderat zurückgenommen, während die Mitten deutlich angehoben werden. Das sorgt für dieses warme, vokale Klangbild und verhindert selbst bei höheren Lautstärken, dass der Ton scharf oder spitz wirkt. Pedale mit EQ-Sektionen oder Mittenblenden wie der Warm Audio Centavo oder der Blackstar Dept. 10 Boost ermöglichen diese Anpassungen bereits vor dem Amp und helfen, die charakteristische mittige Präsenz herauszuarbeiten.

Dynamik und Sustain

Bliebe da noch die Frage nach diesem beeindruckenden Sustain. Santana erzielt dies nicht primär durch Pedale, sondern durch natürliche Röhrenverzerrung und ordentlich Lautstärke – was für viele daheim eher schwierig umsetzbar sein dürfte. Es lässt sich aber auch durch kompressionsähnliche Effekte ein gleichmäßigerer Ton erzeugen, ohne dass Dynamik verloren geht. Pedale wie der Electro Harmonix Triangle Big Muff Pi oder der Universal Audio 1176 Studio Compressor liefern eine moderate Kompression, die den Ton länger stehen lässt, ohne ihn matschig zu machen. Darüber hinaus kann ein leichter Hall-Effekt, dem Ton Raum und Tiefe geben, ohne ihn zu verwässern. Ansonsten setzt Santana Effekte eher sparsam ein.

Carlos Santana mit seiner Signature (Foto: Robert Finiziors)
Carlos Santana mit seiner Signature (Foto: Robert Finiziors)

Praxis-Einstellungen: Ein Beispiel

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf, aber wohlwissend, dass das Equipment noch keinen Carlos ersetzt, könnte ein typisches Routing für einen Santana-nahen Ton so aussehen:

1. Humbucker-Gitarre wie die PRS Santana Retro, Volume etwas zurück, Tone reduziert, um Höhen zu zähmen.
2. Vorgeschaltetes Overdrive-Pedal als Boost vor dem Amp, um mit dem erhöhten Eingangssignal die Vorstufenkompression zu verstärken.
3. EQ-Pedal so einstellen, dass Mitten betont und Höhen reduziert werden.
4. Röhrenamp oder Röhren-Simulator so einstellen, dass Gain und Volume für natürliche Sättigung und Sustain sorgen.
5. Optional: leichter Hall für Raumtiefe.

Am Ende bleibt aber entscheidend, dass Santanas Sound vor allem aus seiner Spielweise entsteht: Phrasierung, Vibrato und Anschlag sind Teil des Tonbilds, nicht bloß die Technik, mit der er die Gitarre zum Klingen bringt. Ein authentischer Santana-Sound ist eben weniger „Effekt-Patch“ und dafür umso mehr die Summe aus Instrumentenwahl, Ansprechverhalten des Verstärkers und EQ-Fokus. Die richtige Wahl bei Gitarre, Pedalen und Amp kann lediglich helfen, das Fundament zu legen.

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