„Unterschiedliche Aspekte derselben Sprache“: GUTHRIE GOVAN im Interview – Teil 1

Guthrie Govan Live

Kaum ein Gitarrist der Gegenwart steht so sehr für die Verbindung aus virtuoser Technik, stilistischer Offenheit und musikalischer Neugier wie Guthrie Govan. Der 1971 in Chelmsford geborene Brite gehört zu einer Generation von Gitarristen, die sich zwar aus der Tradition der großen Rock- und Fusion-Spieler speisen, diese Einflüsse jedoch mit einer ungewöhnlichen stilistischen Bandbreite weiterentwickelt haben. Spätestens seit seinem Soloalbum ,Erotic Cakes‘ (2006) gilt Govan vielen Gitarristen als einer der technisch versiertesten und zugleich musikalisch vielseitigsten Spieler seiner Zeit. Parallel dazu wurde er durch seine Arbeit mit dem instrumentalen Trio The Aristocrats, als Sideman von Steven Wilson sowie als Gitarrist in der Liveband von Hans Zimmer einem breiteren Publikum bekannt.

Anlässlich der Anfang April startenden „The Duck“-Tour der Aristocrats, die die Band durch acht deutsche Städte und dann weiter durch Europa führt, baten wir Guthrie Govan zum Interview. Da dieses unerwartet umfangreich ausfiel, wird es in zwei Teilen veröffentlicht. In diesem ersten sprachen wir mit dem überaus sympathischen 54-Jährigen über seine Einflüsse, sein Selbstverständnis als Musiker und die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Projekte.

Interview

Guthrie, du hast sehr früh angefangen, Gitarre zu spielen. Wie wichtig waren diese frühen Jahre – sagen wir bis etwa zu deinem 13. Lebensjahr – für die Entwicklung deiner musikalischen Persönlichkeit?

Extrem wichtig! Ich würde sagen, dass die entscheidenden prägenden Erfahrungen meiner frühen Jahre folgende waren: 1. In einem Haus aufzuwachsen, in dem es genau ein einziges Musikinstrument gab. Die Gitarre hat mich im Grunde ausgesucht und nicht umgekehrt: Ich wurde Gitarrist, weil das einfach das einzige Instrument war, das bei uns zu Hause verfügbar war. 2. Ein Elternteil zu haben, das genügend grundlegende Akkorde kannte, um Rock’n’Roll-Songs von Anfang bis Ende zu spielen. Für ein kleines Kind ist es unglaublich inspirierend zu sehen und zu hören, wie Musik von einem anderen Menschen erzeugt wird, und nicht von einer Stereoanlage. 3. Aus einer Familie zu stammen, die es sich nicht leisten konnte, mir einen richtigen Gitarrenlehrer zu bezahlen, nachdem ich den grundlegenden Akkordwortschatz meines Vaters aufgesogen hatte. Das zwang mich dazu, Dinge nach Gehör zu lernen, was mir definitiv geholfen hat, ein selbstständigerer Musiker zu werden …

Du bist in vielen unterschiedlichen musikalischen Stilen unterwegs. In welchem Genre fühlst du dich am meisten zu Hause?

Die einfache Antwort wäre „Fusion“, aber dieses Wort kann alles Mögliche bedeuten. Um es etwas genauer zu sagen: Mein musikalisches „Zuhause“ wäre wahrscheinlich ein Umfeld, in dem A) übersteuerte Gitarrensounds passend wirken, da die Gitarrensounds, die ich in meinem Kopf höre, oft eine sustainreiche, „vokale“ Qualität haben, und B) in dem ein gewisses Maß an improvisatorischer Freiheit existiert, denn ich erfinde einfach gern Dinge in Echtzeit. Im Kontext von The Aristocrats fühle ich mich zum Beispiel ziemlich zu Hause, aber ich würde nicht unbedingt alles, was wir tun, in dasselbe Genre einordnen wollen.

Wäre es dann vielleicht treffender zu sagen, dass du auf dem Instrument einfach viele verschiedene musikalische Sprachen sprichst? Und wenn ja: Welche würdest du als deine Muttersprache bezeichnen?

Ich glaube, die Analogie „Musik als Sprache“ funktioniert für mich am besten, wenn ich mir vorstelle, dass all diese Genres einfach unterschiedliche Aspekte derselben Sprache sind – jeweils mit ihrem eigenen spezialisierten Vokabular. Wenn ich aus dem Vereinigten Königreich in die USA umziehen würde, würde sich mein Gesprächswortschatz wahrscheinlich allmählich ein wenig verändern – irgendwann müsste ich anfangen, das Wort „sidewalk“ statt „pavement“ zu benutzen, wenn ich mich mit meinen neuen Nachbarn verständigen wollte. Wenn ich plötzlich beschließen würde, an der Universität Medizin zu studieren, wäre das vielleicht ein neues „Genre“ von Wissen, und ich müsste sicher eine Menge neuer Fachbegriffe lernen, die speziell zu diesem Bereich gehören – aber letztlich würde ich immer noch Englisch sprechen …


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Charvel Guthrie Govan Signature MJ San Dimas SD24CM 3-Tone Sunburst

Wo du gerade UK erwähnst: Wie viel vom musikalischen Erbe Großbritanniens hörst du in deinem eigenen Spiel wieder?

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie wirklich nachgedacht! Aus der Perspektive der E-Gitarre gab es sicherlich eine Phase, in der Großbritannien gemessen daran, wie viele erfolgreiche und inspirierende Spieler es hervorgebracht hat, deutlich über seinem Gewicht gespielt hat. Trotzdem könnte man leicht argumentieren, dass die musikalische Sprache einflussreicher Bands wie Cream oder Led Zeppelin im Grunde amerikanisch war. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, dass irgendein besonderes Maß an „Britischsein“ hinter meinem gelegentlichen Impuls steckt, ein Eric-Clapton-Lick zu zitieren.

Ich habe Musik aus der ganzen Welt aufgesogen, und der Großteil dessen, was ich im Laufe der Jahre gehört habe, war Musik, die ich bewusst selbst gesucht habe – und nicht unbedingt das, was gerade im britischen Radio lief. Deshalb interessiert mich unterbewusst wahrscheinlich eher, wie Musik als universelle Sprache funktionieren kann, als dass sie ein Spiegel des Landes ist, in dem ich zufällig hergestellt wurde.

The Aristocrats (v.l.n.r.): Marco Minnemann, Guthrie Govan, Bryan Beller (Quelle Facebook)
The Aristocrats (v.l.n.r.): Marco Minnemann, Guthrie Govan, Bryan Beller (Quelle Facebook)

Du trittst in sehr unterschiedlichen musikalischen Kontexten auf. Wie schwierig ist es für dich, zwischen der Rolle als Frontmann und der eines Teamplayers zu wechseln?

Eigentlich spiele ich gern im Team. Selbst bei den Aristocrats, wo man argumentieren könnte, dass die Gitarre die Rolle des „Sängers“ übernimmt, habe ich immer noch das Gefühl, dass das, was wir dem Publikum wirklich präsentieren, eine Kombination aus drei gleichwertigen musikalischen Persönlichkeiten ist. Ich glaube, der interessanteste Aspekt dessen, was wir tun, liegt in dem, was zwischen den Musikern passiert – und in der Art, wie wir miteinander kommunizieren, während wir spielen. Diese Perspektive fühlt sich für mich eher wie echte Musik an als das Format eines „Star“-Gitarristen mit einer anonymen Rhythmusgruppe im Hintergrund.

Und wenn du wählen müsstest? In welchem Kontext fühlst du dich am wohlsten – als Gastgitarrist, als Teil eines Trios oder innerhalb von Hans Zimmers großem Orchester?

Ich könnte mich wirklich nicht entscheiden. Regelmäßig zwischen den sehr unterschiedlichen Welten der Aristocrats und Hans Zimmer wechseln zu können, fühlt sich für mich nach etwas an, das mir hilft, als Musiker zu wachsen und „frisch“ zu bleiben. Ich genieße den Wechsel in beide Richtungen.

Ändert sich deine Denkweise je nach dem, ob du auf der Bühne spielst oder im Studio?

Sehr sogar! Einfach deshalb, weil man live Entscheidungen treffen und sich festlegen muss. Die ganze Show ist im Grunde ein „First Take“. Live-Spielen fühlt sich eher so an, als würde man eine Reihe einzigartiger Momente erschaffen und versuchen, Inspiration in Echtzeit zu finden. Das Studio dagegen bietet den Luxus, verschiedene Dinge auszuprobieren und anschließend auswählen zu können, welche man den Hörern präsentiert. Ich genieße beide Denkweisen auf unterschiedliche Weise: Ich tauche gern in das Studio-„Rabbit Hole“ ein, um die bestmögliche Aufnahme zu jagen, aber es hat auch etwas Aufregendes, wie riskant sich ein Live-Auftritt anfühlen kann.

Gibt es Musik, die dich emotional sehr berührt, die du aber selbst niemals spielen wollen würdest?

Interessante Frage! Das Erste, was mir dazu einfällt, ist der Bereich „alternative Stimmungen“. Wenn ich jemanden Gitarre in Standardstimmung spielen höre, kann ich normalerweise visualisieren, wie und wo jede einzelne Note gespielt wird. Aber wenn ich etwas von Michael Hedges oder Joni Mitchell höre, fühlt sich mein ganzes Leben, das ich überwiegend in Standardstimmung gespielt habe, plötzlich völlig irrelevant an. Und das ermöglicht es mir, die Musik auf eine andere Weise zu erleben. Ich habe bewusst darauf verzichtet, zu versuchen, diese Stimmungen rückwärts zu analysieren. Denn manchmal genieße ich dieses „selig unwissende“ Gefühl, Gitarrenmusik zu erleben, ohne genau zu wissen, wie sie gespielt wurde.

Wie kam es zu der kürzlich veröffentlichten Zusammenarbeit mit Karnivool?

Durch unsere gemeinsame Bekanntschaft mit dem großartigen Forrester Savell, der Alben sowohl für Karnivool als auch für The Aristocrats gemischt hat. Forrester schlug vor, dass ich bei einem Stück, wo die Band nach etwas anderem im Gitarrenbereich suchte, vielleicht einen Beitrag leisten könnte. Der Auftrag kam sehr kurzfristig, deshalb habe ich innerhalb des begrenzten Zeitrahmens mein Bestes gegeben. Ich freue mich, die Gelegenheit zur Zusammenarbeit gehabt zu haben – ich finde, das Ergebnis kann sich hören lassen.

Tourdaten

07.04.26 München, Technikum
08.04.26 Nürnberg, Z-Bau
09.04.26 Aschaffenburg, Colos-Saal
10.04.26 Leipzig, Anker
11.04.26 Berlin, Columbia Theater
13.04.26 Hamburg, Fabrik
14.04.26 Bremen, Modermes
15.04.26 Bochum, Zeche

The Aristocrats im Netz:

Offizielle Website

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