Beim Stöbern durch das Sortiment renommierter Gitarrenhersteller stößt man unweigerlich auf die Begriffe torrefizierte Fichte, Thermofichte oder herstellerspezifische Bezeichnungen. Gemeint ist ein Verfahren, bei dem das Holz vor dem Bau der Gitarre kontrolliert erhitzt wird und somit einen Alterungsprozess im Zeitraffer durchläuft. Torrefizierte Decken verfolgen das Ziel, einige Eigenschaften, die Holz erst im Laufe vieler Jahre entwickelt, bereits direkt nach dem Auspacken des Instruments aufzuweisen.
Doch wie effektiv ist dieser Prozess eigentlich? Lässt sich eine Decke wirklich künstlich altern, sodass ein neues Instrument wie eine jahrzehntealte Gitarre klingt? Ganz so einfach ist es zwar nicht, aber dennoch hat eine Wärmebehandlung interessante Auswirkungen.
Warum alte Akustikgitarren so begehrt sind
Besonders Vintage-Instrumente aus berühmten Baujahren genießen unter Gitarristen einen hervorragenden Ruf und sind ausgesprochen begehrt. Dies liegt nicht nur ihrem optischen Charme, der Nostalgie erzeugt, oder seltenen Hölzern, sondern auch einem ausgereiften Klang. Da Holz ein lebendiges Material ist, verändern sich seine Eigenschaften mit den Jahren, was sich auch auf den Klang auswirkt. Besonders interessant ist das bei der Decke, denn schließlich spielt sie die Hauptrolle bei der Klangproduktion. Genau hier setzt die Torrefizierung an: Damit Gitarristen nicht jahrelang auf ihren ersehnten Vintage-Sound und den besonderen Look warten müssen, sollen diese Veränderungen durch eine kontrollierte Wärmebehandlung gezielt hervorgerufen werden.


Was bedeutet Torrefizierung?
Platt ausgedrückt wird das für die Decke vorgesehene Holz gebacken. Dies findet allerdings unter der Aufsicht von geschultem Fachpersonal statt. Temperatur, Dauer und Atmosphäre müssen während der gesamten Behandlung genau aufeinander abgestimmt sein, um eine professionelle torrefizierte Decke zu erhalten. Die Eigenschaften müssen sich so verändern, ohne das Holz für den Instrumentenbau unbrauchbar zu machen. Neben anderen Herstellern setzt auch Taylor Guitars bei vielen Modellen auf eine Thermobehandlung, die hier anschaulich demonstriert wird:
Wie wirken sich torrefizierte Decken auf den Klang aus?
Die klanglichen Eigenschaften torrefizierter Decken sind für Gitarristen besonders interessant, gleichzeitig aber subjektiv. Eine thermisch behandelte Decke wird von Herstellern mit einem direkten, offenen und bereits etwas eingespielten Klangcharakter beworben, während die typischen Eigenschaften einer Fichtendecke erhalten bleiben. In diesem Video präsentiert Taylor Guitars seine 600-Serie mit torrefizierter Sitka-Fichtendecke:
Der Klang einer Gitarre rührt allerdings nicht nur von der Decke her. Zwar ist sie das Herzstück der Klangproduktion, allerdings haben Korpusform, Stärke der Decke, Beleistung, Boden und Zargen, Stegkonstruktion und mehr auch noch ihren Anteil. Vielmehr entsteht der Sound durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Zwei Gitarren mit torrefizierter Decke müssen deshalb keineswegs identisch klingen.
Klingt eine neue Gitarre dadurch wirklich wie ein echtes Vintage-Instrument?
Genau hier sollte man vorsichtig sein. Durch eine thermische Behandlung entsteht nicht wie von Zauberhand ein über Jahre gewachsener Vintage-Sound. Zwar durchläuft das Holz während der Torrefizierung bestimmte physikalische und chemische Prozesse der Alterung, dennoch kann sie nicht die komplette Geschichte einer alten Gitarre reproduzieren.
Wie bereits erwähnt, besteht eine Akustikgitarre nicht nur aus einer Decke. Das gesamte Instrument hat über die Jahre Temperaturwechsel, wechselnde Luftfeuchtigkeit und nicht zuletzt unzählige Stunden des Spielens durchlebt. Das hat Auswirkungen auf alle Bestandteile, die den Charakter einer Gitarre entsprechend verändern.
Somit ist eine thermische Behandlung keine Zeitmaschine, sondern eher die Möglichkeit, gezielt bestimmte Eigenschaften herauszuarbeiten, die mit gealterten Instrumenten in Verbindung gebracht werden.
Nicht nur der Klang verändert sich
Eine torrefizierte Fichtendecke im Natural Finish lässt sich häufig mit bloßem Auge erkennen. Während unbehandelte Fichte sehr hell ist, besitzt die wärmebehandelte Decke einen etwas dunkleren Farbton. Dadurch kann eine neue Gitarre optisch den Eindruck vermitteln, sie sei bereits über Jahre nachgedunkelt.
Auch die Reaktion auf Luftfeuchtigkeit wird durch den Prozess beeinflusst. Die Erhitzung des Holzes reduziert seine Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen, was die Gitarre widerstandsfähiger gegenüber wechselnden klimatischen Bedingungen macht. Das bedeutet nicht, dass man die Gitarre nun getrost ungeschützt in der Gegend rumstehen lassen darf. Schließlich besteht sie nicht nur aus der Decke, sondern aus vielen anderen Materialien, die durch einen unbedachten Umgang Schäden davontragen können.

Sind torrefizierte Decken besser als unbehandelte?
Egal, ob torrefiziert oder nicht: auf den Gitarrenbauer kommt es an. Bei gewissenhafter Fertigung klingen sowohl unbehandelte als auch torrefizierte Decken fantastisch und sind nur eine Frage des Geschmacks. Entscheidend ist, welchen Klang Gitarrenbauer und Spieler erreichen möchten. Wer einen etwas reiferen Grundcharakter bevorzugt, tendiert wahrscheinlich zu einer Thermobehandlung, während andere wiederum einen frischen Klang mögen und gemeinsam mit ihrem Instrument altern möchten. 😉 Torrefiziert bedeutet also keineswegs automatisch besser.
Torrefizierung ist längst kein exotisches Feature mehr
Waren zunächst ausschließlich hochpreisige Profiinstrumente mit einer torrefizierten Decke ausgestattet, findet sich eine solche mittlerweile beinahe in jeder Preiskategorie. So hat sich die Thermobehandlung beispielsweise weit im Taylor-Sortiment verbreitet, sodass du mittlerweile sogar eine GS Mini zum günstigen Preis mit einer torrefizierten Sitka-Fichtendecke bekommen kannst. Das zeigt, dass die Technik nicht mehr nur als Spezialanfertigung für Vintage-Enthusiasten betrachtet wird. Sie ist zu einem Mittel geworden, die Eigenschaften einer Akustikgitarre gezielt zu beeinflussen.

Titelbild: Taylor Guitars
