Holz, Draht und Mythos: Wie viel Einfluss hat das Tonholz wirklich?

kaputte Telecaster E-Gitarre

Wer in den letzten Jahren den einen oder anderen Blick in die größeren Online-Foren rund um das Thema E-Gitarre geworfen hat, wird mit Sicherheit bereits über ein ganz bestimmtes Thema gestolpert sein. Eines, das die Lager spaltet und derart hitzig diskutiert wird, dass eine sachliche Diskussion darüber oft schlichtweg unmöglich scheint. Es geht um die grundsätzliche Frage: Welchen Einfluss hat das Tonholz auf den Klang einer E-Gitarre?

Auf der einen Seite sind die Tonholzverfechter, die im Tonholz nicht nur den klanglichen Grundcharakter, sondern auch die Seele des Instruments sehen. Auf der anderen Seite diejenigen, die sämtliche Einflüsse des Holzes für reine Esoterik abtun und den Klang einer E-Gitarre zwischen Tonabnehmern, Metall und Elektronik verorten. Im folgenden Beitrag versuchen wir die riskante Gratwanderung zwischen den Extremen, indem wir beide Herangehensweisen beleuchten und verstehen lernen – garantiert ohne Schimpfwörter und persönliche Angriffe 😉

Woher kommt der Begriff Tonholz?

Zunächst einmal steht der Begriff des Tonholzes im Raum. Bereits der Geigenbaupionier Andrea Amati wählte vor 500 Jahren gezielte Hölzer aus, die sich aufgrund klanglicher Eigenschaften am besten für den Bau seiner Violinen eigneten. Dünn geschnitzte weiche Fichte erwies sich als perfekte Membran für die Decke, die sich ideal mit dem restlichen Korpus aus Ahornholz als Resonanzkörper verband. Eine Kombination, die bis heute als unschlagbar für den Klang einer Geige gilt.

Einzelteile einer Geige.
Fichte und Ahorn gelten im Geigenbau bereits seit Jahrhunderten als unschlagbare Tonholzkombination.

Ähnlich verhält es sich bei den akustischen Gitarren, speziell der Konzert- und Westerngitarre. Hier ist die Holzwahl neben der Bauform das wohl entscheidendste Merkmal für den Klangcharakter. Fichtendecken klingen etwas greller, die Zederndecke etwas weicher. Gleichzeitig können Gitarrenbauer mit Böden und Zargen aus Mahagoni die Mitten hervorheben oder den Gesamtklang beispielsweise mit Palisander in den Bässen und Höhen straffen. Der Einfluss der Hölzer ist hier also nur schwer zu leugnen.

Doch wie verhält es sich bei der E-Gitarre? Im Gegensatz zu den akustischen Instrumenten erscheint der unverstärkte Raumklang einer E-Gitarre zunächst zweitrangig, da er für sich allein weder besonders gut hörbar ist noch das primäre Ziel einer Solidbody-Gitarre ist. Der über den Verstärker hörbare Ton spielt sich hauptsächlich zwischen der schwingenden Saite und dem Magnetfeld der Tonabnehmer ab. Doch kann das verwendete Holz sich auch hier tatsächlich bemerkbar machen?

Der physikalische Blick: Schwingung und Dämpfung

Die US-amerikanische Gitarrenbaulegende Paul Reed Smith beschrieb die E-Gitarre einst als ein subtraktives Instrument. Das heißt, dass die E-Gitarre die Energie, die durch den Anschlag der Saiten reingesteckt wird, lediglich dämpfen aber niemals verstärken kann. Die E-Gitarre ist also kein Sound-Generator sondern ein Klangfilter, bei dem sich der individuelle Klangcharakter durch die Gesamtheit all ihrer Imperfektionen formt. Da der Hals und der Korpus Teil dieses Schwingungssystems sind, müssen sie selbstverständlich ebenfalls einen gewissen Teil dieses Klangfilters ausmachen. Doch ist ihr Einfluss auf den Gesamtklang tatsächlich signifikant?

Pickups, Elektronik und Hardware – die stärkeren Faktoren

Wer selbst ein wenig Zeit mit dem Modifizieren seiner E-Gitarre verbracht hat und objektiv vergleicht, dem fällt auf, dass der größte Einfluss auf den Klang einer E-Gitarre von den Pickups, der Elektronik und den Saiten ausgeht. Die Pickups definieren, was vom Schwingungsverhalten der Saite überhaupt erfasst wird. Ein grundlegender Konsens herrscht darüber, dass ein Singlecoil dünner und brillanter als ein Humbucker klingt – unabhängig vom Holz darunter.

Bild eines E-Fachs einer E-Gitarre.
Elektrische Komponenten wie Potentiometer, Kondensatoren und Kabel sind die heimlichen Klangfärber einer E-Gitarre.

Oft unterschätzt sind hingegen die weiteren Komponenten innerhalb des E-Fachs: Potentiometer mit 250 kOhm dämpfen die Höhen weitaus deutlicher als ein 1-MOhm-Poti, lange Kabelwege und Verbindungen können zusätzliche Impedanzen erzeugen. All diese Komponenten erzeugen spürbare Unterschiede, die sich am Verstärker deutlich bemerkbar machen.

Auch Brücke, Sattel und Mechaniken wirken stärker als viele anfänglich glauben. Eine massive Brücke (z. B. Tune-o-Matic) überträgt mehr Energie als ein dünnes Blech – das beeinflusst Sustain und Attack direkter als die Holzart. Selbst die Art und Weise, wie ein Sattel gekerbt ist oder wie viel Spiel das Gewinde eines Brückenbolzens in seiner Einschlaghülse hat, ist – wenn auch in geringerem Umfang – messbar.

Und das Tonholz? Auch hier kann ein Unterschied zu gewissem Grad tatsächlich durch Messungen sichtbar gemacht werden. Sowohl das Attack- und Sustain-Verhalten eines gespielten Tons als auch sein Klangcharakter kann durch das Hals- und Korpusholz beeinflusst werden, indem es der schwingenden Saite in gewissen Frequenzbereichen mehr Energie entzieht als in anderen.

Praxis-Versuch im Blindtest

All der grauen Theorie zum Trotz steht der Praxistest: Kann ein E-Gitarrist nur durch Hören erkennen, welches Holz da schwingt? Hierzu hat es bereits mehrere Versuche gegeben. Ein von Dr. Manfred Zollner durchgeführtes Experiment verglich vier E-Gitarren mit unterschiedlichen Korpus- und Halsholzkombinationen. Allerdings konnten die Probanden hier keine eindeutige Zuordnung aufgrund der verwendeten Hölzer treffen. Zu einem anderen Ergebnis kam hingegen Daniel Tokarczyk von der Universität Krakau, der mit seinem Versuch für den Hörer hörbare Unterschiede durch das Holz nachweisen konnte.

Auch hier zeigt sich also, dass wissenschaftliche Tests alles andere als Klarheit schaffen und ein eindeutiger Beweis nicht direkt zu erbringen ist. Häufige Kritik an solchen Studien lautet beispielsweise, dass zahlreiche weitere klangformende Faktoren wie z. B. die Verwendung unterschiedlicher Komponenten, Tonabnehmerpositionen usw. in den Tests nicht in ausreichendem Maße ausgeklammert werden. Andere kritisieren wiederum, dass ein möglichst steriler Versuchsaufbau, der für solche Zwecke notwendig ist, nichts mehr mit dem tatsächlichen Verwendungszweck einer E-Gitarre zu tun hat und der Erkenntnisgewinn für E-Gitarristen in der Praxis daher nichtig ist.

Wenn ihr euch ein genaueres Bild darüber machen möchtet, habe ich euch beide Studien am Ende des Artikels verlinkt.

Fazit: Klang zwischen Wissenschaft und Gefühl

Wie viel Einfluss hat das Tonholz nun also wirklich? Die ehrliche Antwort lautet: weniger, als viele glauben – aber mehr, als man messen kann.

Physikalisch betrachtet bestimmt das Holz feine klangliche Nuancen und macht sich vor allem im Attack und in der Ausklangphase bemerkbar. Elektronik, Saiten und Hardware haben allerdings weitaus größeren Einfluss. Doch musikalisch betrachtet spielt auch der emotionale Faktor sicherlich eine Rolle: Das Wissen, dass man auf einem alten Stück Mahagoni oder einer fein gemaserten Esche spielt, verändert die Wahrnehmung und damit auch das Spiel.

Tonholz ist also tatsächlich beides: Wissenschaft und Mythos. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Gitarren mehr sind als bloße Werkzeuge. Sie sie sind Charaktere, die uns jeden Tag zum Spielen animieren und über ihren ganz eigenen Nimbus verfügen. Jeder Korpus, jede Maserung erzählt eine eigene Geschichte.

Am Ende zählt also nicht, was die Messgeräte sagen, sondern was der Spieler und der Zuhörer fühlt, wenn der erste Akkord erklingt. Unser Tipp lautet also: Genieße dein Instrument und lasse dich nicht durch Forendiskussionen beirren. 😉

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Eine Meinung zu “Holz, Draht und Mythos: Wie viel Einfluss hat das Tonholz wirklich?

  1. Rob sagt:

    Interessant ist vor allem von wem welche Aussage kommt, besagter Paul Reed Smith behauptet das Tonholz kaum eine Rolle spielt, selbiger ist aber gleichzeitig dafür berüchtigt „Privat Stock“ Gitarren herzustellen die bis zu 20.000,- Euro und mehr kosten, eben mit der Begründung für den Preis besonderes edles und selektiertes Tonholz zu verwenden.
    Das 20.000 Euro in keinem Fall dem geboten Gegenwert einer Gitarre entsprechen wollen wir mal jetzt dabei ausklammern, nur wie glaubhaft ist dann so ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis?
    Man kann vielleicht über unterschiedliche Empfindungsfähigkeiten diskutieren, aber wohl kaum über nachweisbare physikalische Fakten, gute Tonhölzer haben ein gemeinsames Merkmal, eine hohe spezifische Dichte.
    Es sind Harthölzer mit relativ hohem Gewicht und dem kommerziell nicht unbedeutenden Umstand dadurch schwer in der Verarbeitung zu sein.
    Werkzeuge müssen dadurch öfter geschärft oder sogar ausgetauscht werden, gute Fräskopfe sind zudem mal so richtig teuer.
    Der Arbeitsaufwand ist also höher was zu höheren Kosten für die verwendete Arbeitszeit führt, diese Kosten kann man aber nicht so einfach im hart umkämpften Markt weitergeben.
    Zudem sind diese Hölzer zeitlich unterschiedlich verfügbar mit teilweise stark schwankenden Preisen, sie können kaum spontan in großen Mengen zu günstigen Konditionen bezogen und eingelagert werden.
    Sie sind daher für Hersteller die vor allem den Massenmarkt abdecken ein schwer kalkulierbarer und relativ hoher Kostenfaktor, weiches und billiges Industrieholz ist dagegen in ausreichenden Mengen und durchgehend verfügbar.
    Es handelt sich um eher schnell nachwachsende Hölzer mit geringer spezifischer Dichte, die ganz nebenbei nicht einmal als brauchbares Brennholz taugen.
    Weil sie so weich sind halten sie leider oft genug den mechanischen Belastungen die bei einer Gitarre auftreten über einen längeren Zeitraum nicht stand.
    Selbst das beste Tremolo kann die Stimmung nicht halten wenn das Holz nachgibt, was hier in Bezug auf „Sound“ die relevante Frage ist, wie soll ein derart weiches Holz vernünftig resonieren können um seinen „Filter“ dem Klang hinzuzufügen zu können?
    Im Gegenteil, Resonanzen ausgelöst durch die Schwingung einer Saite werden absorbiert und zersetzt, Feinheiten werden dadurch verschluckt und jegliche Präzision ist damit unmöglich.
    Schon rein physikalisch gibt es daher keine Möglichkeit für die Entstehung von gutem Klang, es gibt einen nachvollziehbaren Grund warum Glocken aus Messing und nicht aus Gummi sind.
    Daher ist jede Diskussion über die Sinnhaftigkeit von „Tonewood doesn’t matter“ irrelevant, diese Diskussionen sollen die Verwendung von Billigholz im Massenmarkt legitimieren und dadurch das Kaufverhalten zu Gunsten der Profitmaximierung verändern.
    Wer befeuert also „Tone doesn’t matter“, diejenigen die daran verdienen wollen, wer glaubt dies nur allzu gern, diejenigen die nicht einmal eine Gitarre richtig einstellen können.
    Ich habe mehrere Ibanez Gitarren, teilweise sogar aus der gleichen Baureihe mit der gleichen Hardware und den exakt gleichen Pickups, nur mit dem Unterschied das sie unterschiedliche Hölzer für den Body verwenden, so nun ratet einmal, sie klingen völlig unterschiedlich und zwar drastisch, aber vermutlich bilde ich mir das nur ein.
    Solange Billigholz für Billiggitarren verwendet wird ist das vertretbar, das hört dann aber auf wenn eben durch solche Diskussionen gerechtfertigt werden soll, diese auch in Gitarren zu verwenden und 2000.- dafür zu verlangen.
    Das ist exakt das gleiche wie für ein durchschnittliches Auto 40.000.- Euro und mehr zu fordern, dessen Blech aber so dünn ist das man schon mit einem Finger eine Delle reindrücken kann.
    Natürlich fährt dieses Auto deswegen trotzdem, nur bleibt der bittere Nachgeschmack über den Tisch gezogen worden zu sein.
    Es ist also keine Frage von Voodoo oder Wichtigtuerei sondern von Cash, wohlgemerkt zum Nachteil der Kunden…

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