Wenn von Joan Baez die Rede ist, steht meist zuerst ihre Stimme im Mittelpunkt. Ihr unangestrengt klingender Sopran mit dem charakteristischen Vibrato ist wohl der Inbegriff natürlicher Schönheit. Nicht umsonst zählt sie zu den herausragendsten Vertretern des amerikanischen Folk-Revivals und wird zudem noch für ihre aktivistischen Texte geschätzt. Dabei überhören wir jedoch leicht, wie gekonnt sie ihre Akustikgitarre einsetzt. Mit einem eigens entwickelten Fingerstyle kreierte sie einen Gitarrensound, der rhythmische Begleitung, Bass und kleine Melodien miteinander verbindet. Es entstand eine zurückhaltende, aber dennoch ausgesprochen kreative Gesangsbegleitung, die ihre Stimme perfekt ergänzt und ihre ganz eigene musikalische Handschrift trägt.
In diesem Beitrag erfährst du, welche Techniken Joan Baez auf ihrer Gitarre anwendet und mit welchen stilistischen Mitteln ihr unverwechselbarer Sound entsteht.
Mehr als Begleitung

Den Grundstein ihrer Gesangskarriere legte Joan Baez bereits in den 50er-Jahren in Cambridge, Massachusetts, wo sie im traditionsreichen Club 47 einige Auftritte hatte. So zählte sie schnell zur hiesigen Folk-Szene und erfreute sich einer wachsenden Fangemeinde. Ihren großen Durchbruch brachte schließlich ihr Auftritt beim Newport Folk Festival 1959. Bereits 1960 erschien ihr Debütalbum Joan Baez.
In einem Interview mit der Library of Congress 2020 erinnert sie sich an die einfachen Bedingungen, unter denen das Album innerhalb von lediglich vier Tagen unter dem Label Vanguard Records aufgenommen wurde. Nur sie, Produzent Maynard Solomon und ein Toningenieur waren anwesend und schufen so ein Stück Musikgeschichte. Doch genau das war es, wie sie selbst sagt, was sie und ihre Musik ausmacht. Puristisch gehalten, sind auf den Aufnahmen nur sie und ihre Stimme zu hören, lediglich bei wenigen Stücken kam eine zweite Gitarre hinzu. Und diese Bescheidenheit ist es, für die wir ihre Musik so sehr schätzen.
Damit musste auch ihre Gitarre gleich mehrere Aufgaben übernehmen. Sie gab den Puls vor, definierte die Harmonie und lieferte gleichzeitig eine melodische Gegenstimme zum Gesang. Genau hier beginnt der typische Baez-Sound.
Joan Baez‘ Fingerpicking
Ein entscheidender Teil ihres musikalischen Stils ist das Fingerpicking. Anstelle eines sturen Strummings bedient sie sich einer ausgefeilten Technik, die ihre Stimme perfekt ergänzt. Virtuos und minimalistisch zugleich entsteht so ein Gesamtbild, das die größten Bühnen erobert.
Dabei zerlegt Baez Akkorde häufig in einzelne Töne. Der Daumen übernimmt typischerweise die Basssaiten und erzeugt das klangliche Fundament. Die restlichen Finger spielen die höheren Saiten und bringen Bewegung in das Arrangement. Dies klingt zwar zunächst nach typischer Folk-Musik, allerdings lässt sich Baez‘ Spielstil nicht in starre Muster pressen. Eine Analyse ihres Stils in Guitar World hebt hervor, dass sie melodische Figuren in ihre Akkordbegleitung einwebt und sich dabei auch aus der offenen Lage herausbewegt. Der Artikel erkennt außerdem Einflüsse beziehungsweise Klangfarben aus Jazz und Flamenco. Diese werden besonders in ihrer Weltklasse-Ballade Diamonds and Rust deutlich:
Gerade dieser Song zeigt, dass sich Joan Baez intensiv mit ihren Arrangements auseinandersetzt und ihrer Stimme die bestmögliche Ergänzung bieten möchte. Sie begnügt sich nicht mit dem klassischen Bass – Akkord – Bass – Akkord, sondern arbeitet präzise einzelne Stimmen innerhalb eines Akkords ein.
Wenn der Bass zum Fundament wird
Jeder, der einmal in einer Band gespielt hat oder sich intensiv mit Arrangements auseinandersetzt, weiß: Der Bass erfüllt eine entscheidende Aufgabe. Er schafft ein Fundament und deckt das tiefe Frequenzspektrum ab, damit ein Musikstück erst seine Fülle erhält. Da Joan Baez überwiegend mit ihrer Stimme und Gitarrenbegleitung glänzt, übernimmt ihr Daumen diese wichtige Aufgabe. Ein gleichmäßiger Bass kann unter den höheren Saiten weiterlaufen und der Musik einen beständigen Puls geben. Besonders wichtig ist dabei die Unabhängigkeit des Daumens. Das ist das Prinzip amerikanischer Fingerstyle-Tradition und ermöglicht es einem einzelnen Gitarristen, den Eindruck mehrerer musikalischer Ebenen zu erzeugen.
Gleichzeitig lässt diese Technik Raum für die Stimme, was bei Baez einen besonders wirkungsvollen Effekt erzeugt. Während des Gesangs reichen ein klar gesetzter Basston und wenige hohe Noten, die sie gerne ineinanderklingen lässt, sodass eine offene Begleitung entsteht, die ihre Stimme perfekt untermalt. Das Ergebnis wirkt schlicht und erstaunlich vollständig zugleich.
Joan Baez nur auf gezupfte Begleitungen zu reduzieren, wäre jedoch zu kurz gegriffen. In Stücken wie Silver Dagger versetzt sie beispielsweise auch die höheren Saiten explosiv in Bewegung. So entsteht die perfekte Dynamik: Der ruhige Gesangsteil wird untermalt, während Gesangspausen durch kräftigere Rhythmen auffallen.
Parlor statt Dreadnought
Natürlich macht auch die Gitarre den Sound eines Künstlers aus. Gerade die Korpusform entscheidet, wie mächtig die musikalische Begleitung klingt. Dabei will das Instrument natürlich gut auf den Musiker abgestimmt sein. Anstelle einer Dreadnought mit kräftigem Bassanteil greift Joan Baez bevorzugt zur handlichen Parlor. Diese kompakte Bauform ist hervorragend für Fingerpicking, Blues, Folk und Singer-Songwriter-Setups geeignet. Außerdem erzeugt sie einen klaren, mittenbetonten Klang, der perfekt zu Joans Stimme passt und sie nicht übertönt. Schließlich bilden Sänger und Gitarre ein Team und sind keine Konkurrenten. Außerdem zeichnen sich einzeln gezupfte Noten durch eine hohe Präzision aus, was für ihr Fingerstyle-Spiel essenziell ist.

Joan Baez‘ Gitarre als ihre zweite Stimme
Vielleicht lässt sich der Gitarrenstil von Joan Baez am besten als eine Art tonale Balance beschreiben. Sie ist ein optimaler Kompromiss aus rhythmisch und virtuos, aber nicht zu schwer. Auf diese Weise stellt sie ihre Stimme und damit auch ihre Botschaft immer in den Vordergrund, begnügt sich aber nicht nur mit simplem Akkorde-Schrammeln. So entsteht auch ihre bemerkenswerte Intimität, die ihre Musik so besonders macht. Gemeinsam mit ihrer Akustikgitarre bildet sie eine Symbiose, die beide das Beste im jeweils anderen hervorbringen.
Dies zeigt einmal mehr, dass gute Musik nicht unbedingt große Instrumente und aufwendige Arrangements braucht. Musik, die berührt, kommt auch mit einer klaren Stimme, einem präzisen Daumen, sorgfältig ausgewählten Tönen und natürlich ehrlichen Emotionen aus.
Titelbild: Stilfehler / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
