„Zum zweiten Mal bei Fischer-Z“: DAVE PURDYE im Interview

David Purdye Hamburg 2025

50 Jahre Fischer-Z und mehr als zwei Dutzend Studio-Alben lassen sich nicht in einer geraden Linie erzählen. 1976 gründeten John Watts und Keyboarder Steve Skolnik die Band an der Londoner Brunel University; mit Alben wie Word Salad, Going Deaf For A Living und Red Skies Over Paradise wurden Fischer-Z zu einer der eigenwilligsten britischen New-Wave-Bands. Als Watts die ursprüngliche Besetzung 1981 auf der Höhe des Erfolgs auflöste und solo weitermachte, kam Dave Purdye ins Spiel.

Der britische Bassist spielte auf One More Twist und The Iceberg Model, ging später mit Radio Tarifa um die Welt und gehört heute wieder zu Fischer-Z. Rechtzeitig zum Jubiläum erscheint am 4. September das neue Album X-Ray Serenade, im Herbst folgt der nächste Teil der ausgedehnten 50th Anniversary Tour. Im Interview erzählt Purdye, wie er über eine Kleinanzeige zu Watts fand, warum dessen Songs nicht altern, wie er fast einen Latin-Grammy gewann und weshalb ein japanischer Fender-Bass seit Jahrzehnten mit ihm unterwegs ist.

INTERVIEW

Fischer-Z Part 1
„Neu, frisch und ein bisschen verrückt“

Dave, wie bist du Anfang der Achtziger überhaupt in Johns Band gelandet?

Über eine Anzeige im Melody Maker, glaube ich. Damals erschienen mehrere Musikzeitungen jede Woche: Sounds, der NME, also der New Musical Express, und eben der Melody Maker. Hinten im Heft standen immer Anzeigen von Bands, die Musiker suchten, oder von Musikern, die eine Band suchten. Dort las ich, dass eine bekannte Band einen Bassisten brauchte, und ging zum Vorspielen. Zu der Zeit spielte ich bei The Stickers. Unser Sänger Andrew Ranken wurde später Schlagzeuger bei The Pogues, unser Drummer Kenny Harris spielte später bei den Screaming Blue Messiahs, die in den USA einige Jahre ziemlich erfolgreich waren. Dann fing ich bei John an. Das muss 1980 oder 1981 gewesen sein. Im Herbst nahmen wir eine Single auf und machten, glaube ich, ein paar Radiosendungen. Im Dezember 1981 gingen wir dann in die Manor Studios und nahmen One More Twist auf.

Derek Ballard, John Watts und David Purdye 1982 (Foto: Archiv)
Derek Ballard, John Watts und Dave Purdye 1982 (Foto: Archiv)

Die ursprüngliche Fischer-Z-Besetzung war gerade auseinandergegangen. Fühlte sich das für dich wie der Start einet neuen Band an oder wie eine Fortsetzung von Fischer-Z?

Es fühlte sich neu an. Viele Leute stellten Johns Entscheidung infrage, Fischer-Z aufzulösen und mit anderen Musikern weiterzumachen. Er wollte aber eindeutig eine Solokarriere. Deshalb fühlte es sich auch nicht wie eine Band an: Es war John, und wir waren seine Band. Aber John wollte einen neuen Sound. Wir probten viel, experimentierten und suchten nach etwas Frischem. Gleichzeitig war die alte Band noch sehr präsent. Während wir im folgenden Jahr unterwegs waren und Fernsehauftritte hatten, bekam John noch Goldene Schallplatten und andere Auszeichnungen für Red Skies Over Paradise überreicht…

Du warst damals erst 20 und standest bald auf großen Bühnen wie beim No-Nukes-Festival oder beim Rockpalast. Warst du einfach furchtlos oder schlicht zu jung, um nervös zu werden?

Ich hatte kaum Zeit, darüber nachzudenken. Ein paar Konzerte hatten wir vorher schon gespielt. Das Erste, woran ich mich mit John erinnere, war eine Radiosendung beim WDR. Dann nahmen wir Speaking A Different Language in den Townhouse Studios auf, machten mehrere Fernsehshows, eine davon in den Niederlanden, und traten beim Musikladen in Bremen auf. Das war eine echte Feuerprobe, ein Sprung ins kalte Wasser. Im Frühjahr folgte nach der Veröffentlichung des Albums die One-More-Twist-Tour. Wir starteten, glaube ich, in Dänemark und Schweden, spielten dann in den Niederlanden, Belgien, Deutschland und einmal in der Schweiz – im Grunde in denselben Ländern, in denen John bis heute besonders bekannt ist.

Hast du dich als Teil einer Band gefühlt, oder warst du eher ein gebuchter Musiker?

Es war Johns Soloprojekt. Wir bekamen eine feste Vergütung; wenn wir arbeiteten, war sie höher als in den Phasen dazwischen. Im Grunde waren wir seine Band. So funktionierte das damals: Wenn ein Künstler oder eine Plattenfirma dich dauerhaft bezahlte, hatte dieses Engagement Priorität. Andere Projekte mussten sich danach richten, so stand es im Vertrag.

Du hast auf One More Twist und The Iceberg Model gespielt. Wie frei warst du bei der Gestaltung deiner Basslinien?

Bei One More Twist war ich freier, weil wir nur zu dritt waren. Auf The Iceberg Model gab es Streicher und Bläser, deshalb war vieles stärker arrangiert. Die Basslinien waren trotzdem meine, und durch die Proben konnte ich die Stücke ausführlich durcharbeiten. The Iceberg Model entstand in den Ridge Farm Studios, wo auch Yes an Owner Of A Lonely Heart arbeiteten. Beide Studios hatten einen großen Namen. Als wir für One More Twist ins Manor kamen, war Meat Loaf im Monat zuvor dort gewesen. Tubular Bells war dort aufgenommen worden, ebenso Platten von XTC und vielen anderen. Für mich war das alles neu, frisch und ein bisschen verrückt.

War es damals schon dein Plan, Berufsmusiker zu werden?

Ich denke schon. Mit 16 spielte ich in einer Band Motown-Sachen und eher progressive Musik. Dann kam der Punk, und plötzlich wollten alle aggressives Bassspiel hören. Bei The Stickers entwickelte ich den Sound, den ich später auch auf One More Twist benutzte. Das war von Natur aus gar nicht unbedingt meine Art zu spielen, aber John holte sie aus mir heraus. Er wollte genau diese aggressivere Spielweise. Auf The Iceberg Model ist noch ein bisschen davon zu hören.


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Radio Tarifa
„Das war eine steile Lernkurve“

Irgendwann hast du Johns Band verlassen. Wie ging es danach weiter?

Ich spielte mit zwei Musikern der Mod-Revival-Band The Lambrettas in einer neuen Gruppe. Wir hatten einen Produktions- und Entwicklungsvertrag bei Rocket Records und dadurch viel Studiozeit, doch am Ende wurde nichts daraus. Ich war nie ausgebildeter Musiker gewesen und studierte in der Zwischenzeit deshalb Musik an der University of Southampton. Später spielte ich noch mit den wiedervereinigten Lambrettas und ging in den Neunzigern mit ihnen auf Tour. Danach kam Radio Tarifa.

Radio Tarifa 2003 (Foto: Youri Lenquette)
Radio Tarifa 2003 (Foto: Youri Lenquette)

Ja. Wie geriet ein englischer Rockbassist in eine spanische Band, die Flamenco, arabische Musik, mittelalterliche Klänge und afrikanische Rhythmen verband?

Ich wurde eingeladen, auf einem Album von Mercedes Trujillo mitzuwirken. Ich hatte einige Zeit in Spanien verbracht, ein wenig Englisch unterrichtet und sie dabei kennengelernt. Für die Aufnahmen holte sie mich aus England nach Kantabrien. Produzent war der Gitarrist der bekannten spanischen Rockband Bloque, und bei der Session spielte auch Faín Dueñas, der Perkussionist und musikalische Leiter von Radio Tarifa. Wir saßen in einem kleinen Studio im Norden Spaniens, als plötzlich die lokale Presse auftauchte. Irgendjemand hatte erzählt, dass dort der Kopf von Radio Tarifa und ein Engländer arbeiteten, der mit John Watts von Fischer-Z gespielt hatte. Fischer-Z waren damals auch in Spanien erfolgreich. Bald wollten die Zeitungen Interviews und Fotos, und während der zwei Wochen bekamen wir sogar Auftritte in örtlichen Bars. Das war ziemlich lustig und entstand eher nebenbei. Am Ende sagte Faín: Falls ich einmal einen Bassisten brauche, rufe ich dich an.

Und dieser Anruf kam tatsächlich?

Ja. Ich ging zurück nach Großbritannien und wollte zunächst Musik unterrichten, merkte aber, dass ich das doch nicht wollte. Dann erhielt ich aus heiterem Himmel eine Nachricht von Faín: Radio Tarifa hatten ein neues Album aufgenommen und brauchten einen Bassisten für die Tour. Sie sollte zwei Jahre dauern. Ich hatte gerade eine Beziehung hinter mir und dachte: Warum nicht? Aus den zwei Jahren wurden fünf. In dieser Zeit entstand Fiebre, ein Livealbum, das bei einem Konzert in Toronto aufgenommen und für einen Latin-Grammy nominiert wurde. Wir tourten durch Europa, Afrika, Süd- und Nordamerika, Kanada und Großbritannien. Jeden Sommer spielten wir viele Festivals und teilten die Bühne mit großen Namen der Weltmusik wie Rachid Taha und Khaled. Nach fünf Jahren gründete ich eine Familie und hörte eine Zeit lang mit dem Spielen auf, bis ich 2018 zu einem Fischer-Z-Konzert in Madrid ging und nun zum zweiten Mal bei Fischer-Z bin…

Lass uns kurz noch bei Radio Tarifa bleiben. Musstest du als Rock-Bassist viel lernen, um bei Radio Tarifa hineinzupassen?

Ja. Allerdings hatte ich davor ungefähr drei Jahre lang recht viel Jazz gespielt und ein Quartett in Großbritannien gehabt. Wir traten in Bars, Clubs und auf Partys auf – nicht auf besonders hohem Niveau, aber technisch war ich dadurch ganz gut in Form. In dieser Phase spielte ich viel Kontrabass. Neu lernen musste ich zunächst die Sprache und überhaupt, mich in Madrid zurechtzufinden.

Wer einmal in ein Land gezogen ist, dessen Sprache er nicht spricht, weiß, wie schwierig das sein kann. Dazu kamen völlig andere Rhythmen und eine andere Harmonik. Das war eine steile Lernkurve. Das Konzept von Radio Tarifa bestand darin, nach den Wurzeln der spanischen Volksmusik zu suchen und dafür arabisch-maurische sowie alte mittelalterliche Instrumente zu verwenden. So ließ sich hörbar machen, wie Rhythmen und Harmonik aus dem östlichen Mittelmeerraum durch maurische und jüdische Kultur nach Spanien gelangten. Diese Geschichte reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Für Hörer, die nur die populäre Version spanischer Musik kannten, war das mitunter ein Schock.

Weil manche diese maurischen und jüdischen Wurzeln nicht anerkennen wollten?

Ja. Ohne das religiös oder politisch zu sehr aufzuladen: Gerade konservativere Musikhörer waren damit nicht glücklich. Insofern war Radio Tarifa eine wichtige Band. Das alles geschah allerdings auch schon vor meiner Zeit.

Fischer-Z Part 2
„Heute noch unberechenbarer als früher“

Als du dann 2018 zu Fischer-Z zurückkamst, musst du ein völlig anderer Bassist als noch Anfang der Achtziger gewesen sein.

Ja, vermutlich schon. Johns Katalog war inzwischen viel größer, das Repertoire umfangreicher und abwechslungsreicher. Als ich zurückkam, wusste ich aber, wie John ist und wie er arbeitet. Deshalb fand ich recht leicht hinein. Die Geschichte von dem Konzert in der O2 Academy in London ist ja bekannt: Am Donnerstag wurde ich gefragt, ob ich einspringen könne, und bis Samstag musste ich das komplette Set lernen. Das war verrückt. Ich schrieb alles auf einfachen Leadsheets auf A4-Papier mit. Beim Soundcheck schüttete dann jemand Bier über das Keyboard, sodass wir schließlich als Trio auftreten mussten.

Fischer-Z 2026, vorne: David Purdye & John Watts
Fischer-Z 2026, vorne: Dave Purdye & John Watts (© Music Belgium Photos)

Mehr als 40 Jahre nach den Aufnahmen spielst du nun also die Songs von One More Twist und The Iceberg Model wieder. Gehst du heute anders an sie heran?

Natürlich. Mit 21 hatte ich noch keinen Kopf auf den Schultern. Ich war einfach da. Von Harmonik wusste ich nichts, Noten lesen konnte ich auch nicht. Heute verfüge ich vermutlich über etwas mehr Technik, obschon ich vieles davon in den Jahren vor meiner Rückkehr auf dem Kontrabass gelernt habe. Vor allem verstehe ich Strukturen und Harmonik besser und kann bewusster über die Musik nachdenken. Damals war ich 21, lebte in London und war jeden Abend mit meinen Freunden unterwegs. John gab Interviews und arbeitete ununterbrochen, während Schlagzeuger Derek Ballard als erfahrener Tourmusiker mir zeigte, wie das Leben unterwegs funktionierte – mitunter mit katastrophalen Folgen. Heute ist alles entspannter, weil wir älter sind. Wir sitzen beim Essen zusammen und trinken ein Glas Wein, statt durch die Clubs zu ziehen und uns dämlich zu benehmen.

Wie ist es heute, als Bassist mit John auf der Bühne zu stehen?

John ist sehr spontan. Aber diese Herausforderung gehört zum Spielen mit ihm, und ich versuche, ihr gerecht zu werden. Das gelingt nicht immer. Abseits davon ist alles ziemlich entspannt, aber anderthalb oder zwei Stunden auf der Bühne können sehr unberechenbar sein. Ich würde sogar sagen: heute noch unberechenbarer als früher.

Fischer-Z werden in diesem Jahr 50. Warum sind die Songs nicht hörbar gealtert?

Gute Frage. Als One More Twist fertig war, war ich mir überhaupt nicht sicher, was ich davon halten sollte. Wenn man sehr nah an einer Platte arbeitet, erst recht an der eigenen Musik, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem man nicht mehr weiß, ob etwas gut oder schlecht ist. Johns Musik war, zumindest aus britischer Sicht, nie modisch. Gerade deshalb hat sie die Zeit bemerkenswert gut überstanden. John arbeitet immer gegen den Strich, gegen das, was alle anderen gerade tun. Er sucht nach etwas Neuem, und daraus wird dann etwas, das bleibt. Viele Bands benutzten in den Achtzigern sehr viel Hall. Johns Produktionen sind dagegen weder in Hall noch in Effekten ertränkt. Damals klangen sie sehr neu und in keiner Weise angepasst. Er versuchte nie, Teil eines Trends zu sein. Ich glaube, das ist das Geheimnis: Deshalb klingen die Songs nicht alt.

Dave Purdye über sein Gear

„Meinen Hauptbass habe ich 1995 für 150 Pfund gekauft. Es war ursprünglich ein Fender Power Jazz Bass Special, eines dieser japanischen Modelle aus den Achtzigern. Inzwischen ähnelt er diesem UrsprungsbBass allerdings nicht mehr so besonders. Er hat einen Aguilar-Preamp, die originalen Fender-Pickups sind aber noch drin. Ich spielte ihn während meiner gesamten Zeit bei Radio Tarifa, und er ist seit rund 25 Jahren mit mir unterwegs gewesen – durch 24 oder 25 Länder. Ich mag seinen Klang und vor allem das Spielgefühl.

Der Bass läuft bei mir durch einen Tech 21 SansAmp VT Bass und von dort entweder direkt in die PA oder in einen Fender-Amp. Früher spielte ich einen Fender Bassman, inzwischen nehme ich einen kleinen Fender Rumble 500. Das Setup ist sehr schlicht. Zeitweise verwendete ich auch noch einen TC Electronic Sub ’N’ Up und einen Verzerrer. Mittlerweile verzichte ich aber auf beide Effekte, weil sie sich mit den Keyboards in die Quere kamen.“


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Tourdaten Fischer-Z 2026

14.10. Köln, Tanzbrunnen
15.10. Neunkirchen, Gebläsehalle
16.10. Stuttgart, Mozart Saal
17.10. CH-Pratteln, Z7
19.10. Mannheim, Capitol
20.10. München, Alte Kongresshalle
21.10. Friedrichshafen, Graf Zeppelin Haus
22.10. Freiburg, Konzerthaus
26.10. & 27.10. Hamburg, Laeiszhalle
28.10. Bremen, Metropol Theater
29.10. Osnabrück, Osnabrücker Halle
31.10. Bad Vilbel, Vilco
02.11. Essen, Lichtburg
03.11. Hannover, Theater am Aegi
04.11. Berlin, Admiralspalast

www.fischer-z.com

 

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