Zwei Legenden haben sich gefunden: Steve Hackett (*1950) prägte in den Siebzigern als Gitarrist von Genesis einige der wichtigsten Alben des Progressive Rock, Steve Rothery (*1959) entwickelte mit Marillion seit den frühen Achtzigern eine ganz eigene, melodische Spielweise. Nun veröffentlichen die beiden Briten erstmals ein gemeinsames Album. ‚The Roaring Waves‘ erscheint am 28. August 2026 bei InsideOutMusic und umfasst sieben Instrumentalkompositionen, die von der elementaren Kraft des Meeres geprägt sind – und weit entfernt sind von dem Prog-Rock, den man von dieser Konstellation erwartet hätte.
Entstanden ist das Album über beinahe ein Jahrzehnt hinweg in mehreren Etappen. Hackett und Rothery trafen sich zu improvisierten Sessions im Racket Club, dem Studio von Marillion, und arbeiteten anschließend in ihren Heimstudios weiter. Jams und der Austausch musikalischer Ideen bildeten die Grundlage der Stücke, die sich zwischen intimen Momenten und filmisch angelegten Klanglandschaften bewegen. Unterstützt wurden die Gitarristen von Riccardo Romano, der als Co-Autor, Mixer, Keyboarder und Bassist beteiligt war, sowie von Schlagzeuger Leon Parr. Im Interview sprechen Hackett und Rothery über die lange Entstehung von ‚The Roaring Waves‘, ihre unterschiedlichen Rollen, die Natürlichkeit der Suche nach dem passenden Sound und die Feststellung, dass ihr Zusammentreffen nicht zum erwartbaren Wettstreit zweier Gitarrenvirtuosen wurde. Mitunter spielen sich die beiden im Gespräch die Bälle zu, dass man merkt: Die zwei Namensvettern verstehen sich nicht nur musikalisch ganz vortrefflich.
INTERVIEW
„Wir sind beide sehr feinfühlige Musiker“
Steve und Steve, warum ist das Meer für euch so inspirierend?
Steve Rothery: Nun, ich bin in und um Whitby in North Yorkshire aufgewachsen, dieser kleinen Fischerstadt, die dafür berühmt ist, dass Dracula in Bram Stokers Roman dort an Land geht. Es ist ein eigenartiger Ort. Als ich dort lebte, war es eine kleine Fischerstadt mit wenig Tourismus. Inzwischen ist sie zu einem Zentrum der Goth-Community geworden. Aber es war ein sehr eindrücklicher Ort, im Winter ziemlich trostlos, fast ringsum vom Moorland abgeschottet, ungefähr eine Autostunde von York entfernt, der, würde ich sagen, nächstgelegenen wirklichen Zivilisation. Der Ozean löst sehr starke Bilder und Gefühle in mir aus. Ich erinnere mich zum Beispiel an dieses Geräusch der Wellen während eines Sturms, wenn ich als kleiner Junge von meinem damaligen Zuhause etwa anderthalb Meilen über die Felder hinunter zum Meer ging. Als ich dann Marillion beitrat, zog ich so ziemlich an den am weitesten im Landesinneren gelegenen Ort, den man in diesem Land finden kann. Das war ein riesiger Kontrast.
Steve Hackett: ‚The Roaring Waves‘ ist nicht mein erster Versuch, Meer oder generell Wasser zu vertonen. Das Meer ist großartig. Es ist eine verlässliche Inspirationsquelle, und es ist überall. Es gibt mehr Meer als Land und so viele Seefahrergeschichten. Ich liebe, was Procol Harum damals auf ‚A Salty Dog‘ gemacht haben. Und ich liebe auch ‚Albatross‘ von Fleetwood Mac. Diesem Geist sind wir, glaube ich, sehr nahe gekommen. Es ist jedenfalls kein Album von zwei Gitarristen, die miteinander konkurrieren und versuchen, schneller als der andere zu spielen. Es ist ein musikalisches Gespräch.

Habt ihr denn irgendwelche Regeln dafür festgelegt, was ihr nicht tun wolltet?
Steve Hackett: Nein, das nicht. Aber es geht ja auch um die Herangehensweise. Das Album entspricht dem, was man in der klassischen Musik eine Tondichtung nennen würde. Wenn es so etwas wie eine Rock-Tondichtung gibt, dann ist es das hier. Es ist beschreibende Musik, inklusive Musik.
Und wie würdet ihr eure unterschiedlichen Rollen auf dieser Platte beschreiben?
Steve Rothery: Wir haben keine Rollen festgelegt, sondern was du hörst, ist tatsächlich wie ein musikalisches Gespräch zwischen zwei guten Freunden. Bei der ersten größeren Session im Marillion-Studio, dem Racket Club, trafen wir uns mit unseren kleinen Rigs – oder in meinem Fall einem großen Rig – sowie einem Laptop und einem Interface. Ich ließ ein paar Drum-Loops laufen, wir spielten einfach dazu und nahmen alles auf. Danach nahmen wir es mit, hörten es uns an und haben Momente ausgewählt, die uns besonders erschienen. Und diese verschiedenen Momente haben wir dann miteinander verbunden. Sobald sich die Stücke weiterentwickelt hatten, haben wir beide das getan, was uns ganz natürlich erschien. Wir sind beide sehr feinfühlige Musiker und haben einander Raum gelassen. Bei dieser Platte war viel gegenseitiger Respekt im Spiel.
Und es ist kein Shred-Fest. Es ist nicht dazu gedacht, unsere Virtuosität zur Schau zu stellen. Es ist dazu gedacht, auf instrumentale Weise etwas Filmisches und Fesselndes zu schaffen.
Steve Hackett: Als wir uns regelmäßiger im Racket Club trafen, fing ich damit an, riesige Pedalboards mitzubringen, die wir zu zweit hereintragen mussten. Aber mit der Zeit stellte ich fest, dass es tatsächlich einfacher war, mit einem kleineren Pedalboard zu arbeiten. Ganz ohne ist schwierig, denn kein anständiger Progressive-Gitarrist kann irgendwohin gehen, ohne ein Volume-Pedal und mindestens einen Verzerrer dabeizuhaben. Aber Steve zeigte mir einige seiner Geräte. Er ist technischer veranlagt als ich. Ich kann nicht einmal einen Stecker reparieren, ich bin vollkommen nutzlos. Ich sehe mich selbst als Spieler. Was ich tue, ist wirklich einfach nur zu spielen. Weniger ist mehr. Aber für ‚The Roaring Waves‘ steuerte Steve ein Gerät mit einem sehr langem Hall bei. Ich kann mich nicht daran erinnern, welches Gerät das war …
Steve Rothery: Das war ein Quad Cortex.
Steve Hackett: … aber die meisten Toningenieure würden sagen: „Das kannst du nicht verwenden, der Hall ist zu lang.“ Diese Art von Argument höre ich mir seit Jahren an und denke: „Nein, es ist absolut perfekt. Der Klang schwebt in die Ferne und klingt immer weiter.“ Schon damals, als ich Jeff Beck hörte, hat es mich fasziniert, wie die Gitarre in einen fernen, fast unbewussten Klang überging. Er war der erste, der Verzerrung, Feedback, Reverb und Echo-Wiederholungen verwendete. Ich fand das absolut wunderschön, es klang für mich mitunter wie die Stimme einer Frau.
Heute stöpsle ich mich ein und sage: Ja, das ist ein Feedback-Sound, und darauf liegt dieser Effekt… Bla, bla, bla, bla. Damals beschworen Gitarren für junge Ohren noch die Erde herauf, das Geheimnis Ägyptens, Stimmen aus der Vergangenheit, all diese romantischen Dinge, die man im Kopf hat, wenn man ein junger, aufstrebender Musiker ist. Dieses wunderbare Instrument namens Gitarre bringt dich an viele verschiedene Orte
Steve Rothery: Ja, eines der Dinge, die mir immer auffielen, als ich aufwuchs und Steves Spiel hörte, war, wie sehr er nach einem anderen Regelbuch spielte als all die anderen Gitarristen: Seine Verwendung von Klang auf einigen der frühen Genesis-Sachen, ganz zu schweigen vom Tapping, bei dem er Pionierarbeit leistete. Allein die Tatsache, dass die Gitarre manchmal wie ein Keyboard klang und Tony Banks sein Keyboard manchmal wie eine Gitarre klingen ließ, und dieses Zusammenspiel zwischen beiden … das hat mich beeinflusst, ebenso wie all die anderen Musiker, etwa David Gilmour, und die Bedeutung, die sie dem Sound beimessen. Als Gitarrist spielst du den Sound ebenso wie das Instrument. Bestimmte Parts funktionieren nur mit einem ganz bestimmten Klang.
Ich habe in den letzten Jahren sehr viel Geld für Equipment ausgegeben – meine Frau kann das bestätigen. Für mich ist es eine fortwährende Suche nach dem ultimativen Ton, nach etwas Neuem, Frischem, Aufregendem und Interessantem.
Für diese Platte habe ich drei oder vier verschiedene Verstärker, vier oder fünf Gitarren und wahrscheinlich um die 20 Pedale gekauft. Jeden zweiten Tag klopfte es an der Tür, ein Lieferfahrer stand da, und meine Frau sagte: „Ah, noch ein Pedal.“ – „Ja, meine Liebe.“ Das ist der Vorteil einer sehr verständnisvollen Frau …

Steve Hackett: Ja, als Gitarrist bist du auf eine verständnisvolle Frau angewiesen. Ich habe ebenfalls eine. Sie ist wunderbar, seine Frau auch. Beide heißen Jo. Das passt. Wir können so viel mehr tun, weil unsere Frauen hinter uns und an unserer Seite stehen. Sie sind eine unsichtbare Präsenz in der gesamten Musik.
Steve Rothery: Ja. In meinem Fall ist sie diejenige, die fragt: „Wann bekommen wir eine neue Küche oder ein neues Badezimmer, mein Schatz?“ Und ich antworte: „Bald, bald. Wir müssten nur ein oder zwei Jahre lang kein Equipment mehr kaufen, dann können wir uns das leisten.“ Aber so ist das eben. Es gibt immer etwas Neues. Bei diesem Album und dem Bioscope-Album, das wir im vergangenen Jahr aufgenommen und veröffentlicht haben, war es zum Beispiel das Eventide H90. Damit kannst du etwas Einzigartiges erzeugen, bei dem niemand vermuten würde, dass es von einer Gitarre stammt. Durch die Art, wie ein Gitarrist phrasiert, spielt er damit zudem Dinge, auf die ein Keyboarder nicht unbedingt käme.
Vielleicht spielt man sparsamer, vielleicht nur ein gebrochenes Arpeggio mit einem Sound, der wie Eiszapfen klingt. Es ist sehr cool, Zugang zu solchen Spielzeugen zu haben. Das ist jedenfalls meine Ausrede.

„Gitarristen haben immer wieder versucht, wie Keyboarder zu klingen“
Ihr benutzt diese Pedale also eher als Werkzeuge für die Kreativität, richtig?
Steve Hackett: Ja. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren eine Fuzzbox in die Hände bekam. Plötzlich dachte ich: Ich sollte eine Ode an eine Fuzzbox schreiben, denn sie hatte einen ganz bestimmten Klang. Mit einem Mal war die Gitarre ein anderes Instrument. Keiner von uns ist so puristisch, dass wir sagen würden: „Ach, vergiss das alles, wir stöpseln uns einfach direkt ein.“ Bevor die Synthesizer aufkamen, war die Gitarre der Synth. Sie konnte all diese Rollen übernehmen. Als die Stones um 1964 herum ‚ Satisfaction‘ herausbrachten, war ich 14 und dachte: „Oh mein Gott, sie haben eine Brass-Section.“ Aber was wusste ich schon? Es klang wie ein Bläsersatz, und ich ließ mich vollkommen täuschen. Heute ist das natürlich anders. Heute sind die Antennen ausgefahren, und man erkennt sofort: „Nein, das ist eine Gitarre.“ Für junge Ohren aber konnte sie all das. Dann übernahmen natürlich die Keyboarder diese Rolle.

Steve Rothery: Und die Welt ging vor die Hunde.
Steve Hackett: Ja, alles ging den Bach runter. Erst die die Sache mit den Keyboardern, dann der Punk, ganz zu schweigen vom Untergang des Römischen Reiches.
Steve Rothery: Und dabei sind wir noch nicht einmal bei Keytars angelangt: Ein Verbrechen gegen die Natur.
Gab es viel Equipment-Nerd-Talk, der euch davon abhielt, an der Musik zu arbeiten?
Steve Hackett: Ja. Wenn man zwei Gitarristen zusammenbringt, interessieren sie sich zwangsläufig für das Spielzeug des anderen. Ich spielte die meiste Zeit eine Fernandes, und Steve hat seither ebenfalls damit experimentiert. Er spielte mir etwas aus den kommenden Marillion-Aufnahmen vor, bei dem die Fernandes mit einem cleanen Sound zu hören ist. Dabei wird der Sustainer zu einem ganz anderen Instrument.
Steve Rothery: Es ist wirklich schade, was mit Fernandes passiert ist.
Steve Hackett: Absolut. So viele berühmte Gitarristen spielen Fernandes, aber jetzt gibt es die Firma nicht mehr. Diese Gitarren werden bald so selten sein wie Stradivari-Geigen. Sammlerstücke.
Glaubt ihr, dass die E-Gitarre ohne Sustainer für euch zu limitiert ist?
Steve Rothery: Ich denke, sie wird nur von der eigenen Vorstellungskraft begrenzt, Werkzeuge geben dir aber mehr Möglichkeiten. Es ist wie bei einem Maler, der verschiedene Farben auf seiner Palette hat. Du kannst auch in Schwarz-Weiß etwas Schönes erschaffen, aber es gibt all diese unterschiedlichen Möglichkeiten, aus der Gitarre mehr als nur einen konventionellen Klang herauszuholen. Für mich lag die Schönheit der Gitarre immer im Ausdruck, in den Bendings und im Vibrato. Das unterscheidet sie von allen anderen Instrumenten.
Steve Hackett: Je intensiver du mit der Gitarre arbeitest und dich darauf konzentrierst, was sie kann, desto weiter gelangst du in Bereiche, in denen sie wie ein anderes Instrument klingt. Ich habe vor Kurzem etwas aufgenommen und dabei viele Höhen herausgenommen und mit einem Whammy-Pedal eine zusätzliche obere Oktave erzeugt. So liefen zwei Oktaven gleichzeitig, während ich eine Tapping-Phrase spielte. Es klingt, als würde ein Organist mit mir gemeinsam spielen. Man könnte also sagen, ich schaffe mich selbst ab, denn plötzlich klingt meine Gitarre wie ein Keyboard. Aber Gitarristen haben immer wieder versucht, wie Keyboarder zu klingen.
Im Fall von Tony Banks war es umgekehrt. Als Genesis nach Anthony Phillips’ Ausstieg keinen Gitarristen hatte, versuchte Tony, wie einer zu klingen. So entstand ein Sound, bei dem ein Hohner Pianet durch eine Fuzzbox geschickt wurde. Als ich dann zu Genesis kam, war meine Verzerrung ebenfalls eine Fuzzbox. Wir begannen, harmonisierte Parts zu spielen, bei denen Keyboard und Gitarre zu einem Instrument verschmolzen. Das war ein großartiger Effekt, und alle fragten: „Was ist das? Was ist das? Was ist das?“
Ähnlich war es mit zwölfsaitigen Gitarren. Als ich Genesis zum ersten Mal hörte, benutzten sie viele Zwölfsaitige. Vor meinem Einstieg in die Band konnte ich nicht herausfinden, was für einen Klang ich da hörte. Ich dachte: „Das könnte genauso gut ein Cembalo-Ensemble sein.“ Es war mir vollkommen unvertraut.
Steve Rothery: Ich verwende häufig einen Octaver, manchmal mit Verzerrung, manchmal mit einem Tremolo oder Vibrato oder beidem dahinter. Von Electro-Harmonix nehme ich entweder den POG, wenn der Klang etwas orgelartiger sein soll, oder den Pitch Fork für einen etwas cleaneren Sound. Selbst wenn du nur einfache Melodien spielst, gibt das der Gitarre viel Raum und dem Klang ein enormes Gewicht.
Mit etwas Delay und Hall wird die Gitarre zu einem sehr texturreichen Instrument. Ich mag es, selbst innerhalb eines Stücks zwischen solchen Klängen, einem geradlinigeren Sound und einer starken Modulation zu wechseln. Diese Vielfalt hält es für mich interessant.


„Früher galt ich als derjenige mit den vielen Pedalen“
Die ersten Aufnahmen entstanden vor acht Jahren. Gab es nun beim Mischen der fertigen Stücke Parts, bei denen ihr dachtet: „Heute hätte ich dafür einen anderen Sound gewählt“?
Steve Rothery: Wenn du eine Platte skizzierst, tust du buchstäblich genau das: Du skizzierst sie. Manchmal entsteht in der ersten Improvisation etwas, das du niemals wiederherstellen kannst. Aber bei grundlegenden Parts ist es dagegen großartig, später den Track um den Sound herum neu aufzubauen, den du im Kopf hast. Viele meiner Gitarrenparts habe ich deswegen tatsächlich neu eingespielt. Ich habe hier zu Hause in der Garage ein Studio mit acht verschiedenen Verstärkern, etwa 50 Pedalen und acht oder zehn Gitarren. Bei dem gerade veröffentlichten ‚Red Dragon‘ dachte ich: „Okay, das braucht wirklich eine Les Paul“, obwohl ich normalerweise nie eine spiele. Also nahm ich die Les Paul und stöpselte sie in meinen Friedman BE-50, um einen Marshall-artigen, ziemlich perkussiven Sound zu bekommen. Zusätzlich schloss ich sie an einen Matchless mit EL34-Röhren an. Die beiden Sounds lagen nebeneinander, unterschieden sich leicht, ergaben zusammen aber ein wirklich dichtes Klangbild.
Steve Hackett: Mr. Rothery besitzt so viele Pedale, dass er seine Kinder verkaufen musste, um sie sich alle leisten zu können.
Steve Rothery: Ich weiß, ich weiß. Was sollte ich tun? Ich habe einen guten Preis für sie bekommen.
Steve Hackett: Wenn ich Steves Pedalboard sehe, habe ich immer das Gefühl, ich hätte nichts anzuziehen – was da alles zu seinen Füßen liegt! Dabei galt früher ich als derjenige mit den vielen Pedalen. Aber mit diesem Mann kann ich nicht konkurrieren. Ich habe ein Lagerhaus voller Zeug, allerdings sind es meist keine Pedale, sondern Gitarren, die nicht gespielt werden. Das muss ich leider zugeben, denn am Ende greift man doch immer wieder zu seinen Favoriten.
War ‚The Roaring Waves‘ nur ein Studioprojekt, oder plant ihr, die Platte irgendwann live zu spielen?
Steve Hackett: Ich hoffe, dass wir das irgendwann tun. Wir haben darüber gesprochen, noch ein Album aufzunehmen. Dann hätten wir vielleicht genug Material, um es live zu präsentieren. Diese Platte war nicht unbedingt für die Bühne gedacht. Der filmische, atmosphärische und ambientartige Ansatz stand für uns im Vordergrund. Ein Album zu machen, das wir als Gitarristen unbedingt live spielen wollen und das auch das Publikum begeistert, ist eine andere Sache. Ich hoffe, dass wir am Ende beides liefern können.
Steve Rothery: Ich kann mir vorstellen, dass unser nächstes Album wieder ganz anders wird: mit einigen wirklich großartigen, heftigen Riffs und mehr akustischen Texturen. Das wäre ein deutlicher Kontrast zu dieser Platte. Zusammen würden uns beide Alben eine große Palette unterschiedlicher Sounds und Stimmungen bieten, aus der wir für einen Liveauftritt schöpfen könnten.

Plant ihr denn bereits ein vollkommen neues Album, oder gibt es noch unfertige Musik, an der ihr weiterarbeiten könnt?
Steve Rothery: Nein, soweit ich weiß, ist kein ungenutztes Material übrig. Wenn wir zusammenkommen, ist der kreative Prozess ziemlich schnell und spontan. Wenn wir in den kommenden Jahren hier eine Woche und dort eine Woche finden, bin ich zuversichtlich, dass wir noch ein Album zusammenbekommen, bevor wir tot umfallen.
Steve Hackett: Genau. Es muss schnell gehen, sonst muss ich einen Arzt rufen.
Was habt ihr während dieses Prozesses vom jeweils anderen gelernt, das ihr bei eurer weiteren musikalischen Arbeit nutzen könnt?
Steve Rothery: Für mich war es die Art, wie Steve den Fernandes Sustainer benutzt. Er wird zu einer Erweiterung des Instruments und seiner selbst. Das ist ein ungewöhnlicher und wunderschöner Aspekt dessen, was er auf dieser Platte gespielt hat. Ich besitze zwar zwei Fernandes mit Sustainern, setze sie aber nicht auf dieselbe Weise wie er. Ich bin ein anderer Musiker und setze andere Schwerpunkte. Ich benutze EBows seit 1984, daher ist mir das Prinzip des unendlichen Sustains sehr vertraut. Aber die Art, wie Steve den Sustainer einsetzt, hat mich von seinen Möglichkeiten vollends überzeugt.
Steve Hackett: Wir arbeiten beide ausgiebig mit dem EBow. Bei der Fernandes hast du das Äquivalent dazu direkt in der Gitarre. Kombinierst du es mit dem Tremoloarm, kannst du alles erzeugen: von Science-Fiction-Klängen der Fünfziger, die an ein Theremin erinnern, bis zu allem, was du sonst daraus machen möchtest. Ich glaube nicht, dass wir die Palette möglicher Sounds für die Zukunft bereits ausgeschöpft haben.
An Steve inspiriert mich, dass er sich sehr genau mit musikalischen Klangräumen beschäftigt: mit einer bestimmten Art von Hall oder Delay und mit dem, was das Equipment zum Ergebnis beiträgt. Er war es auch, der mich vor Jahren mit dem POG bekannt machte. Ich besorgte mir damals eines der frühen Modelle; inzwischen gibt es, soweit ich weiß, neuere. Besonders mag ich, was passiert, wenn ich den POG eine Oktave nach unten setze und etwas in einem gewöhnlichen Bluesidiom spiele: Plötzlich wird der Sound fett.
Ich muss mich dann daran erinnern, dass ich eine ganze Oktave tiefer spiele. Der Klang schreit nicht mehr, er bellt. Das gefällt mir ziemlich gut.
