Zwei Alben in einem Jahr, rund 45 Konzerte und nach 51 Jahren als Berufsmusiker offenbar noch immer kein Anlass, einen Gang zurückzuschalten: Stefan Stoppok ist Anfang dieses Jahres 70 geworden – und feiert diesen Geburtstag auch gebührend, aber hat wenig Interesse daran, daraus eine rein rückwärtsgewandte Veranstaltung zu machen. Zu seinem Jahrestag interpretierten Weggefährten wie Wolfgang Niedecken, Fury In The Slaughterhouse oder Miss Allie seine Songs auf einem ‚26/70 – Die Songs von Stoppok‘ betitelten Tribute-Doppel-Album, während Stoppok selbst an neuem Material arbeitete, das unter dem Titel ‚Hoppla, Hoppla‘ gerade erschienen ist. Im Gespräch geht es um die erstaunliche Haltbarkeit seiner Stücke, Schreibblockaden, politische Songs und die Frage, warum Humor gerade dann wichtig wird, wenn es ernst wird.
Interview
26/70
„Kampf ist es überhaupt nicht“

Du veröffentlichst in diesem Jahr zwei Alben und spielst dazu rund 45 Konzerte. Ist das Rastlosigkeit oder einfach normales Musikerleben?
Nee, das klingt doch nach Spaß. Danach, dass man Bock drauf hat. Und das ist das, was ich absolut abfeiere. Ich bin jetzt seit 51 Jahren hauptberuflich Musiker, mache also nichts anderes als Musik. Und gerade weil ich von der Gitarre komme, die Songs von der Gitarre her entwickle und Bock habe zu spielen, fließt das alles so, dass es mir immer noch unglaublich viel Spaß macht. Das ist eigentlich ein unglaubliches Glück. Ich bedanke mich jeden Tag beim Universum, dass ich das machen darf und dass mir das so viel Spaß bringt. Mit der Band auf der Bühne, aber auch alleine. Ich connecte mich gerne mit dem Publikum. Das ist Lebenselixier und nicht Rastlosigkeit. Genau das Gegenteil.
Du kannst also auch einfach zu Hause sitzen und nichts tun?
Total. Ich bin auch total gerne zu Hause und freue mich, nix zu tun. Da wird bei mir nichts nervös.
Nach 51 Jahren Stoppok-Songs müsste man meinen, dass sich beim Schreiben irgendwann eine gewisse Routine einschleicht. Gibt es auch den Kampf: Jetzt muss ich wieder ein Album zusammenbekommen?
Nee, Kampf ist es überhaupt nicht. Darüber diskutiere ich auch immer wieder mit Kollegen und Kolleginnen, wenn die über Schreibblockaden und so etwas reden. Habe ich null. Ich könnte jetzt schon wieder das nächste Album anfangen. Songs habe ich genug. Und es wiederholt sich auch nichts. Nicht wirklich. Es entwickelt sich weiter. Natürlich mache ich nichts weltbewegend anderes und verändere nicht meinen kompletten Stil. Aber dadurch, dass ich von der Gitarre komme und jeden Song von dort aus entwickle, fällt mir immer etwas ein. Jeder Gitarrist, der Bock hat, Gitarre zu spielen, kennt das. Ich kann mich nach dem Frühstück hinsetzen und habe irgendeine Idee. Früher hatte ich Kassetten voll davon, heute ist natürlich alles auf dem Handy. Es ist erstaunlich, wie viel aus diesen paar Tönen immer noch herauszuholen ist.
Zum 70. gab es ein Tribute-Album mit deinen Songs. Hast du dir das selbst zum Geburtstag geschenkt oder kam die Idee von außen?
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie das entstanden ist. Das war ein Mischmasch. Ich mache ja seit Jahren meine „Stoppok und Artgenossen“-Konzerte, bei denen Kollegen und Kolleginnen und ich gegenseitig unsere Songs anders interpretieren. So eine „Sing meinen Song“-Fassung in real, nicht aufgeblasen und aufgesetzt. Deshalb haben wir schon öfter darüber nachgedacht, daraus einmal einen Zusammenschnitt zu machen oder solche Interpretationen herauszubringen. Ich weiß gar nicht mehr, wer letztlich den Schlüsselgedanken hatte. Es war auf jeden Fall nicht so, wie Tribute-Alben normalerweise entstehen.
Wie meinst du das?
Normalerweise sitzt da irgendeine Company und sagt: Was machen wir denn jetzt an Promotion? Ah, der wird 70, dann machen wir doch ein Tribute-Album. Dann gucken wir, dass wir bekannte Namen draufhaben, und kommen damit wieder ins Gespräch. Das war hier überhaupt nicht so. Es hat sich aus der Community entwickelt. Das sind alles Leute, die ich kenne und die aus meinem Umfeld kommen.
Das Line-up ist trotzdem ziemlich bunt gemischt.
Ja. Ich unterscheide da auch nicht groß nach Genres. Ich finde jede Musik gut, wenn sie Seele hat, wenn die Leute gut sind und Bock darauf haben. Deshalb bin ich da ziemlich vielseitig unterwegs.
Ich sitze in Köln und musste bei der Platte über eine Sache lachen: Wie hast du es geschafft, dass sowohl Wolfgang Niedecken als auch Peter Brings Hochdeutsch singen?
Da war ich selbst überrascht. Ich habe sie jedenfalls nicht dazu gezwungen. Bei Peter Brings war es sogar genau andersherum. Von „Wenn du weggehst“ gibt es eine holländische Version aus den 90ern, die mir irgendwann wieder in die Finger gefallen ist. Und da dachte ich: Das könnte man doch auch schön auf Kölsch machen. Holländisch und Kölsch ist für mich als Norddeutschen nicht so weit voneinander entfernt. Das habe ich Peter tatsächlich vorgeschlagen. Ich habe gesagt: Mach doch „Wenn du weggehst“ auf Kölsch. Aber die haben gesagt, der Song sei so geil auf Hochdeutsch, dass sie ihn genau so machen wollen. Und mit Wolfgang haben wir darüber gar nicht gesprochen.
Wie viel freie Hand hatten die Musiker bei ihren Versionen? Hast du dich eingemischt?
Gar nicht. Sebel, unser Keyboarder, hat teilweise Sachen gemischt. Ich selbst hatte da eigentlich keine Aktien drin.
Hat eine der Versionen deinen Blick auf deine eigenen Songs verändert?
Überrascht hat mich eher das Gegenteil: Du kannst die Songs machen, wie du willst, und sie haben immer die gleiche Wirkung. Ich denke selbst gar nicht so sehr in Songs. Ich will in erster Linie Musik machen. Das ist vielleicht der Unterschied zu vielen, speziell deutschen Songwritern oder Sängern. Ich komme immer von der Musik her, habe Bock zu spielen und denke über einen Song nie so weit nach wie andere. Deshalb war ich angenehm überrascht, dass die Stücke auch dann als Songs ihre Berechtigung haben, wenn ich sie nicht singe.

Hoppla, Hoppla
„Menschen erreichen, die gerade Power brauchen“

Auf dem neuen Album fällt auf, wie viel es in den Texten um Gemeinschaft und um das „Wir“ geht.
Die Botschaft im Text ist ja letztlich nur in Worte gefasst. Für mich beginnt das schon vorher. Wenn etwas für mich musikalisch nicht stimmt, kann ich das genauso wenig vertreten.
Mit ‚Feine Ideen 2026‘ hast du einen älteren, politischen Song aktualisiert. Glaubst du, dass Songs heute tatsächlich noch politische Einstellungen verändern können?
Wir leben gerade in einer Zeit, in der viele Leute, die AfD wählen, sehr aufgewiegelt sind. Ich habe gerade einen Kommentar zu „Feine Ideen“ gelesen, in dem jemand das als „linkes Bückbürgertum“ bezeichnet hat. Dass ich alles am Staat kritisiere, soll also linkes Bückbürgertum sein. Daran siehst du: Solche Leute kannst du damit nicht erreichen. Aber du kannst die Menschen erreichen, die gerade Power brauchen, die das ähnlich sehen und sich fragen: Was für eine Scheiße läuft hier eigentlich ab? Die freuen sich über so einen Song. Denen gibt er das Gefühl, dass sie damit nicht alleine dastehen. Ganz einfach.
Ist eine so deutliche politische Positionierung für dich heute riskanter geworden? Bekommst du mehr negatives Feedback?
Da ich mich zum Glück nie einem großen Publikum angebiedert habe, merke ich davon in meinem Rahmen eigentlich nichts. Bei einer gewissen Größenordnung hast du automatisch viele Leute, die zu einem Konzert gehen, weil alle anderen auch hingehen. Die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, sind eher Individualisten mit einem eigenen Geschmack. Für die ist nicht wichtig, dass der Nachbar das ebenfalls toll findet. Die sagen: Ich finde das gut, und ob jemand anderes das gut findet, ist mir egal. Ich gehe da hin, weil ich das liebe.
Deine politischen Songs haben trotzdem häufig etwas Leichtfüßiges. Da steht selten jemand mit erhobenem Zeigefinger vor dem Hörer. Ist Humor gerade in politischen Debatten wichtig?
Absolut. Vor allem, wenn der Humor dich selbst mit einbezieht und nicht nur über andere geht. Wenn man sich manche Comedians anschaut, bestehen gefühlt 80 Prozent der Witze daraus, über andere zu lachen. Das finde ich verwerflich. In dem Moment, in dem du den Humor auch auf dich selbst beziehst und dich mit hineinholst, finde ich ihn total wichtig. Bei uns in der Familie war das früher sogar auf Beerdigungen so. Meine Oma hat das immer gesagt. Wir hatten eine große Verwandtschaft und entsprechend viele Beerdigungen. Und da wurde immer gelacht und gesoffen und alles. Meine Oma sagte dann immer: „Ohne Spaß geht keiner auf die Beerdigung.“ Das finde ich ziemlich auf den Punkt.

