Wegen zahlreicher Nachfragen: Der schöne E-Bass hinter den neuen Musikprodukten von Achim Seifert, Christian Frentzen, Jonas Sorgenfrei und Matthias Schwenglers Soulcrane ist ein sehr seltener Hopf Saturn 67, Baujahr 1965, made in Germany.
ACHIM SEIFERT: WOVEN STRINGS
Er ist Bandleader, Produzent, Komponist, Hochschullehrer und Bassist: Achim Seifert (*1985) hat mich in den vergangenen Jahren schon mit vier Alben überzeugt – ,Plans To Wake Up On The Beach‘ (2011), ,Noticed My Heart‘ (2014), ,Versus‘ (2018) und ,Dünyalar‘ (2023) – alle veröffentlicht als „Achim Seifert Project“ Jetzt hat er das Project beendet und bei ,Woven Strings‘ (2026) nur mit seinem Namen unterschrieben.
Seifert war in den vergangenen Jahren u.a. auch auf Alben von Max Mutzke, Udo Lindenberg, Annett Louisan, Leslie Clio, Trilok Gurtu, Eko Fresh und Flo Mega zu hören. Sein eigentliches Spielfeld ist aber der Jazz, immer wieder mit Bezügen zu ethnischer Musik. Achim Seiferts Vater, ein türkischer Schlagzeuger, hat ihn zur Kunst gebracht. Nach dem Abitur studierte er an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, anschließend erhielt er ein Stipendium, um sein Studium am Berklee College of Music in Boston fortzusetzen. 2010 gewann Achim den Nachwuchspreis „Future Sounds“ der Leverkusener Jazztage und 2016 wurde er für sein zweites Album ,Noticed My Heart‘ für den „Echo Jazz“ in der Kategorie „Bester Bassist National“ nominiert.
Sein neues Werk ,Woven Strings‘ ist prominent besetzt. Hayden Chisholm (sax), Frederik Köster (tp) Lars Duppler (p) und Rafa Müller (dr) zauberten gemeinsam mit dem Bandleader am E-Bass ein wirklich entspanntes Jazz-Album. Coole Musik, die wunderbar groovt, pulsiert, und die immer wieder mit instrumentalen Highlights begeistert, ohne vordergründige Dicke-Hose-Soli. Das Album wurde im vergangenen Jahr im Hamburger Clouds Hill Studio von Manfred Faust aufgenommen, der einen guten Job gemacht hat. Der sehr räumliche Sound des Quartetts – Trompeter Frederik Köster ist nur in einem Track zu hören – passt zur Musik, die immer auf Transparenz setzt.

„Dank unseres gemeinsamen Mindsets entstand in Studio eine sehr kreative und konzentrierte Atmosphäre“, erzählt Achim Seifert. „Das aufmerksame Zuhören und der Sound der einzelnen Musiker werden natürlich umso relevanter, wenn nicht so viel auf den Notenblättern steht.“ Auf Nachbearbeitung wurde bei dieser Produktion weitgehend verzichtet, das Ergebnis versteht Seifert als eine „Momentaufnahme“, ähnlich einem Konzertmitschnitt.
Achim Seiferts Basston ist warm und rund, seine Soli sind prägnant aber unaufdringlich. Er ist ein echter Band-Player, ihm geht es um die Musik, um Komposition, Interpretation und die Interaktion mit seinen Mitspielern. Er ist auch niemand, der seine Virtuosität in den Vordergrund stellt und mit Slap-Attacken schmerzhafte Erinnerungen an die nervenden 80er-Jahre weckt, in denen Bassisten eindeutig die anstrengendsten Mitmusiker waren – die männliche Form ist hier Absicht. 🤘😂 „Mir ist es wichtig, kein Bass-Solo zu spielen, sondern ein Solo zu einem Stück. Hinzu kommt, dass dem E-Bass im Jazz der melodische Ausdruck natürlich mehr liegt als dem Kontrabass.“
In Lars Dupplers Komposition ,The Last Days Of Night‘ ist seine knurrende Flatwound-Bass-Begleitung absolut originell und auf ganz eigene Art tragend. Sehr eigenwillig sind dann auch Seiferts sehr deepe HiSpeed-Licks in ,AT‘ mit Frederik Köster, die meiner Abhöranlage einiges abverlangen. Eine großartige Produktion – musikalisch wie klangtechnisch.
LIVE
09.11.2026 Leverkusen / Leverkusener Jazztage
25.11.2026 Hamburg / Fat Jazz
27.11.2026 Düsseldorf / Jazzschmiede
29.11.2026 Aachen / Dumont

CHRISTIAN FRENTZEN FEAT. NIR FELDER: PULSES
Sehr straight groovt die erste Nummer dieses Albums von Keyboarder Christian Frentzen, der hier mit Schlagzeuger Moritz Müller einen großartigen Energielieferanten an seiner Seite hat. An den Saiten sind mit Bassist Thomas Stieger und dem amerikanischen Gitarristen Nir Felder zwei weitere Könner. Letzterer hat u.a. mit Diana Krall, Brad Mehldau, Kamasi Washington, Chaka Khan, Meshell Ndegeocello, Esperanza Spalding und John Mayer gespielt. Er ist ein Fusion-Virtuose, mal mit crunchig komprimiertem Lead-Sound, dann wieder ein Jazzer mit cleanem Ton, mit interessanten Voicings und schwebenden Linien die aber auch mal extrem energetisch abjagen können.
Nir Felder ist für mich eine Neuentdeckung – und ein Gitarrist mit Spektrum, keine Frage. 2013 gewann er einen Grammy für seine Beteiligung an Schlagzeugerin Terri Lyne Carringtons Album ,Money Jungle: Provocative in Blue‘, das als „Bestes Jazz-Instrumentalalbum“ ausgezeichnet wurde. 2021 und 2023 wurde er vom US-Magazin „Downbeat“ zum „Rising Star Jazz Guitarist“ gewählt. Felder hat bisher drei Solo-Alben veröffentlicht und ist auch als Associate Professor am Berklee College Of Music in Boston tätig.
Als „Modern Jazz zwischen Electronica, Groove und virtuoser Improvisation … Organische Band-Performance trifft auf Synthesizer, Tape-Delays und elektronische Sounds“ ordnen die Künstler ihr Album ein. Christian Frentzen hat mit Till Brönner, Max Mutzke und Nils Landgren gespielt, kennt also die Grenzbereiche zwischen Jazz und dem Rest der Klangwelt. Auf ,Pulses‘ sind acht seiner Kompositionen zu hören, zum Teil in erweiterter Besetzung mit Roland Peil (perc), Marc Doffey (ts/fl), Chris Mehler (tp/flh) und Michael Theissing-Tegeler (tb). Und den Tracks hat er so einige analoge Effekte, etwas Drum-Computer und ein paar schöne Retro-Sounds verpasst.

Ganz analog klingt die Band dann in dem an die legendäre Formation Stuff erinnernden souligen Stück ,Only Time Will Tell‘, das eine sehr schöne Atmosphäre liefert, mit dem Bandleader am Piano und an der Hammond. Der Kontrast folgt dann direkt anschließend im spacig-funkigen ,Pulses‘, wieder mit dem superstraighten Moritz-Müller-Groove. Ein abwechslungsreiches Album.
LIVE
08.10.2026 – Medio Rhein-Erft, Bergheim
09.10.2026 – Jazzclub Minden
10.10.2026 – Jazzclub Double-Time, Hameln
11.10.2026 – Jazzclub A-Trane, Berlin
16.10.2026 – Jazz-Schmiede Düsseldorf

JONAS SORGENFREI QUINTET: LIVE
Vor einigen Wochen habe ich das Studio-Album von Jonas Sorgenfrei, ,Cracks In The Silence‘ hier vorgestellt – jetzt hat die Band um den Nürnberger Schlagzeuger & Bandleader mit Unterstützung des Bayerischer Rundfunk/BR Klassik ein 45-minütiges Live-Album eingespielt. Die Besetzung ist gleich geblieben: Florian Trübsbach (sax), Philipp Brämswig (g), Matthias Akeo Nowak (b) und der auch hier wieder mit extremer Energie beeindruckende Rainer Böhm am Piano. Vier lange Tracks zwischen 9 und 15 Minuten sind auf der neuen CD zu erleben, nur ,Reminiscing‘ stammt vom oben genannten Studio-Album; die anderen Stücke kommen von den früheren Alben ,Elephants Marching On‘ (2021) und ,Moods‘ (2022).
Saxophonist Florian Trübsbach und Pianist Böhm mit seinen an McCoy Tyner erinnernden Akkorden bringen hier im ersten Track John-Coltrane-Energie in die Musik. Aber schon im zweiten Stück ist die Atmosphäre eine ganz andere. Philipp Brämswig lässt Harmonien schweben und Matthias Akeo Nowak sorgt erst für grundtönige Bodenhaftung, aus der er dann nach und nach kurze Motive, dann mehr und mehr tragende Linien entwickelt, über die Jonas Sorgenfrei auf ganz eigene Art, sehr Becken-betont, Schlagzeug spielt. Der klassische Begleiter ist er hier wirklich nicht – und das ist mehr als gut so. Fünf beeindruckende Musiker und eine spannende Band. Das Album wurde für den Deutschen Jazzpreis 2026 in der Kategorie „Rundfunkproduktion des Jahres“ nominiert.

MATTHIAS SCHWENGLER SOULCRANE FEAT. LAURENT DERACHE: DARK
Beim Künstlerkollektiv-Label Klaeng-Records ist das neue Album von Trompeter Matthias Schwengler erschienen, der hier von zwei Musikern begleitet werden, deren Namen schon öfter bei www.guitar-player.com aufgetaucht sind: Gitarrist Philipp Brämswig und Kontrabassist Reza Askari sind ohne Frage kompetente kreative Kollegen. ,Dark‘ ist bereits das vierte Album von Matthias Schwenglers Soulcrane mit Brämswig und Askari, mit denen er seit elf Jahren im Trio spielt. In der Vergangenheit hat Schwengler aber immer wieder zusätzliche Gäste eingeladen – und diesmal kommt mit dem französischen Akkordeonisten Laurent Derache eine ganz spezielle Farbe in diese Musik. Dessen Instrument klingt hier irgendwie anders, weit weg von Volksmusik-, Chanson- und Bandoneon-Assoziationen. Und auch der pulsierende Kontrabass und die abwechslungsreichen Gitarrenbeiträge geben der Musik von ,Dark‘ Soundtrack-Flair.
Matthias Schwengler (*1986) stammt aus einer Familie von Bergarbeitern des Ruhrgebiets. Das grafisch sehr gelungene, auf zwei Grubenlampen basierende Cover-Motiv, abstrahiert in gewisser Weise die Kohle-Fördertürme und Hochöfen seiner Heimat. Die schneeweiße Vinyl-LP, die man im Cover findet, ist dann ein wirklich überraschender Kontrast. „Ich identifiziere mich stark mit dem Ruhrgebiet. Dort bin ich aufgewachsen, überall waren Kohleminen und Fördertürme. Mein Vater hat noch Grubenlampen, Helme und all die Karten von den Schacht-Labyrinthen zuhause“, erzählt Matthias Schwengler. „Man konnte früher von Bochum bis Düsseldorf unter Tage laufen. Einmal durfte ich auf 1100 Meter mit runterfahren. Völliger Wahnsinn.“

Aufgenommen wurde das sehr gut klingende Album im Mai 2025 in den Hansahaus Studios, Bonn von Nico Raschke. Ein wirklich eingängiges, jazziges Heimatgemälde in überraschenden Farben. Hier klingt der Ruhrpott so, wie er erlebt wurde – gegen alle Klischees.
Der legendäre Fernsehfilm „Smog“ von 1973, in dem Regisseur Wolfgang Petersen und Drehbuchautor Wolfgang Menge eine Umweltkatastrophe im Ruhrgebiet inszenierten, kam damals weitgehend ohne dramatische Filmmusik aus, da er als realistische Pseudo-Reportage angelegt war. Die eher friedliche, harmonische und oft sehr nachdenklich klingende Musik von Soulcrane würde sich für einen kontrastierenden Remix dieses Film-Klassikers anbieten.



