Mit „Nothing Left Behind“ schlägt Danny Bryant ein neues Kapitel auf – und zwar das nach eigener Aussage bislang persönlichste. Das Album erscheint am 23. Januar 2026 bei Jazzhaus Records und zeigt den britischen Gitarristen und Singer-Songwriter, seit mehr als zwei Jahrzehnten feste Größe im europäischen Bluesrock, in einer ungewöhnlich offenen, zugleich aber kraftvollen Verfassung. „Das Album handelt von meiner Rehabilitation und davon, wie ich mein Leben verändert habe“, wird Bryant im Begleittext zur Platte zitiert. Dabei ist „Nothing Left Behind“ alles andere als ein düsteres Werk: „Es ist ein eher positives und motivierendes Album geworden“, betont Bryant. Musikalisch bedeutet das keine Abkehr, sondern eine bewusste Weiterentwicklung – „eine Evolution“, wie er es nennt: größer, farbiger, dynamischer, mit Arrangements, die den charakteristischen Bryant-Sound erweitern, ohne ihn zu verleugnen.
Dass diese Platte so geschlossen und zugleich so breit wirkt, hat viel mit dem Bandgefühl zu tun. Bryant versteht „Nothing Left Behind“ nicht als Solowerk, sondern als Teamalbum: Jeder der fünf Musiker konnte hörbar eigene Akzente setzen – und genau das war auch der Anspruch im Studio. Die Songs sollten live funktionieren, ohne Kompromisse, ohne aufgesetzte Studiomagie. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei Gitarrist und Booker Marc Raner ein, der bei den finalen Aufnahmen und in der Postproduktion als Produzent fungierte und die Vision konsequent in Form brachte – unterstützt von Toningenieur Martin Meinschäfer (u. a. bekannt durch seine Arbeit mit Henrik Freischlader). Bevor es in ein paar Tagen mit der großen Tournee losgeht, sprechen Bryant und Raner im Interview über die international besetzte Band, den Entstehungs- und Aufnahmeprozess der Platte und über ihr favorisiertes Equipment.
Interview
Internationale Selbermacher
Ihr seid eine britisch-deutsch besetzte Band. Wo habt ihr euer „Headquarter“, wo probt ihr?
Marc: Wir treffen uns meistens in Hamburg, weil der Drummer und der Bassist von dort kommen. Schon am kommenden Montag sehen wir uns wieder da, bevor wir auf Tour gehen.
Danny, wie kam es eigentlich dazu, dass du deutsche Musiker in der Band hast?
Danny: Das war ein ziemlich organischer Prozess. Unser Keyboarder Jamie Pipe kommt aus UK. Marc und ich spielen seit über zehn Jahren zusammen in der Big Band – wir sind Freunde und Kollegen. Und vor ein paar Jahren hatte ich den Wunsch in einem Quintett weiterzumachen und habe Marc gefragt, der dann Alex Hinz und Artjom Feldtser gefunden hat. Marc kann das wahrscheinlich besser erzählen.
Marc: Der große Punkt war: Nach dem Brexit sind die Kosten in die Höhe gegangen. Es war kaum noch möglich, mit dem ganzen Aufwand – Zoll, Formulare etc. – nach Europa zu kommen, ohne riesige Zusatzkosten. Und das Fliegen aus dem UK wurde ebenfalls komplizierter, erst recht bei Big-Band-Shows mit acht oder neun Leuten. Dann kamen Visa-Themen hinzu – und das hat es sehr schwierig gemacht, so weiterzumachen wie vorher. Eine Idee war deshalb, Musiker in der EU zu finden. Zum Glück habe ich Alex und Artjom gefunden, die ich aus Hamburg kannte. Und am Ende war die Band besser als je zuvor. Wir haben eine super Chemie, jeder hat seine Rolle und das hört man auch auf dem Album.
Marc, du hast aber auch eine Art Dreifachrolle mit Booking, Producing und als Gitarrist…
Marc: Ja, ich mache viel, aber immer mit Support von den anderen. Es ist nicht so, dass einer nur „sein Ding“ macht. Und beim Produzieren ist es ja so: Irgendwer muss es machen – und diesmal war ich es. Wir haben im April im Hamburg eine Vorproduktion gemacht, und da hat Danny praktisch die Richtung vorgegeben, die Songs angebracht und damit das Fundament gelegt. Im Juli waren wir dann im Studio in Arnsberg mit Martin Meinschäfer als Engineer und Mixer. Da musste jemand den Überblick behalten – und das habe ich übernommen.
Danny: Und es hat Spaß gemacht. Du hast einen super Job gemacht, Marc.
Im Studio
Wie lief denn die Studioarbeit konkret? Habt ihr live zusammen eingespielt?
Danny: Das Studio war so aufgebaut, dass es möglich war, und wir haben es auch teilweise so gemacht. Aber es ist kein komplettes „live to tape“-Album. Viele Basic Tracks sind live entstanden, aber Marc hat viele Layer dazugebaut. Ich habe Soli und Vocals meistens später aufgenommen. Es ist nicht übermäßig „slick“, aber auch nicht komplett roh. Meine Platte Rise war sehr studio-produziert, andere Alben waren fast komplett live im Studio. Diesmal war es ein Mittelweg. Und weil wir als Quintett live spielen, können wir das auch auf der Bühne genau so reproduzieren – das war nicht immer so. Das hatten wir im Hinterkopf, als wir aufgenommen haben.
Marc, wie kommuniziert man als Producer mit sich selbst – wenn man gleichzeitig der Gitarrist ist?
Marc: (lacht) Du musst hart zu dir selbst sein. Wenn du mit den anderen im Raum bist und die Basic Tracks aufgenommen werden, musst du dein eigener Kritiker sein. Wenn du einen Fehler machst, machst du es nochmal. Aber wir hatten nie die Situation, dass wir etwas komplett verhauen haben. Es ging sehr schnell im Studio – ein oder zwei Tracks pro Tag, also Basic Tracks, mit ein bis drei Takes. Die Vorproduktion war dafür ein großer Vorteil, weil jeder zu Hause vorbereitet war. Und: Jeder von uns kann spielen. Wir standen im Kreis, hatten Blickkontakt. Viel passiert in dem Moment, in dem du spielst – du motivierst dich gegenseitig, bekommst sofort Feedback. Das hat super funktioniert.
Danny: Und es hilft natürlich auch, dass wir live viel zusammen spielen. Diese Blickkontakte, diese kleinen Signale… Ich entscheide manchmal spontan, dass ein Solo länger geht oder dass ein Song abrupt stoppt – die sind daran gewöhnt. Oder an meine halbherzigen Nicks, wenn ein Wechsel kommt. Das hilft extrem, wenn man viel zusammen auf Tour ist.

Habt ihr die neuen Songs vor der Aufnahme schon live getestet?
Danny: Enemy Inside haben wir live gespielt, bevor wir es aufgenommen haben. Es gab ein Festival zwischen den Recording-Terminen, da haben wir’s ein paar Mal gespielt. Und Tougher Now, die erste Single, spielen wir schon seit Ende letzten Jahres live. Auf der Tour werden wir neun Songs vom neuen Album spielen.
Auf dem Album ist mit Nothing Man von Bruce Springsteen auch ein Cover-Song. Wie kam es dazu?
Danny: Interessante Geschichte. Marc und ich schicken uns ständig Songs – nicht unbedingt zum Covern, eher so: „Hör dir das an!“ Wir reden viel über bestimmte Artists: Dylan, Springsteen. Es gibt Phasen und Perioden, die wir beide mögen, und wir empfehlen uns gegenseitig Sachen. Marc hat mir diesen Song geschickt – er wusste, dass ich ihn kenne, weil wir viel darüber gesprochen hatten – und fragte: „Was hältst du davon?“ Ich meinte: „Einer meiner absoluten Lieblingssongs.“ Und plötzlich haben wir ihn im Studio gemacht. Ich kam rein, und die Band hatte dieses wunderschöne Backing schon aufgenommen. Da war es fast zu spät, nein zu sagen. Ich bin sehr froh, dass wir ihn gemacht haben – aber ich war nervös, weil ich großen Respekt vor dem Song habe und ihn wirklich liebe. Wir würden nie irgendeinen Random-Hit covern, nicht so was wie Born In The USA. Aber dieser Song hat gut ins Album gepasst.
Marc, du hast also das Backing aufgenommen, ohne dass Danny es wusste. Warst du sicher, dass er’s machen wird?
Marc: Ich wusste einfach: Irgendwann kommt im Studio der Moment, wo man sagt: „Packen wir ein Cover aufs Album?“ Und wir waren früher nie vorbereitet. Beim letzten Album Rise haben wir I Want You von Bob Dylan gemacht, und da war das eine Last-Minute-Entscheidung im Studio. Diesmal wollte ich etwas „in der Tasche“ haben. Natürlich muss Danny als Sänger sich wohlfühlen damit. Deshalb habe ich ihm den Song geschickt, um zu hören, was er denkt. Im Studio haben wir dann die Basic Tracks aufgenommen, und als Danny mittags reinkam, war der Song schon recorded. Danach kamen Overdubs, Martin hat schön editiert – und am Ende wurde das richtig gut. Ich bin sehr happy damit.

Guitars, Amps & Pedals
Lasst uns über Gitarren sprechen. Ihr seid ziemlich Fender-lastig, oder?
Danny: Ich fang mal mit mir an: Auf dem Album habe ich eine ’57 Reissue Strat benutzt – Custom Shop, etwa 1989. Das war, glaube ich, die erste Limited Release, die der Custom Shop je gemacht hat. Ich habe sie vor zehn oder fünfzehn Jahren refretten lassen, und das hat den Hals irgendwie ruiniert. Ich war bei einem Gitarrenbauer, der meinte, der Hals sei nicht mehr zu retten. Letztes Jahr habe ich sie dann zu einem Typen in meiner Gegend gebracht, der an meinen Gitarren arbeitet, und er sagte: „Klar kann ich das reparieren.“ Seitdem ist das wieder meine Hauptgitarre. Ich bin sowieso nicht der Typ, der live ständig wechselt. Ich hab viele Gitarren, aber das ist mein Hauptinstrument. Und im Studio hatten wir noch eine ’59 Reissue Les Paul von Martin Meinschäfer, ich glaube, es war eine Tom-Murphy-Aged.
Marc: Ich habe deutlich mehr benutzt, auch weil Martin im Studio so viele Gitarren hatte. Da waren alte Jazz-Gitarren und eben auch die Les Paul, von der Danny spricht. Live spiele ich hauptsächlich Gibson Explorer. Ich habe ein 2018er-Modell, das ich komplett weiß umlackiert habe, weil ich dieses Natural Finish nie mochte. Dann habe ich noch eine 70s Explorer, die Gibson irgendwann wieder rausgebracht hat, und eine Dommenget Mastercaster. Dann habe ich noch eine Telecaster, klassisch, simpel, 60s-Style, etwa zehn Jahre alt. Ich habe neue Tonabnehmer eingebaut, Fender Vintage ’64 Pickups, und jetzt klingt die richtig gut. Diese Tele ist viel auf dem Album zu hören. Und auf vielen Songs habe ich auch meine PRS Silver Sky benutzt, die hat einen richtig „beefy“ Sound für eine Strat-Style-Gitarre. Und live ist sie super zuverlässig.


Wie sieht es mit Amps aus?
Marc: Martin hatte viele Amps dort. Wir hatten einen JTM45. Dann einen alten Jennings AC40 – das war richtig gut. Jennings war, glaube ich, ursprünglich jemand aus dem Vox-Umfeld, der dann in den 60ern seine eigene Linie gebaut hat. Fantastischer Amp. Für Clean-Sachen gab es noch einen Vibrolux. Und mein Vibrasonic war auch dabei.
Danny: Das Schöne an dem Raum war: Wir konnten die Amps richtig aufreißen und in einen anderen Raum stellen. Dieser Jennings … Les Paul rein, voll aufgerissen. In kleinen Clubs unmöglich, im Studio perfekt.
Welche Pedale habt ihr verwendet?
Danny: Bei mir ist es simpel: Soldano SLO-100 als Drive-Pedal, und zwar das neuere mit zwei Kanälen. Dazu Delay und ein bisschen Chorus, der immer an ist, damit es breiter wird. Das war’s im Grunde. Aber ich habe auf einem Song auch ein altes Phaser-Pedal benutzt… Marc: Ja, auf Lover Like You hört man es gut. Ich habe es auf dem Rhythm-Part gespielt, Danny auf dem Lead. Das ist ein altes Phaser-Pedal, das Martin im Studio hatte – und du musst das wirklich bearbeiten wie ein Wah sozusagen. Ansonsten gab es bei mir ein CE-2 Chorus, auch ein Soldano SLO, dazu ein Wah. Aber insgesamt ziemlich straight: direkt in den Amp, und der Rest kam von Martin.


Dann reist ihr auf Tour vermutlich auch nicht mit so viel Equipment…
Danny: Wir nehmen zwei oder drei Gitarren pro Person mit. Und wir haben den Luxus, dass wir uns auf der Bühne aushelfen können – wir können Gitarren untereinander tauschen, wenn nötig. Also haben wir praktisch fünf oder sechs Gitarren auf der Bühne.
Marc: Danny wird zwei Gitarren dabeihaben, ich fünf. Und jeder hat einen Amp, plus einen Ersatz-Amp. Und Pedalboards natürlich auch. Alles analog. Artjom hat übrigens immer zwei Bass-Amps dabei, einen für kleinere Clubs, einen für größere.
Tourdaten
20.01. Bremen, Meisenfrei Blues Club
22.01. Münster, Hot Jazz Club
23.01. Rheinberg, Schwarzer Adler
24.01. Torgau, Kulturbastion
25.01. Berlin, Frannz Club
27.01. Hamburg, Nica Jazz Club (Bigband Show)
28.01. Bonn, Harmonie (Bigband Show)
29.01. Dortmund, Musiktheater Piano (Bigband Show)
30.01. Freudenburg, Ducsaal
31.01. AT-Rankweil, Altes Kino
01.02. München, Backstage
03.02. CH-Lyss, Kufa (Bigband Show)
05.02. CH-Aarburg, Musigburg
06.02. Burglengenfeld, VAZ
07.02. Freiburg, Jazzhaus (Bigband Show)
20.03. Siegen, Vortex Surfer Musikclub
21.03. Seelow, 13. Bluesrock Fest (Bigband Show)
26.03. CH-Rorschach, Industrie 36 (Bigband Show)
27.03. Bad Reichenhall, Magazin 3
28.03. Neustadt/Orla, Wotufa-Saal (Bigband Show)

