Deckenbeleistung: Das Geheimnis unter der Gitarrendecke

Deckenbeleistung Akustikgitarre Titelbild

Beim Betrachten einer Akustikgitarre sieht man zunächst die Dinge, die ihren Charakter ausmachen: Korpusform, Hölzer, Hals, Lackierung, Steg und ihr Design. Allerdings ist dies nicht alles. Auch im Inneren der Gitarre spielt sich so einiges ab, was letztendlich einen hohen Effekt auf ihren Klang hat. Direkt unter der Decke befindet sich nämlich ein System aus Holzleisten. Im Deutschen ist diese Konstruktion als Deckenbeleistung oder -verstrebung bekannt, im Englischen als Bracing. Auch wenn sie im Verborgenen arbeiten, erfüllen sie dennoch wichtige Aufgaben: Sie stabilisieren die Gitarrendecke und beeinflussen außerdem, wie sie schwingt.

In diesem Beitrag erfährst du, was die Deckenverstrebung leistet und wie Hersteller sie im Laufe der Zeit weiterentwickeln.

Warum braucht eine Akustikgitarre überhaupt eine Deckenbeleistung?

Wirft man einen Blick von schräg oben in das Schallloch, fällt auf, dass eine Gitarrendecke eigentlich sehr dünn ist. Bedenkt man, dass die Saiten beim Anschlag erhebliche Kräfte auf Steg und Decke ausüben, wird relativ schnell klar, dass die lediglich zwei bis drei Millimeter dicke Decke das nicht dauerhaft aushält. Bereits nach kurzer Zeit würde sie sich nach oben wölben und sogar Risse bekommen.

Da kommen die Holzleisten ins Spiel. Sie werden auf der Innenseite der Gitarrendecke verleimt und stabilisieren diese. Dabei müssen Gitarrenbauer natürlich darauf achten, dass das Beleistungssystem die Schwingung der Decke nicht beeinträchtigt. Schließlich ist sie maßgeblich für die Klangproduktion einer Akustikgitarre verantwortlich.

Hier beginnt die Kunst des Gitarrenbaus. Gitarrenbauer müssen den Spagat zwischen Stabilität und Schwingungsfreude schaffen, um eine Gitarre sowohl robust als auch klanglich überzeugend zu gestalten.

Schallloch einer Akustikgitarre
Die Decke einer Akustikgitarre ist nur wenige Millimeter dick. (Bild: Taylor)

Der Einfluss auf den Klangcharakter

Da die Deckenbeleistung das Schwingungsverhalten der Decke beeinflusst, wirkt sie sich natürlich auch auf den Klang der Gitarre aus. Näheres zur Klangproduktion einer Akustikgitarre erfährst du übrigens auch im Beitrag Wie eine Akustikgitarre Klang erzeugt. Dabei ist die Position der Leisten entscheidend, ihre Anordnung, Höhe, Breite, und sogar das verwendete Holz. Auch kleinere Veränderungen können Auswirkungen auf die Bewegung der Decke haben.

X-Bracing Akustikgitarre
Das X-Bracing bewährt sich bis heute. (Bild: Martin)

X-Bracing: der Klassiker der Westerngitarre

Westerngitarren sind häufig mit dem sogenannten X-Bracing ausgestattet. Wie der Name vermuten lässt, kreuzen sich dabei die wichtigsten Leisten unter dem Schallloch zu einem X. Entwickelt wurde diese Form der Deckenbeleistung angeblich vom Gründer der Firma Martin Guitars, C. F. Martin Sr., ganz gesichert ist dies jedoch nicht. Sicher ist allerdings, dass sich das X-Bracing bis heute bewährt hat und eine hohe Stabilität mit guten akustischen Eigenschaften verbindet.

Natürlich experimentieren Hersteller gerne hiermit, um verschiedene klangliche Nuancen hervorzuheben. So verwendet beispielsweise Martin häufig das Forward Shifted X-Bracing. Hier befindet sich die Kreuzung der Leisten näher am Schallloch, wodurch ein größerer Bereich der Decke freier schwingen kann. Daraus resultiert eine stärkere Basswiedergabe und ein durchsetzungstärkerer, wärmerer Klangcharakter.

Scalloped X-Bracing
Tiefer geschliffene Leistenbereiche beim Scalloped Bracing. (Bild: Martin)

Scalloped Bracing: gezielt Material entfernen

Seit einigen Jahren stößt man in den Specs Sheets von Westerngitarren immer häufiger auf den Begriff Scalloped Bracing. Bestimmte Bereiche der Leisten werden hierbei gezielt tiefer geschliffen und befinden sich letztendlich nicht mehr gleichmäßig auf einer Höhe wie bei der traditionellen Beleistung. Fehlt Masse an gewissen Stellen, verringert sich entsprechend auch die Steifigkeit der Deckenbeleistung, was die Schwingungsfähigkeit der Decke und damit die Lautstärke der Gitarre logischerweise erhöht. Scalloped bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Gitarre besser oder lauter klingt. Schließlich ist nicht allein die Verstrebung für den Klang verantwortlich. Vielmehr entsteht dieser aus einem Zusammenspiel verschiedenster Komponenten wie Korpusgröße, Tönhölzern und mehr.

Und wie sieht die Deckenbeleistung bei Konzertgitarren aus?

Konzertgitarren verfügen meist über leichter konstruierte Deckenbeleistungen, da Nylonsaiten weniger Zugkraft auf die Decke ausüben als Stahlsaiten bei Westerngitarren. Besonders bekannt ist die Fächerbeleistung, im Englischen als Fan Bracing bekannt. Unterhalb des Schalllochs verlaufen dabei mehrere vergleichsweise leichte Leisten fächerförmig über die Decke.

Doch auch hier wird fleißig geforscht, weshalb inzwischen zahlreiche andere Systeme existieren. Dazu zählt das Lattice Bracing, bei dem die Leisten gitterförmig angeordnet werden.

Fächerbeleistung
Der Klassiker bei Konzertgitarren ist die Fächerbeleistung. (Bild: Taylor)

Moderne Bracing-Konzepte

Auch wenn sich X- und Fan Bracing zweifelsohne bewährt haben, ist die Entwicklung keineswegs abgeschlossen. Die Leidenschaft treibt Gitarrenbauer an, ihre Instrumente fortwährend zu optimieren und immer das Beste aus ihnen herauszuholen. So gibt es mittlerweile asymmetrische Konstruktionen, die neue Facetten hervorheben. Darüber hinaus entwickeln Hersteller vollkommen eigene Systeme.

In den letzten Jahren sticht hierbei besonders Taylor Guitars mit dem hauseigenen V-Class Bracing hervor, das auch unter etablierten Künstlern für Begeisterung sorgt. Diese Art der Deckenverstrebung verfügt über v-förmig angeordnete Leisten, die Klangvolumen, Sustain und Intonation verbessern. Mittlerweile stellt Taylor das V-Class Bracing sogar in einer Scalloped-Variante her, die bis Stand jetzt in der Next Generation Series verbaut wird. Hieran lässt sich gut erkennen, dass auch der Gitarrenbau niemals stillsteht.

Ein Blick ins Innere lohnt sich

An der Deckenbeleistung lässt sich wunderbar erkennen, was für ein komplexes Gebilde die Akustikgitarre eigentlich ist. Unter der sichtbaren Holzdecke verbirgt sich eine Konstruktion, bei der wenige Millimeter einen Unterschied machen können. Tauche beim nächsten Mal also gerne unter die Oberfläche und wirf einen Blick in das Schallloch. Was du dort erkennst, erzählt dir eine ganz neue Geschichte über deine Akustikgitarre. Denn neben Korpus, Hölzern, Mensur und mehr verleiht auch die Deckenbeleistung einer Gitarre ihre Stimme.

Titelbild: Joseph Brent (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en)

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