Von Anfang an dabei: Gibson ES und der Rock ’n‘ Roll
Während die Musikwelt der Vierzigerjahre noch ganz klar von der damals vorherrschenden Spielart des Jazz und Blues geprägt war, bahnte sich mit den aufkommenden Fünfzigerjahren eine wahre Revolution an, die den Sound des 20. Jahrhunderts nachhaltig veränderte: Der Rock ’n‘ Roll war geboren. Dieser radikale Umbruch, der einen völlig anderen Spielstil erforderte und gänzlich andere Anforderungen an das Instrument stellte, bildete sich auch schon bald sehr deutlich sichtbar im ES-Sortiment des Gitarrenherstellers Gibson ab.
Der frühe Rock ’n‘ Roll zeichnete sich zunächst als Sammelbecken unterschiedlichster Spielweisen aus. Gitarristen wie der renommierte Fingerpicker und Elvis-Gitarrist Scotty Moore ließen klassische Country-Einflüsse à la Chet Atkins in die neue Stilrichtung einfließen, der „Father of Rock ’n‘ Roll“ Chuck Berry brachte hingegen deutliche Anleihen des Rhythm and Blues ein, die er mit dem Plektrum gespielt in seinen ikonischen Bendings und Double-Stops verarbeitete.
C für Cutaway, T für Thinline
Die in den Fünfzigerjahren eingeführten ES-Modelle setzten sich recht deutlich von den ersten ES-Gitarren in Archtop-Bauweise ab und brachten zwei grundlegende Änderungen mit sich: Die erste Anpassung war der Cutaway, der einen ‚Wegschnitt‘ eines Teils der unteren Korpushälfte unter dem Griffbrett bedeutete und das Spiel in den höchsten Griffbrettlagen vereinfachte. Hierbei wurde zunächst zwischen zwei Formen unterschieden: Der spitz ausgeführte florentinische Cutaway, wie er im Rahmen der ES-175 oder ES-295 zum Einsatz kam, und der von der Super 400 bekannte venezianische Cutaway mit abgerundetem Design.

Die eigentliche Revolution im noch jungen E-Gitarrenbau stellte allerdings die Thinline-Bauweise mit geringerer Zargenbreite dar, die sich im Laufe der Fifties zunehmend durchsetzte. Dies hatte zwei wichtige Gründe: Zum einen geriet das Korpusvolumen einer Gitarre mit Magnettonabnehmern immer weiter in den Hintergrund und wurde aufgrund der höheren Feedback-Anfälligkeit auf höheren Bühnenlautstärken sogar eher als störend empfunden. Zum anderen wurden die Bühnen-Performances der jungen Rock-Musiker wie Chuck Berry und Little Richard immer akrobatischer, was den schlankeren Thinlines natürlich zusätzliche Vorteile bescherte.
Diese beiden Optionen wurden im ES-Sortiment durch die Abkürzungen C und T repräsentiert, während ein angehängtes D für „Double Pickup“ stand. So wurde an Modellbezeichnungen wie der Gibson ES-125 TDC erkennbar, dass das Instrument über einen Thinline-Korpus, eine doppelte Tonabnehmerausstattung und einen Cutaway verfügt.
Gibson ES-335 – die erste Thinline

Als erste serienmäßig produzierte Thinline Semi-Hollow E-Gitarre gilt die Gibson ES-335, die im Jahr 1958 vorgestellt wurde und vielen Gitarristen wohl als prominenteste Vertreterin der ES-Serie bekannt sein dürfte. Die ES-335 schaffte nämlich als erste E-Gitarre den Spagat zwischen der als reine Solidbody-E-Gitarre konzipierten Les Paul von 1952 und den früheren Halbresonanzgitarren der Vierzigerjahre. Das Resultat ist eine enorm flexibel einsetzbare E-Gitarre, mit der sich auch höhere Lautstärken und Gain-Settings rückkopplungsfrei bestreiten lassen, ohne hierfür das markant warme Akustik-Timbre von Hollowbody-Instrumenten einbüßen zu müssen. Kein Wunder also, dass sich die ES-335 bis zum heutigen Tag ungebrochener Beliebtheit unter Gitarristen jeglicher Genres erfreut.
Kurz darauf folgten weitere berühmte Ausführungen der ikonischen 335, die in Händen zahlreicher Gitarrenlegenden unsterblich wurden. Es existierten zahlreiche weitere Ausführungen, wie z. B. die ES-345 mit Stereo-Ausgängen oder die ES-355 als ‚Deluxe‘-Version mit Vibrola-Option und optischen Verzierungen. Das berühmte Beispiel dürfte aber sicherlich B. B. Kings ‚Lucille‘ darstellen, die in der Regel durch einige ES-355-Derivate im pechschwarzen Ebony-Finish verkörpert wurde.
Ein weitere bekannte Vertreterin ist die seit 1964 von Trini Lopez gespielte Gibson Trini Lopez Standard. Ebenfalls auf dem 335-Design basierend, bietet die Trini Lopez Standard abgewandelte F-Löcher in Diamond-Form und eine 6-in-Line-Kopfplatte statt der sonst üblichen 3+3-Kopfplattenanordnung. Originale Produktionsmodelle mit Baujahr 1964 bis 1971 gelten bis heute als äußerst begehrte Sammlerstücke, zu deren Fans berühmte Gitarristen wie Dave Grohl und Noel Gallagher zählen.

CS-336 & ES-339 – Gibson ES im 21. Jahrhundert
Modernere Abwandlungen der ES-335 stellen die Modelle ES-339 und CS-336 dar. Ursprünglich im Jahr 1996 als ES-336 eingeführt, ist das Instrument im Endeffekt eine in ES-335-Bauweise gefertigte E-Gitarre mit kompakteren Korpus-Dimensionen, die das Handling des Instruments in Richtung Les Paul rückt und entsprechend wendigere Spieleigenschaften aufweist. Als besonderer Exot erblickte die CS-336 im Jahr 2001 das Licht der Welt. Das von der damaligen Art & Historic Division entworfene Instrument war die erste sogenannte ‚Tonally Carved‘ E-Gitarre, deren Korpus sich nicht aus separaten Elementen zusammensetzt, sondern stattdessen aus einem massiven Mahagonistück gefräst wird. Obwohl das Modell heutzutage nur selten auf Bühnen in Erscheinung tritt, kommt ihm trotzdem eine besondere historische Bedeutung zuteil: Die CS-336 erfüllte nach über 100 Jahren endlich den Wunsch des Unternehmensgründers Orville Gibson, ein Instrument mit einteiliger Boden- und Zargenkonstruktion zu fertigen.