Sami Yli-Sirniö steht als finnischer Export in einer der größten deutschen Thrash-Institutionen seit Jahren für die Verbindung aus messerscharfer Rhythmusarbeit und melodisch durchkomponierten Leads: technisch präzise und absolut energiegeladen. Gleichzeitig zeigt die Laufbahn des 53-Jährigen, dass sein musikalisches Zuhause nicht nur im Hochgeschwindigkeits-Metal liegt, sondern auch in atmosphärischeren, harmonisch offeneren Klangwelten, wie er in Bands wie Barren Earth oder Waltari zeigt.
Am 16.1. erscheint mit Krushers Of The World das inzwischen siebte Kreator-Album unter Beteiligung von Yli-Sirniö. Im April geht die Kombo aus dem Ruhrpott dann auf ausgedehnte Deutschland-Tournee. Und auch wenn die Sprachkenntnisse des Finnen nach eigener Aussage immerhin für „Straßendeutsch“ reichen, führten wir das Interview auf Englisch und befragten Sami Yli-Sirniö zu Themen wie Studioaufnahmen, seinen Stil, Gitarren-Equipment und Gitarrenausbildung.

Interview
Sami, mich hat beim Hören von Krushers Of The World neben der Energie vor allem die Vielfalt in deinen Soli beeindruckt. Wie sehr hört man in deinem Spiel noch, dass du ursprünglich von der klassischen Gitarre kommst?
Als ich angefangen habe – so mit 13 oder 14 – hat ein Freund mich gefragt, ob ich mit ihm ein paar Gitarrenstunden nehmen will. Und der Lehrer dort meinte zu mir: „Warum gehst du nicht mal nach oben?“ Dort war das Konservatorium in Helsinki. Er hat mich ermutigt, es dort zu versuchen. Ich habe dann ein Stück geübt, von dem er wollte, dass ich es dort vorspiele. Und ich hatte Glück. Ich war ja noch ein Kind, also waren sie sehr freundlich zu mir und meinten: „Hey – du musst hier anfangen.“ Und dann war ich ein paar Jahre dort.
Danach habe ich aus irgendeinem Grund auch versucht, ans Pop- und Jazz-Konservatorium in Helsinki zu kommen. Da war ich dann ungefähr drei Jahre oder so. Aber ich habe nie einen Abschluss gemacht, weil es damals schon mit Shows meiner Band losging. Aber es hat Spaß gemacht und es war, wie du dir vorstellen kannst, sehr hilfreich, ein bisschen zu studieren.
Findest du es nicht auch seltsam, dass man bis heute, wenn man Gitarre studieren will, im Grunde nur zwischen Klassik und Jazz wählen kann?
Ja. Vor allem damals, zumindest hier in Finnland. Heute weiß ich, dass Leute zum Beispiel in den USA, etwa am Berklee College of Music, sogar Dinge wie Metal studieren können. Aber damals – wir reden von späten Achtzigern, frühen Neunzigern – waren die Institutionen eher auf klassische Musik ausgerichtet oder eben auf Jazz und Pop. Vielleicht sind das die Arten von Musik, von denen man dachte, dass sie ein bisschen mehr verlangen. Aber Metal verlangt auch eine Menge. Im Grunde ist Metal wie Klassik.
Absolut. Und gerade in deinem Spiel höre ich einige klassische Einflüsse. Würdest du da zustimmen?
Ja. Das habe ich damals über eine Band namens Kingston Wall entdeckt. Das waren hier in Helsinki Local Heroes. Bei denen habe ich gemerkt: „Moment, der spielt A Harmonisch Moll, während der Song eigentlich in E läuft.“ Das klingt richtig gut und ein bisschen bedrohlich. Und das funktioniert immer, wobei man es natürlich auch nicht übertreiben darf. Aber im Metal funktioniert es sehr gut, weil es eine bedrohliche, mysteriöse Stimmung erzeugt.
Wie schreibst du deine Soli?
Das hängt von sehr vielem ab. Wenn es ein Thema im Song gibt, ein Riff oder Akkorde und eine Melodie, dann basiert das Solo oft darauf und auf Variationen davon. Manchmal sind die Soli komponiert und manchmal hat Mille in seinen Demos schon Grundideen, wie ein Solo anfangen könnte. Dann picke ich mir raus, was passt und ändere es so ab, dass es nach mir klingt. Oft sage ich auch zu ihm: „Warum spielst du es nicht einfach selbst?“ Und dann sagt er: „Nein. Nein. Nein. Du spielst das.“
Wie sieht es live aus, improvisierst du da oder sind die Soli komplett festegelegt?
Ein bisschen. Das hängt auch vom Solo ab. Wenn wir an den Titelsong „Krushers Of The World“ denken, der basiert auf Improvisation. Und im Studio macht man ja eh mehrere Takes aus denen man das Beste zusammenbaut. Und wir haben ja auch einen Bassisten, der ebenfalls Gitarrist ist. Als wir die Demos gemacht haben, haben wir drei Wochen in einem Airbnb gelebt, nach den Proben haben wir weiter an den Songs gearbeitet. Und er hatte auch Ideen. Ideen kommen von überall: von Mille, von Fred, aus Improvisationen, beim Komponieren von Soli. Und manchmal hat auch der Producer etwas dazu zu sagen. Das ist der Schwede Jens Bogren, und auch er ist Gitarrist. Jeder spielt Gitarre, weißt du. Ich habe neulich ein TikTok gesehen, da hieß es, ungefähr 15% der Weltbevölkerung seien Gitarristen. Das kann doch nicht stimmen. Was meinst du?
Hängt davon ab, ab wann man jemanden als Gitarristen bezeichnen kann.
Wenn man damit sein Geld verdient? Aber vielleicht kann man sich schon Gitarrist nennen, wenn man Zeit damit verbringt und vor Leuten spielt. Das reicht doch schon.
Ich habe mir den Wacken-Auftritt von 2023 angesehen und mir ist aufgefallen, dass du beim Solieren ziemlich oft mitsingst, jedenfalls bewegen sich deine Lippen. Machst du das absichtlich? Ist dir das bewusst?
Das ist mir nicht bewusst, aber Leute weisen mich ab und an darauf hin und lachen darüber. Das ist irgendwie verrückt. Ich habe das nie gemerkt.
Was ist für dich das Besondere am Thrash Metal, also an dieser Härte und Geschwindigkeit?
Ich bin Ende der 80er-Jahre aufgewachsen, und da war Metal einfach riesig, Bands wie Deep Purple, Black Sabbath und all das legendäre Zeug. Für Teenager war das damals sehr wichtig, wie für viele andere auch. Und ich denke, es war diese Musikalität, die Hingabe, dieses viele Proben und immer tiefer reingehen. Das war faszinierend, und für mich ist das bis heute so geblieben. Ich bin jetzt 53, und ich finde es immer noch faszinierend.
Im Infotext zum Album steht ein Satz, dass ihr eure jugendliche Wut in ein professionelles, international erfolgreiches, aber immer noch einschüchterndes „Wesen“ verwandelt habt. Wie würdest du die Beziehung zwischen Leidenschaft für die Musik und dem Druck beschreiben, Erwartungen zu erfüllen? Hast du das Gefühl, ihr müsst den Fans etwas Bestimmtes liefern?
Ich habe immer das Gefühl, dass ich versuchen sollte, mich weiterzuentwickeln und besser zu werden, als Gitarrist. Und ich glaube, alle in der Band haben diese ähnliche Haltung: Wenn es nichts zu sagen gibt, keinen Drang, sich zu entwickeln oder den Sound weiterzubringen, dann gäbe es keinen Grund, überhaupt ein Album zu machen.
Wir suchen nach dieser Stimmung und Motivation, bevor wir anfangen aufzunehmen. Und ich finde, das ist wichtig. Es ist nicht so, dass wir das fürs Geld machen würden. Klar: Wenn man älter wird und professionell sein will, ist das auch ein Teil davon. Aber es ist nicht die Hauptmotivation. Es geht darum, sich zu entwickeln und zu versuchen, etwas Neues zu schaffen.
Kreator hat ein Image und eine Reputation als Metalband. Also gibt es einen gewissen Rahmen, in dem man arbeitet. Ich würde das nicht „Limitierungen“ nennen, aber es ist ein Rahmen. Man weiß, wie die Band ist. Wir sollten nicht versuchen, Balladen oder Popsongs zu machen, das macht keinen Sinn, weil wir vermutlich nicht mal wüssten, wie man das gut macht. Also: Wenn ich Ambitionen hätte, Fusion oder Jazz zu machen, müsste ich andere Leute suchen.

Im Studio
Wie lief das im Studio ab? Wie habt ihr die Songs geschrieben, wie habt ihr aufgenommen?
Das war Anfang 2025. Mille hatte eine Menge Demos geschickt und richtig viel daran gearbeitet. Die klangen besser als je zuvor. Dann haben unser Bassist aus Frankreich und ich im März ein Airbnb in Essen gemietet, weil dort unser Proberaum ist. Dort haben wir jeden Tag an den Demos gearbeitet, meistens auf Basis von Milles Demo-Ideen. Dort haben wir die Songs umarrangiert und neue Demos gemacht. Sogar im irbnb hatten Fred und ich hatten ein kleines Homestudio-Setup. Das war eine sehr aktive Zeit. Wir sind so gegen neun oder zehn aufgestanden, ein paar Stunden in den Proberaum, dann zurück ins Airbnb, und haben an dem gearbeitet, was wir aufgenommen hatten, und nochmal was drüber aufgenommen, wenn jemand neue Ideen hatte.
Im Mai sind wir dann nach Örebro Schweden gegangen, in ein Studio, das Jens Bogren dort betreibt. Ein sehr schönes Studio. Er hat unfassbar viel Gitarrenequipment, jeden Amp, den man sich vorstellen kann, und eine richtig gute Sammlung älterer Gitarren: alte Gibson SGs, Strats, alles, was man braucht. Ich habe am Ende nur eine Gitarre mitgenommen und sein Zeug benutzt.
Wir haben dann ganz oldschool aufgenommen, mit Amps und Mikrofonen. Am Ende hat zwar jeder seine Parts separat aufgenommen, aber wir waren darauf vorbereitet, alles live zu spielen. Wir wollten damit sicherstellen, dass alle Songs potenziell auch live funktionieren. Das gibt dir ein Gefühl von Sicherheit: „Okay, ich bin jetzt bereit, jetzt können wir das machen.“

Welche Gitarren hast du im Studio am Ende eingesetzt?
Ich habe einen guten Deal mit Ibanez, und die sind sehr nett zu mir. Sie haben vor Kurzem eine Custom Destroyer gebaut, die ich gerne spiele. 22 Bünde, und sie hat einen Pickup der deutschen Firma Häussel. Mein Gitarrentechniker und ich konnten deren Pickups testen und haben festgestellt, dass derselbe Pickup extrem unterschiedlich klingen kann, je nachdem, in welcher Gitarre er steckt. Selbst bei zwei einfachen RGs kann das komplett anders sein. Ich benutze einen passiven Pickup, weil ich finde, dass die Tonabnehmer für mein Spiel nicht so „heiß“ sein nuss. Mir geht es mehr um Dynamik, auch wenn man mit viel Verzerrung spielt, wie im Metal. Ich finde, dass das einen Unterschied macht. Und ich will nicht exakt wie Mille klingen. Er benutzt in seinen Gitarren EMGs.
Jens hat eine riesige Sammlung, wirklich alles, was man sich vorstellen kann. Er hat ein paar Gibson SGs aus den Sechzigern, so eine ’68er, die sich total magisch anfühlt. Ich weiß nicht warum, aber alte Gitarren faszinieren mich einfach. Für Clean-Sachen gab es dort eine schwarze Strat und ein paar PRS. Aber grundsätzlich fühle ich mich am wohlsten mit Ibanez.
Und Pedale?
Wenn ich über einen 5150 gespielt habe, war da ein Tube Screamer davor, im Grunde, um ein bisschen Edge, Klarheit und einen schnelleren Attack zu bekommen. Und dann gab es von Maxon auch etwas, das genau wie das legendäre orange MXR-Phaser-Pedal klingt, das schalte ich bei Soli oft dazu.
Außerdem war ein analoges Ibanez-Delay für Soli angeschlossen, aber ich bin nicht sicher, ob das am Ende im Mix wirklich benutzt wurde. Mir kam es nicht so vor, als hätte Jens viel reamped, weil wir ziemlich intensiv an den Sounds gearbeitet haben. Und manchmal werden in Songs verschiedene Parts über verschiedene Amps gespielt: mal 5150, mal Mesa, mal Diezel. Wir haben ständig Sachen ausprobiert, Kabel hin und her gesteckt. Das hat richtig Spaß gemacht. Ich liebe das.
Du bist also ein Gear-Nerd?
Ja, klar. Live funktioniert der Quad Cortex perfekt, weil es so easy ist und du jede Nacht denselben Sound hast. Du musst nicht so viel nachdenken. Du musst nicht mal unbedingt einen Soundcheck machen, wenn du nicht willst, das ist das Beste daran. Aber im Studio, wenn du wirklich versuchst, etwas Eigenes zu erschaffen, ist es viel spannender, mit echten Amps zu spielen. Ich habe immer noch einen 5150, den will ich einfach nicht verkaufen.


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