Die japanische Firma FujiGen meldete am 14. April 2026 auf ihrem Instagram-Account officialfgnguitars: „Mit tiefer Trauer geben wir den Tod unseres Gründers, Yuichiro Yokouchi, im Alter von 98 Jahren bekannt. Mit dem Ziel, Japans führender Gitarrenhersteller zu werden, benannte er unser Unternehmen nach dem Berg Fuji – einem zeitlosen Symbol für höchste Qualität. Durch sein Engagement und seine Weitsicht verwirklichte er dieses Ziel und legte den Grundstein dafür, dass unser Unternehmen zu einem weltweit führenden Gitarrenhersteller wurde, der Japan repräsentiert.
Wir möchten all unseren Kunden und Musikern auf der ganzen Welt unseren aufrichtigen Dank für ihre anhaltende Unterstützung aussprechen, die ein wesentlicher Bestandteil unserer gemeinsamen Reise war. Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, sein Vermächtnis durch unsere Handwerkskunst und unser Streben nach Exzellenz zu würdigen.“
WER WAR YUICHIRO YOKOUCHI?
Yuichiro Yokouchi war eine tragende Persönlichkeit des internationalen Musikinstrumentenmarktes und Initiator der legendären japanischen Gitarrenfabrik FujiGen Gakki, die 1960 in der Stadt Matsumoto (nicht zu verwechseln mit dem anderen großen japanischen Gitarrenhersteller Matsumoku) gegründet wurde. Er entwickelte das Unternehmen von einer kleinen Werkstatt zu einem weltweit führenden OEM-Hersteller, der maßgeblich für die hohe Qualität japanischer Gitarren bekannt wurde.
Zur Erklärung: Ein OEM-Hersteller (Original Equipment Manufacturer) ist ein Unternehmen, das Produkte oder Komponenten fertigt, die in die Endprodukte anderer Firmen integriert werden. Das Besondere ist, dass der OEM die Teile meist nach den Vorgaben des Abnehmers produziert, der diese dann unter eigenem Markennamen verkauft. Nach diesem Prinzip arbeiteten viele japanische Hersteller im Instrumentenbau. Wir kennen Labels und Namen wie Aria, Diamond, Cimar, Columbus, Dia, Electra, Ibanez, Lindberg, Luxor, Pearl, Washburn, Westbury, Westone, die z. B. alle (auch) mal bei Matsumoku produziert wurden, von den Kopfplatten unzähliger japanischer Stratocaster- und Les-Paul-Kopien. Die Namen der großen Hersteller dieser Instrumente waren meist weniger bekannt: Neben Matsumoku gehörten Terada, Atlansia, Chushin Gakki, Dyna Gakki, Hoshino Gakki und eben FujiGen Gakki dazu.
Und dann gab es natürlich noch bekannte Konzerne & Hersteller, die unter eigenem Namen Instrumente auf den Markt brachten: Fernandes inklusive ihres Klassiker-Labels Burny, Guyatone, Kasuga, Kawai Teisco, Maya, Suzuki, Tokai, Takamine, Yamaha … Bei einigen dieser Marken war aber wiederum auch üblich, dass Produktionen ausgelagert wurden und daher wurden Fernandes‘ Burny-Gitarren zeitweise auch von Matsumoku oder Terada gebaut, und Yamaha-Instrumente auch von Kasuga, Matsumoku oder eben FujiGen. Kompliziert und oft schwer zu durchschauen? Stimmt.
WIE ALLES ANFING

Das Unternehmen FujiGen Gakki wurde im Mai 1960 von Yuichiro Yokouchi und seinem Freund Yutaka Mimura in einem ehemaligen Kuhstall in Matsumoto in der japanischen Präfektur Nagano gegründet. Zuerst stellten sie ausschließlich Violinen her, bald darauf wurde die Produktion aber auf die ebenfalls in Japan sehr populären Klassischen Gitarren umgestellt. Schon im darauffolgenden Jahr wurde eine neue Fabrik gebaut und die Herstellung auf Konzertgitarren im oberen Preissegment ausgeweitet.
Bereits ab Oktober 1962 wurden auch erste E-Gitarren gefertigt – diese frühen japanischen Instrumente hatten damals teilweise sehr originelle, eigene Designs und auch sie haben eine eigene Sammlerszene gefunden, ähnlich wie im Fall der teils bizarren italienischen Eko-Instrumente oder der deutschen Kliras, Herrnsdorfs oder Musimas.
COPY & SELL
Um 1970 kam dann die große Wende im japanischen Gitarrenbau: Immer mehr Firmen begannen damit, populäre US-amerikanische Instrumente von Gibson, Fender, Rickenbacker & Co. mehr oder weniger genau nachzubauen, und sie unter eigenem Namen zu vermarkten. Und das oft in erstaunlicher Qualität.
Ein Großteil der „Made in Japan“-Ibanez-Gitarren seit den 1970er Jahren, anfangs größtenteils solche Kopien, stammt aus der Fertigung von FujiGen. FujiGen produzierte ab 1972 außerdem viele der klassischen Greco-Modelle, insbesondere die hochwertigen Les-Paul-Kopien. Und später, in den 1990er-Jahren, wurden hier die „Orville by Gibson“-Instrumente sowie einige japanische Epiphone-Solidbody-Gitarren gefertigt. Auch Yamaha ist ein weiterer langjähriger Partner, für den FujiGen viele hochwertige Gitarren produziert hat. Als Joint-Venture mit Roland wurde 1977 außerdem deren Gitarren-Synthesizer entwickelt.
Firmengründer Yuichiro Yokouchi etablierte FujiGen unter anderem auch als Pionier in der Verwendung von CNC-Maschinen zur präzisesten Gitarrenfertigung, die damals möglich war. Außerdem war es in den 70er-Jahren auch bei preisgünstigen Gitarren und Bässen noch üblich, wertiges, abgelagertes Instrumentenbauholz zu verbauen – was heute schon in Richtung von Custom-Shop-Niveau tendiert.
Zur Erklärung: Wer z.B. mal 70er-Strat-Kopien von FujiGen oder Matsumoku in der Hand hatte, wird feststellen, dass sich deren Hälse immer noch perfekt anfühlen: Da stehen keine scharfen Kanten der Bundstäbchen über, weil das Holz eben nicht nachgeschrumpft ist, und auch sonst sind die klassischen 70s-Fender-Kopie-Hälse mit Bullet am Headstock meist immer noch gerade wie eine Eins. Käufer aktueller China-Kopien, die nach einem halben Jahr aus den Fernost-Fabriken in Europa landen, müssen dagegen erst mal zum Service und sich die scharf überstehenden Bund-Enden abschleifen lassen, um das Instrument überhaupt ohne Blutbad spielen zu können. Ein Vorgang, der nach einiger Zeit wiederholt werden muss, denn die heute verwendeten billigen Hölzer haben einfach noch zu viel Feuchtigkeit für eine Weiterverarbeitung.
Nicht nur britische Rockmusik – wir erinnern uns an Deep Purples Meisterwerk ,Made in Japan‘ – auch amerikanische Gitarren und Bässe waren in Japan also extrem beliebt, aber auch sehr teuer. Und so nahm man die Dinge selbst in die Hand und kopierte die Klassiker.
FujiGen und andere japanische Hersteller wollten sich damals mit Qualität am nationalen Markt behaupten – und dann auch international. Was gegen Fenders fünf-Kilo-Stratocasters der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre nicht so schwer war. Viele der besseren Stratocasters und Telecasters dieser Zeit kamen aus Japan – als Kopien.
Das roch nach Ärger! Und so bekamen die mittleren 1970er-Jahre im japanischen Gitarrenbau später die Bezeichnung „Lawsuit Era“. Gibson (Norlin) klagte im Juni 1977 erfolgreich gegen Ibanez wegen der „Open Book“-Kopfplattenform. Dies führte aber schnell zu einer außergerichtlichen Einigung, Ibanez stellte die Produktion der exakten Kopien ein – und verstärkte seine Aktivitäten, eigene Modelle zu entwickeln und so ein weiterer großer Player am Weltmarkt zu werden. Ob das im Sinne des klagenden Erfinders war, lasse ich mal offen.
Und es sollte noch besser kommen …
FENDER GOES FUJIGEN
Während Gibson sauer war und in den späten 70ern und 80ern immer schlechtere Gitarren baute, war Fender zwar auch sauer, wurde aber auch aktiv, und ließ seine besseren Instrumente ab 1982 in Japan bauen – erst unter dem neuen Namen Squier als JV-, -SQ-, A- und E-Serie, und parallel auch als Fender-Japan-Modelle. Der bekannte US-Mitbewerber zog dann mit den hochwertigen „Orville by Gibson“-Eigenkopien nach, die bis Ende der 90er-Jahre ebenfalls in Japan produziert wurden – in der Fabrik, die vorher für andere Auftraggeber Kopien angefertigt hatten: bei FujiGen Gakki. Die Produktion der neuen Originale besorgten also jetzt die Meisterfälscher von Gestern – und das in bester Qualität.
Für Yuichiro Yokouchi und FujiGen war mit dem Fender-Deal alles erreicht: Im Jahr 1983 produzierten sieangeblich 14.000 Gitarren in einem Monat, wovon 80% für den Export und 20% für den japanischen Markt (sogenannte Domestic-Modelle) gebaut wurden. Das waren diese legendären Squier-JV- und Fender-JV-Serien die bis 1984 hergestellt wurden.
Erstklassiges Handwerk, beste, abgelagerte Hölzer, detailgetreue Umsetzung und perfekte Endkontrolle – als diese Instrumente Anfang/Mitte der 80er-Jahre in deutschen Musikgeschäften auftauchten, war was los! Und mit ca. 800 D-Mark kosteten diese fast-Fender-Strats, -Jazz-Bässe und -Teles nur halb so viel wie die damals oft megaschweren oder geschmacklich grenzwertig gefinishten Originale. Es lief bei Squier-Japan!
Manche Hardware-Parts, wie z.B. Bridges oder die legendären Stratocaster-Pickups mit der grauen oder roten Basis (Grey-Bobbin, Red-Bobbin), kamen zeitweise noch aus den USA; manche Squier-JV-Strats hatten sogar Aufkleber mit entsprechenden Hinweisen auf dem Pickguard. Ab Mitte der 1990er-Jahre ließ Fender dann bei Tokai produzieren. Von hier kamen immer noch sehr gute Instrumente, aber die Kultphase mit den extrem hochwertigen Japanese-Vintage-Instrumenten (JV), den aktuelleren 70s-Kopien (SQ) und den späteren A- und E-Series-Modellen war vorüber. Ab 1995 wurde die Fender Japan Produktion dann von Dyna Gakki und Tokai weitergeführt. FujiGen hatte jedoch immer noch Gitarren in der OEM Fertigung für Ibanez, die längerfristig betrachtet wohl ihr größter Auftraggeber waren und bis heute sind.
Aber noch mal zurück zu den legendären JV-Modellen: Extrem gut waren schon die Fender-Kopien von Greco, die von ca. 1975 bis 1982 von FujiGen gebaut wurden, und die den legendären pre-CBS-Stratocasters sehr nahe kamen. FujiGen hat in CNC-Maschinen investiert und reproduzierte dadurch die genaue Holz Körperform der Stratocaster und der Telecaster ohne Qualitätsunterschiede.
Und die Greco-Gitarren von FujiGen, waren im Grunde genommen identisch mit den ersten „Squier by Fender“-JV-Gitarren. Durch diese neuen Technologien, mit der die Gitarren hergestellt wurden, erreichte FujiGen eine bis dato unerreichte „handwerkliche“ Genauigkeit mit extrem niedrigen Toleranzen in der Fertigungsqualität. Viele Squier-JV-Modelle wurden aus diesem Grund sogar hochwertiger als manches unbezahlbare Original bewertet; sie übertrafen vor allem aber die damaligen amerikanischen CBS-Strats bei weitem.
Fender reagierte: „Die Japaner wurden nicht mehr exportiert. Diese Fender Japan-Gitarren waren einfach zu gut und vor allem viel zu günstig. Klar doch, ob man eine hervorragende Gitarre mit besten Materialien für 1000 Dollar bekommen kann, die in Japan hochpräzise hergestellt wird, oder ob man für eine mittelmässige in den USA gebaute Stratocaster 2500 Dollar bekommen kann, ist nun mal der wichtigste Unterschied.“ (zitiert nach https://stratomaniac.com – danke für viele wichtige Informationen zum Thema.)
Und so kam es, dass auch Fender USA indirekt sogar von der hochkarätigen japanischen Konkurrenz im eigenen Haus profitierte, die den Namen des legendären amerikanischen Herstellers wieder mit Glanz, Qualität und kommerziellem Erfolg in Verbindung gebracht hat.
FUJIGEN NOW

Und damit sind wir zurück bei dem Mann, der all das auf den Weg gebracht hat: dem Mitte April 2026 im Alter von 98 Jahren verstorbenen FujiGen-Gründer Yuichiro Yokouchi.
Seit 2007 produziert FujiGen neben vielen OEM-Auftragsproduktionen auch hochwertige Instrumente unter der Eigenmarke FGN. Und FGN profitiert heute nicht nur vom erlernten Fachwissen aus 66 Jahren professioneller Gitarrenbaukunst, sondern weiterhin von seinem hohen Anspruch an höchste handwerkliche Qualität und die Verwendung bester Materialien. „Viele der langjährig angestellten Gitarrenbauer, die teilweise seit über 40 Jahren und auch in mehreren Generationen bei FujiGen im Gitarrenbau tätig sind, leben diese Tradition Tag für Tag“, ist auf der Website des Herstellers zu lesen.
Das große Werk von Yuichiro Yokouchi hat ohne Frage Gitarrenbaugeschichte geschrieben. Seine FujiGen-Philosophie ist sein Vermächtnis und lebt bei FGN weiter.
QUELLEN
www.fujigen.co.jp
www.fgnguitars.com
www.fgnguitars.de
stratomaniac.com
Japanese Manufacturers From 1960–1980


















