Sound Decoded: Lee Malia von Bring Me The Horizon
Seit mittlerweile rund zwanzig Jahren zählt Bring Me The Horizon zu den erfolgreichsten und stilprägendsten Bands der modernen Metal-Szene. Die Band aus Sheffield begann ihre Karriere Mitte der 2000er als Deathcore-Band, entwickelte ihren Sound jedoch im Laufe der Jahre stetig weiter. Kaum eine andere Band der Szene hat ihren Stil so konsequent verändert und erweitert. Von brutalen Deathcore-Wurzeln über modernen Metalcore bis hin zu Pop-Rock-, Alternative- und Nu-Metal-Einflüssen – Bring Me The Horizon haben es geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne dabei ihre musikalische Identität vollständig zu verlieren.
Ein entscheidender Wendepunkt in dieser Entwicklung war das 2015 erschienene Album „That’s the Spirit“, mit dem sich die Band erstmals deutlich vom klassischen Metalcore entfernte und verstärkt Pop- und Alternative-Rock-Elemente integrierte. Mit „amo“ aus dem Jahr 2019 ging die Band sogar noch einen Schritt weiter und experimentierte stark mit elektronischen Einflüssen, Synthesizern und ungewöhnlichen Songstrukturen.
Gleichzeitig zeigen jüngere Veröffentlichungen wie „Post Human: Survival Horror“ und das 2025 erschienene „Post Human: Next Gen“, dass Bring Me The Horizon ihre härteren Wurzeln keineswegs vergessen haben. Die neueren Songs verbinden moderne Metalcore-Riffs wieder stärker mit aggressiven Breakdowns und teilweise sogar Deathcore-Anleihen, während elektronische Elemente, Samples und Nu-Metal-artige Strukturen weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Lee Malias Handschrift
Über all diese stilistischen Veränderungen hinweg blieb jedoch ein zentraler Bestandteil des Bandsounds konstant: die Gitarrenarbeit von Lee Malia. Als Gründungsmitglied hat er die musikalische Identität von Bring Me The Horizon maßgeblich geprägt. Seine Riffs zeichnen sich durch eine enorme Durchsetzungskraft, eine markante rhythmische Handschrift und einen extrem fetten Sound aus. Gerade im Metalcore-Kontext gelingt es ihm, komplexe rhythmische Muster mit eingängigen Riffstrukturen zu kombinieren, die sowohl aggressiv als auch sofort wiedererkennbar sind.

Gleichzeitig zeigt Lee Malia auch auf der cleanen Seite seines Spiels ein ausgeprägtes Gespür für Atmosphäre. Viele Intros, Strophen oder ruhigere Passagen der Band leben von ambientartigen Gitarrenflächen, Delay-Texturen und weiten Reverb-Sounds, die einen spannenden Kontrast zu den massiven High-Gain-Riffs bilden.
In zahlreichen Interviews hat Lee Malia über die Jahre hinweg über sein Equipment und seine Herangehensweise an Gitarrensounds gesprochen. Dabei zeigt sich schnell, dass sein Setup zwar professionell, im Kern jedoch überraschend simpel aufgebaut ist, wodurch sich sein Sound selbst mit einem kleinen Geldbeutel nachbauen lässt.
Ein genauer Blick auf seine E-Gitarren, Verstärker und Effekte zeigt, welche Komponenten den charakteristischen Bring Me The Horizon-Sound ausmachen und wie sich dieser auch mit vergleichsweise überschaubarem Equipment nachbilden lässt.
E-Gitarren
Jackson- & Epiphone-Signature, Explorer und P-90-Power
Bei den Gitarren setzt Lee Malia überwiegend auf Instrumente mit kräftigem Output und stabiler Konstruktion, die sich besonders gut für tiefe Tunings eignen. Neben klassischen Metal-Gitarren nutzt er vor allem seine eigenen Signature-Modelle. Besonders bekannt ist dabei die Jackson Lee Malia Signature LM-87, die speziell auf seine Spielweise und seine bevorzugten Tunings abgestimmt wurde. Daneben greift er immer wieder auf Les-Paul-Modelle von Epiphone oder Gibson zurück, die ebenfalls als Signature-Versionen erhältlich sind.

Obwohl sein Sound überwiegend auf Humbucker-Pickups basiert, verwendet Malia in bestimmten Songs auch andere Pickup-Typen. Für einige Clean-Sounds kommen beispielsweise Single-Coils oder P90-Pickups zum Einsatz. Ein interessantes Beispiel findet sich im Song „Wonderful Life“, bei dem Malia für bestimmte Passagen bewusst den Hals-Pickup nutzt, um einen knackigen, offenen Ton zu erzeugen. Für das Intro dieses Songs wurde zudem ein direkter DI-Sound über ein Modeling-System verwendet, wodurch ein leicht lo-fi-artiger Gitarrencharakter entsteht.
Bare Knuckle Pickups
Ein weiterer wichtiger Bestandteil seines Gitarrensounds sind die verbauten Tonabnehmer. Viele seiner Instrumente sind mit Bare Knuckle Humbucker ausgestattet. Diese Pickups sind bekannt für ihren hohen Output und ihre klare Artikulation, was besonders bei tief gestimmten Gitarren entscheidend ist. Gerade im Metalcore-Bereich ist es wichtig, dass selbst stark verzerrte Riffs präzise und definiert bleiben. Bare Knuckle Pickups liefern genau diese Kombination aus aggressivem Attack und transparenter Klangstruktur.
.080-Bass-Saite
Neben den Pickups spielt auch die Wahl der Saiten eine wichtige Rolle. Lee Malia nutzt teilweise ungewöhnlich schwere Saitensätze, um die nötige Stabilität für seine tiefen Tunings zu erreichen. In einigen Interviews hat er erwähnt, dass er einen .012er-Satz Saiten verwendet und zusätzlich eine besonders dicke .080 Bass-Saite als tiefste Saite einsetzt. Diese extreme Saitenstärke sorgt für eine enorme Spannung und verhindert, dass die tiefen Saiten bei aggressivem Anschlag zu locker wirken.
Für viele Gitarristinnen und Gitarristen kann dieser Ansatz allerdings zunächst ungewohnt sein. Wer sich dem BMTH-Sound annähern möchte, muss nicht zwingend sofort mit einer .080-Saite beginnen. Bereits etwas stärkere Saitensätze können einen großen Unterschied machen und bieten eine gute Balance zwischen guter Spielbarkeit und Stabilität in tiefen Tunings.
Tunings: Wir erreichen den Tiefpunkt
Auch bei den Gitarrenstimmungen hat sich der Sound von Bring Me The Horizon im Laufe der Jahre verändert. In den frühen Phasen der Band waren sehr tiefe Tunings wie Drop B besonders verbreitet. Diese Stimmung sorgte für den massiven und aggressiven Charakter der frühen Deathcore- und Metalcore-Riffs.
Später wurden größtenteils auch etwas höhere Tunings in Drop C oder gelegentlich sogar Drop D (etwa im Song „Sleepwalking“) verwendet. In den neueren Veröffentlichungen der Band ist jedoch wieder eine stärkere Rückkehr zu tieferen Tunings zu beobachten, insbesondere zu Varianten von Drop B.

Verstärker & Effektpedale
JCM800 & Modeling
Beim Thema Verstärker führt kein Weg am Marshall JCM800 vorbei. Dieser klassische Röhrenverstärker bildet das Herzstück von Lee Malias Gitarrensound und ist maßgeblich für den charakteristischen Klang vieler Bring-Me-The-Horizon-Songs verantwortlich. Der JCM800 zeichnet sich durch eine sehr direkte Ansprache, einen aggressiven Mittenbereich und eine enorme Durchsetzungskraft im Bandmix aus.

Lee Malia nutzt den Verstärker dabei nicht mit extrem hohen Gain-Einstellungen. Stattdessen wird der Amp relativ moderat eingestellt und durch ein Overdrive-Pedal geboostet, dazu später mehr. Dieses Vorgehen sorgt dafür, dass der Sound sehr tight bleibt und selbst schnelle Palm-Mute-Riffs klar definiert wirken.
Gerade Songs wie „Shadow Moses“ basieren laut Malia im Kern auf genau dieser Kombination aus Gitarre, Overdrive-Boost und Marshall JCM800. Ergänzt wird das Setup durch eine klassische 4×12-Lautsprecherbox mit Celestion Vintage 30 Speakern, die dem Sound seinen typischen Metal-Mittenbereich verleihen. Die Vintage 30 Speaker gelten seit Jahrzehnten als Standard im Metal- und Hard-Rock-Bereich und sind für ihren druckvollen und durchsetzungsfähigen Klang bekannt.
Neben dem JCM800 hat Lee Malia im Laufe der Jahre auch andere Verstärker eingesetzt. In den frühen Tagen der Band kamen häufig 5150-Sounds zum Einsatz, die für ihre aggressive High-Gain-Struktur bekannt sind. Auf Tour wurden außerdem zeitweise Orange Rockerverb- und Thunderverb-Amps verwendet. Für Clean-Sounds greift Malia gelegentlich auf einen Marshall JTM45 zurück, der durch einen leichten Boost ein leicht angezerrtes Clean-Signal erzeugt.
Darüber hinaus nutzt die Band auch moderne Modeling-Systeme wie den Kemper Profiler, um zusätzliche Sounds zu erzeugen oder verschiedene Signalwege miteinander zu kombinieren. In manchen Setups nutzt Lee Malia das cleane Modeling-Signal beispielsweise parallel zu einem Röhrenverstärker, um zusätzliche Klangfarben oder Layer im Gitarrensound zu erzeugen.



Effektpedale: Klon-Klon, OCD & Ambient-Treter
Trotz der massiven Gitarrenwände, die Bring Me The Horizon auf ihren Alben erzeugen, ist Lee Malias Pedalboard vergleichsweise übersichtlich. Der Kern seines Effekt-Setups besteht im Grunde aus einigen wenigen Pedalen. Besonders wichtig sind dabei Overdrive-Pedale im Stil des Klon Centaur, die als Boost vor dem Verstärker eingesetzt werden. Modelle wie ein Klon-Clone, ein Fulltone OCD oder auch ein Electro Harmonix Soul Food sorgen dafür, dass der Amp straffer reagiert und die Riffs mehr Attack und Masse erhalten. Typischerweise wird dabei das Gain am Pedal relativ niedrig eingestellt, während der Level-Regler komplett aufgedreht wird.
Für atmosphärische Passagen nutzt Malia außerdem verschiedene Delay- und Reverb-Effekte. Geräte wie das Boss DD-7 oder DD-20, das Boss RV-5 oder Strymon-Effekte kommen vor allem in Intros, Ambient-Passagen oder ruhigeren Songteilen zum Einsatz. Diese Effekte tragen maßgeblich zu den weiten Klanglandschaften bei, die besonders auf neueren Bring-Me-The-Horizon-Alben eine große Rolle spielen.



Wie lässt sich der Sound von Lee Malia nachbauen?
Der Gitarrensound von Lee Malia lässt sich mit etwas Planung auch ohne High-End-Boutique-Equipment erstaunlich gut nachbilden. Ein zentraler Bestandteil seines Sounds ist der Marshall JCM800. Wer keinen echten Röhrenamp dieser Art besitzt, kann heute problemlos auf Modeling-Lösungen zurückgreifen. Moderne Amp-Modeler bilden den klassischen Marshall-Sound sehr überzeugend nach und sind oft deutlich günstiger als ein originaler Röhrenverstärker. Geräte wie etwa der Fame URM-1000 oder auch das TONEX Pedal von IK Multimedia bieten entsprechende Amp-Modelle und eignen sich hervorragend, um den grundlegenden Klangcharakter des JCM800 digital umzusetzen.
Gerade im Modeling-Bereich lässt sich zudem die komplette Signalkette relativ einfach nachbauen. In vielen Fällen stehen sogar bereits fertige Presets zur Verfügung, die sich direkt laden und anpassen lassen. Auf Plattformen wie ToneNET von IK Multimedia finden sich beispielsweise zahlreiche User-Presets, mit denen sich der typische Sound von Lee Malia schnell auf TONEX-Pedalen oder innerhalb von AmpliTube abrufen lässt. Dadurch wird es deutlich einfacher, sich dem Grundsound anzunähern, ohne jedes Detail der Signalkette von Grund auf neu einstellen zu müssen.
Der Klassiker: Overdrive-Pedale zum Boosten
Ein weiterer wichtiger Bestandteil des BMTH-Sounds ist ein Overdrive-Pedal als Boost vor dem Amp. Hier kommen häufig Klon-inspirierte Pedale zum Einsatz, die das Signal straffer machen und den Attack der Riffs verstärken. Eine sehr interessante und gleichzeitig günstige Option ist etwa das NUX Horseman, das mit zwei Gain-Modi und einem internen Spannungsboost ausgestattet ist und sich hervorragend als transparenter Boost vor einem Amp oder Modeler eignet.
Aber auch andere Klon-Klone funktionieren in dieser Rolle sehr gut. Alternativ bieten sich transparente Overdrives wie das Electro Harmonix Soul Food an, welches ebenfalls für unter 100 € relativ preiswert erhältlich ist und sich ideal zum Anpusten eines Marshall-Sounds eignen.
Für die atmosphärischen Ambient-Parts des BMTH-Sounds spielen außerdem Delay- und Reverb-Effekte eine wichtige Rolle. Während Lee Malia live und im Studio häufig auf hochwertige Geräte von Boss oder Strymon zurückgreift, gibt es auch hier zahlreiche preisgünstige Alternativen. Pedale wie das TC Electronic Flashback Delay oder das Fame Mini Universe Reverb liefern bereits sehr überzeugende Ergebnisse und ermöglichen weitläufige Delay- und Hall-Texturen, die besonders für Intros, Cleansounds oder Post-Rock-artige Gitarrenflächen typisch sind.


Lee Malias Guitar-Tone ist kein Hexenwerk!
Am Ende lässt sich der Gitarrensound von Lee Malia trotz aller Variationen auf ein überraschend simples Grundprinzip reduzieren. Im Kern basiert der typische Bring Me The Horizon-Sound auf einer Gitarre mit kräftigen Pickups, einem Overdrive-Boost vor dem Verstärker, einem Marshall JCM800 und einer 4×12-Box mit Vintage-30-Speakern. Der Verstärker läuft dabei relativ laut und mit moderatem Gain, während das Overdrive-Pedal das Signal straffer und aggressiver macht.
Diese Kombination sorgt für genau die Eigenschaften, die den BMTH-Gitarrensound so markant machen: ein extrem tightes Low-End, aggressive Palm-Mute-Riffs, viel Attack bei vergleichsweise moderatem Gain und gleichzeitig genug Klarheit, damit selbst komplexe Akkorde in tiefen Tunings sauber hörbar bleiben. Zusammen mit den atmosphärischen Ambient-Effekten entsteht so ein Gitarrensound, der die moderne Metalcore-Landschaft maßgeblich mitgeprägt hat.
Das volle Gear-Interview von That Pedal Show mit Lee Malia:
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Fotos: Jackson Guitars
