BJÖRN MEYER: E-Bassist & Horizonterweiterer

Der schwedische E-Bassist und Komponist Björn Meyer (* 1965) lebt in der Schweiz, und vielleicht hat ihn der eine oder die andere schon mal auf Aufnahmen des Pianisten Nik Bärtsch, des Oud-Virtuosen Anouar Brahem oder mit Sängerin Simin Tander erlebt. Falls noch nicht: Diese Entdeckung lohnt sich!

Denn Björn Meyer ist ein besonderer Künstler, nicht nur an seinem heutigen Hauptinstrument E-Bass. Nach einem musikalischen Einstieg im Knabenchor machte er weiter mit Klavier und Trompete, landete anschließend erst als Gitarrist in einer Punk-Band um dann Anfang der 1980er-Jahre zum Bass zu wechseln. „Ein einziger Ton, gespielt auf einem unbeaufsichtigten Instrument, veränderte mein Leben“, erzählt Björn Meyer. „Es war ein E-Bass, und ich war Hobby-Gitarrist und gerade 18 geworden. Dieser eine Ton berührte mich tief im Innersten und eröffnete mir ein musikalisches Universum, von dem ich zuvor nur geträumt hatte.“

Beruflich schlug Björn aber erst noch mal einen neuen Weg in eine ganz andere Richtung ein: Erst nach Abschluss seines Informatik- und Physik-Studiums beschloss er, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen und in dieser Zeit nur seiner stark gebliebenen Leidenschaft für den E-Bass nachzugehen – „ein Jahr, das seit 1989 ununterbrochen anhält“.

Solo-Debüt: Provenance

1996 zog Björn Meyer in die Schweiz, wo er u.a. mit Gitarrist Harald Haerter und der Flamenco-Tänzerin Nina Corti arbeitete. Nach diversen eigenen Projekten und Kooperationen gründete er 2013 mit Samuel Rohrer (dr) und Klaus Gesing (bcl ss) das Trio Amiira. Im Herbst 2017 – nach sechs ECM-Veröffentlichungen als Sideman von Anouar Brahem – wurde dann sein erstes Soloalbum ,Provenance‘ beim deutschen Kult-Label veröffentlicht. Das BBC Music Magazine bemerkte damals, dass er auf dem Album „sanfte Dynamik und ungewöhnliche Registerwahl bevorzugt und die Raumakustik als wichtigen Bestandteil seines Klangs betrachtet, sodass seine Musik, subtil und doch fesselnd, und wahrhaftig Ambient ist“ – was die Eigenart dieser ohne Begleiter auf diversen akustischen und elektrischen Sechssaiter-Bässen eingespielten Produktion treffend umreißt.

Björn Meyer reizte schon damals das Instrument genauso wie der Klang im Raum, und seine unverwechselbare musikalische Handschrift speist sich maßgeblich aus dieser Neugierde für „alles, von Musikstilen, Spieltechniken, Elektronik und dem Bau der Instrumente bis hin zu den inneren Wicklungen einer Saite“. Ergänzend würde ich Emotion, Atmosphäre, Feeling, Sensibilität erwähnen – kurz: die Fähigkeit dieses Instrumentalisten mit oft wenigen Tönen intensiv zu berühren.

Björn Meyer & Convergence

Gerade ist sein zweites Solowerk erschienen, ,Convergence‘, wieder auf ECM Records, produziert vom legendären Label-Gründer Manfred Eicher, ohne den es eine Menge legendärer Alben zwischen Jazz und dem Rest der Welt nicht gegeben hätte. Alleine was die Saitenkünstlerinnen & -künstler angeht, war und ist ECM wahrscheinlich das weltweit einflussreichste moderne Jazz-Label: Namen wie Terje Rypdal, Steve Swallow, Steve Tibbetts, Barre Phillips, Miroslav Vitous, Ben Monder, Collin Walcott, Wolfgang Muthspiel, Marc Johnson, Bill Connors, Eberhard Weber, Pat Metheny, Mick Goodrick, Arild Andersen, John Scofield, John Abercrombie, Bill Frisell, Charlie Haden, Eivind Aarset, Egberto Gismonti, Dominic Miller, Jakob Bro, Avishai Cohen und Dave Holland belegen das. Und ja: Björn Meyer gehört hier hin.

Neun Tracks hat Meyer im September 2024 in den Bavaria Musikstudios München eingespielt – oder besser: Er hat Klanglandschaften, vielschichtige Kompositionen und große akustische Raumkunst kreiert. Und so liefert der Opener und Titeltrack des Albums gleich tiefe Hallräume, Backwards-Sequenzen und repetitive Riffs und Pattern, die fast vergessen lassen, dass man es hier mit dem tieftönenden Instrument E-Bass zu tun hat. OK, Björn Meyer ist auf dem Booklet-Foto mit einem Sechssaiter-E-Bass zu sehen, der das Spektrum dieses Instruments noch mal nach oben und unten ausweitet.

Weiter geht’s dann etwas ruhiger mit ,Hiver‘, einem sehr warm klingenden, balladesken Stück zwischen Jazz und Folk, in dem das Bassspiel klanglich etwas an eine tiefergelegte Konzertgitarre erinnert. Hier merkt man, das Björn Meyer einen sehr feinen Sinn für eigenwillige Melodien hat, die er aber auch hier wieder dezent in den Klangraum schickt. Sein Faible für lange Hallfahnen, die sich durchaus während des Spiels verändern können, ist ein spannendes Stilmittel, eine kreative Farbe, mit der sich dieser Musiker eigentlich unverkennbar macht. Ich würde soweit gehen, dass die Elektronik, in der Komposition von Bassspiel und Klangeffekten im Aufnahme- und Produktionsprozess, sein zweites Instrument ist. ;Drift‘ ist ein ganz großartiges Beispiel dafür, wie man mit einem E-Bass den Klangraum malt.

Spannung & Entspannung

Dabei wirkt die Musik fast immer sehr entspannt und auch angenehm beruhigend. So kann man sich wirklich auf die Sounds und Linien konzentrieren – und wird hineingezogen. Unaufdringlich Intensität auf dem E-Bass zu erzeugen ist eine seltene Kunst, die alle, die mal einen Slap-Fetischisten in der Band hatten, absolut zu schätzen wissen. Manchmal muss ich etwas an den Bassisten Steve Swallow denken, dessen großartig intensives Spiel mit John Scofield und Carla Bley dieses Instrument im Jazz neu definiert hat, und dessen Einfluss genau so groß war, wie der des extrovertierter auftretenden Jaco Pastorius. Letzterer wurde oft kopiert, Swallow hat dagegen mehr inspiriert – und diese Qualität höre und fühle ich auch bei Björn Meyer, der dem E-Bass Flügel besorgt hat.

Das macht er anscheinend schon länger, und unkonventionell: In einem Video zum ersten Album ,Provenance‘ ist zu sehen, dass Björn Meyer beim Track ,Three Thirteen‘ die Bass-Saiten mit einer kleinen Kette präpariert hat. Ein Eingriff, den man von avantgardistischen Pianistinnen & Pianisten am Konzertflügel kennt.

Und mit Hilfe von Multitracking und/oder Looper-Einsatz wird der Solist dann auch schon mal zur Band, wie in ,Motion‘, um im nachfolgenden ,On Hope‘ dann wieder gitarristisch an den tiefen Sechssaiter ranzugehen und mit sehr gekonntem Akkordspiel zu überzeugen. Und dann sind auch hier wieder die geschmackvollen Raum-Effekte, sehr schön modulierte Hall-Sounds die intensiv aufleuchten und dann wieder verschwinden. Dass muss man fühlen, spielen und auch im Studio und im Mix umsetzen können.

Bevor ich noch mehr verrate, empfehle ich dieses großartige Album: ,Convergence‘, auf deutsch „Konvergenz“ bedeutet frei übersetzt „zusammenlaufend“ oder „zusammenführend“. Meint der Künstler die Begegnung von Instrument, Klang, Raum? Egal. Nicht nur open minded Bassisten, auch Gitarristen, Musikerinnen und Musikern, die auf unkonventionelle Sounds und ganz viel Inspiration stehen, sollten sich ,Convergence‘ von E-Bassist Björn Meyer unbedingt mal anhören!

© ECM Records / Fredrik Gille
© ECM Records / Fredrik Gille

Interview

Björn Meyers Equipment

Björn, die wichtigste Frage in einem Musiker-Interview für eine Musiker-Website direkt am Anfang: Was für einen Bass spielst du auf deinem neuen Album ,Convergence’?

Es ist ein MTD-635 (#160) – eine 6-Saitige Bass-Gitarre, die Ende 1995 dank eines glücklichen Zufalls in New York zu mir gefunden hat. MTD steht für Michael Tobias Design

Wie ist er gestimmt?

Im Standard-Tuning für Sechssaiter: B E A D G C, von der tiefen zur hohen Saite.

Hast du die auf dem neuen Album zu hörenden Effekte direkt mit eingespielt oder wurden sie in der Nachbearbeitung eingefügt?



Alles ist immer live. Es ist mir sehr wichtig dass ich im Moment kreativ reagieren kann und dass die Klänge auch auf der Bühne reproduzierbar sind.

Und waren im Studio auch Amps und Boxen im Einsatz?

Ja, ich hatte zwei Genelec-8030-Studio-Monitore und einen kleinen Subwoofer als Hauptklangquelle bei mir im Raum. Dazu noch zwei weitere Studio-Monitore, von K&H glaube ich, die ich als Satelliten weiter weg stehen hatte, um die Stereo-Effekte – ohne das Direkt-Signal! – im Raum zu verteilen. Der Studio-Raum klingt fantastisch und er wurde dann sorgfältig mikrofoniert – wie für ein akustisches Konzert mit einem akustischen Instrument. Parallel dazu haben wir auch ein bisschen vom Line-Signal aufgenommen – direkt trocken und mit Effekten. Davon wurde im Mix aber nur sehr wenig verwendet.

Wie sieht dein Live-Setup aus? 



Mein Setup ist seit mehr als 20 Jahren relativ gleich geblieben. Ich benutze einen Preamp der Firma Metric Halo – das ist eigentlich ein Computer-Audio-Interface. Meistens ein ULN 2 MK3 oder, wenn ich mehrere Instrumente, wie z.B. auch meine akustische Bass-Mandola spiele, ein MIO2882 MK3. Dieses Interface/Preamp hat großartige EQs, Compressoren, Reverbs und vieles mehr bereits eingebaut. Dazu kommt, dass ich mein ganz eigenes Routing aufbauen kann, so dass ich in jeder Bühnen- oder Aufnahme-Situation genau die richtigen Signale an die richtigen Orte schicken kann – mit voller Kontrolle über den Klang und die Balance auf jedem Output. Denn weil ich als Musiker in so viele verschiedene Projekte involviert bin, ist diese Flexibilität sehr hilfreich. Mit diesem Setup kann ich jedes PA-System, jeden Bühnenmonitor, jeden Amp oder was ich sonst am Konzertort vorfinde, zum Klingen bringen. Und das hat mich schon mehrmals gerettet.

Normalerweise verwende ich vier Outputs, also zweimal Stereo: Zwei für F.O.H und zwei für meine Bühnen-Monitore, sofern ich ein Stereo-Paar zur Verfügung habe; ansonsten nutze ich nur einen Output wenn ich über einen Bass-Amp spiele oder eben nur ein Mono-Monitor vorhanden ist. Außer ein paar Verzerrern bzw. Overdrives die im Preamp “leben” und latenzfrei arbeiten, erzeuge ich alle Effekte wie Reverbs, Delays, Freezers, Loops, etc. im Computer mit der Software Plogue Bidule, gesteuert über ein Pedalboard. Ich kann also alles via Expression-to-MIDI-Pedalen live mit den Füßen kontrollieren und muss nichts am Computer machen während ich spiele. Im Moment sind Plug-ins von Soundtoys, Expert Sleepers und Valhalla meine Favoriten. Hauptsache ist aber der Bass – und der klingt einfach immer gut! Dazu habe ich Vovox-Kabel und ein von Hans-Peter Ehrsam (HPE Audio) gebautes, aktives Volumen-Pedal – beide tun dem Klang auch gut.

Björn Meyers musikalische Einflüsse

Die berührende Wärme deines Tons und diese ansteckende Ruhe haben mich gelegentlich an den großartigen Steve Swallow erinnert. Welche Bassisten würdest du als Einfluss und/oder Inspiration bezeichnen?

Was den E-Bass angeht: Steve Swallow absolut, auch als Komponist. ,Falling Grace‘ ist und bleibt ein Meisterwerk! Aber auch in klanglich ähnlicher, aber musikalisch ganz anderer Richtung, war das Album ,Live one Summer Night‘ vom Paco De Lucia Sextet, auf dem Bassist Carlos Benavent zu hören ist, sehr wichtig für mich. Und Meshell Ndegeocello, Anthony Jackson und Jimmy Johnson haben mir auch sehr viel bedeutet, so wie auch Skuli Sverrison und Pino Palladino. Am Kontrabass waren es Dave Holland, Charlie Haden, Palle Danielsson, Miroslav Vitous und viele mehr. Und dann natürlich auch noch Jaco Pastorius, Aston „Family Man“ Barrett, Bernard Edwards, Carol Kaye, Ron Carter, Charles Mingus, Stanley Clark, Marcus Miller … Wichtig zu erwähnen sind auch die Gitarristen Ralph Towner und Allan Holdsworth die mir über viele Jahren sehr inspiriert haben.

Hast du auch Musik von skandinavischen Saitenkünstlern wie deinem Label-Kollegen Terje Rypdal, Eivind Aarset oder Arild Andersen gehört? Und mir fällt mein Rypdal-Lieblings-Album ,Odyssey‘ ein, mit dem fantastischen Sveinung Hovensjø am 6- & 4-string Fender Bass …

Ja natürlich! Ich bin ja in Schweden geboren und habe dort meine Laufbahn als Musiker begonnen. Es gibt viele Musiker, die mir wichtig waren und zum Teil noch sind: Jonas Hellborg, Anders Jormin, Arild Andersen, Niels-Henning Ørsted Pedersen (aka NHØP), Bo Stief, Rutger Gunnarson, Jojje Wadenius, Teddy Walter, Eivind Aarset, Audun Erlien, Jukka Tolonen, Terje Rypdal, Göran Söllscher …

Sounds & Visionen

Deine Einbeziehung des Raums in die Komposition und Produktion gibt der Musik eine ganz eigene Lebendigkeit, die selbst an einer normalen Stereo-Anlage sehr gut rüberkommt. Hast du dich schon mal mit Dolby Atmos befasst, was in diesem Punkt noch mehrere Schritte weiter gehen könnte?

Es freut mich wirklich sehr, dass diese Aufnahme den Raum so organisch mit einbezieht. Ich bin immer noch von gut klingenden Stereo-Aufnahmen total begeistert. Und so wird es wohl eine Zeit dauern, bevor ich über eine ganze Produktion in Dolby Atmos nachdenken werde. Interessant ist der Gedanke allerdings, und natürlich gibt es noch viele Möglichkeiten die ich auch spannend finde. Anders als bei bisherigen HiFi-Multichannel-Systemen scheint es da ja auch inzwischen einen gewissen Konsens zu geben, so dass sich Dolby Atmos tatsächlich als Standard – auch im Consumer-Bereich – etablieren könnte. Nicht zuletzt weil es ja relativ einfach einsetzbare Endgeräte gibt. Und ich habe tatsächlich bereits ein Stück für das SE Music Lab (www.semusiclab.com) in Wabern bei Bern komponiert, aufgenommen und in Dolby Atmos produziert. Das ist ein wahrlich besonderes Hörerlebnis an diesem einmaligen Ort.

Was war das letzte Album oder Konzert, das du gehört hast, das dich begeistert hat?

Live war das Marc Ribot, solo im Bee-Flat in Bern: eine Naturgewalt! Und dann das Album ,Sirkulu‘ von BITOI, einem vom Bassisten Cassius Lambert initiierten Projekt mit E-Bass, Effekten und drei Sängerinnen.

Und was war die wichtigste Erfahrung, die du als Künstler, Musiker, Mensch gemacht hast?

Dass es Liebe gibt!

Vielen Dank für das Interview.

 

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