Als ‚Walk This Way‘ 1975 auf dem Album ‚Toys in the Attic‘ erscheint, befindet sich Aerosmith in einer Phase, in der sich ihr musikalisches Profil deutlich schärft. Die Gruppe aus Boston, Anfang der 70er-Jahre gegründet, hatte sich bis dahin als eine Art amerikanisches Gegenstück zu britischen Bluesrock-Formationen etabliert, mit deutlicher Orientierung an Bands wie The Rolling Stones, aber bereits mit einem eigenständigeren, funkigeren Zugriff auf Rhythmus und Songwriting.
Ein Riff aus dem Soundcheck
Die Entstehungsgeschichte des Songs ist so unspektakulär wie bezeichnend. Joe Perry entwickelt das zentrale Riff (Beispiel 1) während eines Soundchecks. Interessant ist dabei vor allem die Herkunft: Perry orientierte sich bewusst an New-Orleans-Funk-Grooves, wodurch das Riff weniger „straight Rock“ als vielmehr eine stark synkopierte, fast tanzbare Figur ist. Das erklärt, warum ‚Walk This Way‘ bis heute weniger wie ein klassischer Rocksong funktioniert als wie eine rhythmische Konstruktion. Die Gitarre gibt nicht nur Harmonien vor, sondern definiert das gesamte Bewegungsmuster des Stücks. Die Nähe zu Funk, insbesondere zu Bands wie The Meters, ist dabei kein Zufall, sondern Teil von Perrys Ansatz.
Das Solo
Auch im ersten Solo (Beispiel 2) bleibt Joe Perry dieser Logik treu. Anstelle demonstrativer Virtuosität setzt er auf kurze, klar geformte Phrasen, die sich eng in das rhythmische Gefüge einfügen. Die Basis bildet dabei das vertraute Blues-Vokabular aus Mollpentatonik, kontrollierten Bendings, prägnanten Licks und Blue Notes. Die zugrunde liegende Harmonie ist C7, also ein Dur-Akkord mit kleiner Septim. Bis auf die erste Note setzt Perry in diesen vier Takten jedoch auf die C-Moll-Pentatonik bzw. C-Bluestonleiter. Im dritten Takt wird dieses Tonmaterial mit der Note a noch um die Sexte erweitert.
Vom Rocksong zur kulturübergreifenden Referenz
Innerhalb der Diskografie von Aerosmith markiert ‚Walk This Way‘ einen Wendepunkt. Der Song bündelt erstmals jene Elemente, die die Band in den folgenden Jahren prägen sollten: riffbasiertes Songwriting, ein ausgeprägtes Rhythmusverständnis und die enge Verzahnung von Gitarre und Gesang. Seine eigentliche kulturelle Reichweite entfaltet das Stück allerdings erst ein Jahrzehnt später, als es in der Zusammenarbeit mit Run-D.M.C. neu interpretiert wird. Produzent Rick Rubin hatte die New Yorker HipHop-Newcomer dazu überredet, eine Coverversion aufzunehmen. Joe Perry erinnert sich: „Rick Rubin hatte in einem Interview gesagt, dass ‚Walk This Way‘ so etwas wie Proto-Rap sei, und das fand ich interessant, weil wir damals selbst gerade erst anfingen, uns mit Rap zu beschäftigen“. Die 1986 veröffentlichte Version gilt als einer der entscheidenden Momente in der Annäherung von Rock und Hip-Hop, nicht zuletzt, weil der ursprüngliche Song bereits eine ungewöhnlich starke rhythmische DNA besitzt.


