Fender geht im Kampf um Stratocaster-Form All In

Fender Anschreiben

„Unsere Mandantin ist entschlossen, ihre Rechte geltend zu machen, und wird diese konsequent durchsetzen, um den Markt frei von rechtsverletzenden Kopien der „Stratocaster“-Korpusform zu halten.“ Die Mandantin ist die Fender Musical Instruments Corporation (FMIC), und die ist offenkundig gewillt, den globalen Gitarrenmarkt gründlich aufzuräumen.

Am 11. Mai 2026 verließen mutmaßlich Hunderte fast identische Briefe die Münchner Anwaltskanzlei Bird & Bird LLP. Einer davon liegt uns vor. Darin heißt es unter dem Betreff „Urheberrechtlicher Schutz der Fender ‚Stratocaster‘-Korpusform“: „Wir fordern Sie auf, die Herstellung, die Verbreitung und/oder die Bewerbung solcher rechtsverletzender Gitarren unverzüglich einzustellen.“ Exakte Angaben, wann genau eine Gitarre rechtsverletzend ist, werden nicht gemacht. Stattdessen werden zur Charakterisierung der Korpusform blumige, aber unspezifische Worte verwendet, die auf einen Großteil aller E-Gitarren zutreffen: So ist dort von asymmetrischer Form die Rede, die den Eindruck vermittle, „dass sich die ‚Stratocaster‘ leicht nach rechts neigt, wie eine Tänzerin, die sich zur Seite beugt“. Zudem betont die Anwaltskanzlei, dass „ein solch futuristisches, elegantes und zeitloses Design […] zum Zeitpunkt der Konzeption und Markteinführung“ etwas grundlegend Neues dargestellt habe.

Fender KorpusformUnter Berufung auf verschiedene allgemeinere Urheberrechtsurteile des Europäischen Gerichtshofes (EUGH) sowie auf die ständige Rechtssprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) vertreten die Fender-Anwälte die Ansicht, dass sich die „Stratocaster“-Korpusform als urhebergeschütztes Werk qualifiziere. Diese Annahme sehen Bird & Bird auch durch das im Dezember 2025 gefällte Unterlassungsurteil des Landgericht Düsseldorf gestützt. „Fender besitzt alle Rechte an der ‚Stratocaster‘-Korpusform, einschließlich der Rechte zur Verfielfältigung, Verbreitung und öffentlichen Wiedergabe.“ Deswegen habe Fender bereits Anfang dieses Jahres zahlreiche Dritthersteller kontaktiert und aufgefordert, die mutmaßlichen Kopien vom Markt zu nehmen. In dem uns vorliegenden Schreiben ist darüber hinaus von „Vernichtung der rechtsverletzenden Produkte“ die Rede.

Wie ein schlechter Scherz

Wie weit der weltweit größte Hersteller von E-Gitarren damit kommt und wie weit er gehen wird, sind Fragen, die erst noch beantwortet werden müssen. Dass man sich bei FMIC mit einem derart lauten Säbelrasseln keine Freunde macht, dürfte jedoch klar sein. Kleinere Hersteller von Stratocaster-artigen Modellen beklagen schon jetzt, schlicht nicht genug Geld für einen Rechtsstreit aufbringen zu können. Für sie liest es sich wie ein schlechter Scherz, wenn die Anwälte betonen, dass Fender „konsequent gegen alle rechtsverletzenden Kopien auf dem gesamten Markt vorgehen wird, sodass niemandem ein wirtschaftlicher Nachteil durch die Einstellung des Vertriebs solcher Kopien entsteht“.

Und die großen Hersteller und Händler, die es eventuell auf einen Rechtsstreit ankommen lassen könnten, sehen die Chancen eher auf der eigenen Seite – dies legen zumindest frühere in den USA geführte, ähnlich gelagerte Prozesse, bei denen es letzten Endes immer um Millimeterentscheidungen ging, nahe. Trauriger Fakt ist: Fender riskiert mit diesem Vorgehen nicht nur selbst Kopf und Kragen, sondern schadet auch der gesamten Branche und dem Ruf einer legendären Marke. Man kann nur hoffen, dass der neue CEO Edward „Bud“ Cole die Geschichte irgendwie zu Ende gedacht hat.

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20 Meinungen zu “Fender geht im Kampf um Stratocaster-Form All In

  1. DR sagt:

    Zitat: „Am 11. Mai 2025 verließen mutmaßlich Hunderte fast identische Briefe….“
    Ihr meint sicher nicht 11. Mai 2025 sondern 11.5.2026.

  2. Markus Z. sagt:

    Wieso gehen die eigentlich nur gegen die Stratocaster Form vor und nicht auch z.B. Telecaster? Ist für mich nicht ganz logisch. Davon ab, fällt denen das nach fast 70 Hahren, in denen es Kopien gibt früh ein und hat ein „Geschmäckle „

  3. guitartechcycling sagt:

    Hoffen wir mal, das jetzt nicht auch noch die Nachfahren von Antonio Torres auf dumme Gedanken kommen.
    Dann wäre aber wirklich zappenduster!

  4. Bernd sagt:

    Das ist das gleiche Spiel, das Lego versuchte zu spielen, letztlich aber den kürzeren gezogen hat.
    Bei Lego ging es letztlich „nur“ um die 3D Marke, die verteidigt werden muss um den Schutzansoruch nicht zu verlieren.
    „Johny‘s Welt“ auf YT hat darüber im Detail berichtet.
    Sie müssen, wie Lego, verhindern, dass aus der Marke Stratocaster ein Gattungsbegriff wird. Wie zB der Fön (ohne h). Das war mal ne Marke , gilt mittlerweile als Gattungsbegriff (mit h)

  5. Dieter Engelhardt sagt:

    Man kann nur hoffen dass nun die Verkaufszahlen von Fender abrauschen.
    Alle Macht geht vom Volke aus. Klingt komisch, ist aber so.

    • guitartechcyling sagt:

      Vollkommen richtig. Am Ende entscheidet der Konsument. Aber genau dieser hat über Jahrzehnte mit seinem Konsumverhalten die jetzige Situation mit zu verantworten.

  6. Michael Witte sagt:

    So ganz verstehe ich Kritik an Fender nicht. Zwar ist es merkwürdig, dass sie nun erst dagegen vorgehen und nicht schon vor Jahren aber grundsätzlich wird doch jeder Musiker zustimmen, dass es für eine Coverversion seines Werkes einen Ausgeich in Form von Tantiemen bedarf. Während es völlig in Ordnung ist, sich einzelner Stilemente, Themen und Sounds zu bedienen, geht es hier ja um exakte Kopien.
    Wahre „Konkurrenz“ hat eigenständige Formen entworfen (Gibson, Rickenbacker, Gretsch). Warum also Nachahmern einen Freibrief geben?
    Turnschuhe mit 3 Streifen aus Asien werden containerweise vernichtet. Lada baut keine 1:1 Kopie vom Porsche 911.

    • Marco sagt:

      Das Neue an dem Urteil ist, dass es nicht um Marken-, sondern um Ueheberrechte geht. Fender sieht es so, dass es sich bei der Body-Form um ein Kunstwerk handele. Das ist etwas anderes, als die bloße Kopie von Formen, Logos, etc.
      Allerdings beruht Fenders vorgehen auf einer Interpretation eines Urteils eines Prozesses in Düsseldorf, bei dem die Angeklagte Firma aus China nicht erschien. Dadurch hat Fender automatisch den Rechtsstreit gewonnen. Es wurde aber nirgendwo festgehalten, was genau eine Stratocaster definiert. In keinster Weise. Die Klage gegen den chinesischen Händler/Hersteller war vollkommen berechtigt, da sie Strats 1:1 nachgebaut haben. Inklusive Kopfplatte. Das macht sonst niemand.
      In den USA sind sie 2009 mit solch einer Aktion krachend gescheitert. Dort ist die Strat-Form public domain.
      Und die Forderung an Händler wie Thomann, Kundendaten von Käufern, der ihrer Ansicht nach illegalen Kopien, ist einfach nur krank.
      Es gibt im Kern nachvollziehbare Forderungen, aber Händler wie thomann zu sagen, sie sollen alles von anderen verbrennen und Kundendaten übergeben? Gehts noch? 😀

    • guitartechcycling sagt:

      Ich zitiere:
      „Während es völlig in Ordnung ist, sich einzelner Stilemente, Themen und Sounds zu bedienen, geht es hier ja um exakte Kopien.“
      Genau ist der Punkt. Verklagt wurde ein chinesischer Hersteller und Exporteur, welcher exakte 1:1 Kopien nach Deutschland verkauft hat. Auf das Urteil beruft sich die Kanzlei. Da wäre ja eine Yamaha Pacifica genauso wenig betroffen wie eine Harley Benton Strat. Die lassen sich ja rein optisch selbst von Laien nicht miteinander verwechseln. Oder ist es bei beiden auch so, das sie sich “ leicht nach rechts neigen, wie eine Tänzerin, die sich zur Seite beugt“ ?
      1:1 Fakes sind absolut nicht in Ordnung und Betrug. Aber viele Strat-basierte Produkte sind durchaus auch für Richter als augenscheinlich eigenständige Entwicklungen einzuschätzen. Lada ist nicht Porsche. Aber beide haben die Idee doch von Carl Benz geklaut- oder liege ich da falsch ? Ist Porsche ein Plagiat von Benz? Hier wurde ja bereits das Stichwort „Gattungsbegriff“ genannt.

    • Dieter Engelhardt sagt:

      Nein, es geht nicht um exakte Kopien. Es geht um den Korpus als Kunstform. Kein Mensch denkt an Fender wenn er eine Pacifica sieht. Geschützt ist nur die Kopfplatte und die wird nicht kopiert. Henry´s hatte das mal gemacht und wurde abgestraft. Das ist in auch in Ordnung. Fender versucht aber alles was wie eine „sich windende Tänzerin“ aussieht zu verbieten. Die Maße 1:1 sind dabei völlig wurscht.

  7. Sascha sagt:

    Tja, wenn jetzt alle Musikhäuser als Dank an Fender, alle Produkte von denen aus dem Sortiment nehmen würden, dann hätte Fender richtig viel Spaß.
    Vielleicht sollte Thomann den ganzen Fender Ramschladen einfach aufkaufen.

    • guitartechcycling sagt:

      Fender wirft jährlich etwa 500Mio $ ab, wovon die EU etwa ein Drittel aus macht. Diese 500 Mio $ resultieren aber aus den Netto-Einkaufspreisen der Händler vor Fracht und Zoll. Die Mi Branche der EU setzt etwa 4-5 Milliarden € um. Thomann hat da mit 1,5 Mia € den Löwenanteil.- diese Umsätze werden aber nicht nur aus Fender Produkten generiert, sondern aus allen Musikprodukten des Marktes. Die Margen im Handel sind so mau, das man nicht einfach von heute auf morgen einen „Renner“ wie Fender aus dem Sortiment nehmen kann. Man muss ja mit irgendwas Umsätze generieren. Gitarristen sind Traditionalisten und kaufen-anders als z.B. Bassisten- gerne bewährte Produkte im Vintagestyle- so wie ihre Vorbilder und Idole eben. Deswegen glaube zumindest ich nicht daran, das die Konsumenten dann auf Alternativprodukte mit anderen Korpusformen wechseln. Jemand, der in einer Guns `n Roses Coverband spielt, will `ne Paula und der Gillmour Fan eben die Strat. Und genau darauf spekuliert Fender- das die Kunden aus den genannten Gründen am Ball bleiben. Meine Prophezeiung ist, das in 1- 1.5 Jahrzehnten sich keiner mehr für diese Produkte interessieren wird, weil Rock ń Roll nicht mehr das kulturelle Leitmotiv der jüngeren Generation ist. Und das hat Fender sicher erkannt. Große Kaufkraft haben die beruflich etablierten Silberrücken, welche ihre Jugendträume nachholen.

  8. peter fuchs sagt:

    wäre cool, wenn berühmte user -z.b. ron wood, david gilmoure, john frusciante (und warum nicht auch tele-player wie keith richards, vince gill, andy summers, bill frisell) zu einem protest motivierbar wären.

  9. Ronny Guittar sagt:

    Es gibt so viele Meinungen, wie es Leute gibt. Daß Aliexpress keinen Anwalt hingeschickt hat, war natürlich extrem unklug. Andererseits bläst sich Fender jetzt in typisch amerikanischer Trumpmanier zu einem Monsterkugelfisch auf. Nicht nur daß Leo geklaut hatte, sondern daß die Korpusformen etc. ausßer der Kopfplatte nie zum Schutz beantragt wurden, die Fima auch noch weiterverkauft wurde, und über 70 Jahre gedulded wurde, diese Gitarrenform zu kopieren, sind nicht gerade Anlasspunkte, da noch ein Urheberrecht im Nachhinein zu erschleichen. Ebenfalls wurde die Straform in USA bereits vor ca. 20 Jahren als freies Designgut abgeurteilt. Auf dieses Urteil werden sich höchstwahrscheinlich die jetzt kommenden Gegenklagen stützen. Auch mit der derzeit vorhandenen Form der Abmahnung und den damit verbunden unrealistischen Zerstörungs- und Kundendatenweitergabe-Forderung werden sie so nicht weit kommen. Am Ende wird das so ausgehen: Wenn nicht Fender draufsteht, ist es keine. Wenn leichte Abwandlungen vorhanden sind, ist es keine Fender. Schließlich gibt es imho auch keinen Vertrag mit den Vorbesitzern der Firma über sogenannte Urheberrechtsabtretungen durch Verkauf bezüglich des Korpusdesigns. Endlos viele Musiker, auch ich, kehren Fender aufgrund dieser aggressiven Kampagne bereits den Rücken. es ist davon auszugehen, daß es noch mehr werden. Dieser Imageverlust könnte nachhaltige Folgen für Fender haben, die sie so bestimmt zuvor nicht im Visier hatten. Letztlich muß der modernen Abmahn- und Klagesucht, die in immer mehr Bereiche eindringt ebenfalls Einhalt geboten werden. Es gibt längst Anwälte und Anwaltsvereinigungen, die sich ausschließlich auf diese Abmahnerei spezialisiert haben. Damit lassen sich mehr Millionen verdienen, als z.B. mit Immobilien. Genau solche Abmahnhaie hat sich Fender da geleistet, so scheint es.

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