Henning Pauly, auch bekannt als EytschPi42 bzw. HP42 spielt also privat keine Gitarre, wie wir im ersten Teil des Interviews erfahren haben. Und das obwohl er die besten der besten Instrumente zuhause hängen hat. Er testet sie halt den ganzen Tag, da bleibt n icht viel Zeit und Interesse für die eigentliche Bestimmung der Geräte. Aber er kennt sich trotzdem nicht nur theoretisch im Bereich Gear und Equipment aus wie kaum ein anderer. Das wird im zweiten Teil deutlich. In einem früheren Leben war er schließlich auch mal Musiker. Und wie es dazu kam und wie es damit endete und was als nächstes wird – auch das haben wir uns von ihm erzählen lassen
Hier geht es zu den ersten Teilen unseres Interviews:
„Das ist kein Hobby“: EytschPi42 im Interview (Teil 1)
„Blaue Gitarren klingen anders“: EytschPi42 im Interview (Teil 2)
„Vielleicht meint er es ja doch ernst damit“
Warum tust du eigentlich das, was du tust? Wie kommst du dazu?
Die Gitarre war immer mein Hauptinstrument. Ich habe mit 15 oder 16 Jahren angefangen Gitarre zu spielen, also relativ spät. Aber dann kamen auch bald die ersten Bands. Wir haben damals ein bisschen Rock und Metal gemacht, aber keinen Sänger gefunden. Wir wollten damals gerne James LaBrie als Sänger, aber der war ja schwer zu kriegen, der hatte ja schon eine Band… (lacht)
Dann habe ich meinen Zivildienst abgeleistet und über die Reha-Klinik, in der ich gearbeitet habe, ein Musical gemacht. Daraufhin hat mein Vater gesagt: „Na gut, vielleicht meint er es ja doch ernst damit.“ Aber dann sollte ich bitte auf eine Uni gehen, wo man dann später auch Geld mit Musik verdienen kann. So bin ich nach Boston ans Berklee College. Dort habe ich einen Dual Major in “Contemporary Writing and Production” und “Music Synthesis” gemacht.
Music Synthesis heißt heute EPD, Electronic Production and Design. Auf gut Deutsch, an Synthesizern rumfuddeln und den ganzen digitalen Kram, also Sequencer und so weiter bedienen. Das war damals 1997 noch etwas anderes als heute. Ich habe noch Band geschnitten in der Uni!
Man könnte also sagen, du hast Arrangement und Sound Design studiert…
Ja, und da war die Gitarre komplett nebensächlich. Deswegen habe ich das nur so viel gemacht, wie ich musste, aber mich null darauf konzentriert. Das Studium habe ich dann mit Summa cum laude abgeschlossen, sodass meine Lehrer gesagt haben: „Du bist Hotshit, du musst nach L.A., da gewinnst du Grammys.“ Darauf hatte ich zwar keinen Bock, habe aber auf meine Lehrer gehört. Da muss man sich dann bei Hans Zimmer und so vorstellen. Und die wollen dann, dass du dein eigenes Auto hast, deinen eigenen Sprit bezahlst und denen einen Hamburger holst. Das ist der Entry Job für alle, In jedem Studio bist du erstmal ein Runner.
Um Geld zu verdienen habe ich angefangen im Guitar Center am Sunset Boulevard zu arbeiten und Keyboards zu verkaufen. Da habe ich mir von Anfang an gesagt: Sobald ich anfange, den Leuten irgendwelche Scheiße zu verkaufen, um selber mehr Geld zu verdienen, höre ich auf. Das kann ich ethisch und moralisch nicht verantworten. Und genauso kam es nach einem halben Jahr. An dem Punkt, wo ich gemerkt habe, dass ich finanziell nicht über die Runden komme, wenn ich nicht irgendeine Scheiße erzähle, war ich da raus.
„Ich bin ja keine Band“
Wie ging es dann weiter?
Ich hatte zwei Tage vorher einer Werbeagentur draußen in Riverside den Kram für ein kleines Tonstudio verkauft. Der Sohn vom Chef, der Bass in einer christlichen Band spielte, sollte das Studio schmeißen. Und ich hatte denen gesagt: „Ich höre zwar hier auf, aber wenn ihr Hilfe braucht, ruft mich an.“ Und tatsächlich haben sie mich zwei Wochen später angerufen. Also bin ich rausgefahren, habe denen alles installiert und gesagt: „Ich glaube, ihr braucht jemanden, der euer Studio schmeißt.“ Ich hatte ja Jingle-Writing und den ganzen Kram studiert, und das war eine Werbeagentur. Also habe ich dann Jingles geschrieben und Radiospots sowie Fernsehspots produziert.
Irgendwann habe ich bei mir eine alte Kassette gefunden, wo Proberaumaufnahmen von meiner alten Progband drauf waren. Das waren alle unsere Instrumentalstücke, denn wir hatten ja keinen James LaBrie… Und dann dachte ich mir: „Cool, ich bin hier in einem Studio, da arbeite ich jetzt dran.“ Also habe ich die ganzen Sachen fertig produziert und einen Kumpel gefragt, ob er darüber singen kann. Zu Weihnachten bin ich nach Hause nach Deutschland gereist, habe die Jungs von der Band zum Kaffee eingeladen und ihnen das Album vorgespielt, von dem sie gar nicht wussten, dass es das gibt. Das war ein geiler Nachmittag, die fanden das total gut, und genau dafür war es gemacht.
Die Aufnahmen habe ich dann zu einer Internet-Rock-Radio-Station geschickt. Und so lief plötzlich meine Musik neben Rush im Internet. Das war einfach geil. Die Radiostation erzählte mir dann, dass sie jetzt auch ein Label hätten und dass ihnen James LaBrie in einem Interview gesagt hätte, er sei für Projekte offen. Also fragten sie, ob ich Lust hätte, ein Album mit James LaBrie zu machen. Natürlich wollte ich!

Also habe ich ein paar Testproduktionen gemacht. Das gute war: Ich bin ja keine Band, ich bin allein im Studio. Das heißt, ich musste auch nicht die Sachen machen, die eine Band machen würde. Es musste nicht tourbar sein. Es musste kein Dream Theater sein. Meine Sachen würde ich als Rock-Metal mit Filmscore-Elementen bezeichnen. James fand das super geil und als die Platte dann rauskam, sagten die ganzen Reviews, dass sei die Platte, die Dream Theater eigentlich hätte machen sollen.
Und so ging es dann weiter. Ich habe dann ein paar Jahre lang für das Label Rock-Metal produziert. So konnte ich Steve Walsh von Kansas oder Michael Sadler von Saga für mich singen lassen.
Wie lange hast du dann Platten produziert?
Mehrere Jahre. Aber bei mir ist es so: Wenn ich etwas gemacht habe und die Leute sagen, dass ich gut darin bin, dann denke ich: „Okay, dann kann ich das ja. Was kann ich denn doch nicht?“ Und dann mache ich einen anderen Stil, was halt nicht funktioniert, wenn du Rock-Metal-Fans hast, die die nächste Rock-Metal-Platte erwarten. Aber das war mir egal. Ich bin keiner, der sich feiern will, wenn er eine Platte gemacht hat. Ich muss die nicht betouren und beneide Musiker auch nicht darum.
Statt Interviews zu geben und Marketing zu machen, bin ich lieber wieder im Studio und mache die nächste Scheibe. Sobald ein Mix fertig und die Platte weggeschickt ist, bin ich im Kopf schon bei der nächsten.
Warum hast du dann irgendwann damit aufgehört?
2005 begann der Umschwung, der bedeutete, dass man keine Studioprojekte mehr machen konnte, weil keiner mehr Platten kauft. Du musstest touren, denn da lag die Kohle. Und 2006 ging die Werbeagentur zu Grunde, es ging bergab. Das Haus, das ich gemietet hatte, wurde verkauft. Ich hätte also, was Job und Wohnen betrifft, komplett neu anfangen müssen. Darauf hatte ich keinen Bock und bin zurück nach Deutschland. Da bist du dann zwar der Typ, der diese ganzen Platten gemacht hat, aber davon kannst du dir nichts kaufen. Also habe ich an der lokalen Musikschule in Wetzlar Gitarre unterrichtet.
2011 habe ich mir zwei Harley-Benton-Pedale gekauft. Die fand ich so gut, dass ich ein Video dazu gemacht habe. Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Gear-Community gab oder dass Leute Pedale testen. Viele der Videos auf YouTube in der Zeit waren qualitativ nicht gut. Ich hatte ein Tonstudio, hatte in der Werbeagentur gearbeitet, wusste, wie man Videos schneidet und wie man Audio aufnimmt. Und ich wusste auch, wie man gute Sprachaufnahmen macht, weil ich Radio- und Fernsehspots produziert habe. So waren die Videos, obwohl es die allerersten waren, ziemlich gut. Und für diese Billo-Pedale gab es auf diesem Level nichts. Und jeder hat gesagt: „Boah, wie geil, das sind endlich mal gute Videos für diese Pedale, die klingen gut. Mach mal mehr!“ Also habe ich Thomann angeschrieben und gesagt: „Schickt mir den Rest der Serie, dann mache ich dafür Videos.“ So fingen die Beziehungen an und ab da wurde es immer mehr.
„Mein Ansatz ist: keine Angst haben“
Aktuell hast du deinen Wirkungskreis nochmal erweitert und hast mit Bernd Kiltz zusammen einen Online-Gitarrenkurs…
Ja, Bernd ist ein absolutes Marketing-Genie. Er und Erik wissen, wie man Facebook- und Instagram-Werbung macht. Die haben es drauf, Kurse zu verkaufen. Denn da ist nun dieser Kurs, der eigentlich stinklangweilig ist, weil es um Griffbrett-Theorie geht. Der Kurs Heißt „Powerchord Theorie“. Da wurde dann zunächst gesagt, wir dürfen das Wort „Theorie“ nicht verwenden und auch in der Werbung nicht über Theorie sprechen. Da habe ich gesagt: „Bernd, hier geht es um Theorie. Die Leute lernen hier, wie man Akkorde aufbaut. Wir müssen das als Theorie-Kurs bewerben.“ Und genau so haben wir es gemacht. Und ich habe in zwei Wochen so viel verdient, dass ich mein Dach neu machen lassen kann.
Und das ist ein reiner Theoriekurs! Aber ich erkläre es vernünftig. Mein Ansatz ist: keine Angst haben. Theorie, aber einfach. Du weißt, was 1, 5 und 8 bedeutet. Und wenn du weißt, wo eine 8 ist, findest du die 7, denn die ist ja wohl drunter. Und über der 8 ist die 9. Und wenn die 1 dasselbe wie die 8 ist, dann ist die 2 doch dasselbe wie die 9, oder? Also wirklich einfach. So kommen wir bis hin zu Drop-Two- und Drop-Three-Akkorden und komplizierte major7#11. Alles ist immer auf den Powerchord zurückzuführen, und so erschließt sich das komplette Griffbrett mit den kompliziertesten Akkorden.

