„Blaue Gitarren klingen anders“: EytschPi42 im Interview (Teil 2)

EytschPi42 Interview

Nachdem über Teil 1 dieses Interviews in Gruppen im Internet schon angeregt diskutiert wurde, hier der zweite Teil des Gesprächs mit dem Equipment-Junkie aus Hirschhausen. Henning Pauly aka EytschPi42 aka HP42 ist ein extrem umtriebiger Gear-Nerd. Berufsbezeichnung unklar: „Was weiß ich, ich mache Reviews. Also YouTube-Influencer vielleicht, Sexy Beast kann man auch sagen, oder Fashion Icon“, sagt er selbst scherzhaft. Und das ist ein großer Trumpf bei seiner Art die Nische des Equipment-Rezensions-Video-Erstellers zu besetzen: Henning Pauly ist eloquent in Deutsch wie Englisch, aufgekratzt, begeisterungsfähig und begeisternd. Und er ist trotz aller guten Laune in seinen Reviews ehrlich, schonungslos und transparent.

In diesem zweiten Teil aus unserem ausgedehnten Gespräch spricht er über den Unterschied von Sound und Ton, die Eigenschaften einer exzellenten Gitarre, über die psychologische Komponente des Instruments und warum Reamping zwar für den Hörer, nicht aber für den Spieler Sinn macht.

Hier geht es zu Teil 1 unseres Interviews:
„Das ist kein Hobby“: EytschPi42 im Interview (Teil 1)

 

„How to spot an excellent guitar“

Aus deiner Warte eines Gear-Nerds: Wie sehr kommt der Ton aus den Fingern?

Ich mache einen großen Unterschied zwischen Ton und Sound, weil das immer durcheinandergeschmissen wird. Gitarren-Sound ist das, was hinter der Gitarre passiert. Das ist der Amp, das ist, wie viel Gain verwendet wird, was am EQ eingestellt ist, die Saturation, die Pedale. Für den Sound vom Frequenzgang her, würde ich sagen, ist zu 60 bis 70 Prozent der Speaker verantwortlich. Wechselst du den Speaker aus und lässt alles andere gleich, wechseln trotzdem die Frequenzen brutal. Der Speaker macht sehr viel mehr als jeder EQ an deinem Amp.

Ton ist das, was an der Gitarre passiert, und das ist für mich als Sounddesigner ADSR (Attack, Decay, Sustain, Release, Anm. d. Verf.), das ist der Envelope: Wie schnell ist der Ton da, wie lang hält er, wann geht er runter und wann kippt er in die Obertöne. Ich gehe hier mal von additiver Synthese aus. Während subtraktive Synthese heißt, dass du von einem fetten Sound, wie zum Beispiel einer Sägezahnwellenform mit Filtern Frequenzen wegnimmst, ist additiv das, was eigentlich in der Welt passiert: Du hast ganz viele Sinuswellen und die baust du zusammen.

Bei einem additiven Sound hat jede einzelne Sinuswelle ihren eigenen Envelope. Das heißt, wenn ich eine Saite anschlage, kommt der Grundton vielleicht ein bisschen langsamer, steht eine bestimmte Zeit und geht dann in einer bestimmten Zeit weg. Wohingegen die Oktave, die Quinte oben drüber, die Terz, also die ganzen Obertöne, zu anderen Zeitpunkten rein- und rauskommen. Und wie sich das alles zueinander verhält, das formen wir an der Gitarre. Über das Pick. Das Pick ist wichtig, genauso wie der Anschlagswinkel und der Ort. Mit der linken Hand kontrolliert man natürlich auch: Wo im Bund bin ich, wie mache ich mein Bending – bei mir meistens schief. Oder Vibrato – bei mir meistens nicht weit genug. Da macht man sich keine Gedanken drüber, wenn man spielt. Das geschieht intuitiv.

Welche Rolle spielt die Gitarre dabei?

Die Gitarre ist sehr wichtig, weil sie natürlich auch die Tonformung und die Tonlänge bestimmt. Das sehe ich als Ton und den definiere ich für mich mit dem Klang einer cleanen Gitarre, denn da hörst du es am meisten. Demnächst kommt dazu ein Video von mir raus mit dem Titel „How to spot an excellent guitar“.

Man spielt ja gerne mit Verzerrung. Und weil Verzerrung komprimiert, hat man einen längeren Ton. Also kann ich meine Note halten und die singt wunderschön und kippt vielleicht in einen Oberton um, weil die Obertöne durch die Kompression oder den Overdrive hervorgehoben werden. Das erleichtert dir das Spielen und ermöglicht es dir, mehr zu „singen“. Aber wenn du das alles wegnimmst, dann hast du mit einer günstigeren oder weniger exzellenten Gitarre – es gibt ja auch tolle Gitarren für wenig Geld – keinen Spaß dabei. Denn da steht und singt die Note nicht, weil die Obertöne schlicht nicht da sind. Und dann greift man sehr schnell zum Overdrive oder schaltet auf Kanal 2 am Amp, weil es dann eben mehr Spaß macht, die Gitarre zu spielen.

Wenn du jedoch eine Gitarre mit nichts außer einem Clean-Sound und vielleicht ein bisschen Reverb hast und nach einer Stunde immer noch keinen Verzerrer eingeschaltet hast, weil die Gitarre selber ohne irgendwelche Hilfsmittel all das macht, was die günstige Gitarre nur mit Hilfsmitteln macht, das bezeichne ich dann als eine exzellente Gitarre.

Ich habe ein paar Gitarren, die selten sind und richtig Geld kosten und wirklich exzellent sind. Ich kann dir nicht sagen, warum das so ist. Meine Novo zum Beispiel ist eine Schraubhalsgitarre, da ist nichts Besonderes dran. Und ich kann dir nicht sagen, warum die geil ist. Die ist aus Fichte, aus irgendeinem Brett aus der Scheune, und so sieht sie auch aus. Aber du spielst sie eine Stunde lang clean und hast nie das Gefühl, dass du Verzerrung brauchst, weil sie all das macht, was eine verzerrte Gitarre in einem günstigen Preisbereich auch machen würde. Die singt, da steht der Ton, da mache ich ein Ganzton-Bend und noch einen Halbton mehr und der Ton steht trotzdem. Wenn sich eine Gitarre so verhält, würde ich sagen, sie hat einen sehr, sehr guten Ton.

„Das Feel von so einem Amp mit Sag und Squish und Saturation beeinflusst mein Spiel“

Man sagt ja auch, dass man schon an einer unverstärkt gespielten Gitarre erkennen kann, ob sie gut ist oder nicht.

Absolut. Aber viele sagen: So viel Geld für eine Gitarre ist totaler Schwachsinn. Genau das habe ich auch immer gesagt. Aber man muss diese Erfahrung halt mal machen. Ich habe jetzt diese Novo bekommen, habe das Tone-King-Imperial-Pedal auf den Tisch gestellt und bin via XLR direkt ins Interface. Einfach nur ein cleaner Sound mit einem Hall drauf – mehr brauchst du nicht. Mit der Gitarre spielst du einfach stundenlang clean. Und das ist für mich der Ton: Wenn die Gitarre selber die Fette im Sound hat und du dann noch weißt, was du mit den Fingern machen musst.

Aber alles, was dahinter passiert, hat für mich nichts mit dem Ton zu tun. Das ist Gitarren-Sound. Den kannst du mir einstellen, wie du ihn hast. Dann klinge ich zwar immer noch wie ich, aber trotzdem ist das dein Sound. Wie du dein Delay eingestellt hast, wie dicht du gerne deine Zerre an deinem 5150 hast oder halt auch nicht.

Ich finde, der Gitarren-Sound diktiert dir nichts, aber er führt dich zu einer bestimmten Spielweise. Deswegen bin ich auch gegen Reamping. Das ist ein großes Geschäft für Leute, die sagen: Ich habe eine geile Amp-Kollektion und ich bin der Produzent, der für diesen bestimmten Gitarren-Sound bekannt ist. Und dann gehst du da hin, spielst DI-Tracks ein und der Produzent schickt diese DI-Tracks anschließend in seine Amps. Sind die Resultate gut? Ja, klar. Aber das Feel von so einem Amp mit Sag und Squish und Saturation, wie man das alles nennt – und wie präzise er ist, wie er anspricht, wo er in Obertöne umkippt – das beeinflusst ja mein Spiel. Ich bin halt oldschool, ich spiele etwas mit einem Sound ein und wenn mir das nicht gefällt, gehe ich auf einen anderen Amp und spiele es nochmal ein. Das ist zwar mehr Arbeit, aber dann habe ich es wenigstens mit dem Amp eingespielt, mit dem ich als Musiker auch kommuniziert habe.


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Tone King Imperial Preamp

Viele setzen live auf Dinge wie das Helix. Was hältst du davon?

Die haben ihre Berechtigung und sind praktikabel. Solange du es aufgenommen hörst und nicht darüber spielst, sind die Unterschiede eigentlich nicht wahrnehmbar. Aber es geht ja ums Einspielen. Glenn Fricker kommt nächste Woche zu Besuch. Das ist der große Kanadier, der gerne in die Kamera schreit. Glenn kommt von der Studioseite, deshalb geht es ihm immer um das Endresultat. Er macht dann zum Beispiel Vergleichtests: super teure PRS gegen billige Gitarre. Und in einem Blindtest hörst du es nicht. Der Typ, der die Gitarre spielt, der merkt es aber. Der Typ, der die Gitarre spielt, spielt den Part ganz anders, wenn er die gute Gitarre in der Hand hat.

Und auch wenn es soundmäßig exakt dasselbe ist, weiß er doch, dass er die gute Gitarre in der Hand hat. Die Psychologie spielt da eine große Rolle: Wenn die Illusion, dass eine bessere Gitarre, die vielleicht gar nicht besser ist, mich dazu bringt, besser zu spielen, dann habe ich doch besser gespielt. Und dann hat die bessere Gitarre oder die teurere Gitarre doch eine Auswirkung. Und auch wenn es nur die Lüge ist: Die war übrigens teurer… Wenn das Resultat anders ist, dann ist das Resultat anders und darum geht es in der Musik.

Demnach würden auch Haptik und Look des Instruments Auswirkungen auf den Klang haben…

Ich habe ein Video zu dem Thema gemacht mit dem Titel „Tone Color is Real“. Ich sage: Blaue Gitarren klingen anders. Das ist ein Fakt. Ich gebe dir eine abgerotzte Strat, die ist zwar nagelneu, aber abgerotzt, sie ist sandgestrahlt, hat ein Mapleboard, das auch schon wirklich Spielspuren hat und so weiter. Und es geht jetzt darum, dreckigen Blues zu spielen. Dann haust du da rein und haust einfach die Scheiße aus dem Instrument. Du spielst sie mit Aggression und mehr Elan, weil du das Ding ja nicht noch mehr kaputtmachen kannst. Und außerdem sieht die Gitarre aus wie irgendwas, das Stevie Ray Vaughan auch gespielt hätte. Dem muss man ja gerecht werden.

Dann gebe ich dir eine Strat mit einer schönen Flamed-Maple-Decke. Hochglanzblau. Und die ist nagelneu, die klingt supergut. Da würdest du nie so reinhauen. Da wäre deine Herangehensweise doch ganz anders, oder? Oder ich gebe dir eine PRS, die schweinegeil klingt. Die hängst du dir auch nicht um und haust die Scheiße aus ihr raus.

Und das heißt: Wenn die Farbe und Abnutzung des Instruments dein Spielen beeinflussen, hat es einen Einfluss auf den Ton. Das meine ich mit: tone color is real. Die Art, wie das Instrument aussieht, inklusive der Farbe, beeinflusst das Endresultat. Und wenn das Endresultat beeinflusst ist, hat die Farbe Einfluss auf den Ton. Wie gesagt, die Psychologie spielt eine große Rolle. Wenn du besser spielst, weil du mehr für eine Gitarre bezahlt hast, dann ist das auch schon ein Grund, warum sie so viel kostet.

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