Platte der Woche: WALLIS BIRD „I Can See Your House From Here“

Wallis Bird Cover

Was haben die Band Camel, die Jazz-Gitarristen John Scofield und Pat Metheny sowie die irische Singer/Songwriterin Wallis Bird gemeinsam? Sie alle haben nun Alben mit demselben Titel veröffentlicht: ‚I Can See Your House From Here‘. Sonstige Berührungspunkte tendieren gen Null. Camels Version ist Progressive Rock, das Scofield/Metheny-Album ist instrumentaler und relativ traditioneller Jazz und Birds ‚I Can See Your House From Here‘ ist eine eindringliche, mutige und erstaunlich warme Platte, die persönliche Verluste und gesellschaftliche Konflikte zu einem ebenso intimen wie universellen Werk verbindet. Das achte Studioalbum der in Berlin lebenden Irin entstand aus einer Phase persönlicher und gesellschaftlicher Erschütterungen. Der Tod ihres engen Freundes Kevin Ryan, aber auch die Bilder von Krieg und Gewalt in Gaza prägen die elf Songs der Platte.

Persönliche und kollektive Trauer

Wallis Bird (© Rory Grubb)
Wallis Bird (© Rory Grubb)

Für eine Musikerin wie Wallis Bird wäre es ein Leichtes gewesen, ein weiteres Album über Verlust und Trauer zu schreiben, das die Melancholie in den Vordergrund stellt. Stattdessen gelingt ihr mit ‚I Can See Your House From Here‘ etwas deutlich Schwierigeres: Sie macht Schmerz zum Ausgangspunkt für Nähe, Gemeinschaft und Hoffnung. „Viele um mich herum können all das kaum verkraften, die Traurigkeit ist zu viel – und doch haben sie so viel zu geben, so viel Trost und Vernunft“, sagt sie in einem Interview.

Schon der Titel deutet an, worum es Bird geht. „Ich kann dein Haus von hier sehen“ ist keine romantische Metapher, sondern eine Erinnerung daran, wie nah Menschen einander eigentlich sind, auch dann, wenn sie sich als Gegner betrachten. Die Songs kreisen um individuelle Verluste ebenso wie um kollektive Wunden. Dabei stellt Bird immer wieder die Frage, warum Empathie und Frieden so schwer geworden sind.

Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Folk und Indie-Rock mit Arrangements, die oft zurückgenommen und beinahe fragil wirken. Da ist viel Raum zum Atmen trotz aller Intensität. Besonders „And So Turns The Wheel“, das den Verlust eines Freundes verarbeitet, gehört zu den emotionalen Höhepunkten der Platte. Gleichzeitig verhindert Bird konsequent, dass die Stimmung gänzlich kippt. Immer wieder öffnen sich die Songs, suchen nach Licht und Perspektive.

Erste Produktion in Eigenregie

Bemerkenswert ist dabei, wie selbstverständlich Bird das Persönliche mit dem Politischen verbindet. Ihre Trauer über einen verstorbenen Freund steht nicht isoliert neben ihrer Sorge um gesellschaftliche Entwicklungen, sondern wird Teil eines größeren Ganzen. Es geht nicht nur um individuelle Erfahrungen, sondern um die Frage, wie Menschen in einer zunehmend polarisierten Welt miteinander umgehen.

Auch produktionstechnisch markiert das Album einen wichtigen Schritt. Erstmals übernahm Bird die Produktion selbst. Das Ergebnis wirkt entsprechend geschlossen und unmittelbar. ‚I Can See Your House From Here‘ ist kein leichtes Album. Doch gerade in seiner Offenheit und Verletzlichkeit entwickelt das Werk eine bemerkenswerte Kraft. Wallis Bird betrachtet Trauer nicht als Endpunkt, sondern als Ausdruck von Liebe und Verbundenheit.

Tracklist

01. And So Turns The Wheel
02. Call The Healer
03. Grieving Is The Price You Pay For Love
04. Two Trees
05. Why Is Peace Problematic?
06. I’ll Take Anything
07. Let Me Buy You Flowers
08. Hold Tight!
09. To Love You Is To Have Done Something Good
10. I’m Your Witness
11. The Good Of The People

Album-VÖ: 05.06.2026
Label: Bród Records
www.wallisbird.com

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