WEITERHÖREN: Musiktipps zur Horizonterweiterung #4

 

BAUM’S BLUESBENDERS: ROAD BACK HOME

Baum’s Bluesbenders sind Norfried Baum (voc, g), Uwe Placke (harp), Jan Laacks (b, kb, p) und Francis Holzapfel (dr), und die vier Musiker aus Bonn rocken direkt im ersten Album-Track so intensiv und gut gelaunt ab, dass man kein Blues-Rock-Fan sein muss, um diese Musik zu mögen. Das Konzept der Band ist, rollenden R&B, Soul, klassischen Rock‘n’Roll, Cajun, Boogie und noch mal Blues zu einer groovenden Mischung zu vereinen, gespickt mit feinen Soli von Harp und Gitarre.

Seit 1993 gibt es diese Band, und Baums Bluesbenders – mal mit, mal ohne Apostroph – sind echte Lokalmatadoren des Genres. Highlights ihrer Karriere waren neben diversen Festival-Gigs, Auftritte als Begleit-Band von Louisiana Red, Richard Bargel und Greg Copeland. Darüber hinaus gab es Support-Gigs bei Konzerten von Rick Vito, Rudy Rotta, Tino Gonzales, Big Daddy Wilson, Dave Goodman und ZZ Top. Ihr neues Album ,Road Back Home‘ verstehen die Musiker als Hommage an die Musik, die sie in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt hat.

Sehr cool und absolut sympathisch finde ich die Gitarrenbeiträge von Bandleader Norfried Baum. Er hat wirklich Feeling für die Musik, die er spielt. Seine Riffs und Soli sind absolut stilsicher, virtuos, dabei aber immer eher rough und banddienlich. Interessant ist auch, wie kreativ diese Band Backing-Vocals als Farben einsetzt. Oder wie im Titeltrack des Albums, ,Road Back Home‘, aus einer ganz normalen Uptempo-Nummer mit Link-Wray-Gitarren-Spots, schrägen Vocal-Sounds und WahWah-Einsatz, ein ganz eigener Trip zwischen Song und Soundtrack wird. Und bei ,Feel The Power‘ wartet man fast darauf, dass gleich Carlos Santana und Willy DeVille um die Ecke kommen. Statt dessen überrascht uns Norfried Baum mit einem sehr eigenwilligen Gitarrensolo das Blues, Jazz, Latin und Rock tangiert

Direkt anschließend gibt’s mit ,Loving you‘ keine Schmacht-Ballade sondern einen Cajun-Knaller: „Die Idee hinter dem Song war mit mehreren Mundharmonikas einen Cajun-artigen Sound, wie ein Akkordeon, zu produzieren“, schreibt die Band. „Herausgekommen ist ein Liebeslied, das gut gelaunt eine musikalische Reise nach Louisiana ist.“ Baum’s Bluesbenders sind jedenfalls nichts für Blues-Dogmatiker sondern eine Band für alle, die gute Musik mit einem Grinsen genießen können.

Und dann, als letzter Song des Albums: ,Traffic Jam‘. Von der maroden und mittlerweile gesperrten Bonner Rheinbrücke konnten die Musiker bei der Produktion dieses Tracks eigentlich noch nichts wissen. „Der Song handelt von einem Mann der dringend zur Arbeit fahren muss, aber in einem Verkehrsstau strandet und bei dem dann alles aus dem Ruder läuft …“

Ich stelle mir gerade vor, wie in einem Megastau im Stadtgebiet der ehemaligen Bundeshauptstadt aus zehntausend geöffneten Autofenstern dieser Song dröhnt. Ein echter Psycho-Blues, visionär und im Finale absolut bedrohlich … „Das Stück haben wir komplett live eingespielt. One take, fertig!“, erzählt Norfried Baum. „Da kamen nachher, im Mix, nur noch ein paar schräge Effekte drauf. Für sowas ist unser Bassist und Produzent Jan Laacks Spezialist.“

Fazit: Ich habe eigentlich noch nie ein so bunt gemischtes Album aus diesem musikalischen Umfeld gehört, wie ,Road Back Home‘ von Baum’s Bluesbenders. Von bester Party-Laune über Rock’n’Roll-Energie bis zum düsteren Albtraum ist hier alles vertreten. Das muss man können! Unbedingt reinhören!

www.bluesbenders.de


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MICK GOODRICK / FRED HERSCH: FEEBLES, FABLES AND FERNS

Was haben Pat Metheny, John Scofield, Bill Frisell, Mike Stern, Wolfgang Muthspiel, Lionel Loueke, Julian Lage, Lage Lund und Wayne Krantz gemeinsam? Alle sind Jazz-Gitarristen, richtig. Und sie hatten alle irgendwann mal den selben Lehrer: Mick Goodrick. Der hat zwar nie die Berühmtheit der oben genannten Künstler erreicht, gilt aber rückblickend als einer der einflussreichsten Jazz-Gitarristen und -Pädagogen seiner Generation.

Als Mentor und Dozent am Berklee College of Music in Boston prägte Mick Goodrick (*1945 † 2022) unzählige Studentinnen und Studenten. Sein Buch „The Advancing Guitarist“ gilt als Standardwerk. Und er war auch selbst als Musiker aktiv, spielte gemeinsam mit seinem Schüler Pat Metheny in den 1970er Jahren im legendären Gary Burton Quartet. Und auch der österreichische Jazz-Gitarrist Wolfgang Muthspiel arbeitete später mit Goodrick in verschiedenen Besetzungen.

Mitte der 1970er Jahre änderte Goodrick seinen Stil und spielte ohne Plektrum, mit Fingerstyle-Technik – für Jazz-Gitarristen damals eher ungewöhnlich. Sein 1978 beim Münchener Label ECM erschienenes Album ,In Pas(s)ing‘ mit Jack DeJohnette (dr), Eddie Gomez (b) und John Surman (ss, bs, bcl) ist heute eine Klassiker des modernen Gitarrenmusik im Jazz. Die Aufnahmen wurden kürzlich als Vinyl-LP im Foldout-Cover wiederveröffentlicht.

Mick Goodrick nahm an mehr als 60 Aufnahme-Sessions teil, seine Veröffentlichungen unter eigenem Namen sind aber überschaubar. Um so schöner, dass jetzt mit ,Feebles, Fables And Ferns‘ Aufnahmen vom August 1988 publiziert wurden, die der Gitarrist gemeinsam mit dem Pianisten Fred Hersch eingespielt hat. Die, je nach Zählweise, sieben oder acht Tracks des Albums, zeigen noch mal alle Qualitäten, die ich schon immer an Mick Goodrick geliebt habe: Er war, im übertragenden Sinne, der leisere, sensiblere Pat Metheny, der folkloristischer und europäischer klingende Jim Hall. Ein Musiker, der mich mit wenigen Tönen, mit warmen Voicings und viel Sinn für Interaktion, immer wieder berührt hat. Sein Album ,In Pas(s)ing‘ muss man gehört haben. Und die Komposition ,Feebles, Fables And Ferns‘ war auch schon darauf vertreten. 

Die jetzt unter diesem Titel veröffentlichten Duo-Aufnahmen mit Fred Hersch blieben eine einmalige Episode, obwohl beide Musiker damals überwiegend in Boston lebten und in Kontakt standen. Aufgenommen hatten sie aber in Herschs Studio in New York. Der beschreibt dieses musikalische Zusammentreffen so: „Für mich liegt das Besondere einfach im Niveau des Zusammenspiels. Zwischen uns beiden fand damals ein äußerst intensives Zuhören statt.“

Klanglich hat Hersch beide Instrumente im Mix mit viel Wärme angenähert und dabei trotzdem etwas Raum im Klangbild gelassen. Ob Goodrick bei den Aufnahmen die auf dem Booklet-Foto zu sehende Epiphone Sheraton Semiacoustic gespielt hat – mit Bigsby! – ist eher unsicher. In den 1980ern hatte er meist Headless-Instrumente von Klein, Steinberger und/oder Hohner im Einsatz, für einen kammermusikalischen Jazz-Gitarristen eher untypisch. Das Foto von Goodrick mit Headless-Gitarre habe ich am 08. März 1995 im „Ztudio Zerkall“, zwischen Aachen und Köln gemacht, wo er mit Wolfgang Muthspiel und Saxophonist David Liebman sein Album ,In The Same Breath‘ einspielte.

Noch mal zurück zu ,Feebles, Fables And Ferns‘: Neben Eigenkompositionen der beiden Musiker interpretieren sie hier auch noch zwei Stücke von Bassist Steve Swallow (,Falling Grace‘ und ,Amazing‘), Komponist & BigBand-Leiter Johnny Greens ,Out Of Nowhere‘ und den Klassiker ,Soul Eyes‘ von Pianist Mal Waldron. Und mit Fred Herschs ,Heartsong‘ ist auch noch eine absolut an Pat Metheny erinnernde Nummer zu hören, fast zu konventionell und gut gelaunt, zu Dur-fixiert für dieses Album. Den stärksten Kontrast dazu liefert der Track ,Five Excursions‘ – hier wurden mehrere spontane und relativ freie Improvisationen zusammengefasst. Spannend!

Mick Goodrick
Fred Hersch


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SIYOU: ABOUT ME

„Die Welt braucht genau diese Art von positiver, optimistischer, grooviger Musik“, denke ich, als ich nach den, mittlerweile wie gewohnt düsteren Abendnachrichten die neue CD von Siyou Isabelle Ngnoubamdjum einlege. Die 1968 in Kamerun als Tochter eines evangelischen Pfarrers und einer deutschen Entwicklungshelferin geborene Siyou kam mit zwei Jahren nach Deutschland, bekam irgendwann eine Gitarre geschenkt und entdeckte als Sängerin und Instrumentalistin Soul, Blues und Rock. Ihre Heimat fand sie dann aber in Spirituals und Gospel-Musik. 1993 gründete sie das siyou | gospel projekt, weitere Formationen folgten. Neben Konzerttourneen in Deutschland, Frankreich und Kamerun, gestaltete sie Kirchentage mit und unterrichtete. Zentrale Themen ihrer Arbeit sind die schwarze Kultur, der christliche Glauben und gesellschaftliche Missstände. 

Und dieses Spektrum deckt auch Siyous neues Album ab.

Bei der Produktion von ,About Me‘ wurde sie von einigen kompetenten Kollegen unterstützt, allen voran von Bassist Hellmut Hattler, mit dem sie seit 2008 im Duo Siyou’n’Hell zusammenarbeitet. Hattlers sehr gitarristisches, extrem lebendiges und dabei immer enorm tragendes Bassspiel ist auch hier mal wieder Weltklasse – und prägt die Musik von ,About Me‘ stark. Er ist in neun der elf Album-Tracks zu hören. Außerdem dabei sind Martin Meixner an Hammond-Orgel und Piano, bei einzelnen Tracks u.a. die Vokalgruppe „Insingizi“ aus Simbabwe, Christoph Scherer (perc), Tommy Baldu (dr), Joo Kraus (tp) und andere.

Siyous Musik ist erfrischend undogmatisch und offen. ,About Me‘ erscheint oft wie eine kleine Reise durch Gospel, African Roots, Pop und Soul, mit dem roten Faden ihrer Stimme und der virtuosen Bass-Begleitung von Hellmut Hattler. Interessant fand ich, dass sich die gute Laune des Album-Openers nicht durch alle Tracks zieht, sondern einer nie hoffnungslosen Nachdenklichkeit weicht, die wirklich berührt und die sich überträgt. Zu den Highlights gehören für mich die ruhigeren Tracks ,Home‘, ,So Easy‘ und ,Souline‘, aber auch das energetische ,Need The Silence‘, das in einer zweiten Version, nur von Syou und Hattler im Duo interpretiert, dieses Album beendet.

Und dann ist da noch die wunderschöne Ballade ,Kothbiro‘, die von einer Sanza oder Mbira (einem afrikanischen Lamellophon, oft als Daumenklavier bezeichnet) eingeleitet wird und geradezu hypnotische Qualitäten hat. Hier zeigt Siyou sechseinhalb Minuten lang, wie sie mit wenigen Tönen extrem berühren kann. Gelungen!

www.siyou.de
Siyou’n’Hell

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