Platte der Woche: EUROPE „Come This Madness“

Come This Madness Cover

Europe haben ein Luxusproblem: Egal, was die fünf Schweden veröffentlichen, nach wenigen Sätzen steht dieser eine Song im Raum. Im Jahr seines 40. Geburtstags erst recht. ‚The Final Countdown‘ wird auf immer ihr größter Segen und Fluch bleiben. Doch die Schweden haben sich seit ihrer Reunion 2004 längst ein zweites, deutlich erdigeres Kapitel erspielt. „Come This Madness“, das zwölfte Studioalbum der Band und das erste seit neun Jahren, setzt es nun fort.

Die Geschichte der Band beginnt 1979 in Upplands Väsby bei Stockholm, zunächst noch unter dem Namen Force. 1982 gewann die Band den schwedischen Nachwuchswettbewerb Rock-SM, benannte sich in Europe um und veröffentlichte ein Jahr später ihr Debütalbum. Der weltweite Durchbruch folgte 1986 mit dem Album, das so heißt wie ihr größter Hit: ‚The Final Countdown‘. Doch neben dem Titelsong lieferten Europe mit ‚Carrie‘ und ‚Rock The Night‘ reichlich Futter für Radiostationen, Musiksender und Jugendzimmer.

Europe (Foto: Andy Ford)
Europe (Foto: Andy Ford)

Nach ‚Prisoners In Paradise‘ legte die Band Anfang der 90er-Jahre eine lange Pause ein. 13 Jahre später  begann Europe wieder dauerhaft in der klassischen Besetzung mit Joey Tempest, John Norum, John Levén, Mic Michaeli und Ian Haugland zusammen zu arbeiten. Wer dabei nur auf die alte Synthesizer-Fanfare wartet, hat einige ziemlich gute Platten verpasst. Alben wie ‚Bag Of Bones‘, ‚War Of Kings‘ und zuletzt ‚Walk The Earth‘ von 2017 rückten näher an schweren 70er-Jahre-Hardrock, Blues und dunklere Klangfarben.

Und nun also ‚Come This Madness‘. Neun Jahre sind im Rockgeschäft eine halbe Ewigkeit, doch Europe haben sie genutzt.


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Der Produzent als sechstes Bandmitglied

John Norum (Foto: Linda Florin)
John Norum (Foto: Linda Florin)

Aufgenommen wurde das Album im Stockholmer RMV-Studio, das Benny Andersson und dessen Sohn Ludvig gegründet haben. Für die Produktion holte die Band Tom Dalgety ins Boot, dessen Referenzliste von Ghost und Opeth über Pixies bis The Cult reicht. Sein Einfluss ging offenbar weit über die Arbeit am Mischpult hinaus.

„Er ist kreativ, musikalisch und unglaublich intuitiv – während des Schreibens und Aufnehmens dieses Albums wurde er quasi zum sechsten Bandmitglied. Wir haben ihn sogar eingeladen, an einigen Songs mitzuschreiben“, sagt Joey Tempest.

Mit Tobias Forge von Ghost und Opeth-Frontmann Mikael Åkerfeldt tauchen zudem zwei prominente Gäste auf dem Album auf. Den Mix übernahm Mike Fraser, der unter anderem mit AC/DC, Van Halen, Metallica und The Cult gearbeitet hat. Auch das Artwork kommt aus berufener Hand: Verantwortlich zeichnen die StormStudios, deren Bildwelten bereits Platten von Pink Floyd, Led Zeppelin und Muse geprägt haben.

‚One On One‘ eröffnet

Einen ersten Eindruck liefert der Opener „One On One“. Nach einem orchestralen Auftakt schiebt ein treibendes Bassriff den Song an, ehe sich Europe in jenen melodischen Hardrock hineinsteigern, den die Band nach wie vor aus dem Effeff beherrscht. „‚One On One‘ ist definitiv einer meiner Lieblingssongs des Albums“, erklärt Tempest. „Die Energie und das Feeling sind frisch und manche Melodien erinnern mich an die Anfänge. Textlich ist es vielleicht nicht ganz so eskapistisch wie die frühen Europe. Die Texte spiegeln unsere heutige Zeit wider. Seit ‚One On One‘ nur ein Demo war, haben wir daran festgehalten, nie aufgegeben und es zu dem gemacht, was es ist: ein mitreißender, klassischer Hardrock-Song.“

Auch das Video zu ‚One On One‘ spart sich die erwartbaren Konzertbilder. Im Mittelpunkt steht der schwedische Schauspieler Peter Stormare, bekannt aus Fargo und The Big Lebowski, als gezeichnete und emotional angeschlagene Figur. „Wir wollten das Ganze aus einem anderen Blickwinkel angehen – reduzierter und unerwarteter“, sagt Tempest. Das ist gelungen.

Europe (Foto: Linda Florin)
Europe (Foto: Linda Florin)

Ruhe und Sturm

Das folgende ‚The Cult Of Ignorance‘ verbindet eine mitunter überraschend feine Gitarrenarbeit in den Strophen mit Synthesizern, stampfendem Rhythmus und einem Refrain, der extra für die kommenden Konzerte gebaut scheint. Der Titelsong fährt die Dynamik anschließend mehrfach herunter und wieder hoch: ruhige Strophen, schwere Riffs, ein großer Chor und John Norum, der mit bluesigen Läufen und weiten Bendings dazwischenfährt. Inhaltlich geht es um gesellschaftliche Spaltung und die merkwürdige Lautstärke, die extreme Stimmen inzwischen entwickeln.

Mit ‚This Time Of Year‘ wird es ruhiger. Hinter dem harmlosen Titel verbirgt sich ein melancholisches Weihnachtslied über Einsamkeit und eine gescheiterte Beziehung. Mic Michaelis Piano trägt die Strophen, Tempest singt erfreulich ungekünstelt und Norum hält sich auch im Solo zurück. Erst im letzten Refrain zieht die Band sämtliche Register. Mit ‚In A Different World‘ nimmt die Platte danach wieder Fahrt auf

‚Come This Madness‘ erscheint am 25. September über Silver Lining Music und Hell & Back Recordings als CD, Vinyl und digital. Fünf Tage später startet in Glasgow die Tour zum 40. Geburtstag von „The Final Countdown“. Das alte Schlachtschiff darf also noch einmal auslaufen. Europe selbst sind derweil schon ein gutes Stück weiter.


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Tracklist

01. One On One
02. The Cult Of Ignorance
03. Come This Madness
04. This Time Of Year
05. In A Different World
06. Scandinavian Eyes
07. Takin’ It Back
08. In The Absence Of Grace
09. The Angels Must Have Flown
10. The Devil’s Back
11. Nothing Can Follow This

Album-VÖ: 25. September 2026
Label: Silver Lining Music / Hell & Back Recordings
www.europetheband.com

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