Ich finde es eigentlich immer besser, wenn neue Musik veröffentlicht und vorgestellt, anstatt auf Reissues hinzuweisen, die eigentlich ihre Zeit bereits gehabt haben. In diesem Fall muss aber eine Ausnahme gemacht werden, denn diese Box ist etwas Besonderes. Denn diese Zusammenstellung früher Aufnahmen namens „Guitar Heroes: The Decca Years 1965–1967“ beweist noch einmal anschaulich, dass John Mayall schon sehr früh ein gutes Händchen für aufstrebende Gitarristen hatte. Immerhin sind hier Eric Clapton, Peter Green und Mick Taylor zu hören. Drei Musiker, die bei John Mayall ihren eigenen Approach auf den Blues entwickelten.
Die Sammlung erscheint bei Fontana/Universal Music und versammelt vier komplette Alben: „John Mayall Plays John Mayall (Live at Klooks Kleek)“ von 1965, „Blues Breakers with Eric Clapton“ von 1966 sowie „A Hard Road“ und „Crusade“, beide von 1967. Das ist ein kompakter Ausschnitt aus einer Bandgeschichte, deren Besetzungswechsel die britische Rockmusik nachhaltig prägten. Clapton ging zu Cream, Green gründete Fleetwood Mac, Taylor landete bei den Rolling Stones. Mayall gab ihnen zuvor die Bühne und den musikalischen Rahmen.
Vier Platten, vier Gitarristen
Die erste Überraschung steckt gleich auf dem Live-Debüt: An der Gitarre steht hier Roger Dean. Die 1964 im Londoner Klooks Kleek aufgenommenen und im folgenden Jahr veröffentlichten Mitschnitte führen also noch vor die viel zitierte Clapton-Ära zurück. Mit John McVie am Bass und Hughie Flint am Schlagzeug ist bereits ein Teil jener Besetzung zu hören, die anschließend mit Clapton ins Studio ging. „Crawling Up a Hill“ und „Crocodile Walk“ liefern gute Ansatzpunkte, um Mayalls frühe Bluesbreakers kennenzulernen.
Dann kommt „Blues Breakers with Eric Clapton“, wegen des Comics auf dem Cover auch als „Beano-Album“ bekannt. „All Your Love“, „Hideaway“ und „Steppin’ Out“ zählen zum Grundvokabular des britischen Bluesrock. Claptons Les Paul am Marshall-Combo machte einen voluminösen, angezerrten Ton zum Maßstab.
Peter Green setzt auf „A Hard Road“ seine eigenen Akzente. „The Stumble“ und „The Super-Natural“ sind dafür besonders ergiebige Anspieltipps. Gerade „The Super-Natural“ ist eine Einladung, Sustain als Gestaltungsmittel zu begreifen. Green erklärte später, die Idee mit der gehaltenen hohen Note sei von Produzent Mike Vernon gekommen; die musikalische Ausgestaltung habe er selbst übernommen.
Auf „Crusade“ übernimmt Mick Taylor. Mit „Oh, Pretty Woman“, „Snowy Wood“ und „Driving Sideways“ bietet die Platte weitere Ansatzpunkte für den direkten Vergleich der Gitarristen. Taylor sollte später bei den Rolling Stones einem weitaus größeren Publikum bekannt werden. Hier steht er noch in Mayalls Band – und die Box macht es leicht, seine frühen Aufnahmen unmittelbar neben denen seiner Vorgänger zu hören.
Neue Ausgabe, alter Lehrstoff
Für die Neuveröffentlichung stehen eine Box mit vier LPs und eine Deluxe-Ausgabe mit vier SACDs zur Wahl. Die Vinylfassung wurde laut Presseinfo in den Abbey Road Studios direkt von den originalen Decca-Masterbändern mit vollständig analogem Signalweg neu gemastert. Beide Editionen enthalten außerdem ein 40-seitiges Hardcover-Buch mit Begleittexten von Musikhistoriker Harry Shapiro und einem Stammbaum, der die Verbindungen zu Cream, Fleetwood Mac und den Rolling Stones nachzeichnet.
Der eigentliche Reiz dieser Zusammenstellung liegt im Nebeneinander der Aufnahmen. Eine Band, wechselnde Gitarristen, hörbar unterschiedliche Vorstellungen von Ton und Phrasierung. Für Gitarristen lohnt sich deshalb auch ein zweiter Durchgang mit dem Instrument auf dem Schoß: eine Phrase nachspielen, den Anschlag verändern, einen Ton länger halten. Mayalls alte Platten geben dafür noch reichlich Arbeit auf.
Album-VÖ: 09. Oktober 2026
Label: Fontana/Universal Music



