Kaum ist man mit seinem aktuellen Setup zufrieden, sieht man schon wieder die eine neue Gitarre, die man unbedingt braucht. Die Gründe sind natürlich schnell klar: Die Bauform spricht dich an, das Finish ist der Oberhammer, die Pickup-Konfiguration einfach besser. Oder es handelt sich um eine exklusive Limited Edition, die in keiner Sammlung fehlen darf. Wenn dir solche oder ähnliche Gedanken nur allzu vertraut vorkommen, bist auch du höchstwahrscheinlich vom Gear Acquisition Syndrome – oder kurz GAS – betroffen.
Was ist GAS überhaupt?
Hinter dem Kürzel GAS stecken gleich mehrere unterschiedliche Begrifflichkeiten. Steely Dans Walter Becker prägte in den Neunzigerjahren scherzhaft die Begriffe „Guitar Acquisition Syndrome“ für den Drang, immer neue Gitarren kaufen zu wollen. Alternativ hierzu das „Guitar Modification Syndrome“ für die notorischen Bastler unter uns, die es nicht lassen können, ihre Instrumente über den eigentlichen praktischen Nutzen hinaus aufzumotzen. Übrigens auch liebevoll Upgraditis genannt.
Das GAS ist mittlerweile übrigens nicht nur in der Gitarrengemeinde eine wahre Volkskrankheit. Sie grassiert in nahezu jedem kreativen „Prosumer“-Hobby von Musikern wie Gitarren- und Synthie-Nerds über Fotografen bis hin zu Sportlern und Hobby-Handwerkern. Folglich änderte sich die Bedeutung des G in GAS je nach Anwendungsbereich von „Guitar“ auf die allgemeinere Bezeichnung „Gear“.

Der Reiz des Neuen – Dopamin lässt grüßen
Mittlerweile ist das Thema sogar aus psychologischer Sicht erforscht und Bestandteil einiger wissenschaftlicher Studien geworden. Zunächst einmal: Nein, das Gear Acquisition Syndrome ist ein sogenanntes Pseudosyndrom und nicht mit ernstzunehmenden Störungen wie dem pathologischen Kaufzwang gleichzusetzen. GAS für sich allein betrachtet ist an sich also erst mal nichts, was professionell behandelt werden muss 😉
Trotzdem stellt sich doch die Frage, was den Wunsch nach immer neuem Equipment in uns genau auslöst. Und hier wird es tatsächlich interessant. Der Hauptgrund, warum wir so gerne neues Equipment anschaffen, ist letztendlich nichts anderes als das Glückshormon Dopamin. Die Anschaffung von neuem Gear kann also ähnliche Gefühle auslösen, wie wir sie durch sportliche Betätigung, das Hören guter Musik oder auch durch einen Drogenrausch empfinden. Dopamin wirkt übrigens ebenfalls motivierend. Kein Wunder also, wenn dich die neu angeschaffte Gitarre wieder mehr dazu bringt, ausgiebig Gitarre zu spielen und neue Songs zu schreiben.
Online-Handel, Social Media & co – Katalysator für GAS
Warum das Gear Acquisition Syndrome mehr denn je verbreitet ist, hat im Endeffekt zwei hauptsächliche Gründe. Zunächst ist da das üppige Online-Angebot, das wir bei zahlreichen Händlern im Internet vorfinden. Der Online-Markt an E-Gitarren, Verstärkern, Effektpedalen und vielem mehr ist heutzutage natürlich weitaus breiter aufgestellt. Während sich die Auswahl vor einigen Jahrzehnten noch auf wenige verfügbare Produkte beschränkte, können wir heutzutage aus einem unüberschaubaren Angebot verschiedenster Hersteller und Ausführungen wählen, vergleichen und ganz einfach online bestellen.
Die zweite große Ursache liegt ebenfalls im Internet begründet: Social Media. Wer sich das eine oder andere Gear Review auf YouTube angeschaut hat, den einschlägigen Instagram-Gitarristen folgt oder im GuitarTok-Universum auf TikTok unterwegs ist, wird regelmäßig mit neuem Gear-Related Content versorgt und garantiert keine Neuheit mehr verpassen. Insofern ist die nächste Anschaffung quasi vorprogrammiert.
Sammeln vs. Spielen – Wann GAS hilfreich sein kann, und wann nicht
Selbstverständlich solltest du dir immer bewusst sein, wo der praxisbezogene Bedarf für dich aufhört und der reine Wunsch, etwas Neues haben zu wollen, beginnt. Immerhin hat bereits so manche Rock-Ikone mit sehr einfachen Mitteln schier Unglaubliches geschaffen und unsterbliche Klassiker geschrieben. Es ist also nicht immer alles unbedingt zwingend notwendig. Ebenfalls solltest du dich immer fragen, ob du dein Budget tatsächlich für bestimmte Gitarren oder Pedale investieren möchtest oder es stattdessen doch besser für andere sinnvolle Dinge aufwenden solltest.
Dennoch ist die ewige Suche nach Equipment keineswegs etwas ausschließlich Negatives. Vielmehr kommt es darauf an, wie du deine individuellen Wünsche und Bedürfnisse definierst. Wenn du Musiker bist, kann neues Gear beispielsweise dazu führen, dass du mehr und bessere Musik machst. Das hat mehrere Gründe:
- Neues Gear inspiriert – wie bereits erwähnt, kann ein neu angeschafftes Instrument zu mehr Spielspaß führen. Somit auch zu mehr Zeit, die du mit deinem Hobby verbringst.
- Neue Sounds & Spielweisen – neues Gear erweitert den musikalischen Horizont. Beispielsweise durch völlig andere Sounds, die ein neues Effektpedal auf dem Pedalboard liefern kann.
- Kreative Blockaden lösen – manchmal kann eine andere Ausrüstung neue Perspektiven auf bisherige Projekte eröffnen.
Für die Sammler unter uns ist GAS hingegen weniger ein Problem, sondern vielmehr Teil des Hobbys. Hier liegt der Fokus nicht unbedingt auf dem klanglichen Resultat oder der Verwendbarkeit in der Praxis. Stattdessen werden neue Anschaffungen nach individuellem Sammlerwert und im Hinblick auf die potenzielle Wertsteigung getätigt.
Fazit – GAS ist menschlich
Das Gear Acquisition Syndrome gehört Gitarrenwelt einfach dazu wie die SG zu Angus Young. Denn es ist gerade der Mix aus Leidenschaft, Neugier und einer Prise Psychologie, der unsere Liebe zum Instrument und allem drum herum ausmacht. Dennoch solltest du dir stets vor Augen halten, wo du deine eigenen Grenzen ziehst. Die gute Nachricht ist also: GAS ist kein Problem, solange du seine Prinzipien verstehst.
