Das Walrus Audio Qi Etherealizer gehört zu den ungewöhnlichsten Multieffektpedalen der letzten Jahre und richtet sich besonders an Gitarristen, die weit mehr suchen als klassische Modulation oder Hall. Entwickelt in Kooperation mit Yvette Young, vereint das Pedal eine moderne Granular-Engine mit Delay, Chorus und einer globalen Reverb-Ebene und bietet damit ein Instrument, das den Klang nicht nur erweitert, sondern regelrecht verwandeln kann. Für Gitarristen, die atmosphärische Klanglandschaften erschaffen oder ihr Liveset um eindrucksvolle Stereo-Texturen bereichern möchten, ist das Qi eine der spannendsten Optionen am Markt.
Design und Verarbeitung
Das Gehäuse ist robust und sauber verarbeitet, wie man es von Walrus Audio gewohnt ist. Die Regler greifen präzise, das Layout ist klar strukturiert und lässt alle drei Effektbereiche auf den ersten Blick erkennen. Die Stereo-Ausgänge und die MIDI-Einbindung (MIDI In/ MIDI Thru) zeigen deutlich, dass dieses Pedal nicht nur als klassischer Bodentreter gedacht ist, sondern als ernstzunehmender Bestandteil eines modernen Gitarren- oder Hybrid-Setups. Auch im Studio findet das Qi seine Berechtigung und ist durch den Stereo-Betrieb auch bei Synth-Nerds beliebt. Viele Gitarristen setzen inzwischen auch live auf Stereo, besonders wenn sie allein für die gesamte Gitarrenbreite der Band verantwortlich sind. Das Qi ist genau für diesen Einsatzfall gemacht und erzeugt einen räumlichen Klangkörper, der eine einzelne Gitarre beinahe wie zwei wirken lässt.
Effektarchitektur
Einer der größten Pluspunkte des Qi Etherealizer ist die klare Trennung seiner drei Haupteffekte. Grain, Chorus und Delay existieren als eigenständige Kanäle, die sich jeweils separat aktivieren, formen und im Verhältnis zum trockenen Signal mischen lassen. Dadurch fühlt sich das Pedal eher wie ein kleines Effekt-Rack an als wie ein typisches Multieffektgerät. Besonders der Grain-Kanal eröffnet mit seinen granularen Texturen eine Klangwelt, die Gitarrensignale in schwebende, modulierte Klangwolken verwandelt. Das Delay reagiert präzise und rhythmisch stabil, während der Chorus wahlweise subtil schimmernde oder breit modulierte Bewegungen erzeugt.
Der Reverb liegt bewusst nicht als eigener Block vor, sondern im Main Mix. Er greift das Gesamtsignal auf und taucht es in einen musikalischen Raum, der den drei Effektkanälen Zusammenhalt verleiht. Zwar wäre ein völlig unabhängiger Reverb-Kanal in manchen Situationen eine interessante Erweiterung, doch funktioniert die globale Hallstruktur in der Praxis überraschend gut, weil sie alle Klangschichten elegant miteinander verbindet.

Delay: Rhythmische Struktur und kontrollierte Wiederholungen
Der Delay-Kanal bietet die wohl unmittelbarste Form der Klangveränderung und bildet häufig das rhythmische Fundament im Sound des Walrus Audio Qi Etherealizer. Die Delay-Zeit lässt sich feinfühlig einstellen und über den Time-Regler präzise an das Spielverhalten anpassen. Das Feedback kontrolliert, wie weit die Wiederholungen in die Fläche hineinwandern, bis hin zu selbstoszillierenden Feedback-Loops, die sich performativ einsetzen lassen. Drei Zuschaltoptionen – Viertel, Achtel und punktiertes Achtel – passen sich immer dem aktuellen Tempo an, das entweder aus dem internen Clock-System stammt oder per Fuß über den Tap-Schalter live eingegeben wird, sodass die Wiederholungen stets musikalisch präzise im Song liegen. Der Mix-Regler bestimmt, wie weit das Delay in den Vordergrund tritt oder als subtiler räumlicher Schimmer im Hintergrund bleibt. Durch diese Kombination entsteht ein Delay-Kanal, der sowohl modern rhythmisch als auch klassisch ambient eingesetzt werden kann und sich perfekt in dichte Gitarrenwände oder weite Synth-Flächen einfügt.
Chorus: Schimmer, Breite und fließende Bewegung
Der Chorus-Kanal verleiht dem Signal zusätzliche Weite und Farbe. Über Rate und Depth lässt sich die Intensität der Modulation von einem leichten Analog-Schimmer bis zu üppigen, breit aufgefächerten Klangbewegungen formen. Besonders interessant ist die Möglichkeit, zwischen dem Tri-Modus und einer breiten Stereo-Variante zu wechseln. Während der Tri-Modus an klassische, warme Chorus-Sounds erinnert, öffnet der Stereo-Modus das Klangbild deutlich und sorgt für jene beeindruckende Räume, die gerade bei Gitarristen mit nur einem Amp oder einer einzigen Gitarre auf der Bühne einen enormen Unterschied machen. Der Mix-Regler bestimmt auch hier, wie stark der Modulationseffekt hörbar wird und erlaubt damit eine sehr präzise Einbettung in den Gesamtklang.


Granular: Texturen zwischen Fragmentierung und atmosphärischer Weite
Mein persönliches Highlight: Granular! Er ist das eigentliche Herzstück des Etherealizer und bietet eine außergewöhnliche Klangtiefe. Mit dem X-Regler lässt sich die Streuung oder Bewegung der Grains beeinflussen, während Playback die Wiedergabegeschwindigkeit und tonale Richtung der Körner verändert. Der Grain-Schalter eröffnet zwei sehr unterschiedliche Welten: Grain Cloud erzeugt schwebende, wolkenartige Texturen, die sich hervorragend für Ambient-Flächen oder atmosphärische Interludes eignen. Phrase Sample arbeitet dagegen mit einer Art eingefrorenem, mikrogesampeltem Material, das in rhythmische oder pulsierende Strukturen übergeht. Dieser Kanal ist besonders prädestiniert dafür, Gitarrensignale in etwas völlig Neues zu verwandeln – von subtilen, diffusen Hintergründen bis zu vollständig abstrahierten Klanggebilden.
Reverb- und Mix-Sektion: Räumliche Klammer über dem Gesamtsound
Der Reverb befindet sich nicht auf einem eigenen Kanal, sondern liegt global über dem Gesamtsignal des Etherealizer. Über den Space-Regler lässt sich der Charakter des Raums einstellen, während ein globaler Dry/Wet-Regler bestimmt, wie tief das gesamte Signal in die Hallräume eintaucht. Die Entscheidung, den Reverb als Master-Effekt zu führen, sorgt dafür, dass alle drei Effektkanäle in einem gemeinsamen Raum verschmelzen. Gerade in Ambient-Setups führt das zu einem sehr musikalischen und organischen Gesamteindruck. Gleichzeitig wäre eine zusätzliche, kanalindividuelle Steuerung eine sinnvolle Erweiterung – doch in der Praxis erweist sich die globale Platzierung als musikalisch stimmig und einfach bedienbar.
Fußschalter: Echtzeitkontrolle für Performance und Klangexperimente
Die drei Fußschalter des Etherealizer sind entscheidend für seine Live-Tauglichkeit. Der Bypass-Schalter schaltet das gesamte Pedal ein oder aus und sorgt damit für eine klare, sofortige Umschaltung zwischen Effekt- und Direktsignal. Der Freeze-Schalter ermöglicht es, Klangmaterial einzufrieren, sodass schwebende Pads oder granulare Texturen gehalten werden können, während darüber weitergespielt wird. Diese Funktion ist besonders kreativ und lädt zu ausgedehnten Ambient-Passagen ein. Der dritte Schalter, Tap/OSC, dient einerseits zur Tempo-Eingabe des Delays, kann aber auch in Oszillation überführt werden, wodurch das Delay gezielt in Selbstresonanz gefahren wird. Alle drei Schalter reagieren angenehm direkt und erweitern das Pedal enorm um performative Möglichkeiten, die weit über herkömmliche Effektpedale hinausgehen.
Performance und Bedienung
Obwohl das Pedal eine komplexe Klangarchitektur besitzt, lässt es sich intuitiv bedienen. Die einzelnen Sektionen sind klar voneinander abgegrenzt, und der direkte Zugriff auf wichtige Parameter ermöglicht ein spontanes Arbeiten ohne Menü-Hürden. Besonders die Performance-Funktionen wie Freeze oder die Momentary-Optionen verleihen dem Pedal eine instrumentale Qualität. Damit eignet es sich perfekt für Gitarristen, die live improvisieren oder atmosphärische Übergänge schaffen möchten. Der gesamte Workflow fühlt sich organisch an, sodass man schnell vergisst, ein Effektpedal zu bedienen – stattdessen nutzt man es als musikalische Erweiterung des eigenen Spiels.

Preset-Verwaltung und Workflow in der Praxis
Im praktischen Einsatz zeigt sich besonders deutlich, wie durchdacht das Preset-System des Qi Etherealizer aufgebaut ist. Bereits ab Werk stehen drei Presets zur Verfügung, die als klangliche Orientierung dienen und unterschiedliche Grundcharaktere des Pedals abbilden. Diese Speicherplätze lassen sich jederzeit überschreiben, sodass der Nutzer sehr schnell eigene Setups anlegen und dauerhaft sichern kann. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: Ein Druck auf die entsprechenden Taster genügt, um unmittelbar zwischen den gespeicherten Konfigurationen umzuschalten. Gerade live ist das ein großer Vorteil, da das Gerät ohne Navigieren in Menüs sofort auf neue Klangbilder reagieren kann.
Wer mit komplexeren Setups arbeitet oder eine größere Anzahl an Klangvarianten benötigt, profitiert von der erweiterten MIDI-Integration. Darüber lassen sich bis zu 127 Presets adressieren, was das Pedal zu einem vollwertigen Bestandteil größerer Signalketten oder Live-Rigs macht. Es lässt sich sowohl automatisieren als auch in Song-Strukturen einbinden, ohne dass man selbst am Gerät eingreifen muss. Die USB-Schnittstelle spielt in diesem Workflow keine Rolle, denn sie dient ausschließlich Firmware-Updates und bietet keine Möglichkeit zur Preset-Verwaltung. Damit bleibt die gesamte Organisation der Sounds auf die Hardware selbst sowie auf MIDI-Steuerung beschränkt – ein bewusst gewähltes Design, das den Etherealizer als Performance-Pedal klar positioniert.
Klang und Anwendung im Gitarrensetup
Im Klangbild zeigt das Qi Etherealizer seine größte Stärke. Die Stereo-Abbildung wirkt weit und dennoch definiert. Die Granulartexturen fügen sich organisch ins Gitarrenspiel ein und formen aus einfachen Akkorden oder Linien dichte Ambient-Sphären. Das Delay arbeitet präzise und bleibt selbst bei hohen Feedbackwerten stabil. Der Chorus verleiht dem Sound eine zusätzliche Ebene von Bewegung und Tiefe. Besonders in Bandsituationen, in denen nur eine Gitarre spielt, kann das Qi den Raum merklich füllen und das gesamte Klangbild erweitern, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
Das Pedal eignet sich hervorragend für alle Formen von Ambient, Post-Rock, Indie und Worship, funktioniert aber ebenso gut in experimentelleren Genres, in denen Gitarristen den Mut haben, ihr Instrument in etwas völlig Neues zu verwandeln. Der Klangcharakter bleibt stets hochwertig und wirkt nie künstlich oder synthetisch überladen.
Fazit: Walrus Audio Qi Etherealizer – Ambient-Multieffekt
Das Walrus Audio Qi Etherealizer ist ein außergewöhnliches Multieffektpedal, das für Gitarristen mit klanglicher Neugier eine echte Bereicherung darstellt. Es kombiniert moderne Effekttechnologie mit einer klaren Struktur, die sowohl im Studio als auch auf der Bühne überzeugt. Die getrennten Effektkanäle für Grain, Delay und Chorus, der musikalisch arbeitende globale Reverb und die Fähigkeit, breite Stereoflächen zu erzeugen, machen das Qi zu einem Instrument für Gitarristen, die ihren Sound nicht nur erweitern, sondern transformieren möchten. Es ist ein Pedal, das inspiriert, anregt und dazu einlädt, neue Klangwege zu gehen – und genau das macht es so besonders.
Pro
- Präzise Klanggestaltung dank separater Effektkanäle
- Breiter, räumlicher Sound durch Stereo-Betrieb
- Intuitive Bedienung mit kreativen Performance-Funktionen
Contra
- Reverb nur global nutzbar
- Relativ hoher Strombedarf
- Eingeschränkte Preset-Verwaltung ohne MIDI
Link zur Herstellerseite: Walrus Audio


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