Wie wichtig der Bass in einer Band ist, wissen wir alle. Wenn der nicht rollt und groovt, bleibt die Musik blass. Und wenn der Tieftöner aber noch ein paar interessante Noten in seine Linien integriert und mit Melodie und Groove seine Aufgabe bewältigt, kann er die Musik extrem nach vorne bringen. Unter diesen Aspekten habe ich Künstler wie Miroslav Vitous, Jack Bruce, Hellmut Hattler und Jaco Pastorius immer sehr gemocht.
Der Musiker Bänz Oester
Auch Bänz Oester hat schon so einiges erreicht in seinem Jazz-Musikerleben und er ist eine zentrale Figur der mitteleuropäischen Szene. Der 1966 in Bern geborene Kontrabassist hat nach seiner klassischen Ausbildung von 1983 bis 1987 bei Bela Szedlak in den Jahren 1986 bis 1989 auch noch ein Jazz-Studium an der Swiss Jazz School bei Peter Frei absolviert. Das ist vier Jahrzehnte her, und mittlerweile ist Oester Professor und Hauptfach-Dozent für Kontrabass und Ensembles am Institut Jazz der Hochschule für Musik Basel – kurz Jazzcampus Basel. Hier leitet er unter anderem Workshop-Formate wie „Interactive Improvising“. Das klingt spannend.
Aber Bänz Oester ist auch aktiver Musiker geblieben: Von seinen vielen eigenen Band-Projekten, häufig Duos und Trios, ist das seit 2012 bestehende Quartett The Rainmakers am bekanntesten. Einen Gegenpol dazu stellt sein bereits 2007 veröffentlichtes Soloalbum ,Blospermint Suite‘ dar, ein experimentelles Werk, das die klanglichen Möglichkeiten des Kontrabasses ohne Begleitung in den Mittelpunkt stellt und Oesters tiefes Verständnis für melodische und rhythmische Strukturen in einem sehr direkten, intimen Zusammenhang präsentiert. Drei Fragen vorab an den Bassisten:
Welchen Kontrabass spielst du und wie wird er auf der Bühne verstärkt?
Der Bass ist von Lodovico Rastelli, Genova 1834. Ich benutze einen Ehrlund Pickup mit Preamp und einen alten SWR Baby Blue II Amp.
Hast du auch mal E-Bass gespielt?
Nicht mehr seit meinen Teenage-Bands.
Und welche Bassisten und Bass-Alben gehören heute zu deinen Favoriten?
Charles Mingus und Charlie Haden sind meine Favoriten – und die meisten der Alben, auf denen sie mitspielen. Zum Beispiel mag ich ,Time remembers one time once‘ sehr, von Charlie Haden im Duo mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Denny Zeitlin.
Bassist Bänz Oester mit dem Pierre Favre Quintet: Samuel Blaser (tb),
Nils Wogram (tb), Philipp Schaufelberger (g) und Pierre Favre (dr)
Sideman & Bandleader
Als Sideman arbeitete Bänz Oester mit Größen wie Dewey Redman, Joe Lovano, Michael Brecker, Ray Anderson, Arthur Blythe, Joey Baron, Chris Potter, Marc Johnson, Bill Stewart, Gary Bartz, Jim Black, Walter Norris, Michel Godard, Adam Nussbaum und vielen anderen. Seit Beginn seiner Musikerkarriere war Oester an circa 80 Produktionen beteiligt – die Liste auf baenzoester.com/records ist wirklich beeindruckend, und ohne Frage gehört dieser Künstler zu den wenigen auch live hyperaktiven Jazz-Professoren unseres Kontinents. Ein Musiker und Mensch aus dem Leben.
Und ein Künstler, der viel Anerkennung findet: 2023 zeichnete ihn die Musikkommission des Kantons Bern mit dem Musikpreis des Jahres aus. Und von seinem im selben Jahr erschienenen und mit The Rainmakers produziertem Album ,Gratitude‘ war auch ich damals extrem begeistert. Hier ein Auszug aus meiner Rezension: „Als John-Coltrane-Fan ist man schon nach den ersten Minuten dieses Albums fasziniert und berührt. Denn was Bassist & Bandleader Bänz Oester und Tenorsaxophonist Javier Vercher gemeinsam mit Pianist Afrika Mkhize und Drummer Ayanda Sikade hier zaubern, hat eine unglaubliche Energie und knüpft an die ganz eigene Spiritualität des legendären Coltrane Quartet mit McCoy Tyner (p), Jimmy Garrison (b) und Elvin Jones (dr) an. Bänz Oester trägt diese Formation oft mit nur wenigen tiefen Tönen, um sie dann über seinen schweren Riffs und pulsierenden Linien fliegen zu lassen. Ein wirklich beeindruckender Kontrabassist.“

Together!

Und jetzt ist das mit Spannung erwartete neue Album da. Vorab-Infos zu ,Together‘ lieferte der Pressetext: „Nach 13 Jahren mit den Rainmakers schlägt Bänz Oester ein neues Kapitel auf“, schreibt das Label. „In der neuen Band sind Bänz Oesters langjähriger Weggefährte Malcolm Braff am Piano und zwei Überflieger aus dem Umfeld des Jazzcampus Basel, Albin Ormegard aus Schweden an der Gitarre und der Amerikaner Genius Wesley am Schlagzeug mit dabei. Die Musik bewegt sich improvisiert in grosszügigen Spannungsbögen, es groovt, singt und schwelgt, und die nächste Überraschung wartet schon hinter der Abbiegung.“
Ein ganz neues Band-Projekt ist also hier am Start, wobei das Wort „Together“ als Albumtitel und Name der Formation gelesen werden kann. Auffallend ist, dass hier nur drei Tracks gelistet sind, wobei der gut 43-minütige Einsteiger ins Album bei genauerem Hinsehen aus drei verschiedenen Kompositionen besteht: Cole Porters ,So In Love‘, Oesters Komposition ,November‘ und Pianist Malcolm Braffs Titel ,Malcolm B‘. Es folgen dann noch ,Tant de Belles Choses‘ (10:08 min) und ,Together‘ (17:49 min). Entstanden sind die Aufnahmen in Jazz-Clubs in Lausanne und Basel; Publikumsreaktionen sind allerdings nur vereinzelt zu hören.
Intensität & Interaktion

Schon bei den ersten Töne von ,Together‘ erlebe ich dann wieder eine Intensität, wie ich sie schon vor drei Jahren genießen konnte. Was für eine Energie, was für eine klangliche Tiefe und was für wunderbare Farben! Gitarrist Albin Ormegard steigt mit fast hymnischem, komprimierten und angezerrten Ton ein, der oft an ein Saxophon erinnert. Und dann Malcolm Braffs Pianosolo, dessen Ausloten der harmonischen Grenzen und seine Fusion von Power-Chords, kurzen Motiven und bizarren Linien einfach nur großartig ist. Plötzlich meldet sich Albin Ormegard zurück, diesmal mit einem sehr eigenwilligen Gitarrensolo und extrem spannenden Linien. Dieser zwischen rockigem Sound und freejazzigen Linien agierende Musiker ist ohne Frage eine Entdeckung dieses Albums, und es wäre schön, noch mehr von ihm zu hören.
„Albin Ormegard habe ich am Jazzcampus Basel kennengelernt“, erzählt Bänz. „Er war da erst als Erasmus-Student, dann als Teilnehmer vom Focus Year.“
Keine Frage, diese Art von spielerischer Intensität kennt man von Jazz-Ikone und Tenor- und Sopransaxophonist John Coltrane seit den mittleren 1960er-Jahren. Gerade wird ja der 100. Geburtstag dieses legendären Musikers gefeiert. Und egal ob man die freien oder die spirituellen Aspekte von dessen Kunst stärker empfindet – diese Musik hat damals auf eine bis dato unbekannte Art Menschen berührt, neue Wege aufgezeigt, und ganz generell die Lebendigkeit der afroamerikanischen Kultur von der avantgardistischen Jazz-Seite her belegt und die Forderung nach Menschlichkeit und Bürgerrechten unterstützt.
Um so wichtiger ist ein solches musikalisches Statement wie dieses Album, das Respekt vor und Liebe zu dieser inzwischen klassischen Musik des 20. Jahrhunderts belegt. Einer Kunst der Improvisation, Kommunikation, Interaktion, die aus dem kreativen Prozess heraus, ganz im Sinne des Wortes, einmalige Kunstwerke erschafft. ,Together‘ steht eben auch für Respekt, Gleichberechtigung, das kostbare Gefühl menschlicher Zugehörigkeit, für Brüderlichkeit und Schwesternschaft Es ist viel passiert seitdem, aber tragischerweise läuft der Film in den seit Jahren zu einem faschistischen Staat mutierenden USA gerade wieder rückwärts. Und was dem hier so wunderbar deep und berührend klingenden, tragenden und absolut faszinierenden Kontrabassisten Bänz Oester außerdem gelungen ist, sind neben der perfekten Zusammenstellung dieses neuen Quartetts die weiten Spannungsbögen und die immer wieder überraschenden Klangfarben und organischen Entwicklungen: Denkt man in der zweiten Hälfte des Album-Openers mal kurz, dass jetzt ein Bass-Solo folgt, hat sich aus dessen Ansätzen schon wieder etwas Neues, von Gitarre und Piano bestimmt, entwickelt. Und dann soliert plötzlich Genius Wesley am Schlagzeug über ein repetitives Motiv seiner Mitmusiker, aus dem er ebenso überraschend aussteigt und sie wieder neue Wege einschlagen lässt. ,Transition‘ pur. Was für ein Trip!
Jazz & Chanson

Und wenn die Musiker im zweiten Album-Track ,Tant de Belles Choses‘ (von Pascale Daniel & Alain Lubrano) dann ganz laid back eine wunderschöne Ballade feiern, merkt man erst nach und nach, dass sie auch hier frei durch die Musik schweben, und der etwas konventionellere Ansatz keine Begrenzung des Ausdrucks bedeutet. Bänz Oester: „Pascale Daniel und Alain Lubrano sind ein französisches Komponisten-Team, das vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der legendären Chanson-Sängerin Françoise Hardy bekannt wurde. Ihr bedeutendstes Werk ist dieses Lied ,Tant de Belles Choses‘ von 2004 …Es ist ein sehr schönes, aktuelles Lied, und es hat mich inspiriert für eine persönliche Reharmonisation. Ich bin immer auf der Suche nach Songs und Tunes aus dem Alltag, insbesondere auch aus der Schweiz und Europa. Das ist ja im Jazz gang und gäbe.“
Der Titel-Track ,Together‘ ist eine weitere Komposition des Pianisten Malcolm Braff. Das sehr eingängige, fast folkloristische Thema, ist nicht so einfach strukturiert, wie man spontan denkt; und es erinnert andererseits auch etwas an einen Choral. Nach der dreiminütigen Exposition ist die Band aber dann schlagartig wieder in einer anderen Welt, ihrer Welt – mit langen, spannenden Improvisationen und vielen überraschenden Momenten. Und dann ist ganz plötzlich das bodenständige Thema zurück, und man fragt sich, ob die Improvisationen im Mittelteil nicht nur ein Traum waren … Dieses Quartett von Bänz Oester mit Albin Ormegard, Malcolm Braff und Genius Wesley ist ein Glücksfall für den zeitgenössischen, zeitlosen Jazz. Für Musik ohne Berührungsängste. Und dieses Album klingt auch noch richtig gut, tief, räumlich und sehr lebendig.
„Together“ steht als Schlüsselwort für Freiheit, Toleranz und Liebe. Neben Essen, Trinken, Wohnen fast alles was wir brauchen, um glückliche Menschen und Musiker zu sein. „Wunderbar!“ kommentiert Bänz. „Und es steht meinerseits auch fürs zusammen spielen auf Augenhöhe, ohne Hierarchien und vorgefasste Entscheidungen.“
Letzte Frage an Bänz Oester: Was war das Wichtigste, das du bisher als Musiker gelernt hast? “Es ist nie zweimal gleich. Heiße jeden Moment willkommen!“
