Von Western bis Heavy Metal: Die Baritongitarre und ihre vielen Gesichter

Baritongitarren sind längst keine Exoten mehr. Gerade in den vergangenen Jahren ist das Interesse an Instrumenten mit längerer Mensur und tiefer Stimmung deutlich gewachsen. Auch 2026 haben Hersteller wie Fender, PRS oder ESP einige neue Modelle vorgestellt, die mit einer längeren Mensur ausgestattet sind als die häufig üblichen 25,5“. Viele aktuelle Baritongitarren richten sich dabei vor allem an Gitarristen aus dem Metal-Bereich. Es finden sich jedoch immer wieder spannende Instrumente, die weit mehr können als nur tiefe Metal-Riffs.

Ein schönes Beispiel dafür ist die PRS SE Ed Sheeran Baritone. Mit ihrem Piezo-Tonabnehmer eignet sich die Signature-Gitarre besonders für kreative Anwendungen mit einem Looper. Von tiefen Piezo-Basslinien über akustische Akkordbegleitungen bis hin zu elektrisch abgenommenen Melodien lassen sich damit unterschiedliche musikalische Aufgaben auf einem einzigen Instrument übernehmen.

Trotz eines reichen Katalogs an Baritone-Metal-Brettern reicht die Geschichte der Baritongitarre wesentlich weiter zurück als die modernen Metal-Spielarten, für die sie heute gerne genutzt wird. Ihre Wurzeln liegen unter anderem in der Studiomusik der Fünfzigerjahre, im Country und im charakteristischen Twang früher Rock-’n‘-Roll-Aufnahmen.

Was unterscheidet eine Baritongitarre von einer gewöhnlichen E-Gitarre?

Auf den ersten Blick unterscheidet sich eine Baritongitarre oft kaum von einer herkömmlichen E-Gitarre. Sie besitzt in der Regel sechs oder sieben Saiten, wird ähnlich gespielt und ist in zahlreichen bekannten Korpusformen erhältlich. Der wesentliche Unterschied liegt in der längeren Mensur, also dem Abstand zwischen Sattel und Steg.

Während eine Fender Stratocaster beispielsweise eine Mensur von 25,5 Zoll besitzt, liegen Baritongitarren häufig zwischen 26,5 und 30 Zoll. Die verlängerte Mensur ermöglicht es, tiefere Stimmungen mit einer ausreichend hohen Saitenspannung zu nutzen. Hinzu kommen dickere Saitensätze, die speziell für diese Instrumente ausgelegt sind.

Zu den verbreiteten Stimmungen gehören Standard H (H-E-A-D-Fis-H) und Standard A (A-D-G-C-E-A). Damit liegen Baritongitarren eine Quarte beziehungsweise eine Quinte unter der üblichen E-Standardstimmung. Allerdings ist die Grenze zum sechssaitigen Bass nicht immer eindeutig. Besonders bei frühen Instrumenten überschneiden sich die beiden Konzepte, obwohl sich ihre vorgesehenen Stimmungen und musikalischen Aufgaben unterscheiden.

Danelectro und die Anfänge der tief gestimmten E-Gitarre

Einer der wichtigsten Namen in der frühen Geschichte tiefer elektrischer Saiteninstrumente ist Danelectro. Das Unternehmen wurde von Nathan Daniel gegründet, der zunächst vor allem Verstärker entwickelte. Bereits in den Vierzigerjahren beschäftigte er sich mit vergleichsweise preisgünstiger Verstärkertechnik, bevor Danelectro ab 1954 auch eigene E-Gitarren fertigte.

Daniels Instrumente zeichneten sich durch einfache und kostengünstige Konstruktionen aus. Statt auf traditionelle Gitarrenbauweisen setzte er unter anderem auf Korpuskonstruktionen mit Masonite-Deckflächen und die charakteristischen Lipstick-Tonabnehmer. Seine Gitarren wurden auch über große amerikanische Versandhäuser unter anderen Markennamen vertrieben.

Danelectro UB-2 6 String Bass

1956 stellte Danelectro mit dem UB-2 einen sechssaitigen E-Bass vor. Das Instrument besaß eine Mensur von 29,5 Zoll und wurde wie eine gewöhnliche Gitarre gestimmt, allerdings eine Oktave tiefer.

Damit unterschied es sich von der heute üblichen Baritongitarre in H- oder A-Standardstimmung. Dennoch gehört der UB-2 zu den wichtigsten Vorläufern moderner Baritoninstrumente, da er die vertraute Spielweise einer sechssaitigen Gitarre in ein wesentlich tieferes Register übertrug.

Die Idee blieb dabei nicht auf Danelectro beschränkt. Gibson brachte später den EB-6 auf den Markt, während Fender 1961 den Bass VI vorstellte. Auch diese Instrumente bewegten sich zwischen Gitarren- und Bassdesign und eröffneten Studiomusikern neue klangliche Möglichkeiten in tieferen Registern.

Die Frage, wer die erste elektrische Baritongitarre im heutigen Sinne gebaut hat, lässt sich deshalb nicht ganz eindeutig beantworten. Danelectro spielte bei der Entwicklung und Verbreitung sechssaitiger Instrumente mit tiefem Tonumfang jedoch eine entscheidende Rolle.

Tic-Tac-Bass: Twang, Country und die Studiomusik der Sechzigerjahre

Ihre ersten wichtigen Einsatzgebiete fanden tief gestimmte Gitarren vor allem in der amerikanischen Studiomusik. Besonders im Country wurde der sogenannte Tic-Tac-Bass zu einer verbreiteten Aufnahmetechnik.

Dabei wurde eine Basslinie zusätzlich mit einem hell und perkussiv klingenden sechssaitigen Bass oder einem vergleichbar tief gestimmten Gitarreninstrument gedoppelt. Die Kombination verlieh dem Bassfundament mehr Anschlag und Definition. Gerade auf den damaligen Aufnahmen, bei denen sich tiefe Frequenzen nicht immer besonders deutlich übertragen ließen, konnte dieser zusätzliche Klanganteil einen erheblichen Unterschied machen.

Ein weiterer wichtiger Name ist Duane Eddy. Der amerikanische Gitarrist wurde Ende der Fünfzigerjahre mit seinem tiefen, hallreichen Twang-Sound bekannt. Seine instrumentalen Aufnahmen zeigten, dass tiefe Gitarrenregister nicht nur zur Begleitung geeignet waren, sondern auch eingängige Melodien tragen konnten.

Dieser Sound beeinflusste die Instrumentalmusik der folgenden Jahre und fand sich in unterschiedlichen Formen im Rockabilly, Country und Surf Rock wieder. Die tiefe Gitarre war damit zunächst weniger ein Mittel für besonders schwere Riffs als vielmehr eine Möglichkeit, Melodien und Basslinien eine eigene Klangfarbe zu verleihen.


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Squier Classic Vibe Bass VI Black

Ennio Morricone und der Gitarrensound der Italo-Western

Auch in der Filmmusik der Sechzigerjahre hinterließ der tiefe Gitarrensound seine Spuren. Besonders prägend waren die Soundtracks, die der italienische Komponist Ennio Morricone für die Western von Sergio Leone schrieb. Hallreiche Gitarren, straffe Einzelnoten und ungewöhnlich tiefe Klangfarben wurden zu charakteristischen Elementen dieser Filmmusik und prägen unsere Vorstellung vom klassischen Western-Sound bis heute.

Für Filme wie Für eine Handvoll Dollar (1964), Für ein paar Dollar mehr (1965) und Zwei glorreiche Halunken (1966) kombinierte Morricone klassische Orchesterinstrumente mit E-Gitarren, Pfeifen, Stimmen, Percussion und weiteren ungewöhnlichen Klangelementen.

Zu seinen musikalischen Weggefährten gehörten unter anderem Alessandro Alessandroni, dessen charakteristisches Pfeifen zum Erkennungsmerkmal der frühen Leone-Western wurde, sowie der Gitarrist Bruno Battisti D’Amario. Gerade die elektrischen Gitarrenparts erhielten in Morricones Kompositionen oft eine unkonventionell prominente Rolle zwischen größtenteils orchestralen Arrangements.

Der Zusammenhang zur Baritongitarre liegt vor allem in der Klangästhetik. Tiefe, klar angeschlagene Gitarrentöne, lange Hallfahnen und melodische Linien mit viel Raum zwischen den Noten gehören bis heute zu den Sounds, für die Baritongitarren besonders gerne eingesetzt werden.

Allerdings sollte man hier unterscheiden: Nicht jeder tiefe Gitarrenklang auf einem Morricone-Soundtrack stammt nachweislich von einer Baritongitarre. Die genaue Instrumentierung einzelner Aufnahmen ist nicht immer eindeutig dokumentiert. Der Einfluss dieser Filmmusik auf den heutigen Western- und Baritone-Sound ist dennoch deutlich hörbar. Wer heute eine Baritongitarre mit viel Federhall und leichtem Tremolo spielt, bewegt sich klanglich häufig in genau diesem Italo-Western-Sound.

In den folgenden Jahrzehnten blieb die Baritongitarre zunächst ein eher spezielles Instrument für Studiomusiker oder experimentierfreudige Session-Gitarristen. Ihren charakteristischen Klang entdeckten jedoch immer wieder Musiker außerhalb der Country- und Instrumentalszene.

Ein bekanntes Beispiel ist der Soundtrack zur Fernsehserie Twin Peaks aus dem Jahr 1990. Die Musik von Angelo Badalamenti und die Gitarrenarbeit von Vinnie Bell griffen auf einen düsteren Klang zurück, der die Baritongitarre erneut mit geheimnisvollen und filmischen Klangwelten verband.

Vom Western zum modernen Metal

Auch im frühen Rock, Heavy Metal und Hardrock fanden tiefe Gitarrenregister bereits früh Verwendung. Bands experimentierten mit alternativen tiefen Stimmungen, erweiterten ihren Tonumfang und nutzten die längere Mensur nicht nur für einzelne Bass-Melodielinien, sondern zunehmend auch für Akkorde und Riffs.

Tiefe Stimmung mit herkömmliche 25,5″-Gitarren

Allerdings bedeutete das nicht automatisch den Einsatz von Baritongitarren: Viele Musiker verwendeten zunächst herkömmliche 25,5″-Gitarren mit stärkeren Saiten oder griffen zu siebensaitigen Modellen.

Jimi Hendrix spielte häufig einen Halbton unter der üblichen E-Standardstimmung, während Tony Iommi für Black Sabbaths Album Master of Reality (1971) sogar drei Halbtöne tiefer auf Cis stimmte. Bei Iommi hatte das zunächst praktische Gründe: Die geringere Saitenspannung erleichterte ihm das Spielen mit seinen verletzten Fingern. Gleichzeitig trug die tiefe Stimmung zum schweren Klang der Band bei und bereitete den Downtuning-Sound späterer Hardrock- und Metal-Bands vor.

Moderne Bariton-Bretter

Einen anderen Weg gingen Musiker wie Mike Mushok von Staind und Pete Loeffler von Chevelle, die Baritongitarren zu einem festen Bestandteil ihres Sounds machten. Auch James Hetfield griff für Metallicas „Invisible Kid“ auf dem Album St. Anger (2003) zu einer speziell angefertigten ESP-Baritongitarre. Mit dem Aufkommen sieben- und achtsaitiger Instrumente verschwammen die Grenzen schließlich weiter: Gitarristen wie Stephen Carpenter von den Deftones kombinierten zusätzliche Saiten mit längeren Mensuren, um noch tiefere Tonbereiche zu erschließen.

Wie unterschiedlich moderne Baritongitarren ausfallen können, zeigen aktuelle Signature-Modelle aus dem Jahr 2026. Für Sleep-Token-Gitarrist IV entwickelte Jackson die Pro Plus Series Signature Monarkh SC mit einer enorm langen 30″-Mensur, EverTune-Bridge und Fishman-Fluence-Humbuckern. Das Instrument ist auf eine Stimmung ausgelegt, die eine ganze Oktave unter E-Standard liegt, und bewegt sich damit bereits im Tonbereich eines sechssaitigen Basses.

Jackson Pro Sig Sleep Token IV Monarkh Transparent Black Burst
Jackson Pro Sig Sleep Token IV Monarkh Transparent Black Burst

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt die PRS SE Ed Sheeran Baritone Piezo. Sie besitzt eine 27,7″-Mensur und kombiniert zwei Humbucker mit einem Piezo-System. Gerade für Ed Sheerans Spielweise mit Looper eröffnet das die Möglichkeit, Basslinien, Akkorde und Melodien mit einem einzigen Instrument einzuspielen. Beide Gitarren zeigen, dass eine längere Mensur längst nicht mehr ausschließlich für besonders tiefe Metal-Riffs interessant ist.

PRS SE Ed Sheeran Baritone Piezo Orange Tiger Smokeburst
PRS SE Ed Sheeran Baritone Piezo Orange Tiger Smokeburst


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Braucht man für tiefe Stimmungen wirklich eine Baritongitarre?

Die Baritongitarre hat sich über die Jahrzehnte vom speziellen Studioinstrument zu einer festen Größe in zahlreichen Musikrichtungen entwickelt. Doch braucht man für tiefe Stimmungen tatsächlich eine längere Mensur? Nicht unbedingt. Wie schon die Beispiele zahlreicher Rock- und Metal-Gitarristen zeigen, lassen sich auch herkömmliche E-Gitarren problemlos herunterstimmen. Entscheidend sind dabei unter anderem die Saitenstärke, das Setup und natürlich die persönlichen Vorlieben beim Spielgefühl.

Je nach Einsatzbereich kann eine Baritongitarre allerdings durchaus sinnvoll sein, insbesondere wenn man sich regelmäßig in Stimmungen unterhalb von H-Standard bewegt. Die längere Mensur erleichtert es, auch bei sehr tiefen Tönen eine straffere Saitenspannung und einen definierten Anschlag beizubehalten, was bei 25,5“ schnell matschig klingen kann.

Ich selbst habe lange überlegt, ob ich für meine persönlichen Metal-Anwendungen wirklich eine Baritongitarre brauche. Da ich allerdings meist in Drop C oder Drop-H spiele und nicht noch tiefer stimme, reicht mir sogar meine Ibanez Gio mit regulärer 25,5″-Mensur. Mit einem .010–.054-Saitensatz (Beefy Bottom) liefert sie für meinen Geschmack einen knackigen, fetten Sound. Eine Baritongitarre ist also keineswegs eine Voraussetzung für tiefe Riffs, sondern vor allem eine weitere Möglichkeit, Klang und Spielgefühl an die eigenen Anforderungen anzupassen.

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