WEITERHÖREN: Musiktipps zur Horizonterweiterung #3

PHILIPP SCHIEPEK & LORENZ WIDAUER: BANGERS & BALLADS

Kein Duo sondern eine komplette Band: Gitarrist Philipp Schiepek und Lorenz Widauer an der Trompete haben sich für ihr gemeinsames Album ,Bangers & Ballads‘ mit Bassist Michael Acker und Schlagzeuger Matheus Jardim noch zwei kompetente Begleiter ins Boot geholt, die ihrer Musik zu knackigen Grooves verhelfen. Modern Jazz spielen die vier aus Deutschland, Österreich, Rumänien und Brasilien stammenden Musiker. Schiepek und Widauer hatten sich bei den Salzburger Festspielen im Sommer 2021 kennengelernt und kurz darauf war klar, dass sie ein gemeinsames Projekt starten wollen.

Widauers virtuose Linien werden hier getragen von Philipp Schiepeks oft leicht sphärischen Gitarren-Sounds, immer mit etwas Raumklang angereichert. Interessante Voicings und virtuose Soli mit gekonnter Dramaturgie hat dieser Gitarrist drauf. Schiepek (* 1994) hat mit ,Golem Dance‘ (2019), dem Duo-Album ,Cathedral‘ (2021) mit Walter Lang und vor allem mit ,Versuch zu träumen‘, im Trio mit Henning Sieverts (b) und Bastian Jütte (dr), letzteres 2024 auf dem eigenen Label Wooden Waggon Records erschienen, schon einige beachtliche Alben veröffentlicht. Außerdem war er Preisträger des Kulturwettbewerbs Gasteig 2018, des BMW Welt Young Artist Jazz Award 2020 und des Bayerischen Kunstförderpreises. Ein engagierter und kreativer Gitarrist. Seit Ende 2025 ist Philipp Schiepek Professor für Jazz-Gitarre an der Hochschule für Musik und Theater München. Schön, wenn wirklich aktive und kompetente Musikerinnen und Musiker an solche Jobs kommen.

Lorenz Widauer war ursprünglich als klassisch ausgebildeter Pianist aktive, kam dann erst später zur Trompete und erst im Musikstudium zum Jazz. Er hat u.a. mit Christian Muthspiels Orjazztra Vienna, Shake Stew, Yvonne Moriels sweetlife:quartet und seiner eigenen Formation Chez Fría gearbeitet; von 2021 bis 2024 war er Solotrompeter in der Produktion „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen.

Auf ihrem gemeinsamen Album ist ein Highlight das unbegleitete Duo ,Rebecca‘, einer Komposition von Philipp Schiepek, der hier absolut stilübergreifend mit sehr intelligenten Mitteln begleitet – nein: Er setzt den warmen Trompetenlinien eigene Klangbilder entgegen. Mit Akkorden, Arpeggios, eingeflochtenen Flageolett-Tönen, aus denen er dann kurz auch eigene Singlenote-Linien entwickelt, um anschließend wieder in den Dialog mit seinem Mitmusiker zurückzufinden. ,Rebecca‘ ist vielleicht das stärkste Stück dieses Albums, weil es das musikalische Konzept der beiden Bandleader und Komponisten am klarsten offenlegt.

Aber auch in den Tracks mit Rhythm-Section, z.B. in Schiepeks ,The One‘ oder Widauers ,Prelude‘ dominiert ihr dialogischer Ansatz, perfekt eingebettet in lebendige Schlagzeug-Ausbrüche und tiefe, tragende, teils gestrichene Töne vom Kontrabass. Ähnlich spannend gelungen ist der vorletzte Album-Track ,Too Many Questions‘. Insgesamt gefallen mir die ruhigen, sphärischen Stücke am besten, denn hier kommen die musikalischen Persönlichkeiten am direktesten rüber. Schönes Album.
www.philippschiepek.de
www.lorenzwidauer.at


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Fender Stratocaster

ARNE JANSEN & STEPHAN BRAUN: SHORT STORIES

Gitarrist Arne Jansen und Kontrabassist & Cellist Stephan Braun sind ein wirklich cooles Duo. Und zwei sehr variable Musiker. Auf ,Going Home‘ (2023) hatten die beiden sich Stücke der legendären Gitarre-Band Dire Straits vorgenommen, das ich damals mit „Gewagtes Repertoire – gelungene Umsetzung. Respekt!“ kommentierte. Die ,Short Stories‘ des gleichnamigen neuen Albums sind eigene Kompositionen.

Während Jansen seine Linien und Chords immer wieder mit dezenten Loops und Raumklängen anreichert und so ganz eigene Sounds ausbreitet, hört man das Cello mal in klassischem Einsatz, gestrichen mit Bogen, dann aber auch gezupft; in tieferen Lagen spielt Stephan Braun tragend und virtuos zugleich.

Dabei lässt die Musik immer ganz viel Raum, kommt mit einer unglaublichen Ruhe aus den Lautsprechern und wirkt trotz des Einsatzes von Delay, Reverb und anderen Effekten nie überladen. Nein, eher minimalistisch, oft fast meditativ. Man schwebt mit diesem Duo durch Klanglandschaften.

Das Finale bestreiten Arne Jansen und Stephan Braun nach neun Eigenkompositionen mit einem Klassiker, dessen Verfasser und Interpret klangästhetisch eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommt: Singer/Songwriter-Ikone Bob Dylan wird mit der Interpretation eines seiner Meisterstücke, ,A Hard Rain’s a-Gonna Fall‘, gewürdigt. Und sie interpretieren diesen Klassiker sehr sensibel, fast vorsichtig. Von Dylans Crunch-Stimme und seiner Wut spürt man hier nichts.

Der Song, der 1962 unter dem Eindruck der Kuba-Krise entstand, die die Welt an den Rand einer militärischen Katastrophe brachte, hat leider nicht an Aktualität verloren, findet Arne Jansen. Das Stück endet nach 4 Minuten und 32 Sekunden. Der Wahnsinn geht weiter. Die Musik für den Frieden danach gibt’s schon. Was für eine Welt.

www.arnejansen.com
www.stephanbraun.com


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Gibson ES-335 50s Vintage Tobacco Burst

BLACK DOG GROOVE SOCIETY: DOG DANCE

Eine Hammond-Orgel klingt einfach immer megacool und irgendwie auch nach guter Laune. Daher kommt man schon bei den ersten Takten dieses neuen Albums nicht um ein breites Grinsen herum. Black Dog Groove Society sind Saxophonistin & Bass-Klarinettistin Katharina Maschmeyer, Gitarrist Nils Pollheide, Schlagzeuger Hardy Fischötter und eben Dirk Schaadt am großen, schmatzenden Tastenmonster, das kurz vor dem Ausladen des Band-Transporters vor Gigs immer alle Mitmusiker unsichtbar werden lässt. Oder sie haben Rücken.

Zurück zur Musik: Diese Band swingt und pulsiert, vor allem Dank des unglaublichen Drives von Hardy Fischötter, absolut zeitlos, mit unglaublicher Energie. Wobei das klassische Orgel-Trio mit Drums und Gitarre natürlich nie um ein gewisses traditionelles Flair herumkommt. Da war wohl Tony Williams‘ Band Lifetime in der Besetzung mit Larry Young und John McLaughlin die große, niemals wieder erreichte Ausnahme der Jazz-Geschichte.

Organ-Player Dirk Schaadt hat neben seinem eigenen Trio u.a. mit mit Künstlern wie Sydney Youngblood, Marla Glen, Molly Duncan (Average White Band), Mirja Boes oder Tom Gaebel gearbeitet, live und im Studio. Hardy Fischötter spielte bereits 1988 in der legendären Kölner„Franck Band“. Von 1989 bis 2013 war er Mitglied des Trios von Gitarristin Susan Weinert und spielte außerdem mit Charlie Mariano, Richard Bona, Henrik Freischlader, Larry Carlton, Cosmo Klein und Ali Claudi. Gitarrist Nils Pollheide und Saxophonistin Katharina Maschmeyer sind schon lange ein künstlerisches Team, und auch hier harmonieren sie wieder perfekt. Wobei Pollheide am deutlichsten die zeitgenössischen Zutaten in den Band-Sound fließen lässt.

Bestes Beispiel dafür ist seine Komposition ,For Sco‘, die keine Fragen offen lässt. Mit angezerrtem Ton jagt er virtuos, bluesig, boppig durch den von Vorbild John S. inspirierten Track. Gefolgt von Katharina Maschmeyer, die am Tenorsaxophon ähnlich energetisch abgeht. Eine tolle Musikerin. „Die Stücke sind beeinflusst von zeitgenössischen Jazz Musikern wie Seamus Blake, Joshua Redman, John Scofield, Larry Carlton und Larry Goldings, andererseits finden sich auch Elemente von Blue Note-Legenden aus den 1950-1960er Jahren wie Hank Mobley, Grant Green und Larry Young“, lese ich im Text zum Album. Black Dog Groove Society haben als Formation das Talent, diese künstlerischen Einflüsse aus gut 60 Jahren Jazz-Historie mit rotem Faden zu fusionieren. Dieses zweite Album der Band ist vielleicht noch mal einen Schritt nach vorne gegangen – und es klingt auch sehr gut. Eingespielt wurde im bandeigenen „Confusing Cats Studio“ in Osnabrück, aufgenommen und gemischt hat es Nils Pollheide. Gute Arbeit.

www.katharina-maschmeyer.com
www.nilspollhei.de
www.dirkschaadt.com
hardyfischoetter.de


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STEPHANIE WAGNER & NORBERT DÖMLING FLUTE ‚N‘ BASS: ELEKTROLYTE

Unter dem Projektnamen „Flute ’n‘ Bass“ sind Stephanie Wagner & Norbert Dömling mit Querflöte und Kontrabass seit vielen Jahren aktiv. Ihre CD ,Traces‘ (2023) wurde für den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ nominiert. Jetzt haben die beiden bisher rein akustisch spielenden Duo-Partner ihr Konzept verändert. Statt am Kontrabass, ist Norbert Dömling nun mit E‑Bass und sechssaitigem Fetless-E-Bass bei der Arbeit. Außerdem kommen jetzt auch diverse Effektgeräte und Looper zum Einsatz.

Was den beiden wichtig ist: Ihre Musik entsteht weiterhin in Echtzeit, live, ohne vorbereitete Loops oder Backing-Tracks. Auf ihrem neuen Album macht sich diese Erweiterung der klanglichen Mittel sehr deutlich bemerkbar. ,Elektrolyte‘ baut immer wieder auf interessanten, oft geräuschhaften Loops auf, kommt aber genau so oft zum klassischen, zweistimmigen Duo von Flöte und Bass zurück. Um dann wieder mit perkussiven Spielweisen beider Instrumente und Blas- und Klappengeräuschen der Flöte neue Klänge zu kreieren. Stephanie Wagner ist hier mit C-Flöte und auch Alt- bzw. Bass-Flöte zu hören.

Insbesondere für Bassisten interessant ist die Geschichte von Dömlings Stück ,Mr. Weber‘. „2015 wurde ich vom Jazz-Institut Darmstadt eingeladen, bei einem Gesprächskonzert mit Eberhard Weber Solo-Bass mit Loop-Delay zu spielen, da Eberhard leider nicht mehr selbst spielen konnte. Als erstes Stück spielte ich dort eine völlig freie Improvisation. Das wurde damals aufgenommen, und hieraus habe ich jetzt einen Teil der damals spontan entstandenen Akkordfolge genommen und eine neue Komposition für 4-string E-Bass mit ungewöhnlichen Klängen und Altflöte für die neue CD geschrieben.“ 
Das darauf folgende Stück ,Seeheimer Nachtleben‘ gehört zu den interessantesten des Albums, denn hier zeigt Dömling noch mal seine gesamte Ausdruckspalette an den verschiedenen Bässen. Stephanie Wagners Komposition ,Voyage‘ beschließt das Album mit einem ruhigen, sehr klaren Thema, das etwas an die Musik von Erik Satie erinnert. Begleitet wird es von virtuosen Basslinien mit sehr schönen Flageolett-Tönen. In diesem Finale harmonieren Flute ’n‘ Bass absolut großartig. Tolles Duo!

www.flute-and-bass.doemling.com
www.stephaniewagner-jazzflute.com
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