AXEL FISCHBACHER: Über Blues, Rock, Jazz und das Leben

Jazz-Gitarristinnen und -Gitarristen gibt es so einige in Mitteleuropa. Und erfreulicherweise gab und gibt es es neben den großartigen Traditionalisten wie Joachim Schoenecker, Paulo Morello und Lorenzo Petrocca, den eigenwilligen Experimentalisten wie Attila Zoller, Hans Reichel, Uwe Kropinski, Eddy Marron, Andreas Willers, Reinier Baas und Frank Wingold auch immer die Grenzgänger und Zusammenführer diverser Genres. Crossover heißt ja nicht nur Kreuzung sondern steht auch für die Begegnung. Diesen oft elektrischen Weg zwischen Jazz, Rock und dem Rest der Klangwelt sind schon früh Volker Kriegel, Philip Catherine, Terje Rypdal und Toto Blanke gegangen, später Susan Weinert und Torsten de Winkel, aktuell dann auch jüngere Musikerinnen und Musiker wie Tobias Hoffmann, Hanno Busch, Philipp van Endert, Bruno Müller, Mareille Merck, Torsten Goods, Max Clouth, Christina Zurhausen oder die großartige Bigband-Leiterin & Gitarristin Monika Roscher.

Und dann war da auch immer noch und immer wieder ein Gitarrist, dessen künstlerische Flexibilität und Offenheit nicht nur zu einer Menge Solo-Alben sondern auch noch zu viel mehr Begegnungen und Kooperationen geführt hat: Axel Fischbacher, Jahrgang 1956, konnte kürzlich nicht nur einen runden Geburtstag feiern, er hat auch wieder mal ein neues Album am Start: ,normal II‘ erscheint am 29. Mai 2026 auf dem Musiker-Label JazzSick Records. Gemeinsam mit seinen beiden Langzeit-Mitspielern Nico Brandenburg am Bass und Tim Dudek am Schlagzeug bildet Gitarrist Fischbacher die perfekt eingespielte Basis für die musikalische Begegnung mit der Sängerin Tamara Lukasheva und dem Saxophonisten Ohad Talmor. Sechs Kompositionen des Bandleaders sind auf dem neuen Album zu hören, das ein ganz eigenes Klangbild präsentiert, viel Interaktion und spannende Improvisationsbögen.

DER MUSIKER AXEL FISCHBACHER

Über ein halbes Jahrhundert ist dieser Künstler schon aktiv. Axel Fischbacher ist kein Dogmatiker und war schon immer mehr als nur Jazz-Gitarrist. 1956 in Lübeck geboren, bekommt er mit zwölf Jahren seine erste Wandergitarre, der er sich aber nur semibegeistert annäherte. Der Kick kommt später. Mit 17 zieht er mit seiner Familie nach Ratingen bei Düsseldorf, wo ihn ein ein Jahr ältere Mitschüler am Piano beeindruckt: Christoph Spendel. Gemeinsames Musikhören, Blues, Rock, Jazz, Funk – es geht um die Musik an sich und um die Gitarre. John Mayall und B.B. King werden Einflüsse, dann Herbie Hancock, Philip Catherine, die Brecker Brothers, später John Scofield und John Abercrombie, bei denen Axel auch mal Unterricht hat.

Nach dem Abitur geht er erst für einige Monate nach Spanien, studiert dann am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf, an der Musikhochschule Rheinland in Köln und am Banff Center of Arts in Kanada Musik. Axel Fischbacher hat ein eigenes Quartett, mit dem er regelmäßig im legendären Düsseldorfer Club Downtown auftritt und tourt dann in den 80er Jahren als Mitglied der Christoph Spendel Group durch Europa. 1984 erhält er den Preis der Deutschen Phono-Akademie für das weltzeitgeistig betitelte Album ,Rumba Ibiza‘, das er mit seiner Axel Fischbacher Group eingespielt hat. Ab Ende der 80er ist er als Komponist und Produzent von Film-, TV- und Schauspielmusik beschäftigt, geht dann in die Schweiz um für das Musical „Little Shop of Horrors“ Gitarre zu spielen, und übernimmt 1992 die Leitung der Gitarren-Klasse an der Swiss Jazz School in Bern.

Zurück im Rheinland gründet Axel Fischbacher 1997 mit Stefan Rademacher (b), Kurt Billker (dr) und Frank Kirchner (sax) die Formation „JazzAttack“, und begründet die bis heute bestehende gleichnamige Konzertreihe im Jazzkeller Krefeld. Er spielt regelmäßig mit den Gitarristen Philipp van Endert und Markus Winstroer sowie dem New Yorker Pianisten Walter Fischbacher zusammen und veranstaltet immer wieder hochkarätige Jazz-Sessions in kleinen Clubs, meist zusammen mit Peter Baumgärtner (dr), Matthias Bergmann (tp) und André Nendza (b).

Inzwischen hat Axel zwölf Alben als Bandleader veröffentlicht, war an über 50 Produktionen beteiligt und stand mit Kollegen wie Danny Gottlieb, Mark Egan, Adam Nussbaum, Ohad Talmor, Marc Johnson, Michal Urbaniak, Joe Haider, Barney Willen, Steve Grossman, Curt Cress, Stu Goldberg, Hermeto Pascoal und Ronnie Burrage auf der Bühne. Axel ist Endorser für Ibanez-Gitarren und DR Strings – und 2023 wurde er auch noch mit dem Kunst- und Kulturpreis der Springmann Stiftung Wuppertal ausgezeichnet.

Neben dem aktuellen ,normal II‘ sind zuletzt noch das Trio-Album ,The London Session‘ (2024) und ,Moving Times‘ (2025) von Esther Kaiser (voc), Axel Fischbacher (g), Genevieve O’Driscoll (b) & Michael Knippschild (dr/vib) erschienen – letzteres die erste Produktion eines frisch formierten Kollektivs, von dem man sicher noch mehr hören wird. Eine wirklich musikalisch sehr entspannte, intelligent swingende Platte mit sehr schönen instrumentalen Farben und coolen Gitarrenbeiträgen.

 

 

NORMAL II

Das Album-Cover von Axel Fischbachers neuem Album ,normal II‘ zeigt bewusst das klassische Peace-Zeichen – als Hinweis darauf, dass die Idee von Frieden einmal als radikal und unbequem galt und heute wieder in diese Richtung rückt. Das berühmte Symbol wurde 1958 kreiert, vom britischen Grafiker Gerald Holtom (1914-1985), einem überzeugten Pazifist, der im 2. Weltkrieg den Dienst an der Waffe verweigert hatte. Er entwarf das Peace-Sign im Auftrag der britischen Kampagne zur nuklearen Abrüstung und verzichtete bewusst darauf, sein Design schützen zu lassen, damit es für jedermann frei nutzbar blieb. Und es ist leider aktuell geblieben. Nein, wir wollen und dürfen uns nicht an Krieg und Angst vor noch mehr Krieg gewöhnen. Ein Thema, das das Leben der 1988 in Odessa, Ukraine geborenen Sängerin und Pianistin Tamara Lukasheva seit Jahren ganz direkt betrifft.

„Unsere Musik entsteht durch unsere Leidenschaft für Freiheit, Frieden und soziale Verantwortung. So geht Jazz. ,normal II‘ ist aus dieser Haltung heraus entstanden“, sagt Fischbacher. Lange habe er geglaubt, dass die Entscheidung für Jazz als Ausdruck von Freiheit und gemeinschaftlichem Handeln für sich spreche. Inzwischen, nicht zuletzt aufgrund der dramatischen politischen Entwicklungen in vielen Teilen der Welt, empfindet er das nicht mehr als ausreichend. Heute geht es auch darum, Positionen zu benennen und sich einzubringen.

Das gemeinsame Album von „Axel Fischbacher Trio featuring Tamara Lukasheva & Ohad Talmor“ startet mit dem up-tempo-Unisono-Thema von ,Headroom Baby‘, an das sich ein sehr cool swingendes Gitarrensolo anschließt. Axel Fischbacher gehört zu den Solisten, die ein Feeling für Spannungsbögen haben. Die kreiert er mit einem lebendigen, leicht rauhern Ton, klar strukturierten Linien, ab und zu ein paar eigenwilligen Bendings, gekonnt eingestreuten Double-Stops und noch so einigem geräuschhaftem Klanggewürz, das man mit Saiten und Plektrum erzeugen kann. Und aus dieser eigenen Dramaturgie leitet er ganz organisch zum nächsten Solo über. Schon in diesem ersten Album-Track merkt man: Hier hat sich eine Band gefunden, die kein Interesse an Wettbewerb geschweige denn Wettrennen hat.

Weiter geht es mit dem vertrackten Thema von ,Fritz tanzt‘, das Tamara Lukasheva ganz großartig präsentiert, dann im Hintergrund des Gitarrensolos hält und anschließend sehr lebendig weiterentwickelt. Diese Sängerin hat ein sehr eigenes Timbre, kann warm und zurückhaltend einsteigen und eine Minute später absolut energetisch mit einer beeindruckenden Phrasierung das Geschehen übernehmen. Sensibel, kraftvoll und sympathisch virtuos. Und mit dem Saxophonisten Ohad Talmor ist hier ein absolut passender Kontrastspieler in der Band, der wunderbare kleine Motive, oft Fragmente spielt und daraus spannende Soli strickt, wie unter anderem im boppigen Track ,Adams Parrot Cake‘ – wieder gefolgt von einem intensiven Gitarrensolo, das von Bassist Nico Brandenburg und Drummer Tim Dudek mehr als nur begleitet wird: Die beiden Herren sind das Kraftwerk des Unternehmens.

In ,Barefoot Girl Dancing In The Moonlight‘ erlebt man dann eine wirklich berührende, balladeske Stimmung, mit warmen Gitarren-Arpeggios über denen Tamara Lukasheva in höchsten Lagen das Thema vorstellt und dann runterschwebt um ein absolut gelungenes Solo rausfließen zu lassen. Das sich anschließende akkordische Gitarrensolo kontrastiert perfekt, ebenso die nachfolgenden, diesmal absolut geschmeidigen Saxophon-Linien, an die sich wieder das von Schlagzeug-Breaks durchbrochene Thema anschließt. Spannend, unkonventionell, gelungen.

Daraus dass Axel Fischbacher großen Respekt und Liebe für die Musik von John Scofield empfindet, hat er nie ein Geheimnis gemacht. Gemeinsam haben die beiden Instrumentalisten ein sehr eigenes, gewachsenes Blues-Feeling und die Freude daran, dem Gitarrenton in Handarbeit und mit dezenter Übersteuerung immer wieder neue Farben zu schenken. Und genau das kann man in ,Normal‘, dem letzten Album-Track erleben, der noch mal so richtig losbebopt und gleichermaßen diese wunderbare Band noch mal sieben Minuten lang aufleben lässt. Hier erlebt man vier Musiker und eine Vokalistin, die auf höchstem Niveau harmonieren und solistisch noch mal alles rauslassen. Was für ein fulminantes Finale!

Tamara Lukasheva, Tim Dudek, Ohad Talmor, Nico Brandenburg und Axel Fischbacher live    © Claudia Fischbacher

INTERVIEW

ÜBER SÄNGERINNEN & GITARREN

Axel, gab es außer Esther Kaiser und Tamara Lukasheva, noch andere Sängerinnen in deinem musikalischen Leben?

Ich habe schon immer gern mit Vocals, speziell Frauenstimmen gearbeitet. Gerne auch als Sound ohne Lyrics.  Als alter Hippie ist für mich die ,The Great Gig In The Sky‘-Passage auf Pink Floyds ,Dark Side Of The Moon‘ ebenso prägend gewesen wie die Scat-Soli von Ella Fitzgerald.
Vor meiner aktuellen Arbeit mit Tamara und Esther gab es eine ganze Anzahl von Begegnungen mit Sängerinnen. Das fing schon früh an, da war ich noch auf dem Gymnasium, habe den Schulchor begleitet, aber in dieser Zeit auch schon real mit der halben ZDF-Hitparade gespielt. Damals  gab es in einem Hotel bei Düsseldorf Tanzabende mit Showcases, und ich hab da in der Tanzkappelle gespielt. Da hatten wir dann musikalische Gäste wie Peggy March, Su Kramer, Bonnie St. Claire, Gitte Haenning, Vicky Leandros, Katja Ebstein, Daliah Lavi und noch paar, immer nur für ein paar Songs. Da habe ich eine Menge gelernt. Damals habe ich das in meinen Künstlerkreisen der „echten Jazzer“ aber nicht mal erwähnt, weil ich es für ein totales NoGo hielt …
Und im Rahmen meiner Konzertreihe „Blue Monday“ bin ich auch vielen Sängerinnen für jeweils ein Session-Konzert begegnet: Hannah Köpf, Inga Lühning, Aniko Kanthak, Anne Hartkamp, Silvia Droste, Amanda Kapsch, Christina Clark, Anna Luca … Dann gibt es noch ein relativ neues Album, von 2022: ,Axel Fischbacher Trio feat Sophia Oster‘, basierend auf einem Live-Konzert im Tonstudio Bauer. Elisabeth Lohninger hat Texte geschrieben zu einigen meiner Stücke, und Sängerin Sophia Oster hat das absolut gelungen umgesetzt.

Und eigentlich an erster Stelle: Meine Frau Claudia. Sie ist überhaupt die wichtigste Sängerin in meinem Leben. Sie ist zwar mit ihrer Band nicht vorrangig professionell unterwegs und wir arbeiten auch musikalisch nicht zusammen, aber sie macht mein Management. Und wir befassen uns gemeinsam viel mit Musik und sie fängt mich wieder ein, wenn ich zu abgefahrenes Zeug komponiere.

Hat eine menschliche Stimme in der Band oder bei einer Produktion spezielle Auswirkungen auf deinen musikalischen Ansatz?

Auf jeden Fall hat schon die die Idee des Singens einen großen Einfluss auf meinen gitarristischen Ansatz. Anders formuliert: Man kann sehr leicht großen Unsinn auf dem Griffbrett spielen. Diesen Unsinn dann zu singen ist aber sehr schwierig. Für Tamara Lukasheva kann es aber fast nicht crazy genug sein, und es haut mich oft einfach um, wie gut sie ist.

Aber: Ich habe als Anfänger schon entdeckt dass sich das, was ich auf der Gitarre gespielt habe, grundlegend von dem unterschieden hat, was meine wirkliche melodische Fantasie war. Ich hatte zwar relativ schnell gelernt, was von einem Gitarristen erwartet wird und diese Klischees auch alle nach kurzer Zeit beherrscht. Aber ich habe mich ziemlich schwer damit getan, die einfachen Melodien, die mir selbst eingefallen sind oder die ich irgendwo gehört habe, auf dem Griffbrett umzusetzen. Ich wollte aber gerne, dass die Gitarre wirklich meine Stimme ist, Ich wollte jede Melodie, die mir durch den Kopf geht, auf dem Griffbrett ohne langes rumprobieren sofort spielen können. Genauso schnell, wie ich sie singen konnte. Und das ist ja eine der wichtigsten Voraussetzungen damit mir eine gute Improvisation gelingen kann. Das Gitarristische beginnt eigentlich erst auf dieser Basis.

Natürlich mache ich jetzt auf dem Instrument auch viele Dinge, die ich niemals singen könnte. Aber umgekehrt kann ich alles was ich spontan singen würde ebenso sofort auch spielen und das hält solistisch den musikalischen Sinn aufrecht und verhindert, dass mein Solo eine der üblichen Gitarrenvorführungen wird. Ich übe das immer noch täglich.

Das Zusammenspiel mit Vocals, also mit Sängerin oder Sänger im Band-Kontext, ist nochmal eine eigene Story. Meine ersten Vorbilder waren ja die Gitarren-Bands der Woodstock-Zeit: Led Zeppelin, The Who, und vor allem Ten Years After mit Alvin Lee: Lead-Gitarre und Vocals in einer Person. Später hörte ich dann Getz/Gilberto, Chet Baker, Ella Fitzgerald etc. Das hat mich alles geprägt. In meinen Bands spielte ich meist das einzige Harmonieinstrument. Da lernt man aufmerksam zu begleiten, die Vocals gut klingen zu lassen. Was dann wiederum auch die Fähigkeiten beim Begleiten anderer Solisten verfeinert.

Hast du Lieblings-Alben, was die Kombination Gitarre & Gesang angeht.

Viel aus dem Rock: Ganz vorne auf der Liste stehen immer Alvin Lee und Ten Years After mit ,Recorded Live‘, dann Jimi Hendrix und ,Are you Experienced‘, aber auch Pete Townsend den ich auf meine alten Tage grad erst entdeckt habe, und ,John Mayer Trio Live in Concert‘ steht auch ganz weit vorne.
Was Jazz angeht: ,Getz/Gilberto‘ hab ich schon genannt. Da spielt der große Joao Gilberto ja selbst ganz außergewöhnlich fein Gitarre und singt. Tuck & Patti waren auch eine Supernummer. Und aus meinem ganz persönlichen Umfeld haben Sängerin Anne Hartkamp und Gitarrist Philipp van Endert unter dem Namen Magnolia einige der spannendsten Platten dieser Kombi überhaupt gemacht. Aber auch Pino Daniele oder Torsten Goods haben super Alben mit Gitarre & Gesang gemacht, die ich sehr mag.

Axel Fischbacher und seine Lieblingsgitarre, die Ibanez AS-200   © Lothar Trampert

GEAR TALK

Was kannst du uns über dein Equipment erzählen?

Ich benutze seit Jahren nur noch sehr wenig Equipment, dafür ist es wirklich ausgesucht und vieles davon wurde für mich gebaut oder umgebaut. Beginnen wir mal mit dem Cast-Amp: Thomas Carlitz aus Düsseldorf baut diese großartigen Röhrenverstärker, die sich dadurch auszeichnen, dass sie wirklich fett klingen wie ein großer Amp, vom Volumen und vom Raumklang her, aber man kann sie auch noch tragen. Es ist ein Neodym-Lautsprecher eingebaut, das wirkt sich natürlich sehr positiv auf das Gewicht aus. Das ist einer der pragmatischen Gründe, warum ich diesen Amp so schätze. OK, der eigentliche Grund ist aber natürlich der Sound.
Das Ding hat vier Regler, nämlich zweimal Volume, einmal Tone und einmal Hall. Ich wollte immer einen Amp haben, der überschaubar ist, wenn ich auf der Bühne mal schnell was verändern muss. Dann will ich nicht 400 Knöpfe vor der Nase habe. War mir immer zu kompliziert. Beim Cast-Amp hast du einfache Regler für Lautstärke und Klang, und einen für den Federhall. Insbesondere wenn ich Balladen spiele, mache ich ein bisschen mehr Hall rein.

Du spielst schon sehr lange Ibanez-Semiacoustics.

Vielleicht vorweg: Ich hatte etliche halbakustische Gitarrenmodelle im Verlauf meines Musikerdaseins. Das hat sicherlich auch mit meinen frühen Vorbildern zu tun, die damals vor allem Alvin Lee und Chuck Berry waren. Und zu Beginn hatte ich von Hoyer eine 4062 und eine 4461, denn die waren in den späten 70er Jahren meiner Ansicht nach besser als die vergleichbaren Gibsons, aber nur halb so teuer. Danach hab ich sehr lange irgendwie auf der Gibson ES-335 beharrt.

Um das Jahr 2000 war ich dann eine Weile mit Philipp van Endert auf Tour, und wie man das so macht auf Tournee, fummelt man auch mal am Equipment des anderen rum. Und Phil hatte so eine 80er-Jahre Ibanez AS-200 dabei, die ich ausprobierte. Und da fand ich: Ja, die ist einfach besser als meine ES-335. Mit der Ibanez kam ich einfach besser klar. Ich musste also so ein Ding haben. Und dann hat mein jetziger Bassist Nico Brandenburg, mir über einen Freund eine AS-200 besorgt. Die hab ich auch gleich geliebt und mir dann gesagt: OK, das ist jetzt mein Instrument, und da brauche ich aber unbedingt noch eine zweite. Aber die waren damals eher selten auf dem Markt.
Dann bin ich nach London geflogen, und da habe ich eine gefunden, Baujahr 1981. Die hatte zwar einen angebrochenen Hals und das macht einen vielleicht erst mal skeptisch. Aber das ist sehr liebevoll und perfekt repariert worden, das sieht man eigentlich gar nicht. Na ja, und dann musste ich feststellen, dass diese AS-200 war noch eine ganze Ecke besser als die erste … Das ist immer noch meine Lieblingsgitarre. Zwischendurch hatte ich dann immer mal verschiedene Zweit-AS-200. Insbesondere die Ibanez-Modelle vom Anfang der 80er, das sind wirklich mit Abstand die besten Gitarren.

 

Ich habe dich aber auch schon mal mit einer Ibanez AS-100 gesehen, richtig?

Stimmt, ich war dann aber auch mal eine Weile lang von der AS-200 abgekommen, nachdem ich mir eine AS-100 gekauft hatte. Die klingt irgendwie akustisch lauter und jazziger; sie klingt mehr nach Holz und ist weniger ein Kompromiss zwischen einer Rock- und einer Jazz-Gitarre. Eben mehr eine reine Jazzgitarre. Und dann hatte ich eine ganze Reihe von AS-100-Modellen aus den Baujahren 1979 bis ’82. Und diese rote 1982er auf dem Foto ist eine von denen. In Rot sind die ganz selten und ich finde die so unheimlich schön. Tolles Instrument, aber irgendwie hatten die Leute von Ibanez da mit den Tonabnehmern was anders gemacht als in den Jahren davor. Und ich fand diese neuen Pickups relativ schlapp. Da bin ich mit der Gitarre in die Schweiz gefahren zu „GoodTone“ und habe mir von denen einen Tonabnehmer machen lassen. Und Ralf Schönberger von GoodTone hat sich einen ganzen Nachmittag Zeit für mich genommen. War teuer, aber das hat sich sehr gelohnt. Der macht das sehr gut und sehr überschaubar, so dass man bei ihm auch wirklich die Pickups direkt A/B vergleichen kann. Normalerweise ist ein Tonabnehmer in der Gitarre, dann wird der rausgeschraubt und bis der andere drin ist und die Gitarre wieder gestimmt ist, hast du, wenn man jetzt ehrlich ist, doch schon vergessen, wie der erste klang. Wenn es sich dann nur noch um Nuancen handelt, ist das sehr schwer. Aber Ralf hat eine Vorführgitarre, in die er seine Grundtypen eingebaut hat.

Wie sieht es mit Effekten aus?

Das ist relativ bescheiden: Ich habe ein einfaches Ernie-Ball-Volume-Pedal, in erster Linie für Swell-Effekte mit Akkorden, oder ich fahre auch mal in der Line eine Note rein oder raus. Ich benutze das aber eigentlich fast nicht und mache mit den Reglern an der Gitarre, alles was zu tun ist.
Dann ist da der Casanoverdrive, eine Art Röhrenvorstufe. Die baut Paco Casanovas, ein Freund von mir aus der Schweiz. Paco hat mal bei mir studiert, als ich noch an der Hochschule in Bern die Gitarren-Professur gemacht habe. Er ist auch ein echt guter Gitarrist und überhaupt ein guter Musiker, hat sich aber inzwischen auf Modifikation, Bau und Refurbish von Amps spezialisiert. Und er baut die Casanova Drives und verkauft so viele davon, dass er gar nicht nachkommt. Alles echte Handmade-Qualität, wirklich super.

In meinem Fall macht der Casanoverdrive gar nicht so viel Drive im Sinne von Gain. Er macht den Sound eher fein und detailgenau. Das was die sogenannten Simulationen digital und auf Kosten der Dynamik faken, das passiert hier in echt. Ich mag es nlcht wenn es so nach Draht klingt und der Attack nur „Klick“ macht und Hauptbestandteil der Note ist. Im Casanova Drive steckt eben eine Röhre, und er ist sonst eigentlich so aufgebaut wie ein Verzerrer: Volume, Gain, und ein Zwei Band Equalizer, plus ein Umschalter von Basic-Fender- auf Basic-Marshall-Sound; letzteren benutze ich. Mein Drive ist ein bisschen modifiziert, damit mit meinen Gitarren und meinen Pickups so eine cremige Robben-Ford-artige Verzerrung rauskommt. Also so, wie Robben Ford früher bei Yellow Jackets klang. Und weil ich es nicht ganz so bluesig und nicht so fett haben will, sondern auch definierte Akkorde spielen möchte, hat Paco mir den Drive ein bisschen entschärft.

Wir haben ja mit Kontrabass und Schlagzeug im Trio oft konzertante Gigs, wo gar keine PA steht und wo man dann in kammermusikalischer Lautstärke spielt. Und mit dem Casanoverdrive kann ich auch bei geringeren Lautstärken meinen Sound hinkriegen.

Daneben habe ich noch einen Little Green Wonder, das ist so eine Art Tube Screamer. Ich finde ihn ein bisschen besser als das Original, denn bei dieser Art von Solidstate-Verzerrern kommt es mir einfach drauf an, dass sie nicht zu doll näseln. Tube Screamer näseln sowieso, und das kann man auch als Qualität auffassen, aber mich stört es. Das nimmt zwar die Peaks weg, die Gitarre klingt dann weniger nach Draht, aber es hat trotzdem immer so einen quengelnden Mittenschub, der für mich erst durchgeht, wenn man wirklich high gain spielt und nicht mit so einem angeschmutzen Sound. Ich benutze den Little Green Wonder auch nur als zusätzlichen Verzerrer, wenn ich ein bisschen mehr Gain haben will, also eher diesen Endsiebziger-Brit-Blues-Sound.

LINKS

www.axelfischbacher.com

www.castamplification.com
www.ibanez.com
www.drstrings.com
www.goodtone-pickups.ch
www.casanovasolutions.ch

www.jazzsick.com
www.jazzkeller.info/jazzattack/

AXEL FISCHBACHER TRIO LIVE BEI JAZZROCK TV

www.jazzrocktv.de/jam-in-the-basement-axel-fischbacher-trio

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