Michael Todd Gordon alias Mk.gee hat sich in erstaunlich kurzer Zeit zu einer der spannendsten Stimmen der modernen Gitarrenmusik entwickelt. Der Musiker und Produzent aus New Jersey verfolgt dabei einen Ansatz, der sich nur schwer in bekannte Kategorien einordnen lässt. Statt auf traditionelle Gitarrenästhetik zu setzen, verbindet er Lo-Fi-R&B, brüchige Tape-Texturen, Jazz-Harmonien, bewusst verfremdete Gitarrensounds und das rhythmische Gespür eines Prince zu einer ganz eigenen Klangsprache.
Spätestens mit dem Album ‚Two Star & The Dream Police‘ wurde deutlich, dass Mk.gee nicht einfach nur ein weiterer Indie-Gitarrist ist. Seine Stücke wirken oft wie Klangräume, die gleichzeitig vertraut und seltsam entrückt erscheinen. Für dieses Gefühl verwendet der 29-Jährige selbst den nur schwer in adäquate Worte zu fassenden Begriff „liminal“, den er selbst in einem Interview mit BBC Radio 1 erklärt hat: „Ein liminaler Raum ist etwas, das dir gleichzeitig vertraut und fremd vorkommt. Es ist seltsam – du weißt nicht genau, was es ist, aber trotzdem erkennst du etwas darin wieder.“ Der stammt ursprünglich aus der Anthropologie und beschreibt einen Schwellenzustand, etwas, das sich zwischen zwei Zuständen befindet und weder eindeutig das eine noch das andere ist. Auf Mk.gees Musik übertragen meint „liminal“, dass seine Stücke oft so klingen, als würden sie aus einer vertrauten musikalischen Welt stammen, die durch Zeit, Erinnerung oder technische Artefakte leicht verzerrt wurde. Dadurch entsteht eine Stimmung, die zwar emotional greifbar ist, sich aber nur schwer konkret beschreiben lässt.
Für Gitarristen ist das besonders spannend, weil sein Ansatz kaum etwas mit klassischem Tone-Chasing oder Boutique-Perfektion zu tun hat. Seine Sounds leben von Artefakten, Instabilität, beschädigten Transienten und bewusst unperfekten Entscheidungen. Während viele Produktionen heute versuchen, möglichst makellos zu klingen, interessiert ihn offenbar genau das Gegenteil.
Die Gitarre als Texturmaschine
Wer Mk.gee zum ersten Mal hört, versucht oft automatisch herauszufinden, was da eigentlich gerade passiert. Ist das noch eine Gitarre? Ein Synthesizer? Tape-Manipulation? MIDI? Genau diese Unsicherheit scheint Teil des Konzepts zu sein. Mk.gee behandelt die Gitarre weniger als klassisches Lead-Instrument, sondern eher als emotionale Klangquelle innerhalb einer Produktion. Viele seiner Parts bestehen aus Fragmenten statt vollständigen Akkorden. Oft reichen einzelne Anschläge, kurze Slides oder rhythmische Akzente, um eine komplette Stimmung aufzubauen.
Besonders auffällig ist seine Dynamik. Er spielt selten konstant. Stattdessen wirken viele Parts fast so, als würden sie permanent zwischen Kontrolle und Zusammenbruch pendeln. Anschläge brechen abrupt ab, Noten verschwinden im Raum, manche Akkorde scheinen absichtlich „unfertig“ gespielt zu sein. Dadurch entsteht diese Fragilität. Interessant ist auch, dass seine Gitarrenparts oft eher wie Samples funktionieren als wie klassische Performances. Manche Sounds erinnern fast an gechoppte Loops oder manipulierte Tape-Fragmente. Gerade in Songs wie ‚Dream Police‘ oder ‚Are You Looking Up‘ entsteht dadurch das Gefühl, dass die Gitarren eher atmosphärische Bewegungen als traditionelle Riffs erzeugen. Und genau das war auch Mk.gees Ansinnen: „Das gesamte Album war für mich eine Art Herausforderung an mich selbst. Ich wollte, dass es sich nach etwas anfühlt, das man sofort wiedererkennt, obwohl es gleichzeitig unmöglich ist, etwas Vergleichbares in der heutigen Musiklandschaft zu finden. Genau das war das Ziel. Darin steckt eine gewisse Fremdartigkeit, vielleicht sogar etwas Unheimliches, und genau das fasziniert mich. Das gesamte Album trägt für mich dieses unterschwellige, apokalyptische Gefühl in sich. Da ist etwas sehr Atonales, etwas, das ständig den Eindruck vermittelt, dass irgendetwas nicht ganz stimmt.“
Minimalismus statt maximale Produktion
Viele der Songs auf ‚Two Star & The Dream Police‘ entstanden offenbar mit extrem wenigen Elementen. Die Größe entsteht hier nicht durch ausufernde Arrangements, sondern durch die Andeutung von Energie. Das ist einer der spannendsten Aspekte seines Sounds. Denn obwohl viele Tracks enorm groß wirken, passiert technisch betrachtet oft erstaunlich wenig. Statt zehn Gitarrenspuren oder überproduzierter Layer arbeitet Mk.gee mit Lücken. Der Hörer ergänzt die fehlenden Informationen im Kopf selbst.
Gerade moderne Produktionen versuchen oft, jede Frequenz zu kontrollieren und jeden Raum zu füllen. Mk.gee macht das Gegenteil. Seine Musik lebt davon, dass Dinge fehlen. Dadurch entsteht Spannung. Im Interview beschreibt er das fast wie einen psychologischen Trick: „Große Momente funktionieren oft besser, wenn sie nur impliziert werden, statt tatsächlich riesig produziert zu sein.“
Prince, Jazz und Jersey-Rock
Obwohl viele Hörer zuerst an Lo-Fi oder Alternative denken, steckt hinter seinem Spiel ein deutlich tieferer musikalischer Hintergrund. Mk.gee beschreibt sich selbst als „Jazz Kid“. Er spielte Jazz-Trio-Gigs, arbeitete als junger Musiker in Restaurants und wollte ursprünglich Tourgitarrist werden. Genau dieser Hintergrund erklärt vermutlich seine ungewöhnliche Herangehensweise. Sein Spiel basiert weniger auf klassischen Rockgitarren-Konzepten als auf Dynamik, rhythmischer Spannung und harmonischer Offenheit.
Gleichzeitig hört man deutlich den Einfluss von Prince und Funk-Gitarristen wie Larry Graham. Allerdings nicht tonal, sondern rhythmisch. Mk.gee nutzt die Gitarre oft perkussiv. Viele Anschläge erinnern eher an rhythmische Impulse als an harmonisches Spiel. Der Groove entsteht häufig zwischen den Noten und nicht durch die Noten selbst. Dazu kommt ein deutlicher Einfluss amerikanischer Heartland- und Jersey-Rock-Ästhetik, die er im BBC-Interview selbst erwähnt. Allerdings wirkt dieser Einfluss bei ihm wie durch beschädigte Tape-Maschinen, digitale Artefakte und moderne Produktionsästhetik gefiltert.
Fender Jaguar, Flatwounds und Bariton-Gefühl
Ein zentraler Bestandteil seines Sounds ist seine Fender Jaguar. Allerdings verwendet Mk.gee sie nicht wie eine klassische Jaguar. Das Instrument ist mit Flatwound-Saiten bespannt und wird eher wie eine Art Bariton-Gitarre genutzt. Das verändert die Ansprache massiv. Flatwounds erzeugen weniger brillante Obertöne und reagieren direkter sowie kontrollierter als klassische Roundwounds. Gerade in Verbindung mit tieferen Tunings entsteht dadurch dieser dumpfe, leicht „holzige“ Ton, der bei Mk.gee oft eher wie ein verstimmter Synth-Bass oder eine kaputte Tape-Aufnahme klingt. Interessant ist dabei auch die Jaguar selbst. Durch die kürzere Mensur, das Floating-Tremolo und die spezielle Resonanzstruktur reagieren Jaguars ohnehin oft instabiler und perkussiver als viele andere Fender-Modelle. Genau diese Eigenheiten scheinen perfekt zu Mk.gees Ansatz zu passen. Seine Sounds leben nicht von perfekter Definition. Sie leben von Charakter.

Roland VG-8: Das eigentliche Herzstück des Sounds
Der wahrscheinlich wichtigste Bestandteil seines Sounds ist allerdings ein Gerät, das viele Gitarristen heute kaum noch benutzen: der Roland VG-8. Zusammen mit einem Roland GK-2A MIDI-Pickup bildet das System das Zentrum vieler Mk.gee-Sounds. Und genau hier wird es spannend. Denn aus heutiger Sicht klingt der VG-8 eigentlich „falsch“. Die frühen Modeling-Algorithmen erzeugen seltsame Resonanzen, instabile Pitch-Reaktionen, digitale Artefakte und eigenartige Transienten. Moderne Modeler versuchen genau solche Fehler zu vermeiden. Mk.gee nutzt sie bewusst.
Die leichte Tracking-Latenz, das künstliche Verhalten der Tonhöhen und die seltsam komprimierte Dynamik erzeugen einen Sound, der gleichzeitig digital, beschädigt und emotional wirkt. Seine Gitarren verlieren dadurch ihre klassische Identität und bewegen sich irgendwo zwischen Synthesizer, Tape-Manipulation und kaputter VHS-Aufnahme. Gerade deshalb fasziniert sein Sound aktuell so viele Musiker. Während moderne Produktionen oft immer realistischer werden wollen, nutzt Mk.gee Technologie bewusst „gegen“ ihre eigentliche Funktion.
Während Mk.gee vor allem den rohen Charakter des alten VG-8 nutzt, verfolgt der aktuelle Boss VG-800 denselben Grundgedanken mit moderner DSP-Technologie. Gerade Gitarristen, die mit alternativen Tunings, synthetischen Texturen oder experimentellen Ambient-Sounds arbeiten möchten, finden dort viele ähnliche kreative Möglichkeiten.

Tape-Clipping statt Hi-Fi-Perfektion
Ein weiterer entscheidender Bestandteil seines Sounds ist ein Gerät, das man eher aus Lo-Fi-Studios kennt: der TASCAM Portastudio 424 MKI. Mk.gee verwendet das Gerät nicht nur zum Recording, sondern gezielt als Preamp für Sättigung, Clipping und Tape-artige Verzerrungen. Dadurch entstehen diese typischen überfahrenen Transienten und leicht zerfallenden Höhen, die viele seiner Gitarrenparts so charakteristisch klingen lassen.
Interessant ist dabei, dass seine Sounds trotz aller Zerstörung nie zufällig wirken. Die Verzerrung wirkt kontrolliert. Viele Signale scheinen bewusst kurz vor dem Zusammenbrechen gehalten zu werden. Das erinnert teilweise eher an Sampling-Ästhetik oder frühe Hip-Hop-Produktionen als an klassische Gitarrenmusik.
Warum kaputte Sounds eine starke Wirkung haben
Ein großer Teil der Ästhetik von Mk.gees Musik funktioniert auf psychoakustischer Ebene. Leichte Verstimmungen, instabile Delays, Tape-Wobble, abgeschnittene Höhen oder beschädigte Transienten erzeugen beim Hörer oft ein Gefühl von Nostalgie, Unsicherheit oder Verletzlichkeit. Genau diese subjektiven Elemente tauchen in Mk.gees Produktionen permanent auf. Man könnte sagen: Seine Musik klingt wie eine Erinnerung, die langsam zerfällt, und seine Songs wirken gleichzeitig warm und verstörend.
Das Effektboard: Sounddesign statt Vintage-Nostalgie
Auch sein Pedalboard folgt keiner klassischen Vintage-Logik. Statt ausschließlich traditioneller Overdrives oder Boutique-Amps setzt Mk.gee auf Geräte, die eher Atmosphäre und Instabilität erzeugen:
- Chase Bliss Mood MKI
- Rainger FX Reverb-X
- Empress ParaEq MKII
- DigiTech Drop
- Boss CE-2W Chorus
- Boss DD-20 Giga Delay
- Electro-Harmonix Hum Debugger
Dabei nutzt er Effekte selten offensichtlich. Der Chorus dient zum Beispiel weniger als klassischer Stereo-Effekt, sondern eher als subtile Instabilität im Klangbild. Delays verschwimmen zu räumlichen Texturen, während Pitch-Shifting eher Atmosphäre erzeugt als hörbare Harmonizer-Effekte. Viele der Effekte sind kaum hörbar, aber man spürt sie.
Warum junge Gitarristen gerade so auf diesen Sound reagieren
Vielleicht ist Mk.gee einer der ersten wirklich großen Gitarristen einer Generation, die vollständig mit DAWs, Sampling und Sounddesign aufgewachsen ist. Er trennt Gitarrenspiel und Produktion nicht voneinander. Seine Sounds entstehen gleichzeitig aus Spielweise, Technologie, Fehlern und Nachbearbeitung. Die Gitarre ist bei ihm kein isoliertes Instrument mehr, sondern Teil eines kompletten Klangsystems. Genau das scheint aktuell einen Nerv zu treffen. Viele junge Musiker interessieren sich heute weniger für perfekten Vintage-Ton oder technische Virtuosität. Stattdessen geht es um Charakter und Eigenständigkeit. Mk.gee zeigt, dass moderne Gitarrenmusik nicht zwingend clean, perfekt oder klassisch „gut“ klingen muss. Vielleicht ist genau das sein größter Einfluss: Er behandelt die Gitarre nicht mehr wie ein Rockinstrument, sondern wie ein Sounddesign-Werkzeug.
Zusammengefasst: Wie man sich dem Mk.gee-Sound annähern kann
Wer dem Mk.gee-Sound nahekommen möchte, sollte an Textur, Dynamik und Instabilität denken. Ein wichtiger Faktor sind dabei die Flatwound-Saiten, die deutlich weniger brillante Obertöne erzeugen als moderne Roundwounds. Dadurch wirken Anschläge kontrollierter, dumpfer und fast schon perkussiv. In Verbindung mit tieferen Tunings entsteht dieses schwere, leicht „thumpy“ Gefühl, das viele seiner Gitarrenparts eher wie beschädigte Tape-Samples als wie klassische E-Gitarren klingen lässt.
Ebenso entscheidend ist der Einsatz älterer digitaler Modeler wie dem Roland VG-8. Gerade die technischen Schwächen dieser frühen Systeme – instabiles Tracking, künstliche Resonanzen, seltsame Pitch-Artefakte oder komprimierte Dynamik – machen einen großen Teil der Ästhetik aus. Moderne Geräte versuchen meist, möglichst realistisch und sauber zu klingen. Mk.gee nutzt dagegen genau die Momente, in denen Technologie unperfekt wirkt.
Auch Modulationseffekte spielen eine wichtige Rolle, allerdings meist deutlich subtiler, als man zunächst vermuten würde. Chorus-Effekte dienen bei ihm selten als offensichtlicher 80er-Jahre-Stereo-Sound, sondern eher als leichte Instabilität innerhalb des Signals. Kleine Schwankungen in Tonhöhe oder Phase sorgen dafür, dass Gitarren permanent leicht „schwimmen“, ohne dabei komplett auseinanderzufallen.
Hinzu kommt der gezielte Einsatz von Tape-Sättigung und Clipping. Viele Sounds wirken bewusst überfahren, als würde das Signal permanent kurz vor dem Zerbrechen stehen. Gerade diese beschädigten Transienten und leicht zerfallenden Höhen verleihen seinen Produktionen eine emotionale Rohheit, die in modernen Hochglanzproduktionen oft verloren geht.
Mindestens genauso wichtig wie das Equipment ist allerdings sein Arrangement-Denken. Mk.gee arbeitet häufig mit extrem reduzierten Strukturen. Statt riesiger Layer entstehen viele Songs aus nur wenigen Elementen. Die Energie entsteht weniger durch Masse als durch Andeutung. Genau deshalb spielen Dynamik und Raum eine so große Rolle. Seine Gitarrenparts atmen. Zwischen den Noten bleibt Platz, wodurch einzelne Anschläge oder kleine harmonische Bewegungen plötzlich enorm bedeutend wirken.
Dazu kommt eine bewusst unperfekte Dynamik. Viele moderne Produktionen versuchen, Pegel und Timing maximal zu kontrollieren. Mk.gee lässt dagegen kleine Instabilitäten bewusst stehen. Anschläge brechen ab, Lautstärken schwanken leicht, manche Noten wirken fast zufällig oder unfertig. Genau dadurch entsteht jedoch das Gefühl von Menschlichkeit und emotionaler Spannung.
Interessant ist auch, dass seine Sounds oft deutlich weniger Gain verwenden, als man zunächst erwartet. Viele Gitarren wirken groß und aggressiv, obwohl sie gar nicht stark verzerrt sind. Die Energie entsteht vielmehr durch Kompression, Sättigung, Anschlag und Arrangement. Dadurch bleiben die Sounds offen und dynamisch, statt in dichter Verzerrung zu verschwinden.
Und vielleicht der wichtigste Punkt überhaupt: Mk.gee denkt selten in vollständigen Akkorden oder klassischen Riffs. Viele Parts bestehen nur aus Andeutungen, Fragmenten oder einzelnen harmonischen Bewegungen. Oft reicht ein kurzer Slide, eine offene Saite oder ein einzelner Akkordrest, um eine komplette Stimmung auszulösen. Gerade diese Reduktion macht seinen Stil so modern — und gleichzeitig so schwer zu kopieren.
