Morley? Das waren doch diese auf Hochglanz polierten, überdimensionierten elektro-optischen Effektpedale, die ab den frühen 1970er-Jahren den Platz auf Pedalboards knapp werden ließen. Sozusagen die SUVs der damals noch unbekannten Shoegaze-Szene. Die drei Musikerinnen, die sich diesen Namen für ihr gemeinsames Projekt ausgesucht haben, waren da noch gar nicht geboren, und mit Shoegaze haben sie auch nichts zu tun. (Kann man bei Zalando eigentlich auch Effektgeräte bestellen, frage ich mich gerade? Aber das gehört nicht hierher.)
MORLEY DIE BAND
Morley 2026 – das sind Lydia Schiller (Gesang, Ukulele, Gitarre, Piano), Melissa Muther (Gesang, Gitarre, Akkordeon) und Rosa Kremp (Gesang, Bass, Piano). Ihre Musik schwebt irgendwo zwischen Folk und Pop, Americana, Country und Singer/Songwriter-Sound, besticht durch schöne Melodien und perfekt arrangierten mehrstimmigen Harmonie-Gesang. Alle drei haben Jazz-Gesang studiert und anschließend die bekannten Musikerinnen-Jobs zwischen Musical-Bühnen, Club-Gigs, Wohnzimmer-Konzerten und Cover-Bands absolviert.
Ab 2020 versuchten es die drei Sängerinnen & Multiinstrumentalistinnen dann gemeinsam. Anfangs mit eigenen Versionen ihrer Lieblings-Songs von The Staves, Mountain Men, Big Thief, Fleetwood Mac, Fiona Apple oder Crosby, Stills & Nash. Bald schrieben sie aber auch eigene Stücke, und 2024 war dann genug Material für ihr Debüt-Album ,Homeward‘ am Start, das für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ in der Kategorie „Folk / Singer-Songwriter“ nominiert war. Und Morley haben von Anfang an immer auch live gespielt, auf kleinsten und ganz großen Bühnen. 2025 begleiteten sie u.a. die Independent-Pop-Band Die Höchste Eisenbahn auf Tour.
NEUE EP: BUT STILL
Im Mai 2026 ist jetzt eine neue EP von Morley erschienen: Sie heißt ,But Still‘ und überzeugt mit sechs wirklich gelungenen Tracks. Vier davon haben Rosa Kremp, Lydia Schiller und Melissa Muther im Kölner Nummerdrei-Studio mit Multiinstrumentalist & Produzent Nico Maas eingespielt haben (nummerdrei.com), der selbst einige schöne Lapsteel-, Gitarren-, Drum- und E-Piano-Parts beigesteuert hat. Zwei weitere Songs entstanden in Zusammenarbeit mit Lucas „Opek‟ Joachim. Dass sie ,But Still‘ überhaupt produzieren konnten, war durch Unterstützung der Initiative Musik und via Crowdfunding ihrer Fan-Community möglich.
Und mit diesem neuen halben Album haben sich Morley wirklich gefunden. Es klingt vor allem auf der instrumentalen Seite lebendiger und ein bisschen rougher als das sehr sauber produzierte Debüt. Das hatte noch etwas mehr Pop-Perfektion, jetzt, mit ,But Still‘, kommt das enorme emotionale Potenzial dieser Künstlerinnen aber noch besser zur Geltung. Was den Gesang angeht, sind beide Veröffentlichungen traumhaft, 2026 hat sich in ihrer Musik aber irgendwie mehr „the real life“ durchgesetzt. Mir gefallen diese Songs, die Arrangements, die Stimmen – und das, obwohl ich kein Folk-Pop-etc.-Fan bin. Aber die Stimmungen und auch die Dramaturgie dieser Musik finde ich wirklich berührend. Und die wunderbar schrammeligen Acoustic-Gitarren, die hier wie aus dem wahren Leben klingen.
ABOUT SONGS
Zwei Favoriten habe ich: ,Robin‘, gesungen von Melissa Muther, hat diese zarte Joni-Mitchell-Fragilität, inklusive absolut gekonnt gesetzter Harmonien. Ein eingängiger Song, der eigentlich ganz schön anspruchsvoll arrangiert und interpretiert wurde. Die Musikerinnen schreiben dazu: „,Robin‘ schildert, wie sich eine Umweltaktivistin in ihrem Engagement verausgabt hat und daraufhin verschwindet. Melissas Stimme ist in diesem Lied ganz bei sich, bei der Musik und der Geschichte. Bis die Dreistimmigkeit ihre volle softe Wucht entfaltet. Eine musikalische Umarmung, die jemanden in die Freiheit entlässt, auch wenn das Vermissen nachhallt.“
Und dann ist da noch die Ballade ,Blackout‘, die mich wirklich gepackt hat: ‟Eine Beziehung scheint da ins Dunkel zu stürzen. Bis die Musik uns daran erinnert, eine Pause zu machen. Und einfach zu atmen“, schreibt die Band. Und weiter: „Eine Überlebenstaktik, die Klarheit schafft. ,Blackout‘ ist mein Lieblings-Track von Morley. Das Arrangement erinnert mich etwas an ,At Night I Pray‘ von Wild Orchid, der früheren Band von Fergie, bekannter als Sängerin der Black Eyed Peas. Wild Orchid und besonders diesen Song habe ich immer geliebt. Ist aber schon etwas länger her … 30 Jahre, sehe ich gerade. Gute Musik, die berührt und beeindruckt, bleibt eben. Zeitlos, lebendig, emotional. Und ,Blackout‘ ist wirklich ähnlich großartig! Dabei aber auch ruhiger, zarter, zerbrechlicher. Wobei es die drei Musikerinnen von Morley immer wieder schaffen, mit dieser künstlerischen Sensibilität absolut starke, intensive Musik zu kreieren. Leise und kraftvolle Musik.
„Ein Sound wie eine Umarmung“, lese ich im Infotext zur EP. Da ist was dran. Melissa Muther, Lydia Schiller und Rosa Kremp haben es einfach drauf.
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