WEITERHÖREN: Musiktipps zur Horizonterweiterung #1

MARCUS KLOSSEK: BLINK 7

Der Berliner Jazz-Gitarrist Marcus Klossek gehört zu den wenigen Telecaster-Spielern des Genres, die dieses eher aus Rock, Blues und Country bekanntes E-Gitarrenmodell in ganz andere Sphären mitnehmen. OK, das haben auch schon Ed Bickert, Mike Stern, Bill Frisell und Jakob Bro getan, aber so ein bisschen nerdige Originalität haftet dem immer noch an. Nach fünf Trio-Alben zog es Marcus zu größeren Besetzungen, und nach dem Sextett Blink 6 hat er jetzt noch einen draufgelegt und agiert aktuell mit noch mehr Mitarbeitenden: „Marcus Klossek Blink 7“ sind einmal Nikolaus Neuser (tp), Ignaz Dinné (ts) und die immer wieder großartige Posaunistin Anke Lucks. Dann spielt mit Carsten Hein, der mich zuletzt mit seinem Solo-Projekt ,Bass Signal Works I‘ überrascht hat, ein wirklich spannender Bassist in dieser Band, der perfekt mit Drummer Derek Scherzer harmoniert und diese Formation auf ganz eigene Art trägt. Bei drei Tracks ist noch eine weitere, sehr originell agierende Musikerin zu hören, die südkoreanische Sängerin Chamin.

Eines fällt beim Hören dieses Albums immer wieder auf: Die Arrangements sind abwechslungsreich und absolut spannend gestaltet, und die Tracks kommen irgendwie sehr farbenfroh rüber – trotzdem hat diese Band eine Art von Trademark-Sound. Leader und Gitarrist Marcus Klossek ist dabei keineswegs die permanent dominante Front-Figur, sondern eher der immer mal wieder mit coolen und/oder spektakulären Beiträgen überraschende kreative Kopf. Ganz egal, ob er mit warmen Chords und Licks im Hintergrund agiert, konventionell linear soliert oder, wie in ,Half Past Never‘, im Sinne des Wortes effektvoll großes Gitarrensolokino abliefert – dieser Musiker hat einen prägnanten Ton und Geschmack für Sounds, für Klangbilder, und er verliert dabei nie das Gefühl für die Komposition. Überhaupt scheint in diesem Septett die Band-Dienlichkeit, das gemeinsame Spiel, ganz großes Ziel zu sein – und gerade deshalb glänzen dann die diversen Soli immer wieder extrem, weil sie organisch aus der Musik kommen und nicht formale Thema-Chorus-Chorus-Thema-Abläufe abwickeln. Blink7 ist eine wirklich wunderbare Band und das gleichnamige Album eine extrem kreative Leistung. Carla Bley hätte es gefallen.

 

MIROSLAV VITOUS: MOUNTAIN CALL

Seit ich den Kontrabassisten Miroslav Vitous auf dem 1970 erschienenen Album ,Spaces‘ für mich entdeckt habe, gehört er für mich zu den ganz Großen dieses Instruments. Zu den Bassisten, deren Ton und Phrasierung einen extrem hohen Wiedererkennungswert haben. Damals, auf ,Spaces‘, war Vitous gemeinsam mit Larry Coryell und John McLaughlin an den Gitarren, Pianist Chick Corea und Schlagzeuger Billy Cobham zu erleben. Dieses Album gehört für mich bis heute zu den weniger bekannten Meisterweken der Begegnung von Jazz mit dem Rest der Welt. Miroslav Vitous spielte damals auch E-Bass, und sein Solo-Debüt ,Infinite Search / Mountain in the Clouds‘ (1969) ist ein ähnlich spannendes Stück Musik. 1970 gehörte der tschechische Musiker übrigens zu den Gründern von Weather Report und war auf deren ersten vier Alben zu hören.

Das im März 2026 erschienene neue Miroslav-Vitous-Album ,Mountain Call‘ vereint Aufnahmen aus den Jahren 2003 bis 2010, Musik die Vitous mit Bassklarinettist Michel Portal und Schlagzeuger Jack DeJohnette eingespielt hat – außerdem sind noch Größen wie Esperanza Spalding (voc), Bob Mintzer (b-cl), Gary Campbell (ss, ts), Gerald Cleaver (dr) und Mitglieder des Czech National Symphony Orchestra zu hören.

Mit Jack DeJohnette (1942 – 2025) hat Vitous schon Ende der 1970er-Jahre gearbeitet, damals in einem sensationellen Trio mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal. Vitous und DeJohnette sind immer noch ein Dream-Team, was Sensibilität, Dynamik und Experimentierfreude angeht. Auf ,Mountain Call‘ spielen aber auch die Duos mit Michel Portal an der Bassklarinette eine zentrale Rolle – eine klanglich einzigartige Kombination. Ein weiteres Highlight ist die orchestralen Besetzung in der dreisätzigen Suite ,Evolution‘. Vitous war schon immer Klangmaler und Kontrast-Setzer – das lebt er auch hier aus – vielleicht der spannendste Teil dieses Albums der Begegnungen. Im Finale, dem Titel-Track ,Mountain Call‘ begegnen sich noch mal Michel Portal und Miroslav Vitous im weiten Hallraum, um in sechseinhalb Minuten von lyrischen Momenten, spannender Interaktion bis zu intensiven Solo-Spots alles zu geben. Ein spannendes Album, hervorragend zusammengestellt und wie immer klanglich perfekt koproduziert von Manfred Eicher.

 

SHEEN TRIO: TRANSITORY

Auch schon mal erlebt? CD- oder LP-Cover und DigiPaks, die grafisch, farblich, typografisch originell gestaltet sind, enttäuschen so gut wie nie musikalisch. Irgendwie merkt man auf den ersten Blick, dass sich da Menschen konsequent verwirklichen wollen, und dass ihnen das musikalische Produkt auch als multimediales Gesamtwerk wichtig ist. What the fuck is a stream?

Mit Originalität, Musikalität und extrem eigenwilliger Energie überzeugt das Sheen Trio um Bassklarinettistin und Komponistin Shabnam Parvaresh, die übrigens selbst für das Artwork ihres neuen Albums ,Transitory‘ verantwortlich ist, lese ich gerade. Richtig vermutet. Shabnam Parvareshs Karriere begann im Iran, wo sie im Teheraner Symphonieorchester spielte. 2014 emigrierte sie nach Deutschland, um in Osnabrück Jazz-Klarinette zu studieren. 2020 gründete sie das Sheen Trio, dessen Debütalbum ,Gozar‘ (2023) erschien.

Ula Martyn-Ellis © Lothar Trampert

Gemeinsam mit der deutsch-australischen Musikerin Ula Martyn-Ellis an der Gitarre und Philipp Buck am Schlagzeug hat Shabnam Parvaresh auch mit dem neuen Album wieder ganz eigene Sounds geschaffen „atmosphärische Klanglandschaften zwischen Jazz, Krautrock, Free Jazz, Rock und experimentellen Texturen, durchzogen von Einflüssen aus dem Iran“, lese ich im Infotext. „Die Musik bewegt sich im Spannungsfeld von Chaos und Stille und verwebt persönliche Erinnerungen mit globalen Umbrüchen. Atmosphärisch ungemein dicht, schwelgerisch und von betörender Sinnlichkeit wirkt sie wie ein mythisches Fortbewegungsmittel, das Zuhörer in unbekannte Klangräume trägt.“

Dabei überzeugen ganz besonders die eigenwilligen Arrangements dieser Triokompositionen, und die extrem präzise Umsetzung. Solistische Spots entwickeln sich dagegen oft behutsam von leiser Transparenz in energetische Kraftakte. Aber auch die ganz ruhigen Momente, wie im sechsminütigen ,Maroggia‘ oder in ,Tangled in A Dream‘ überzeugen mit Intensität. In ,Soy Lake City‘ wird dann mal so richtig gerifft und gerockt, wobei einem das anfängliche Grinsen nach und nach vergeht, weil das Sheen Trio hier immer stärker eine bedrohliche Seite zeigt … und dich am Ende des Tracks allein, mit vielen großen, dunkelroten Fragezeichen zurücklässt. Mysteriös und sehr faszinierend.

 

A BIG DIG – IOURI GRANKIN / ANDREAS BRÜNING: HOCH ZWEI

„A Big Dig“ nennen sich Gitarrist Andreas Brüning und Vokalist Iouri Grankin, wenn sie im Duo aufeinandertreffen. Beide sind seit Jahrzehnten in der Improvisations-Szene aktiv, und haben in Köln und Düsseldorf immer wieder Schubladendenker ratlos zurückgelassen. Andreas Brüning war, neben seinen Aktivitäten in der Düsseldorfer Kunstwelt, in Köln im Umfeld der Stollwerck- und Rhenania-Szene aktiv und an Projekten von Schlagzeuger Frank Köllges aka Adam Noidlt beteiligt. Der gebürtige Ukrainer Iouri Grankin lebt seit 1994 in Deutschland. Er ist ein stilistisch vielseitiger Sänger, der die Jazz-Tradition genau so kennt wie alle Freiheiten der Improvisation. Und da gibt er alles, vom Geräuschhaften bis zu animalischem Grunzen, von präzisen Shouts und Akzenten bis zu eigenwilligen Bass-Konstrukten oder an Posaune erinnende Linien.

Gitarrist Andreas Brüning kontrastiert mit allem, was sein Instrument hergibt: Akkorde, Riffs, kurze Linien, Saitenkratzen, Klopfgeräusche und weitere, rein akustisch kaum zu identifizierende Manipulationen an Saiten und Korpus sowie eigenwillige Effekt-Sounds. Aus denen bricht er aber immer wieder auch mal ganz spontan aus, zurück in die Welt der Singlenote-Lines – die einem dann fast schon so exotisch vorkommt wie die vorangegangene Abstraktion.

In punkto Interaktion ganz groß ist Track 7, ,Verfolgung‘, ebenso der dezent an James Blood Ulmer erinnernde ,Reigen‘, oder auch ,Empörung‘, wo Iouri Grankins Stimme extrem an den legendären Denis O’Bell im untypischsten aller Beatles-Tracks, ,You Know My Name (Look Up the Number)‘, erinnert, erschienen am 6. März 1970 als B-Seite der Single ,Let It Be‘. Insgesamt 19 spannende Kreationen zwischen anderthalb und sechs Minuten bieten einen Trip durch die Improvisationswelt von Grankin & Brüning. A Big Dig – DeeplL übersetzt mit „Ein großes Bauprojekt“ – sind auf jeden Fall ein extrem kreatives Unternehmen zweier origineller Musiker. Und ein echter Horizonterweiterer.

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