„Die Gitarre hat mich immer wieder gerufen“, sagt Jared James Nichols im Gespräch mit guitar-player.com. Ein Satz, der den Werdegang des US-Amerikaners wohl kaum treffender beschreiben könnte. Erst mit 15 greift Nichols erstmals zur Gitarre, ein klares Karriereziel verfolgt er damals nicht. Stattdessen entwickelt sich das Instrument nach und nach zum Ventil für seine Emotionen. Und wird schließlich zur Berufung.
Heute zählt Nichols zu den markantesten Gitarristen des modernen Bluesrock. Mit seinem kompromisslosen Spiel ohne Plektrum, seinem aggressiven Ton und energiegeladenen Liveshows hat er sich längst eine treue Fangemeinde erspielt. Gibson nahm ihn früh unter Vertrag, inzwischen gehört er „Ambassador“ zu den bekanntesten Endorsern der Marke. Neben seiner legendären 1952er Les Paul „Dorothy“ setzt Nichols heute vor allem auf seine Gibson Futura, während Marshall-Amps und ein bewusst schlichtes Setup seinen charakteristischen Sound prägen.
Mit seinem Anfang Juni erschienenen Album ‚Louder Than Fate‘ schlägt Nichols zugleich ein neues Kapitel auf. Die Songs entstanden gemeinsam mit Songwritern aus Nashville, aufgenommen wurde weitgehend live im legendären Studio 606 von Dave Grohl in Los Angeles. Der Fokus liegt diesmal mehr auf starken Songs, ohne dabei auf kraftvolle Riffs oder markante Soli zu verzichten.
Im Interview spricht Jared James Nichols über seinen ungewöhnlichen Anschlag mit dem Daumen, die Vor- und Nachteile des Spielens ohne Plektrum, seine Vorbilder Jeff Beck und Albert King, den Reiz von P-90-Pickups, seine Abneigung gegen digitale Amp-Modeler sowie darüber, warum er selbst zu Hause meist unverstärkt oder clean spielt. Außerdem erklärt er, weshalb Krafttraining inzwischen zu seinem Touralltag gehört und warum er Vintage-Gitarren trotz aller Liebe zu alten Instrumenten nicht mehr auf jede Konzertreise mitnimmt.
Interview
Musik und Werdegang
„Anders genug, aber trotzdem klassisch “
Für mich ist die Gitarre mein Ventil. Alles, was ich ausdrücken möchte, kommt durch sie heraus. Das war schon immer so – selbst damals, als ich noch richtig schlecht Gitarre gespielt habe. Trotzdem wusste ich damals schon, dass da irgendetwas war, dem ich nachgehen wollte. Wenn man darüber nachdenkt, ist das eigentlich ganz interessant. Wie viele andere Gitarristen habe ich erst mit 15 angefangen. Ich bin praktisch gemeinsam mit der Gitarre erwachsen geworden. All meine Gefühle und überhaupt alles, was mich als Menschen ausmacht, konnte ich über die Jahre durch die Gitarre ausdrücken. Heute ist es so, als wäre mein Gitarrenspiel mit mir gewachsen und reifer geworden. Es fühlt sich einfach so an, dass ich ich selbst bin, sobald ich eine Gitarre in die Hand nehme.
Dein Spiel hat etwas Anarchisches und gelegentlich Wütendes… Gleichzeitig wirkst du als Typ überhaupt nicht wie ein anarchischer oder wütender Mensch.

Nein, das ist schon interessant. Ich rede darüber oft mit meinem Freund Joe Bonamassa. Er sagt immer, dass in dem Moment, in dem er sich für die Show fertig macht, seinen Anzug anzieht und seine Brille aufsetzt, plötzlich etwas mit ihm passiert. Dann ist er einfach ein anderer. Bei mir ist das ähnlich: Sobald ich die Gitarre in die Hand nehme – besonders bevor ich auf die Bühne gehe –, wird daraus für mich eine Alles-oder-nichts-Situation. Sämtliche Energie, jede Frustration, aber auch jede Freude kommen dann durch die Gitarre heraus.
Viele Leute sagen auch, wenn sie mich persönlich kennenlernen: „Mann, du bist viel entspannter, als ich gedacht hätte.“ Sie haben erwartet, dass ich völlig verrückt bin.
Ich glaube, das ist bei vielen Musikern so. Metal-Musiker sind ja privat auch die liebsten Menschen.
Ja, absolut. Deshalb habe ich auch viele Freunde aus der Metal-Szene, obwohl ich selbst gar kein Metal-Musiker bin und auch nicht so spiele. Viele meiner Freunde kommen aus dem Metal-Bereich, weil sie ähnlich ticken. Ganz entspannte Typen – aber sie machen harte, aggressive Musik.
Ich würde deine Musik aber schon irgendwo zwischen Bluesrock und Metal einordnen…
Ja, das sehe ich genauso. Bei dieser Art von Musik und bei dem, was ich mache, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Im Grunde ist es fast dasselbe – es ist nur ein bisschen anders verpackt.
Eine Gemeinsamkeit von Bluesrock und Metal ist, dass in den Riffs meist auf der Eins die offene E-Saite gespielt wird. Da frage ich mich immer: Wie schafft man es mit dieser Vorgabe ständig neue Riffs zu schreiben?
Früher hatte ich damit große Probleme. Ich hatte oft so etwas wie eine Schreibblockade. Alles klang gleich, alles klang nach etwas, das es schon gab. Irgendwann habe ich aber gemerkt – und das knüpft an das an, was du eben gesagt hast –, dass es eigentlich darum geht, wie man im Blues oder Bluesrock überhaupt noch originell klingen kann. So vieles wurde schließlich schon gemacht.
Was ich herausgefunden habe, ist: Je tiefer ich mich mit meinem eigenen Gitarrenspiel beschäftigt habe und mit der Art, wie ich spiele – also diesem Stil ohne Plektrum –, desto mehr habe ich zu mir selbst gefunden. Plötzlich konnte ich Riffs spielen, die anderen Sachen zwar ähnlich waren, aber dennoch nach mir klangen. Man kann natürlich das Rad nicht neu erfinden. Das Buch wurde bereits geschrieben. Deshalb glaube ich auch, dass viele Gitarristen mit Bluesrock kämpfen und sich schwertun, sich von anderen abzuheben. Die Musik ist sich stilistisch so ähnlich, dass man etwas finden muss, das gerade anders genug ist, aber trotzdem klassisch klingt. Erst dann funktioniert es.
Und das ist verdammt schwer. Wenn ich heute auf die vergangenen Jahre zurückblicke, erkenne ich schon vor zehn Jahren Ansätze dessen, was ich heute mache. Aber ich habe nie aufgehört, mich weiterzuentwickeln. Bis heute denke ich darüber nach: Wie schreibe ich meine Riffs? Wie schreibe ich Songs, die dem treu bleiben, was ich liebe, und gleichzeitig immer mehr nach mir selbst klingen?

Affiliate Link:
Gibson 1957 Les Paul Goldtop Ultra Light Aged Double Gold #741130
Du hast mit 15 angefangen, Gitarre zu spielen. In der Gibson-Dokumentation über dich (‚The Long Road‘) sagst du, dass du dir nicht die Gitarre, sondern die Gitarre sich dich ausgesucht hat. Wie meinst du das?
Selbst heute habe ich das Gefühl, dass die Gitarre in meinem Leben nie Teil eines Plans war. Als das alles anfing, dachte ich einfach: Okay, ich spiele eben Gitarre. Klingt gut. Dann kam sie immer wieder in mein Leben zurück. Selbst als ich beschloss, es wirklich ernsthaft zu versuchen und ans Berklee College of Music ging, gab es Momente, in denen ich mich fragte: „Was mache ich hier eigentlich?“
Aber die Gitarre hat mich immer wieder gerufen. Sie war einfach immer da. Irgendwann fragte ich mich: „Was mache ich jetzt mit meinem Leben?“ Ich wollte weder Bauarbeiter noch Mechaniker werden. Also dachte ich: Vielleicht sollte ich einfach weiterversuchen, Gitarre zu spielen und etwas daraus zu machen. Allerdings bin ich in einer Umgebung aufgewachsen, in der ich niemanden kannte, der professioneller Musiker war – selbst noch kurz bevor ich nach Kalifornien zog. Es gab niemanden, der sagte: „Ich stelle dich mal diesem oder jenem vor.“ Deshalb sage ich, dass die Gitarre mich ausgesucht hat.
Du erzählst dort auch, wie wichtig für dich die Entdeckung von Distortion war. Macht es dir überhaupt noch Spaß, clean Gitarre zu spielen?
Wenn ich zu Hause bin, spiele ich eigentlich fast immer clean. Oder ich schließe die Gitarre gar nicht erst an. Ich spiele sie einfach unverstärkt. Ich finde nämlich, dass es unglaublich wichtig ist, sauber spielen zu können und sicherzugehen, dass man die Sachen wirklich beherrscht. Viele Gitarristen sagen: „Ich schalte einfach den Zerrsound ein, der kaschiert das schon.“ Aber ich finde, es hat etwas Schönes, wirklich clean spielen zu lernen. Das macht mir tatsächlich großen Spaß.
Zuhause stehen bei mir hauptsächlich alte Röhrenverstärker. Damit sie anfangen zu zerren, muss man sie voll aufdrehen. Selbst bei meinen Marshalls muss man die Lautstärke richtig weit aufdrehen, damit sie in die Sättigung gehen. Zu Hause lasse ich sie deshalb meistens einfach leise laufen. Das ist völlig okay.
Studio und Instrumente
„Für mich hat es etwas ganz Besonderes, mit dem Verstärker im selben Raum zu stehen“
Du hast Anfang Juni mit ‚Louder Than Fate‘ herausgebracht. Erzähl bitte etwas über den Aufnahme- und Songwriting-Prozess. Wie bist du vorgegangen?
Dieses Album haben wir live im Studio auf Band aufgenommen. Viele Leute haben im Laufe der Zeit zu mir gesagt: „Jared, ich liebe deine Konzerte, aber auf Platte klingst du nicht so gut. Live bist du stärker.“ Also beschlossen wir, die Platte live aufzunehmen.
Und ich habe mich nach dem letzten Album gefragt, wie ich diese Energie und Spontaneität einer Liveaufnahme beibehalten kann, gleichzeitig aber als Songwriter noch etwas tiefer gehen kann. Ich wollte Songs schreiben, die sich anders anfühlen als alles, was ich bisher gemacht hatte. Ich wollte mit meiner Kreativität eine andere Seite von mir zeigen.

Also habe ich einige Freunde in Nashville angerufen, die ich sehr respektiere, und gefragt: „Habt ihr Lust, Songs zu schreiben?“ Dabei dachte ich überhaupt noch nicht an ein Album. Ich wollte einfach schreiben. Was dann passiert ist: Durch diese Treffen mit Freunden entstand nach und nach eine ganze Sammlung von Songs. Ich habe ungefähr zwanzig Stücke mit verschiedenen Leuten geschrieben – mit Songwritern, die völlig andere Dinge machen als ich. Country-Autoren, Pop-Songwriter, Menschen, die musikalisch ganz anders denken als ich.
Irgendwann hatten wir diese Sammlung von Songs und gingen in Dave Grohls Studio in Los Angeles – das Studio 606 der Foo Fighters. Dort haben wir Schlagzeug, Bass und Gitarre gemeinsam in einem Raum aufgenommen. Genau wie beim vorherigen Album. Es wurde also alles live eingespielt. Das fühlte sich großartig an. Danach habe ich einige Gitarrensoli nachträglich aufgenommen. Das hatte ich vorher kaum gemacht.
Wenn du Soli nachträglich aufnimmst: Wie versetzt du dich im Studio in die richtige Stimmung, um ein emotionales oder ekstatisches Solo zu spielen?
Weißt du, über die Jahre habe ich gelernt, mich gedanklich in diesen Zustand zu versetzen. Selbst wenn du mir jetzt hier im Hotelzimmer eine Gitarre in die Hand drücken und sagen würdest: „Jared, spiel!“, würde ich sagen: „Okay, los geht’s.“ Was mir dabei besonders hilft – vor allem während der Aufnahmen –, ist Lautstärke. Es muss sich so anfühlen, als wäre ich genau in diesem Modus, als wäre ich bereit, richtig loszulegen. Für mich hat es etwas ganz Besonderes, mit dem Verstärker im selben Raum zu stehen, die Vibrationen zu spüren und zu fühlen, wie die Luft bewegt wird. Das hat eine enorme Kraft.
Das heißt, einen Kemper, Quad Cortex oder ähnliche Geräte würdest du nie dauerhaft benutzen?
Doch, ich habe damit gearbeitet. Ich finde diese Technik großartig. Wirklich beeindruckend. Aber für die Art, wie ich persönlich spiele, fehlt mir dabei etwas. An Röhrenamps ist etwas Wildes, etwas sehr Oldschool. Und das soll überhaupt keine Kritik an den Leuten sein, die solche Geräte benutzen. Aber ich möchte das Gewicht der Saiten spüren. Ich möchte dieses Spielgefühl haben. Deshalb spiele ich zwei Röhrenamps und werde allein aus diesem Grund nicht auf Digitaltechnik umsteigen.
Außerdem bin ich ein sehr einfacher Spieler. Ich benutze nicht besonders viel Equipment. Ein Verstärker, ein paar Pedale und meine Gitarren – mehr brauche ich nicht. Deshalb suche ich gar nicht nach vielen der Möglichkeiten, die digitale Systeme bieten.
Wie lange brauchst du im Studio, bis dein Gitarrensound steht? Beschäftigst du dich intensiv mit Mikrofonpositionen und solchen Dingen?
Unser Produzent und Toningenieur Jay Ruston hat sich darum natürlich intensiv gekümmert. Aber als Faustregel würde ich sagen, dass wir ungefähr zehn bis fünfzehn Minuten gebraucht haben, bis der Gitarrensound stand. Ehrlich gesagt unterscheidet sich mein Studiosound kaum von dem, was ich live benutze. Viele Künstler behandeln Studio und Bühne wie zwei völlig verschiedene Welten. Sie überlegen genau, welches Mikrofon sie womit kombinieren und so weiter. Ich bin dagegen schon mit einer ganz klaren Vorstellung ins Studio gegangen, wie jedes Riff und jede Passage klingen sollte.
Danach ging es nur noch darum, das Mikrofon so zu positionieren, dass der komplette Frequenzumfang des Sounds eingefangen wird, alles phasenrichtig ist und solche Dinge. Im Grunde besteht der Sound des Albums einfach aus einer Les Paul oder meiner Gibson Futura, die in einen Super Lead Plexi läuft – mit einem Klon davor. Und wenn ich etwas Cleaneres wollte, habe ich einfach das Volume-Poti an der Gitarre zurückgedreht.
Muss ein Song für dich ein Gitarrensolo haben, um ein guter Song zu sein?
Nein, das muss er nicht. Aber mit einem Solo wäre er noch besser. (lacht) Im Ernst: Auch auf dem neuen Album gibt es Songs mit Gitarrensolo – etwa bei ‚Bending Or Breaking‘. Dort gibt es ein kurzes, achttaktiges Solo. Nichts Ausgefallenes, aber das dient dem Song sehr gut. Er bekommt dadurch kurz eine andere Richtung.
Also: Ein guter Song braucht kein Gitarrensolo, aber ich liebe Gitarrensoli.
Welche Gitarren hast du im Studio verwendet?
Hast du schon meine Les Paul von 1952 gesehen? Sie heißt „Dorothy“.
Die Goldene?
Ja, genau. Mit ihr bekomme ich fast jeden Sound hin, den ich brauche. Sie ist ein echtes Schweizer Taschenmesser, sie kann laut und aggressiv klingen, aber genauso wunderbar aufgeräumt und warm. Ich habe sie auf ungefähr 60 Prozent des Albums eingesetzt. Sie hat P-90-Tonabnehmer – und ich liebe P-90s. Ich liebe, wie viele unterschiedliche Sounds man mit einem so einfachen Pickup erzeugen kann.
Und dann gibt es noch diese andere Gibson im Explorer-Stil namens „Futura“, die ziemlich ungewöhnlich aussieht und die ich in letzter Zeit oft spiele. Die kam für alles andere zum Einsatz. Wenn ich also Humbucker brauchte, griff ich zur Futura. Gerade bei einigen der härteren Riffs und Parts war das perfekt.
Bei P-90s hat man immer ein gewisses Brummen. Wenn du also ein stark synkopiertes Riff spielst, ist ein Humbucker manchmal einfach die sauberere Lösung. Ich arbeite zwar sehr viel mit dem Volume-Regler und schalte das Signal darüber blitzschnell ein und aus. Trotzdem ist eine gewisse Sauberkeit wichtig. Deshalb habe ich bei den härteren Passagen oft zur Humbucker-Gitarre gewechselt.
Bei einigen Songs ist aber auch eine Akustikgitarre als Dopplung der E-Gitarre zu hören…
Ja. Das ist eine Gibson SJ-200. Die habe ich bei Songs wie ‚Killing Time‘ und ‚Way Back‘ zusätzlich zu den E-Gitarren aufgenommen. Das Schöne daran ist: So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht, aber wenn man zu einem schweren Gitarrenpart noch eine Akustikgitarre dazulegt, wirkt alles größer. Die Acoustic bringt mehr Definition hinein. Sie sorgt für Klarheit und verleiht dem Ganzen noch eine zusätzliche Dimension. Das gefällt mir wirklich gut.

Spieltechnik und Einflüsse
„Ich habe das Gefühl, die Saiten wirklich unter Kontrolle zu haben“
Lass uns auf deine Spieltechnik zu sprechen kommen: Obwohl du mit dem Daumen spielst, fehlt deiner E-Gitarre überhaupt nicht der Attack. Wie erzeugst du diesen Attack mit dem Daumen?
Das hat sehr lange gedauert. Und du wirst überrascht sein: An meinen Marshalls ist der Höhenregler fast komplett zugedreht. Viele würden denken: „Die Höhen müssen doch voll aufgedreht sein, damit sich der Ton durchsetzt.“ Aber ich habe über die letzten zwanzig Jahre herausgefunden, wie ich den Ton trotzdem nach vorne bekomme.
Ich kann das gar nicht genau erklären. Ich glaube, es liegt am Winkel, in dem mein Daumen und meine Finger die Saite anschlagen. Und was ich über den Marshall sagen kann, ist Folgendes: Das Einschwingverhalten und das Spielgefühl dieses Verstärkers sind etwas Besonderes. Es fühlt sich an, als würde der Amp die Noten regelrecht nach vorne schieben.
Manche Verstärker habe ich gespielt, bei denen ich das Gefühl hatte, ich komme einfach nicht richtig durch. Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Beim Marshall – besonders bei den Super Leads – ist das anders. Wenn ich etwas spiele, wirkt es aggressiv und springt förmlich aus dem Verstärker heraus. Ich benutze dafür keine besonderen Treble Booster oder ähnliche Tricks. Ich habe einfach gelernt, wie ich das herausarbeiten kann – wenn du verstehst, was ich meine.

Glaubst du, dass deine Technik deiner Kreativität sogar hilft, weil sie dich limitiert?
Ja, ich glaube tatsächlich, dass das so ist. Als ich jünger war, haben mir viele Leute gesagt: „Wenn du nur mit den Fingern spielst, wirst du nie ein wirklich guter Gitarrist.“ Ich wollte einfach Spaß am Gitarrespielen haben und habe nie darüber nachgedacht, ob ich einmal ein großer Gitarrist werde. Was ich schließlich gemerkt habe: Gerade die Einschränkung, nur mit den Fingern zu spielen, hat mich dazu gezwungen, Dinge anders anzugehen. Ich musste anders denken. Und dann beginnt man plötzlich, Beats anders zu unterteilen oder Töne anders zu akzentuieren. Rückblickend hat mir das enorm geholfen. Heute kann ich praktisch jede Gitarre in die Hand nehmen und sie nach mir klingen lassen. Es ist nicht einfach nur irgendeine Gitarre. Ich habe das Gefühl, die Saiten wirklich unter Kontrolle zu haben.
Ich vermute, dadurch eröffnet sich dir auf der Gitarre eine Welt von Möglichkeiten, die viele andere Gitarristen gar nicht haben.
Ja. Einfach gesagt: Viele Gitarristen sind durch ihr Plektrum begrenzt. Sie spielen eine Note nach der anderen oder schlagen nur nach unten oder nach oben an. Für mich war dagegen von Anfang an klar: Ich kann jede beliebige Saite gleichzeitig spielen. Ich kann hohe und tiefe Saiten kombinieren. Ich kann drei, vier oder sogar fünf Saiten gleichzeitig anschlagen, wenn ich das möchte.
Hast du dich denn mal intensiver mit Fingerpicking beschäftigt?
Nicht besonders … wie soll ich das ausdrücken? Ich habe das nie richtig studiert. Aber ich habe mir genug beigebracht, damit es funktioniert. Ansonsten mache ich einfach mein eigenes Ding. Ich bin kein klassischer Fingerstyle-Gitarrist. Niemand hat mir beigebracht, so zu spielen, wie ich heute spiele. Das hat sich einfach entwickelt. Ich habe etwas ausprobiert und gemerkt: Okay, das funktioniert – oder eben nicht. Und dann habe ich darauf aufgebaut.


Hast du dir zum Beispiel Mark Knopfler genauer angesehen, um zu verstehen, wie man auf einer E-Gitarre ohne Plektrum spielt?
Erstaunlicherweise nicht. Ich habe Mark Knopfler viel gehört, aber ich habe seine Technik nie studiert. Die Gitarristen, mit denen ich mich wirklich intensiv beschäftigt habe, waren Stevie Ray Vaughan – obwohl er mit Plektrum spielt –, Leslie West, Jeff Beck, Derek Trucks und Albert King. Wenn es um Gitarristen geht, die ohne Plektrum spielen, dann waren Jeff Beck und Albert King meine wichtigsten Vorbilder.
Albert Kings Technik war unglaublich. Er spielte im Grunde mit dem Daumen. Ich habe genau hingeschaut und mich gefragt: Wo trifft er eigentlich die Saiten? Viele Leute achten auf solche Kleinigkeiten gar nicht.
Gleichzeitig war ich aber genauso fasziniert von Gitarristen, die mit Plektrum spielten. Auch sie habe ich genau beobachtet und mich immer gefragt: Wie bekomme ich diesen Sound mit meinen Fingern hin?
Wie man sieht, hast du in den letzten Jahren ordentlich Muskeln aufgebaut. Hat das dein Gitarrenspiel verändert? Brauchst du diese Kraft zum Spielen?
Nein, überhaupt nicht. Es ist einfach nur das Ergebnis davon, dass ich älter werde und gemerkt habe: Wenn ich keinen Sport mache, werde ich irgendwann fett. (lacht) Viele haben mich schon gefragt, ob sich Krafttraining auf mein Gitarrenspiel auswirkt. Große Veränderungen habe ich aber nicht festgestellt. Es gibt allerdings eine Sache. Ich habe gemerkt, dass meine Bendings und mein Vibrato präziser geworden sind. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber das ist mir tatsächlich aufgefallen.
Auf Tour dürfte das Leben dadurch aber einfacher geworden sein, weil du körperlich fitter bist.
Ja, das ist der entscheidende Punkt. Viele vergessen, wie Tourleben wirklich ist. Man isst schlecht, man schläft schlecht, man schläft immer dann, wenn sich gerade eine Gelegenheit ergibt. Man wechselt ständig die Zeitzonen und hat Jetlag. Viele trinken außerdem viel und feiern. Mir war klar, dass ich fit sein muss, wenn ich auf der Bühne meine beste Leistung bringen will.
Ich sehe das fast wie ein Leistungssportler, deshalb ist das Training für mich so wichtig. Es gibt mir Energie und sorgt dafür, dass ich mich unterwegs gut fühle. Und das ist enorm wichtig.
Jared James Nichols Website