„Es geht um die Melodie.“ Diesen Satz sagt Lothar Kosse im Verlauf unseres Gesprächs mehrmals in verschiedenen Variationen. Und tatsächlich zieht er sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes musikalisches Schaffen. Seit Jahrzehnten bewegt sich der Kölner Gitarrist zwischen Instrumentalmusik, Songwriting Studioarbeit und Worship-Kultur, arbeitet mit Musikern wie Vinnie Colaiuta, Abraham Laboriel oder den Bissonette-Brüdern zusammen und hat dabei eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt.
Im Interview spricht er über sein neues Instrumental-Album ‚Shekinah‘ (mit Colaiuta und Laboriel), seinen Werdegang, seine prägenden Einflüsse von Hendrix und den Doobie Brothers, darüber, weshalb er alten Stratocasters vertraut, Verstärker nicht überbewertet und warum ihn ein einfacher Groove oft mehr beeindruckt als jede technische Höchstleistung. Darüber hinaus geht es um die Autorität von Jeff Beck, und darüber, weshalb Gitarristen seiner Meinung nach manchmal Gefahr laufen, nur noch Verwalter ihrer eigenen Vergangenheit zu sein. Ein interessantes Gespräch mit einem sympathischen Gitarristen.
Interview
Das innere Hymnenbuch
Beim Hören deines neuesten Albums hatte ich den Eindruck, dass du ein Gitarrist bist, der sehr unaufgeregt spielt – emotional und technisch versiert, wenn es nötig ist, aber ohne die Technik in den Vordergrund zu stellen.
Ja, für mich steht die Melodie im Mittelpunkt. Das habe ich mir bei dieser Produktion noch einmal bewusst gemacht. Virtuosität und Technik sind großartig, aber wenn du im Zirkus zum dritten Mal denselben Flickflack siehst, denkst du irgendwann: Schön und gut – aber was macht das eigentlich mit mir? Ich finde es spannend, Virtuosität als Stilmittel einzusetzen. Manchmal muss es auch brennen. Beim Auto willst du schließlich auch ab und zu aufs Gas treten. Aber was bei mir hängen bleibt, was mich wirklich berührt, sind meist die Melodie und die Akkorde.
Ich komme ursprünglich vom Songwriting, schreibe Songs und singe auch. Das hat meine Sichtweise verändert. Früher war für mich der Song oft nur die Umrandung eines Gitarrensolos. Alles andere war zweitrangig, Hauptsache das Solo war gut. Heute denke ich anders. Musik soll mich berühren, und dafür sind Melodie und Harmonik entscheidend. Ich liebe Akkorde und diese Momente, in denen Akkorde und Melodie perfekt ineinandergreifen. Jemand hat meine Musik einmal als „hoffnungsvolle Melancholie“ beschrieben. Das trifft es eigentlich ganz gut. Ich war nie der Typ, der bei Tempo 180 möglichst schnell und wild spielen wollte. Vielleicht hat das mit dem Alter zu tun, vielleicht auch nicht – eigentlich mochte ich das noch nie besonders.

Was mich ursprünglich an Popmusik begeistert hat, waren die Doobie Brothers. Dann kam Jimi Hendrix. Für mich war das zunächst eine völlig andere Welt. Durch meinen kirchenmusikalischen Hintergrund kannte ich Blues gar nicht. Die Harmonik und die mehrstimmigen Gesänge der Doobie Brothers lagen mir viel näher. Zusammen mit diesem Groove hat mich das komplett abgeholt. Und dann kam Hendrix dazu. Was mich an ihm fasziniert hat, war nicht in erster Linie seine Virtuosität, sondern die Autorität, mit der er dieses Instrument gespielt hat. Er hat gezeigt, was man mit einer Gitarre überhaupt alles machen kann.
Kirchenmusik auf der einen Seite und Hendrix auf der anderen – das ist ein ziemlich großer Gegensatz. Hat dieses Spannungsfeld auch etwas mit deiner heutigen Musik zu tun?
Ich glaube, dass das bis heute in mir steckt – irgendwo zwischen Wahnsinn und Wohlerzogenheit. Ich hatte keine wilde Jugend, keine Drogenvergangenheit, und bin eher diszipliniert aufgewachsen. Aber die Leidenschaft und das Wesen der Musik zu entdecken, das hat mich total gepackt. Ich wollte unbedingt verstehen, wie das alles funktioniert.
Angefangen habe ich mit klassischem Klavierunterricht. Irgendwann merkte ich aber, dass es nicht mein Ding ist, alles exakt so zu spielen, wie es auf dem Blatt steht. Also begann ich, Akkorde zu verändern und auszuprobieren. Meine Klavierlehrerin erklärte mir daraufhin die musikalischen Zusammenhänge: Tonleitern, Kadenzen, den Quintenzirkel. Als ich das verstanden hatte, habe ich dieses Wissen auf die Gitarre übertragen. Natürlich kam später der Blues dazu, der viele dieser Regeln wieder infrage stellt. Aber das theoretische Fundament hat mir geholfen, das System zu verstehen und mir meinen eigenen Weg zu erarbeiten.
Also weißt du bei dem, was du tust, genau, was du da tust?
Mittlerweile schon. Wobei ich manchmal auch versuche, dieses Wissen wieder zu vergessen. Ich denke beim Spielen nicht permanent über Musiktheorie nach, aber musikalische Konzepte interessieren mich weiterhin. Im vergangenen Jahr habe ich mich noch einmal hingesetzt, meine L-5 genommen und Jazzstandards geübt. Das hat mir viel Spaß gemacht. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass das im Kern nicht meine eigene Emotionalität widerspiegelt.
Bruce Hornsby sprach kürzlich in einem Interview von seinem „Hymn Book“, seinem persönlichen Choralbuch. Er hat bestimmte harmonische Verbindungen, zu denen er immer wieder zurückkehrt. Zwischendurch bewegt er sich in ganz andere musikalische Welten, teilweise fast in Richtung Schönberg, kommt aber immer wieder zu diesen vertrauten Akkordfolgen zurück. Das konnte ich sofort nachvollziehen. Ich glaube, ich habe ebenfalls so ein inneres Hymnenbuch, aus dem ich mich immer wieder bediene.
Die Amerika-Connection
Aber dein einziger Unterricht, was Musiktheorie betrifft, war der Klavierunterricht?
Ich war später noch an der Musikhochschule in Hamburg. Dort gab es Ende der 80er diesen Modellversuch Popularmusik. Ansonsten hatte man in Deutschland damals kaum Möglichkeiten, Popmusik zu studieren. Dort habe ich gemerkt, dass es auch andere Musiker gibt – und dass ich noch einige blinde Flecken habe, die ich füllen muss. Relativ bald begann dann die Studioarbeit. Daraus habe ich mich irgendwann wieder verabschiedet, weil ich merkte, dass ich meinen eigenen Weg finden muss. Ich hatte Glück, dass das funktioniert hat.
Diese instrumentale Musik ist aber nur eine Seite von dem, was ich tue. Ich schreibe auch Songs und bin mit meiner Frau akustisch unterwegs. Wir spielen Duo-Konzerte zusammen und treten auch öfter im Dom auf. Aber die Gitarre war immer meine erste Leidenschaft. Deshalb denke ich ab und zu: Jetzt muss mal wieder nur die Gitarre ran. Kein Gesang, kein Text, nichts. Nur Gitarre. Das mache ich seit den späten 80ern. ‚One For All‘ war die erste CD, damals war schon Abraham Laboriel dabei. Danach kam ‚Rockland‘ mit den Bissonette-Brothers, anschließend ‚Rainmaker‘ mit Vinnie Colaiuta.

Wie kommt diese Amerika-Connection überhaupt zustande?
Ich kann nichts dafür, das ist so passiert. Vinnie habe ich durch einen Freund kennengelernt, den Schweizer Produzenten und Keyboarder Matthias Heimlicher, mit dem ich viel zusammenarbeite. Er war irgendwann in Europa, und Matthias rief mich an und sagte: „Du hast doch dieses Instrumentalprojekt. Vinnie kommt gerade aus Norwegen vorbei. Willst du, dass er auf deiner Platte spielt?“ Ich dachte mir: Da gibt es schlechtere Möglichkeiten. So ist dieser Kontakt entstanden.
Abraham kenne ich schon seit Ende der 80er-Jahre. Wir haben uns bei einer Fernsehshow kennengelernt. Ich habe dort mit einer Band gespielt, und er war mit Koinonia da. Ein Freund von mir fragte ihn damals, ob er auf meiner Platte spielen würde. So haben wir uns angefreundet. Später hat er mich mit seiner Band in Europa mit auf Tournee genommen. Seitdem gibt es eine enge Verbindung.

Was ihre Instrumente betrifft, sind die beiden meine größten Helden. Sie zusammen an einem Ort zu haben, war für mich etwas Besonderes. Ich habe riesigen Respekt vor ihrer Musikalität. Das war eine herrliche Zeit.
Und die Bissonette-Brüder?
Die habe ich über einen anderen Freund kennengelernt. Ich habe einen sehr guten Freund in Nashville, der mit Gregg studiert hat. Als Gregg und Matt Bissonette einmal mit Joe Satriani hier in Köln waren, haben wir uns getroffen und sie zum Essen eingeladen. Als ich ihnen erzählte, dass ich ein Instrumentalalbum machen möchte, boten sie an, darauf zu spielen. So haben wir uns später in Amerika wieder getroffen. Man denkt immer, man sei Welten voneinander entfernt. Aber das stimmt gar nicht.
„Autorität im Klang und in der Melodie“
Du hattest gerade gesagt, Vinnie und Abe seien deine größten Helden. Am Anfang waren es aber die Doobie Brothers und Hendrix. Was ist dazwischen musikalisch passiert?
Mit Hendrix ging es los. Insgesamt war es aber vor allem der Sound der amerikanischen Westküste, also vor allem die Doobie Brothers. Danach wurde alles immer kitschiger und kitschiger. Doch genau diese Produktionen, auf denen Leute wie Al Jarreau, Steve Lukather oder Michael Landau in den 80ern gespielt haben, fand ich großartig. Vor allem dann, wenn sie ihre eigenen Sachen gemacht haben. Michael Landaus „Tales From The Bulge“ ist ein unglaubliches Album. Das war für mich über viele Jahre eine ständige Inspirationsquelle.
Ein weiteres Highlight war „Guitar Shop“ von Jeff Beck. Diese Platte hat mich wirklich tief berührt. Jeff Beck hat für viele Jahre das Zepter übernommen. Für mich war er der Meister der Melodie. Ich habe mich immer gefragt: Warum ist das so schön? Wie macht er das? Und auch bei Jeff Beck ist es nicht die Virtuosität, die mich fasziniert. Es ist diese Autorität im Klang und in der Melodie.
Autorität finde ich ein großartiges Wort in diesem Zusammenhang.
Ja, und das ist tatsächlich ein spannender Begriff. Autorität zu entwickeln, ist unglaublich schwierig. Dafür braucht man eine gewisse Reife und auch die Bereitschaft, Dinge wie Geschwindigkeit irgendwann hinter sich zu lassen und stattdessen die Melodie in den Mittelpunkt zu stellen. Jeff Beck hat mir immer wieder gezeigt: Es geht um die Melodie. Pass auf die Melodie auf, denn sie ist das, was bleibt.
Interessanterweise hat Mark Knopfler das auch. Auf seinen Studioaufnahmen fällt einem das vielleicht gar nicht so stark auf. Aber wenn man ihn live erlebt, denkt man irgendwann: Boah, das ist jetzt wirklich ganz groß. Das ist genau diese Autorität.

Hast du durch deinen christlichen Hintergrund eine andere Spiritualität beim Musikmachen? Du scheinst ja schon tief im Glauben verwurzelt zu sein.
Ja, das bin ich. Aber eher aus einer inneren Freude heraus. Nicht, weil ich kirchlich irgendeine Funktion erfüllen müsste – das interessiert mich eigentlich nicht.
In Amerika ist das ein bisschen anders als hier. Dort kommen viele großartige Musiker aus den Gospelkirchen. Das ist gewissermaßen der Schmelztiegel von R&B, Jazz, Hip-Hop und vielen anderen Stilrichtungen. Von dort kommt unglaublich viel musikalische Energie, natürlich auch in Verbindung mit dem Blues, der wiederum ganz andere Wurzeln hat.
In Deutschland ist die Situation anders. Unsere musikalische Tradition basiert auf Chorälen, auf Paul Gerhardt und Bach. Das ist eine wunderbare Kultur, eine großartige Kultur sogar. Aber sie liegt eben rund 300 Jahre zurück. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in Deutschland den Übergang in die Gegenwart nicht vollständig geschafft haben. Natürlich gibt es inzwischen Worship-Musik und moderne Popkultur, und ich bin selbst Teil davon. Das ist mir wichtig.
Mein Wunsch wäre, dass sich die Kraft, die in diesem Glauben steckt, musikalisch in einer viel größeren Vielfalt ausdrückt. Mit mehr Freude, mehr Leidenschaft und auch mehr Ekstase. Das gelingt uns hier noch nicht besonders gut. In Deutschland darf man am Samstagabend im Stadion, in der Disco oder auf einem Konzert ausgelassen feiern. Am Sonntagmorgen soll man dann möglichst still sitzen bleiben. Das finde ich seltsam. Mit der Schönheit des Glaubens oder der Erfahrung von etwas Göttlichem hat das für mich wenig zu tun.
Als Songwriter und Sänger hat man mit Worten immer eine Geschichte zu erzählen oder eine Botschaft, die man vermitteln möchte. Was ist die Botschaft deiner instrumentalen Musik?
Gute Frage. Für mich steht Schönheit im Vordergrund. Der Titel der CD ist „Shekinah“, ein jüdischer Begriff für Herrlichkeit. Ich mag dieses Wort sehr und verstehe auch aus meinem Glauben heraus, was es bedeutet. Aber zunächst geht es für mich darum: Mach etwas, das schön ist. Es geht dabei auch nicht so sehr um mich.
Als wir für die Aufnahmen in Amerika waren, habe ich den Jungs gesagt: Passt auf, es geht nicht um mich. Wir wollen alle Spaß haben. Vinnie habe ich gesagt, dass er nicht vorsichtig sein soll, sondern reinhauen darf. Aber Vinnie ist so musikalisch, dass er alles sofort richtig interpretiert.
Ich finde es auf der Platte sehr angenehm, dass bei ihm kaum diese Fähigkeit zum Frickeln durchkommt, sondern vor allem seine Musikalität. Die ist einfach unfassbar.
Ja. Vinnie kann einen einfachen Bumm-Tschak im Viervierteltakt spielen, und es zieht dir die Schuhe aus. Das ist schon eine besondere Gabe. Bei Abraham ist es genauso. Wenn Abraham eine Ballade spielt, kommen mir die Tränen.

Equipment
Du sagst in einem YouTube-Video über dein Pedalboard, dass es dir eigentlich egal sei, welchen Verstärker du benutzt. Ist das wirklich so?
Ganz egal ist es natürlich nicht. Ich liebe alte Marshalls oder klassische Blackface-Fender in den passenden Boxen. Aber wenn so etwas gerade nicht verfügbar ist, kann ich auch mit anderen Dingen sehr gut leben. Ich hatte zum Beispiel lange einen kleinen Fender Pro Junior mit einem einzelnen Zehnzöller. Wenn man den auf eine Marshall-Box stellt, klingt das grandios. Und das Ganze kostet gerade einmal ein paar hundert Euro.
Und wie sieht es bei Gitarren aus?
Ich habe einige Stratocasters. Besonders interessant finde ich einen bestimmten Jahrgang: 1972. Damals waren die Hälse noch relativ kräftig. Später wurden sie wieder dünner, davor waren sie ebenfalls eher schlank. Aber Anfang der 70er gab es eine Phase mit wirklich stabilen Hälsen. Das sind großartige Instrumente.
Natürlich muss man an solchen Gitarren hin und wieder etwas machen – Bünde erneuern, Kleinteile austauschen und ähnliche Dinge. Aber diese Instrumente schwingen und vibrieren auf eine besondere Weise. Das vermisse ich bei vielen neueren Gitarren.
Deine Haupt-Strat sieht allerdings deutlich jünger aus.
Das ist eine 77er. Sie ist ziemlich schwer, funktioniert aber hervorragend, obwohl sie im Laufe ihres Lebens bestimmt hundertmal umgebaut wurde. Ich hatte sie überall auf der Welt dabei, und sie hat mich nie im Stich gelassen. Es ist etwas Besonderes, einem Instrument über Jahrzehnte hinweg vertrauen zu können. Irgendwann entsteht daraus eine echte Beziehung.

obere Reihe: Strymon Timeline, Boss Dimension C Waza Craft DC-2W, Haller Germanium 2, Maxon SD-9, Boss TU-2 Chromatic Tuner / rechte Seite: Boss CS-3, George Dennis GD30 Wah / mittlere Reihe: Friedman BE-OD, Baldringer Dual Drive / linke Seite: Strymon Zuma / untere Reihe: MusicomLAB EFX LITE 62M (© Marian Menge)



Wo geht deiner Meinung nach die Entwicklung der Gitarre hin?
Das frage ich mich tatsächlich manchmal. Wenn man ehrlich ist, hat es seit den 1960er-Jahren bei der E-Gitarre keine wirkliche Revolution mehr gegeben. Natürlich gab es Verbesserungen, Verfeinerungen und neue Ideen. Aber im Kern spielen wir immer noch Les Pauls, Stratocasters und Telecasters. Deshalb frage ich mich gelegentlich, ob für die elektrische Gitarre überhaupt noch einmal ein neuer Horizont aufgeht. Ob noch etwas kommt, das unser Verständnis dieses Instruments grundlegend verändert. Andererseits ist unsere Wahrnehmung vielleicht längst auf diese Klänge geeicht. Vielleicht verbinden wir einen guten Gitarrensound automatisch mit einer Stratocaster vor einem Marshall und einer 4x12er-Box.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Gitarristen unser eigenes Museum betreiben. Ein Museum, das wir mit großer Leidenschaft pflegen, das aber langsam dicht macht, weil die nächste Generation schon längst sagt: Das ist doch alles Altherren-Zeug. Und noch dazu gibt es kaum ein so konservatives Völkchen wie die Gitarristen.
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