REZA ASKARI. Über Bass, Improvisation, die Musik & das Leben

Das Album ‚xAYb v8v dYAx‘

Keine Frage, dass der Kölner Kontrabassist und Bandleader Reza Askari schon jetzt ganz oben auf meiner Nominierungsliste für den Album-Titel des Jahres steht: ,xAYb v8v dYAx‘ gab’s in der langen Historie des Jazz nun wirklich noch nicht. Und noch nicht mal annähernd. „Genre: Zeitgenössischer Jazz, Avantgarde, Experimentelle Musik“ verrät das Info zur vorliegenden Vinyl-Doppel-LP von „Reza Askari’s Roar Quintet“ – das Album gibt’s auch auf CD oder als Stream. Stream ist, wenn man das absolut gelungene Design dieses neuen Werks verpasst: Ein gelbes Klapp-Cover mit einer interessanten Zeichnung von Rezas zweijähriger Tochter auf der Front und jeder Menge Schwarzweiß-Fotos im Inneren. Die beiden weißen Vinyl-Scheiben stecken noch mal in schwarzen, gefütterten Innenhüllen, und ein Download-Gutschein liegt auch noch bei. Klangkunst @ Gestaltungskunst – für letztere war Kristina Brauweiler verantwortlich.

Dieses fünfte Album seiner Formation – das Debüt ,Roar‘ erschien 2017 – kommt in leicht veränderter Besetzung: Neben Askari als Komponist und am Kontrabass sind wieder Stefan Karl Schmid an Klarinetten und Tenorsaxophon, Fabian Arends am Schlagzeug und Christopher Dell am Vibraphon dabei – mit der Trompeterin Lina Allemano, einer kanadischen Jazz- und Improvisationsmusikerin, ist Roar erstmals als Quintett am Start.

Und diese verschiedenen Farben von Blech- und Holz-Blasinstrumenten, von den schwebenden Vibraphon-Tönen und dem mal in hohen Lagen gestrichenen, meist aber tief im Untergrund brummenden Kontrabass und den filigranen Schlagzeugklängen von Fabian Arends werden hier wirklich sehr gut arrangiert, komponiert, ausgespielt. Wo aus Komposition Improvisation wird ist für mich meist nicht nachvollziehbar, denn diese zehn, ähnlich kryptisch wie das Album betitelte Tracks, sind ein einziger Trip durch akustische Klanglandschaften.

Foto: Ferry Mohr

Reza Askari zwischen den Stilen

Auf die Frage, wie er die Musik jemandem beschreiben würde, der sie noch nie gehört hat, antwortet Reza Askari: „Es ist eine Form von kommunikativer Seltsamkeit, in der immer wieder Momente von Ordnung auftauchen und wieder zerfallen, geprägt von dynamischen Kontrasten und strukturellem Chaos.“

Ich empfinde dieses Album eher wie einen Gleitflug durch bizarre Kulissen, blaue Landschaften, BeBop-Clubs und mysteriöse Klanglabore, inklusive Landeversuchen in engen Labyrinthen und schließlich das Ankommen auf einem fremden Planeten. Was Mainstream-Swing-Bevorzuger oft bestreiten: Avantgarde-Jazz kann wirklich auch entspannen, weil die Abstraktion es einfach macht, konkrete Assoziationen und Gedanken zu verhindern. Und ich frage mich, warum eigentlich Rocker, Bluesologen und Populistinnen so selten mal ihrer Kunst wirklich freien Lauf lassen und im Sinne des Wortes miteinander spielen. Wobei ich davon überzeugt bin, dass die Musik der Genies aller Genres oft auch genau so entstanden ist – aber eben nicht vor Publikum. „Er-improvisieren“ geht immer.

Reza Askari: „Die Musik speist sich gleichermaßen aus modernem kreativem Jazz, Reduktionismus, Noise, Kammermusik und der psychophysischen Wirkung von Bands wie Meshuggah, Car Bomb, The Melvins oder The Dillinger Escape Plan. Das Ergebnis ist kein Crossover, sondern die Transformation der architektonischen und emotionalen Sprache des Metal in einen hochdetaillierten improvisatorischen Kontext.“

Dass Reza Askari auch rocken kann, hat er schon in anderen Zusammenhängen mehrfach bewiesen, wie The Resonators oder Colonel Petrov’s Good Judgement (beides Bands mit dem spannenden Sebastian Müller an der E-Gitarre), die einige sehr gelungene Alben eingespielt haben.

Foto: Ferry Mohr

Das Leben

Reza Askari, 1986 als Sohn eines aus dem Iran immigrierten Vater und einer deutschen Mutter in Fulda geboren, hat nach musikalischen Anfängen am Klavier, mit elf Jahren den E-Bass als sein Instrument entdeckt und spielte in Punk-Bands – und in Jazz-Combos. Er hat dann auch ab 2006 diese Musik studiert, erst mit dem Hauptfach E-Bass bei Marius Goldhammer, später auch Kontrabass bei Dieter Manderscheid und Sebastian Gramss. Sein Studium an der Hochschule für Musik & Tanz Köln schloss er 2012 mit Auszeichnung ab. Es folgte eine weitere Ausbildung zum „Master of Improvising Arts“ an der Folkwang Universität der Künste Essen bei Kontrabassist Robert Landfermann, die er ebenfalls mit „Summa cum laude“ abschloss.

Live und im Studio arbeitete Reza Askari seitdem mit so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern wie „Marc Ducret, Lee Konitz, Marc Ribot, Benny Golson, Hayden Chisholm, Jeff Hamilton, Barre Phillips, Mark Dresser, Peter Herbolzheimer, Mike Herting, Philipe Catherine, Ramesh Shotham, Frank Haunschild, Thomas Rückert, Frank Gratkowski, Heiner Wiberny, Gerd Dudek, John Hollenbeck, Jiggs Whigham, Gary Versace, Max Herre, Clueso, Sophie Hunger, Max Mutzke, Götz Alsmann, Wolf Biermann und Carolin Kebekus“ zusammen – diese absolut diverse Liste habe ich auf seiner Website www.reza-askari.com entdeckt. Und das klingt ja wirklich nach einem weltoffenen, flexiblen und sympathischen Bassisten und Künstler.

Seit Oktober 2023 ist Reza Askari Professor für Jazz-Bass an der Hochschule für Musik Würzburg – und gibt diese feinen Eigenschaften an hoffentlich ganz viele Studentinnen und Studenten weiter.

Sechs Fragen an Reza Askari

Reza, sind die Studentinnen und Studenten heute anders drauf, als vor zwanzig Jahren, als du mit dem Studium in Köln angefangen hast?

Ich glaube, dass sich die Studienkultur in den letzten zwanzig Jahren etwas verändert hat. Als ich angefangen habe zu studieren, war es für mich ganz selbstverständlich, sehr viel Zeit mit dem Instrument und der Musik zu verbringen. Heute nehme ich wahr, dass Studierende stärker auf eine gute Work-Life-Balance achten und Studium und Privatleben bewusster miteinander verbinden. Das finde ich grundsätzlich nachvollziehbar und es ist sicherlich auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels.

Welche theoretischen und instrumentalen Fähigkeiten sollte man für ein Bass-Studium bei dir mitbringen?

Grundsätzlich sollte man eine solide instrumentale Basis und ein gutes musikalisches Gehör mitbringen. Dazu gehören Intonation, Rhythmusgefühl, eine gewisse technische Sicherheit und die Fähigkeit, musikalische Zusammenhänge zu hören und zu verstehen. Theoretische Grundkenntnisse in Harmonielehre und Notenlesen sind natürlich hilfreich, aber ich erwarte nicht, dass jemand bereits alles perfekt beherrscht. Viel wichtiger sind für mich Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, sich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen und kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Spielst du selbst auch noch E-Bass? Falls ja, mit welchem Equipment?

Ja, auf jeden Fall, wenngleich bei weitem nicht so häufig wie Kontrabass, zumindest öffentlich. Der E-Bass ist für mich nach wie vor ein wichtiges Instrument, auch wenn der Kontrabass mittlerweile im Mittelpunkt meiner Arbeit steht. Ich spiele hauptsächlich diverse Fodera- sowie alte Fender-Bässe und je nach musikalischem Kontext unterschiedliche Effekte. Die Verstärker sind eigentlich immer, wenn es irgendwie geht, von Glockenklang, da ich dort Endorser bin. Gerade für Projekte mit musikalischen Einflüssen aus Jazz, Rock, Metal und experimenteller Musik greife ich immer wieder gerne zum E-Bass.


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Fender E-Bässe

Welche Musikerin oder welcher Musiker hat dich zuletzt wirklich beeindruckt und/oder überrascht?

Mich hat zuletzt Moor Mother besonders beeindruckt. Ich finde spannend, wie sie unterschiedliche musikalische und gesellschaftliche Einflüsse miteinander verbindet und dabei eine sehr eigenständige, kompromisslose Sprache entwickelt. Gerade diese Verbindung von Experimentierfreude, Improvisation und einer starken persönlichen Haltung finde ich inspirierend.

Ich habe die Musik deines neuen Albums ,xAYb v8v dYAx‘ wie eine spannende Klangreise ins Ungewisse erlebt. Wie waren deine Empfindungen, als Musiker beim Einspielen dieses Albums? Spannung? Anspannung? Und wie hörst du euere Musik jetzt, wo sie auf Tonträger in dieser Version endgültig ist? Bist du dann immer noch irgendwie im kreativen Prozess oder ganz entspannt?

Beim Einspielen war tatsächlich viel Spannung und auch eine gewisse Anspannung dabei. Wir haben uns bewusst in Situationen begeben, in denen nicht immer klar war, wohin sich die Musik im nächsten Moment entwickelt. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Band ein großes Vertrauen, sodass diese Ungewissheit nicht als Unsicherheit empfunden wird, sondern eher als produktiver Zustand. Gerade beim Improvisieren finde ich diesen Moment interessant, in dem man noch nicht weiß, was gleich passieren wird, aber darauf vertraut, dass musikalisch etwas entsteht.

Jetzt, wo das Album veröffentlicht ist, hat sich mein Verhältnis dazu natürlich verändert. Die Musik ist in dieser konkreten Form abgeschlossen, und ich kann sie inzwischen auch mit etwas mehr Abstand hören. Gleichzeitig entdecke ich beim Hören immer wieder Dinge, die ich während der Aufnahme gar nicht bewusst wahrgenommen habe. Ganz entspannt bin ich deshalb vielleicht nie; ich höre sofort wieder Stellen, über die ich nachdenke oder die ich beim nächsten Mal anders machen würde. Aber genau das gehört für mich zum kreativen Prozess dazu: Eine Aufnahme beendet einen Prozess, aber sie eröffnet gleichzeitig schon den nächsten.

Foto: Ferry Mohr

Wenn man, wie du, mit einer Legende wie Lee Konitz, einem Freigeist wie Marc Ribot, in der BigBand von Peter Herbolzheimer, mit dem Liedermacher Wolf Biermann und mit Pop-Artists wie Clueso, Sophie Hunger oder Max Mutzke gespielt hat – was ist dann die wichtigste Eigenschaft, die man als Mensch und als Musiker mitbringen sollte?

Ich glaube, die wichtigste Eigenschaft ist Offenheit – als Mensch und als Musiker. Wenn man mit so unterschiedlichen Künstler*innen arbeitet, merkt man sehr schnell, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Vorstellung davon durchzusetzen, wie Musik funktionieren muss. Man muss zuhören können, neugierig bleiben und sich auf Menschen und Situationen einlassen. Gleichzeitig braucht es natürlich eine eigene Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung für das zu übernehmen, was man musikalisch macht.

Für mich ist deshalb die Verbindung aus Offenheit und einer eigenen Stimme entscheidend. Man sollte bereit sein, sich überraschen und auch mal verunsichern zu lassen, ohne dabei die eigene Persönlichkeit zu verlieren. Gerade aus solchen Begegnungen habe ich musikalisch und persönlich am meisten gelernt.

Reza Askari im Netz

WWW.REZA-ASKARI.COM
WWW.BOOMSLANG-RECORDS.COM

 

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