Vanessa Jung macht ganz hervorragende instrumentale Gitarrenmusik, kommt musikalisch aber eigentlich aus einer anderen Ecke. Aufgewachsen mit Guns N’ Roses, Metallica, AC/DC und Iron Maiden, entdeckte sie erst später Plini, Animals As Leaders und die moderne Instrumental-Szene. Entsprechend klingt auch ihr erstes eigenes Album ‚Full Steel‘ weniger nach klassischer Gitarren-Leistungsschau als nach Rock- und Metal-Songs, bei denen der Gesang einfach durch die GItarre ersetzt wird. Im Interview spricht die 32-Jährige Wiesbadenerin über ihre musikalische Sozialisation, Riffs statt Dauergefrickel, ihre Zeit an der Popakademie Mannheim und die Entstehung des Albums zwischen Schecter, Ibanez, Fractal FM3 und einem ziemlich weit aufgerissenen BluGuitar Amp1.
INTERVIEW
Full Steel
„Dieses Höher-schneller-weiter ist nicht mein Ding“
Im Pressetext zu deiner Platte werden als Einflüsse auffällig viele Gitarristen und Bands genannt, die keine oder kaum Instrumentalmusik machen. Ist das bezeichnend für dich?
Total. Ich bin eigentlich überhaupt nicht mit Instrumentalmusik aufgewachsen. Mein Vater hat eine riesige Plattensammlung mit Alben von Guns N’ Roses, Metallica, AC/DC, Iron Maiden und Deep Purple – deswegen wollte ich das Album auch unbedingt auf Vinyl machen. Bei uns lief zu Hause und im Auto immer alles querfeldein: Tool, Jazz, Klassik, Iron Maiden, AC/DC, Adele, was weiß ich was.
Mein Onkel war da eher der Metalleinfluss. Der hat mir Sachen wie Avenged Sevenfold und Slayer nähergebracht. Instrumentalmusik habe ich damals eigentlich gar nicht gehört. Joe Satriani und Steve Vai kannte ich natürlich, aber das war nicht hundertprozentig mein Ding.

Wann hat sich das geändert?
2016 war ich bei Animals As Leaders auf einem Konzert. Im Vorprogramm waren Intervals und Plini. Das Ganze hat damals 18 Euro gekostet – Animals As Leaders, Intervals und Plini für 18 Euro… Das wäre heute wahrscheinlich nicht mehr möglich. Ich war mit ein paar Freunden da und wir waren total geflasht von Plini. Danach habe ich angefangen, mich ein bisschen in diese Instrumentalwelt einzugraben und bin dann zum Beispiel auch auf Nick Johnston gekommen.
Was hat dich daran gepackt?
Ich mag Instrumentalmusik, die eigentlich auch aus Songs bestehen könnte. Meine Vorstellung von Instrumentalmusik war früher immer: Da läuft ein Backingtrack und einer dudelt darüber. Das ist natürlich auch bei Satriani und Vai nicht so, aber ich brauche vor allem Riffs. Und die coolen Riffs, die mir gefallen haben, habe ich eher bei Bands gefunden, die auch Gesang haben.
Deswegen sind meine Songs auch so gedacht. In meinem Kopf gibt es klare Strophen, Refrains und Pre-Choruses, dann kommt eine Bridge und nach der Bridge das Solo – eigentlich genauso, wie ein nicht-instrumentaler Song aufgebaut ist.
Warum hast du dich dann überhaupt für Instrumentalmusik entschieden?
Ich hatte angefangen, eigene Sachen zu schreiben, und habe sie einem Sänger und einer Sängerin gegeben. Irgendwie kam aber keiner so richtig mit meinen Riffs zurecht. Dann brauchte ich für meine Bewerbung an der Popakademie etwas Eigenes. Ich hatte zwar schon einen Popsong mit einer damaligen Band gemacht, wollte aber noch etwas haben, bei dem mehr Gitarre dabei ist und das gitarristisch ein bisschen aufwendiger ist.
So habe ich meinen ersten eigenen Instrumentalsong geschrieben, ‚Mojácar‘. Der ist nicht auf dem Album, sondern schon früher erschienen. Das fiel ungefähr in die Zeit, in der ich Plini entdeckt habe. Und dann dachte ich irgendwann: Wenn ich keinen Sänger oder keine Sängerin habe, die dazu passt, mache ich es eben instrumental.
Ich bin beim Gesang auch ziemlich picky. Es gibt viele Sachen, die ich sehr geil finde, aber auch Bands, die ich allein wegen des Gesangs nicht mag. Selbst singe ich mittlerweile manchmal, wenn ich Bands coache und jemand gebraucht wird. Aber dafür bin ich ein bisschen zu perfektionistisch. Da würde ich erst noch mehr Technik brauchen. Aber never say never.
Wie perfektionistisch bist du auf der Gitarre?
Geht so. Ich will nicht unbedingt etwas Beeindruckendes machen. Höher, schneller, besser – das ist nicht so mein Ding. Ich möchte eher etwas machen, das sich auch Leute anhören können, die nicht nur Gitarren-Ekstase hören wollen.
Bei den Aufnahmen und beim Schreiben bin ich aber schon perfektionistisch. Als wir ins Studio gegangen sind, stand bis auf die Soli eigentlich alles fest. Die wollte ich etwas freier machen. Und natürlich nervt es mich, wenn ich etwas falsch spiele. Wenn ich merke, dass ich eine Stelle nicht kann, setze ich mich auch mal eine Stunde hin und schaue, dass sie einfach sitzt.

Wie viel Virtuosität braucht instrumentale Gitarrenmusik? Hast du beim Schreiben manchmal das Gefühl, noch etwas zeigen zu müssen?
Das passiert eher bei kleinen Licks zwischendurch. Ich habe zum Beispiel eine Linie oder eine Melodie und dann kommt der Übergang in den nächsten Teil, vielleicht in den Pre-Chorus. Dann denke ich: Okay, das schreit jetzt danach, dass noch einmal irgendein schnelles Gefuddel kommt.
Ich mache tatsächlich viel, was ich mir erst einmal im Kopf überlege. Wenn man nur auf der Gitarre herumprobiert, kommt man meistens auf Sachen, die sowieso schon in den Fingern stecken. Man wird dem Album bestimmt auch anhören, was meine Standardlicks sind. Aber an einigen Stellen habe ich schon bewusst überlegt, was noch cool sein könnte.
Gibt es dafür ein Beispiel?
Bei ‚Yllon‘, dem ruhigeren Song, gibt es in der Mitte ein Tapping-Lick. Bei dem Lick tappe ich und rutsche dabei ein Stück das Griffbrett rauf. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das irgendwo gesehen habe oder selbst darauf gekommen bin. Ich fand die Bewegung jedenfalls cool und sie macht Spaß. Also dachte ich: Die muss auf jeden Fall noch irgendwo drauf. Live sieht das wahrscheinlich cooler aus, als es eigentlich klingt.
Selbst ‚Yllon‘ bleibt nicht lange ruhig. Dir geht es schon sehr um Energie, oder?
Ja. Ich mag Tracks, die langsam anfangen und sich dann steigern. ‚Welcome Home (Sanitarium)‘ von Metallica zum Beispiel: Das geht ganz ruhig los und zum Schluss ist es die komplette Ekstase. So eine Eskalation hinten raus ist schon mein Ding.
Mir sind auch Tempowechsel wichtig. Bei ‚Full Steel‘ verändert sich unter demselben Riff der Drumgroove und damit das ganze Feeling. Das mag ich zum Beispiel auch bei Pantera, wenn teilweise das gleiche Riff weiterläuft, aber sich das Feeling komplett verändert.

Das Album ist trotz der spielerischen Fähigkeiten nicht besonders verfrickelt.
Nein, genau. Dieses Höher-schneller-weiter ist nicht mein Ding. Ich weiß, dass ich nicht mehr die allerschnellste Gitarristin werde. Wobei ich nicht weiß, ob das überhaupt noch irgendjemand wird – irgendwo gibt es das wahrscheinlich alles schon. Und ich höre es auch nicht so gerne, wenn ich beim Zuhören eindeutig merke: Jetzt möchte mich jemand mit seinem Speed beeindrucken. Das kann cool sein und alle sollen machen, was sie wollen. Aber das ist nicht das, hinter dem ich her bin.
Ausbildung als Frau im Rockzirkus
„Ein paar Türen mehr offen, ein paar andere dafür zu“
Du warst die erste weibliche E-Gitarrenstudentin an der Popakademie.
Ja, leider. Ich finde das eher traurig.
Hattest du dadurch das Gefühl, mehr leisten zu müssen als deine männlichen Kollegen?
Gerade am Anfang des Studiums gab es schon dieses Gefühl: Bist du jetzt hier, um irgendeine Quote zu erfüllen? Die Dozenten haben natürlich gesagt, dass das nicht so ist. Wenn ich scheiße gespielt hätte, wäre ich ja nicht genommen worden. Trotzdem hat man irgendwie das Gefühl, vielleicht ein bisschen mehr machen zu müssen. Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht.
Das Wichtigste war aber, dass die anderen mich total nett aufgenommen haben. Da war nie dieses: Das ist jetzt die Frau bei den Gitarristen. Gerade die anderen, die Gitarre studiert haben, haben mich absolut auf Augenhöhe behandelt.
Bei Gigs in meiner Jugend habe ich auch anderes erlebt. Da gab es schon Leute, die etwas hochnäsig waren und meinten: Die weiß doch gar nicht, was sie da spielt. Und wenn man heute irgendwelche blöden Facebook-Kommentare unter Artikeln über Frauen und Gitarre liest, denkt man natürlich wieder darüber nach. Vielleicht muss ich es doch noch besser oder genauer machen. Aber ich weiß andererseits nicht, ob ich Sachen weniger genau machen würde, wenn ich ein Mann wäre.
Kann es umgekehrt auch ein Vorteil sein, als Frau in der Rockgitarrenwelt noch immer stärker aufzufallen?
Natürlich hilft das zum Beispiel bei Interviews oder Förderanträgen. Man hat einen Aufhänger. Ich hatte auch schon ein oder zwei Bands, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich nicht reingekommen bin, weil ich kein Mann bin. Gleichzeitig bin ich aber auch schon in Bands aufgenommen worden, weil ich eine Frau bin.
Ich spiele zum Beispiel bei den Aerochicks, einer reinen Frauen-Aerosmith-Tribute-Band. Andersherum könnte ich wahrscheinlich nicht in einer klassischen AC/DC-Tribute-Band spielen, weil dort erwartet wird, dass das alles Männer sind. Eine gemischte AC/DC-Tribute-Band habe ich zumindest noch nie gesehen. Es stehen also sicherlich ein paar Türen mehr offen und ein paar andere sind dafür zu.
Du machst außerdem Gitarren-Lessons und Videos auf YouTube. Wo hast du dir das beigebracht?
Ich habe 2020 ein Praktikum bei Henning Pauly, HP42, (hier mehr zu ihm im Interview) gemacht. Das war eine extrem spannende Zeit. Ich habe dort ein bisschen geschnitten und im Prinzip meine ganzen Video-Skills gelernt. Aber ich habe auch unglaublich viel über das ganze Business gelernt: Worauf kommt es bei Videos an? Worauf achten die Leute? Wie arbeitet man mit Firmen, wie spricht man mit Firmen und Followern? Und wie organisiert man so ein Event wie die 42 Gear Street, bei dem alle möglichen Leute zusammenkommen? Ich würde sagen, alles, was ich über YouTube und dieses ganze Drumherum weiß, habe ich eigentlich dort gelernt. Es war das beste Praktikum, das ich je gemacht habe.
Equipment & Aufnahmen
„Wir haben den Amp sacklaut gemacht“
Welche Gitarren hast du auf dem Album verwendet?

Ungefähr zu gleichen Teilen meine Ibanez AR420 und die Schecter Hellraiser C-1. Die Schecter kommt immer dann zum Einsatz, wenn ich ein Floyd Rose beziehungsweise den Whammy Bar brauche. Sie ist auch ein bisschen meine Heavy-Gitarre.
Die Ibanez ist eher mein Les-Paul-Ersatz für die singenderen Sachen oder für Parts, bei denen ich sage: Das ist jetzt weniger Metal-Lead und eher Hardrock. Für einige Clean-Parts haben wir außerdem eine Strat genommen, die im Studio stand. Wir wollten diese kristallklaren Höhen und die kamen aus den anderen Gitarren nicht in derselben Form heraus.
Beim dem einen Song mit Gesang ist außerdem eine Akustikgitarre dazugemischt. Das wollte ich unbedingt, weil sie schon in meinem Demo enthalten war. Ich mochte diese kleine Lagerfeueratmosphäre zum Schluss.


Hast du mit echten Amps oder digital aufgenommen?
Beides. Bei den Basic Tracks habe ich über einen Fractal FM3 aufgenommen. Bei ‚Child Of The Night‘ und ‚Elon‘ sind diese Sounds teilweise auch geblieben. Die Leadparts haben wir mit einem BluGuitar Amp1 aufgenommen. Der hing an einer Orange-4x12er-Box in einem separaten Raum und wir haben den Amp sacklaut gemacht und ganz normal mit Mikrofon abgenommen. Mein Produzent hat danach auch die Rhythmusparts gereampt, bis auf die beiden genannten Songs. Am Ende hört man also überwiegend den Amp1. Von dem haben wir den Classic Channel benutzt, der ja so ein bisschen auf diesen Marshall-, JCM-800-artigen Sounds basiert. Ich hatte auch meinen Orange TH30 dabei, aber wir hatten mit dem Amp1 unseren Sound gefunden und dann einfach gesagt: Das passt so.

Welche Pedale waren im Einsatz?
Eigentlich erstaunlich wenige. Für einen Solosound hatten wir mal einen Tube Screamer drin und einen Hall Of Fame als Buffer. Die Effekte wie Delay kamen größtenteils aus Pro Tools beziehungsweise später im Mix dazu. Beim Einspielen hatte ich das Delay aber trotzdem auf dem Sound. Komplett trocken einzuspielen mag ich nicht. Davon lebt es ja auch, dass man Spaß am Sound hat.
Ein Phase 90 war tatsächlich noch dabei. Den hört man bei ‚Full Steel‘ beim Übergang vom Solo ganz kurz. Ich stelle den gerne so ein, dass dieser runde, dreidimensionale Effekt entsteht. Da hat er kurz seinen Auftritt.
