Platte der Woche: BÉLA FLECK „Live Heart: My Bluegrass Heart at the Ryman“

Live Heart Albumcover

„Was ist das Beste, das wir hinbekommen können? Wie können wir uns gegenseitig voranbringen?“ So beschrieb Béla Fleck 2022 im Interview mit Grammy.com seine Vorstellung vom gemeinsamen Musizieren. Eine brauchbare Frage für jede Bandprobe. Wenn allerdings Billy Strings, Molly Tuttle, Bryan Sutton, Jerry Douglas und Edgar Meyer mit im Raum stehen, dürfte die Antwort etwas aufwendiger ausfallen. Auf „Live Heart: My Bluegrass Heart at the Ryman“ lässt sie sich nun über 20 Stücke verfolgen.

Béla Fleck (Foto: Hazel Coonagh)
Béla Fleck (Foto: Hazel Coonagh)

Das Album dokumentiert den Konzertabend vom 8. Januar 2022 im Ryman Auditorium in Nashville. Fleck brachte dafür Musiker verschiedener Generationen zusammen, die zuvor an seinem Studioalbum „My Bluegrass Heart“ mitgewirkt hatten. Ein Wintersturm erschwerte die Anreise; Mandolinist Chris Thile schaffte es überhaupt nicht nach Tennessee. Der Rest versammelte sich auf der Bühne des ausverkauften Hauses. Das Studioalbum gewann wenig später den Grammy als bestes Bluegrass-Album. Jetzt erscheint die Liveaufnahme auf zwei CDs und drei LPs.

Auch wenn Béla Fleck Banjospieler ist, ist diese Platte für gitarrenaffine Menschen ein gefundenes Futter. Zwar führt Fleck die Mannschaft an, doch mit Strings, Tuttle und Sutton stehen drei Gitarristen bereit, an denen sich unterschiedliche Vorstellungen von Flatpicking studieren lassen. Das Plektrum übernimmt im Bluegrass schließlich einen beträchtlichen Teil der Arbeit: Es muss begleiten, Akzente setzen und im nächsten Moment eine Melodie nach vorn bringen. Wer hier bloß schnelle Läufe erwartet, übersieht, wie viel Verantwortung zwischen den Soli liegt.


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Die Gitarristen sind keine Ersatzbesetzung

Béla Fleck (Foto: Jeremy Cowart)
Béla Fleck (Foto: Jeremy Cowart)

Wie wichtig die Gitarre für Flecks musikalische Vorstellungen ist, zeigt seine Beziehung zu Tony Rice. In seinen Begleittexten zu „My Bluegrass Heart“ erklärte Fleck, Rice habe ihm eine Art des Bluegrass-Spielens ermöglicht, die er mit keinem anderen Gitarristen gefunden hatte. Als Rice aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auftreten und aufnehmen konnte, fehlte Fleck damit ein entscheidender Partner. Das spätere Album widmete er Rice und Chick Corea. Den Gitarristen seiner neuen Besetzung attestierte er dabei eine große musikalische Verantwortung gegenüber Rice – und zugleich eigene, unverwechselbare Stimmen.

Billy Strings etwa bringe „diese unglaubliche Energie und einen Drive mit, der bei Gitarristen sehr selten ist“, sagte Fleck im Interview mit Bluegrass Today. Dieses Engagement war ausdrücklich kein Versuch, Rice zu ersetzen. Fleck hatte begonnen, sich auf das einzulassen, was die anderen Spieler jeweils mitbrachten. Die Tracklist von „Live Heart“ liefert dafür einen kleinen Wegweiser. Auf „Vertigo“ spielt Bryan Sutton neben Sam Bush, Stuart Duncan, Jerry Douglas und Edgar Meyer. „Hug Point“ stellt Molly Tuttle heraus, bei „Slippery Eel“ treffen Billy Strings und Fiddler Michael Cleveland auf Fleck. Besonders reizvoll für Gitarristen ist „Tentacle Dragon (Revenge of the)“ mit Strings und Sutton: Zwei markante Spieler teilen sich ein Stück, dessen Ursprung ausgerechnet auf der Gitarre liegt.

Denn Fleck komponiert keineswegs alles auf seinem Hauptinstrument. Wie er in einem Interview erzählte, schrieb er „Tentacle Dragon“ beim Versuch, auf der Gitarre wie Mark O’Connor zu spielen. Auch „Baptist Pumpkin Farm“ entstand beim Flatpicking. Beide Stücke lagen bereits vor, als Fleck 1988 „Drive“ aufnahm, passten damals aber nicht auf die Platte. Hinter dieser Musik steckt mithin auch ein ziemlich langes Gedächtnis.

Ein guter Anlass, genauer hinzuhören

Zum Abschluss übernimmt Billy Strings bei „Tennessee“ Gesang und Gitarre. Fleck kannte den Bluegrass-Klassiker seit seiner Kindheit durch Jimmy Martins Version; die gemeinsame Aufführung verbindet diese frühe Begeisterung mit den heutigen Mitspielern. Der vorab veröffentlichte Konzertfilm zum Stück bietet bereits einen Einstieg in den Abend. gratefulweb.com
„Live Heart“ empfiehlt sich deshalb auch als Gegenmittel gegen die Angewohnheit, Virtuosität ausschließlich am Solisten zu messen. Hier lohnt es sich, beim Zuhören die Aufmerksamkeit zu wechseln: Wer hält gerade den Rhythmus zusammen? Wer lässt Platz? Was verändert sich, wenn ein anderer Gitarrist übernimmt?


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Tracklist

CD 1
01. Blue Mountain Hop
02. Vertigo (feat. Sam Bush, Jerry Douglas, Stuart Duncan, Edgar Meyer, and Bryan Sutton)
03. This Old Road
04. Slippery Eel (feat. Michael Cleveland and Billy Strings)
05. Hug Point (feat. Molly Tuttle)
06. Round Rock (feat. Michael Cleveland and Jerry Douglas)
07. Old North Woods
08. Us Chickens
09. Tentacle Dragon (Revenge of the) (feat. Billy Strings and Bryan Sutton)

CD 2
01. Psalm 136 (feat. Sierra Hull)
02. Strider (feat. Sierra Hull and Molly Tuttle)
03. Our Little Secret
04. Charm School (feat. Sam Bush and Billy Strings)
05. Wheels Up (feat. Sierra Hull and Molly Tuttle)
06. Hunter’s Moon
07. Baptist Pumpkin Farm
08. Boulderdash (feat. Tony Trischka)
09. When the Storm Is Over (feat. Sam Bush)
10. Dark As The Night, Blue As The Day (feat. Sierra Hull and Molly Tuttle)
11. Tennessee (featuring Billy Strings)

Album-VÖ: 16. Oktober 2026
Label: Béla Fleck Productions / Thirty Tigers
www.belafleck.com

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