Mit der Ibanez AAD77M1E-OAW zeigt der japanische Hersteller unmissverständlich, dass auch die traditionelle Westerngitarre stets Potenzial für moderne Gestaltungskonzepte bietet. Diese Grand Dreadnought aus der Advanced Acoustic Series wird mit einem volleren Sound und einer größeren dynamischen Bandbreite beworben und ist mit ergonomischen Konstruktionsmerkmalen ausgestattet, die einen besonderen Spielkomfort versprechen. Auch optisch sticht sie definitiv hervor, denn ihr helles Design hebt sich deutlich vom übrigen Sortiment ab.
Doch was steckt hinter den neuen Features? Erleben wir hier tatsächlich neue Klangwelten und einen verbesserten Spielkomfort? In diesem Testbericht erfährst du, was die Ibanez AAD77M1E-OAW in der Praxis eigentlich leistet.
Der erste Eindruck der Ibanez AAD77M1E-OAW

Auffallend ist zunächst das helle Open Pore Antique White Finish, das einen deutlichen Kontrast zum übrigen Ibanez-Sortiment bildet. Die helle Farbgebung wird unterstrichen durch ein Griffbrett sowie einen Steg aus Ahorn, mit deren Zusammenspiel eine harmonische Farbgebung entsteht. Geschmackvolle Akzente setzen unterdessen eine Single-Ring-Rosette sowie Dot Inlays aus Abalone, die dem hell gestalteten Instrument eine nahezu übernatürliche Anmut verleihen.
Verarbeitungstechnisch fällt die Gitarre durch einen gleichmäßig aufgetragenen Lack und eine fein abgestimmten Hardware auf. Kleinere Schönheitsfehler finden sich beispielsweise an den Kanten der Rosette, die bei ganz naher Betrachtung nicht ganz sauber eingearbeitet ist. Da es sich hier aber um ein verhältnismäßig günstiges Instrument handelt, fallen wirklich sehr geringfügige Schönheitsfehler, die sich zudem weder auf Klang noch auf Bespielbarkeit auswirken, nicht großartig ins Gewicht.
Grand Dreadnought Body mit massiver Decke
Ein Highlight der Ibanez AAD77M1E-OAW ist ihre Grand-Dreadnought-Korpusform, die um fünf Prozent größer ausfällt als herkömmliche Dreadnoughts. Dies soll das Klangvolumen einmal mehr erhöhen und die Bässe noch deutlicher hervorheben. Beim Anspielen ist der mächtige Bassbereich auch deutlich hör- und spürbar und auch das Klangvolumen ist raumfüllend. Ob sich dies jedoch von anderen Dreadnought-Gitarren abhebt, ist fragwürdig, da auch andere Konstruktionsmerkmale wie massive Tonhölzer, Deckenbeleistung, Holzdichte und mehr ins Gewicht fallen. In puncto Durchsetzungsstärke lässt sich aber dennoch nichts bemängeln.
Die massive Decke aus Sitka-Fichte sowie Boden und Zargen aus laminiertem geflammtem Ahorn sind für eine schnelle Ansprache und einen höhenbetonten Klang verantwortlich. Auch hier muss man anmerken, dass Tonhölzer nicht allein für den Klangcharakter einer Gitarre zuständig sind, in diesem Fall sind die klassischen Zuschreibungen aber zutreffend. Auch das Sustain hinterlässt bleibenden Eindruck – natürlich im positiven Sinne.
X-M Bracing: Eine besondere Deckenbeleistung
Die Deckenbeleistung wird bei der Ibanez AAD77M1E-OAW in Form des hauseigenen X-M Bracings umgesetzt. Hierbei handelt es sich um ein von Ibanez selbst entwickeltes Verstrebungsverfahren, bei dem die Positionierung und die Verarbeitung gezielt auf das Schwingungsverhalten der Decke abgestimmt wurden. So kombiniert die Konstruktion ein sorgfältig gearbeitetes Scalloped X Bracing mit weiteren Ton- und Fingerleisten. Ziel ist es, alle Frequenzbereiche gut zur Geltung zu bringen, was besonders für Gitarristen interessant ist, die sich eine deutliche Tontrennung wünschen.
Beim Strumming fiel auch tatsächlich eine deutliche Differenzierung der einzelnen Saiten auf, obwohl Höhen und Bässe etwas deutlicher zur Geltung kamen als der Mittenbereich. Aber das liegt vor allem auch an der bereits vorgestellten Grand-Dreadnought-Form und an den Tonhölzern.
Der A.I.R.port
Ein weiteres Highlight der Ibanez AAD77M1E-OAW ist der in der oberen Zarge integrierte A.I.R.port. So verfügt die Gitarre nicht nur über eins, sondern gleich über zwei Schalllöcher für ein erweitertes Klangerlebnis, denn der A.I.R.port soll den Sound direkt zum Spieler transportieren, der so eine bessere Kontrolle über das, was er spielt, bekommt. Und es funktioniert tatsächlich hervorragend. Beim Testen konnte der Klang deutlich direkter wahrgenommen werden, was zusätzlich durch ein Abdecken des Ports bestätigt werden konnte.
Allerdings sollte man den A.I.R.port nicht mit einem aktiven Monitorsystem verwechseln. Er verstärkt den Klang nicht, sondern verteilt ihn nur anders.

Bespielbarkeit: Der Hals der Ibanez AAD77M1E-OAW
Der Hals aus Okoume ist im relativ flachen Low-Oval-Halsprofil gestaltet, das gerade beim Greifen von Akkorden, besonders Barrégriffen, ein angenehm griffiges Spielgefühl vermittelt. Im Zusammenspiel mit der standardmäßigen Sattelbreite von 43 Millimetern ergibt sich ein kompaktes Spielgefühl für präzise Akkordarbeit. Für Fingerstyle könnten die Maße allerdings etwas zu schmal gehalten sein, weshalb Flatpicking hier vermutlich besser funktioniert. Das kommt jedoch wieder auf die Handgröße und die Skills im Hinblick auf Präzision an.
Das Ahorngriffbrett besitzt einen Radius von 400 Millimetern und ist mit 20 Bünden ausgestattet. Beim Spielen fällt auf, dass es ein leichtes Gleiten der Hand ermöglicht und rasche Akkordwechsel problemlos gestattet. Diejenigen, die gerne jeden Bund bis ins Detail ausreizen, könnten sich allerdings am fehlenden Cutaway stören, da die hohen Lagen so nicht ganz leicht zu erreichen sind. Unterdessen bietet die 650 Millimeter lange Standardmensur ein gewohntes Western-Spielgefühl.
Lobenswert sind zudem die verchromten Druckgussmechaniken. Sie lassen sich ausgesprochen leicht drehen, was eine feinfühlige Einstellung ermöglicht. Gleichzeitig sind sie ausgesprochen stimmstabil und hielten die Saiten bereits nach dem ersten Einstimmen des Instruments relativ lange tonsicher in Position.
Nicht zuletzt sind die Ibanez Advantage Bridge Pins eine wahre Bereicherung. Ihre Verdickung gestaltet die Entfernung beim Saitenwechsel deutlich unkomplizierter.

Gewöhnungsbedürftig dürfte hingegen der Grand-Dreadnought-Korpus sein. Gerade Spieler, die gerne eine kompakte Gitarre in den Händen halten, könnten sich an dem großen Korpus stören oder müssten sich zumindest erst daran gewöhnen. Aber ein kleines Entgegenkommen hat Ibanez auch hier verbaut: Das Binding verfügt über abgerundete Kanten, die den Kontakt von Korpus zu Schlagarm angenehmer gestalten.
Für welche Spieltechniken eignet sich die Ibanez AAD77M1E-OAW?
Als Grand Dreadnought mit einem dominierenden Bassbereich ist die Ibanez AAD77M1E-OAW wie geschaffen für kräftiges Strumming zur Gesangsbegleitung, weshalb das Modell besonders Singer-Songwriter, Pop- und Countrymusiker ansprechen dürfte. Offene Akkorde, rhythmische Begleitfiguren und dynamische Wechsel zwischen sanften Strophen und kraftvollen Refrains passen sehr gut zum Konzept dieser Gitarre.
Doch auch Picking-Techniken lassen sich auf diesem Instrument gut umsetzen. Gerade die ausgeprägten Höhen ermöglichen eine saubere Tontrennung für Einzeltonarbeit. Wer allerdings voll ins Picking einsteigen möchte, ist wohl doch besser mit einer kleineren Korpusform beraten, die speziell auf diese Spieltechnik ausgelegt ist.
Elektronik: Gut ausgestattet für Bühne und Proberaum
Für den verstärkten Auftritt ist die Ibanez AAD77M1E-OAW außerdem mit einem Tonabnehmer mit Preamp ausgestattet. Hierbei handelt es sich um den Ibanez T-bar Undersaddle Pickup, der die Schwingungen im Bereich der Stegeinlage aufnimmt.

Für die Feinabstimmung ist der Ibanez AEQ-TP2 in die obere Zarge integriert. Dieses Bedienfeld verfügt über einen Lautstärkeregler, zwei Regler für Bässe und Höhen sowie über ein eingebautes Stimmgerät. Damit konzentriert sich Ibanez auf die Funktionen, die im praktischen Einsatz besonders häufig benötigt werden. Gerade für die ersten Schritte auf der Bühne oder im kleineren Rahmen ist dieses System eine absolut solide Wahl.
Darüber hinaus verfügt die Gitarre praktischerweise sowohl über einen Klinken- als auch über einen XLR-Eingang. Dies erlaubt den Anschluss an verschiedenste Geräte und bietet damit eine besondere Flexibilität, die keineswegs selbstverständlich ist.
Praxiseinsatz: Für wen eignet sich die Ibanez AAD77M1E-OAW?
Die Ibanez AAD77M1E-OAW richtet sich besonders an Fortgeschrittene, die ein Upgrade haben möchten, sowie für Live-Spieler, die ein zuverlässiges Zweitinstrument suchen. Die moderne Konstruktion mit massiver Decke und Tonabnehmer geht definitiv über die Standards eines reinen Einsteigerinstruments hinaus, setzt sich im ganz großen Rahmen aber wahrscheinlich nicht ausreichend durch.
Dabei ist das Modell gerade für Singer-Songwriter oder Spieler in akustischen Bands geeignet, denn die auf Projektion und Klarheit ausgelegte Konstruktion verspricht gute Voraussetzungen, um sich im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten zu behaupten.

Preis-Leistungs-Verhältnis
Mit einem Preis zwischen 300 und 400 Euro bewegt sich die Ibanez AAD77M1E-OAW im unteren Preisbereich. Dies begründet sich in erster Linie auf ihrer vergleichsweise umfangreichen Ausstattung wie einer massiven Decke, einem Tonabnehmer und einem speziellen Finish. Zwar verfügen mittlerweile auch sehr günstige Instrumente beispielsweise über eine massive Decke, aber denkt man das fortschrittliche Korpuskonzept, den A.I.R.port und den symmetrischen XLR-Ausgang mit, ist dies durchaus bemerkenswert.
Wer eine Gitarre ausschließlich zum Üben für zu Hause sucht, dürfte hiermit keinen Mehrwert generieren. Wer allerdings gerne im kleinen Rahmen auftritt, bekommt mit diesem Modell ein Instrument mit Potenzial.
Fazit: Eigenständige Westerngitarre mit überzeugendem Konzept
Die Ibanez AAD77M1E-OAW ist zweifelsohne eine spannende Alternative zur herkömmlichen Westerngitarre in ihrer Preisklasse. Hierbei handelt es sich nicht bloß um eine traditionelle Dreadnought, sondern um ein Modell, das auf innovative Features setzt. Der vergrößerte Korpus, die massive Decke mit spezieller Beleistung, bewährte Tonhölzer, ein A.I.R.port und ein Tonabnehmersystem machen sie zu einem hervorragenden semiprofessionellen Instrument für Singer-Songwriter und diejenigen, die gerne im kleinen Rahmen auftreten.
Auch optisch hat die Gitarre einiges zu bieten. Ihr auffälliges Finish mit Abalone-Dekoelementen erfreut das anspruchsvolle Auge und bietet denjenigen, die Extravagantes zu schätzen wissen, ein ansprechendes Design.
Die Verarbeitung ist weitestgehend solide, kleine Mängel bestehen eher in der Einarbeitung der Rosette, deren Ränder nicht ganz sauber abgegrenzt sind. Hardware, Saitenlage und Stimmstabilität lassen aber nichts zu wünschen übrig.
Zudem kommt die Ibanez AAD77M1E-OAW nicht ganz ohne Kompromisse aus. Das Non Cutaway Design dürfte manche Spieler, die sich einen freien Zugang zu den oberen Bünden wünschen, nicht gefallen und auch die extra große Grand-Dreadnought-Bauform ist Geschmackssache. Da kein Gigbag im Lieferumfang enthalten ist, müsste dies zusätzlich erworben werden.
Unterm Strich präsentiert sich die Ibanez AAD77M1E-OAW als interessante elektroakustische Westerngitarre für Musiker, die einen kräftigen, klar definierten Klang, moderne Ausstattungsmerkmale und ein außergewöhnliches Design suchen. Gerade für Singer-Songwriter und fortgeschrittene Rhythmusgitarristen verdient die AAD77M1E-OAW deshalb einen Platz auf der persönlichen Anspielliste.
Spezifikationen der Ibanez AAD77M1E-OAW
- Bauform: Grand Dreadnought
- Decke: massive Sitka-Fichte
- Deckenbeleistung: X-M Bracing
- Boden & Zargen: laminierter geflammter Ahorn
- Finish: offenporiges Antique White
- Binding: Rounded Body Edge
- Rosette: Abalone
- Hals: Okoume
- Halsprofil: Low Oval
- Griffbrett: Ahorn
- Anzahl Bünde: 20
- Griffbretteinlagen: Abalone Dots
- Mechaniken: verchromte Druckgussmechaniken
- Sattelbreite: 43 mm
- Sattelmaterial: Kunststoff
- Mensur: 650 mm
- Steg: Ahorn
- Stegeinlage: Kunststoff
- Bridge Pins: Ibanez Advantage
- Tonabnehmer: Ibanez T-bar Undersaddle
- Preamp: Ibanez AEQ-TP2 mit Stimmgerät
- Besonderheit: A.I.R.port
Bilder: Ibanez
