Parlor-Gitarre: Kleine Akustikgitarre mit großem Charakter

Gibson Parlor-Gitarre

Eine Westerngitarre bringen die meisten wohl zunächst mit einer klassischen Dreadnought in Verbindung. Mit ihrem großen Korpus ist sie mittlerweile der absolute Standard und begleitet Countrymusiker, Singer-Songwriter, Popmusiker und sogar Rockmusiker mit ihrem starken Bassbereich. Doch wer etwas weiter in der Geschichte zurückgeht, stößt irgendwann zwangsläufig auf die Parlor-Gitarre. Mit ihrem außergewöhnlich handlichen Korpus erzeugt sie einen charakteristischen Klang, der sich deutlich von dem größerer Akustikgitarren unterscheidet, ihnen aber definitiv in nichts nachsteht.

In diesem Beitrag erfährst du, woher die Parlor-Gitarre ursprünglich stammt, wo sie bevorzugt eingesetzt wird und was sie so beliebt macht.

Originale Parlor-Gitarren
Parlor-Gitarren aus dem 19. Jahrhundert. (Bild: doryfour, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Was ist eine Parlor-Gitarre?

Eine Parlor-Gitarre ist eine kompakte Westerngitarre mit relativ kleinem Korpus mit schmalen Schultern und ausgeprägter Taille. Häufig ist auch ihre Mensur kürzer gehalten als die einer Standard-Westerngitarre. Ganz im Gegensatz zur Dreadnought-Gitarre können die Abmessungen verschiedener Parlor-Modelle teilweise deutlich voneinander abweichen.

Ihr Name, englisch parlor oder französisch parlour (‚Salon‘), bezeichnet den Ort, wo sie früher in erster Linie gespielt wurde: zur Unterhaltung im Gesellschaftszimmer. Lange bevor die Gitarre ihren Durchbruch auf der großen Bühne hatte, war sie ein Instrument für kleine Räume, weshalb ein großer Korpus für einen voluminösen Sound gar nicht erforderlich war.

Heute erfreut sich die Parlor-Gitarre erneut einer wachsenden Beliebtheit. Ihre historischen Proportionen verbinden Gitarrenbauer wie Martin, Gibson und mehr häufig mit zeitgemäßen Konstruktionen wie scalloped Bracings, Tonabnehmern und modernen Halsprofilen.


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Eine Frauengitarre?

Lange herrschte die Annahme vor, die Parlor sei aufgrund ihrer handlichen Größe extra auf Frauen zugeschnitten. Schließlich galt die Gitarre Ende des 19. Jahrhunderts als Fraueninstrument und wurde in erster Linie von Frauen in Gesellschaft gespielt (Stenstadvold 2013: 595).

Hierbei handelt es sich jedoch um einen Mythos. Auch wenn diese Aussage auf den ersten Blick logisch erscheinen mag, wurden kleine Gitarren weder ausschließlich von Frauen gespielt noch für sie entwickelt. Die Gitarren besaßen damals schlichtweg eine geringere Größe. Erst später wurden größere Gitarren, die die Anforderungen für Bühnen und Konzertsäle erfüllten, populär.

Wie klingt eine Parlor-Gitarre?

Der eher klein gehaltene Korpus einer Parlor-Gitarre erzeugt natürlich auch einen weniger durchsetzungsstarken Sound als der einer Dreadnought oder Jumbo. Auch tritt ihr Bassbereich nicht so deutlich hervor.

Das ist allerdings alles andere als eine Schwäche. Eine Parlor zeichnet sich durch einen direkten, fokussierten und mittenreichen Klang aus. Da dieser nicht derart von starken Bassfrequenzen überlagert wird, erklingen die einzelnen Töne sehr präzise, was völlig neue spieltechnische Möglichkeiten eröffnet. Wer zudem zum Gitarrenspiel singt, profitiert von der Zurückhaltung der Parlor. So ergänzen sich Gitarre und Stimme gerade bei ruhigem Gesang und stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Auch im Studio können kleine Akustikgitarren ihre Stärken ausspielen. Ein riesiger Bassbereich klingt solo beeindruckend, kann in einem Arrangement aber schnell mit Bass, Kickdrum, Piano oder anderen Instrumenten konkurrieren.

Dazu will gesagt sein, dass natürlich auch Tonhölzer, Mensur, Deckenbeleistung und mehr Einfluss auf den Gesamtklang einer Gitarre haben. Somit ist Parlor nicht gleich Parlor. Du findest sie mit unterschiedlichen Features, aus denen du dir deinen Favoriten auswählen kannst.

Joan Baez mit Parlo-Gitarre
Joan Baez mit ihrer Parlor-Gitarre. (Bild: Heinrich Klaffs, https://creativecommons.org/compatible-licenses/)

Besonders interessant für Fingerstyle

Die präzise artikulierten Töne und ihre schnelle Ansprache macht die Parlor-Gitarre besonders für Fingerstyle und Fingerpicking interessant. Eine deutliche Tonwiedergabe lässt schnelle Läufe und Zupfmuster transparent erklingen und verhindert, dass einzelne Töne einfach verschluckt werden.

Gerade aus diesem Grund ist die Bauform in der Folkmusik extrem verbreitet. Unter anderem greift auch Joan Baez, die für ihre präzisen Fingerstyle-Arrangements bekannt ist, gerne auf die Parlor zurück.

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Parlor ausschließlich gezupft werden sollte. Natürlich funktioniert auch das Spiel mit Plektrum. Wer jedoch mit kräftigem Strumming möglichst viel Bass und Lautstärke erzeugen möchte, wird häufig mit einer größeren Bauform glücklicher.

Hier bekommst du einen Eindruck, wie eine gezupfte Parlor jeden Ton in Szene setzt:

Nicht zu unterschätzen: der Spielkomfort

Ein offensichtlicher Vorteil zeigt sich schon beim Auspacken der Parlor-Gitarre. Ihr kompakter Korpus liegt schließlich hervorragend in der Hand und lässt sich bequem auch über einen längeren Zeitraum bespielen.

Dazu kommt die häufig kürzer gehaltene Mensur: Sie erzeugt eine geringere Saitenspannung, was das Greifen der Saiten angenehmer gestaltet. Allerdings verfügt nicht jedes Modell über eine kurze Mensur. Auch die Sattelbreite variiert von Instrument zu Instrument. Wirf also auf jeden Fall einen Blick in die Daten, bevor du dir eine Gitarre aussuchst.

Parlor, 0, 00 und 000 – ist das alles dasselbe?

Hier wird es schnell unübersichtlich, denn all diese Bezeichnungen stehen für eine kompakte Korpusgröße. Allerdings sind die Begriffe nicht beliebig austauschbar, denn insbesondere die historischen Größenbezeichnungen 0, 00 und 000 stehen für bestimmte Korpuskonzepte, deren Abmessungen sich unterscheiden und die verschiedene Ansätze des Klangcharakters verfolgen.

Mehr als nur eine kleine Westerngitarre

Die Parlor-Gitarre zeigt eindrucksvoll, dass ein großer Akustiksound nicht nur durch einen großen Korpus entsteht. Mit ihrer direkten Ansprache und präzisen Tönen ist sie eine perfekte Begleitung für Folkmusiker und ein hervorragendes Fingerstyle-Instrument.

Auch als Zweitgitarre ist sie spannend. Wer bereits eine große Westerngitarre besitzt, taucht mit einer Parlor in neue Klangwelten ein und kann besonders Zupftechniken neu entdecken.

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Die typische Parlor: handlich, komfortabel und mit wunderschönem Klang. (Bild: Sigma)

Titelbild: Gibson

Quellenangaben: Stenstadvold, Erik. 2013. „’We hate the guitar‘: prejudice and polemic in the music press in early 19th-century Europe“. In: Early Music Vol. 41, No. 4. 595 – 604

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