AGITATION FREE: LIVE IN BERLIN
Agitation Free? Sounds like German Krautrock. Und richtig: Die legendäre Berliner Band stammt noch aus einer ganz anderen Epoche der Menschheitsundmusikgeschichte: Die Formation entstand 1967 durch den Zusammenschluss zweier Rock-Bands aus der damals inselartigen Halbstadt West-Berlin. Neben bekannten Größen wie Amon Düül II, Atlantis, Birth Control, Karthago, Guru Guru, Kraan, Message und Kin Ping Meh gehörten Agitation Free bis zu ihrer ersten Auflösung 1974 zu den wichtigsten deutschen Acts zwischen Rock, Progressive, Elektronik und Psychedelic.
Und ja, Agitation Free gibt’s wieder und immer noch: Von der Ur-Besetzung ist zwar nur noch Gitarrist Lutz Graf-Ulbrich (* 1952) aka Lüül dabei, aber das musikalische Konzept mit krautigen Grooves und langen Improvisationen ist immer noch prägend. 1998 gelang eine Wiederbelebung der Band, die in den folgenden Dekaden auch international tourte und veröffentlichte, aber auch einige Todesfälle waren in der Band-Geschichte zu verkraften. Nach dem 2023 erschienenen Album ,Momentum‘ gingen die verbliebenen Musiker Lutz Graf-Ulbrich (g), Michael Hoenig (kb), Burghard Rausch (dr) und Daniel Cordes (b) auf die Suche nach einem neuen Gitarristen – und wurden fündig: Seit 2024 ist mit Axel Heilhecker (Food Band, Wolf Maahn, Fishmoon, Phonoroid) ein erfahrener Produzent und Gitarrist am Start. Seit dem Sommer 2024 ist Tim Sund Keyboarder und Pianist von Agitation Free; Michael Hoenig ist nur noch gelegentlich im Studio mit der Band aktiv, seine Live-Karriere hat er beendet.

Axel Manrico Heilhecker (* 1954) war von 1982 bis 1986 Gitarrist bei bei „Wolf Maahn und die Deserteure“ und bis 1993 als Gitarrist und Songwriter auf allen Alben der „Wolf Maahn Band“ vertreten. Sein sahniger Gitarrenton und seine sehr individuellen. geschmeidigen Lead-Spots waren außergewöhnlich, sie fielen auf im Pop- und Rock-Radio, und es machten sich damals einige Saitenkollegen auf die Suche nach Axels Sound-Zutaten … Aber auch Heilheckers spätere Solo-Projekte Fishmoon und vor allem Phonoroid brachten einige musikalische Meisterwerke hervor. Das war sehr sphärische Musik zwischen den Stilen, mit Sensibilität, Kraft und ganz oft erheblichem Soundtrack-Potenzial.
Jetzt hat Axel Heilhecker das neue Live-Album von Agitation Free produziert und natürlich auch als Gitarrist mit eingespielt. Keine Frage: Da haben sich die Richtigen gefunden! ,Live in Berlin‘ wurde am 1. Dezember 2025 im Club Kesselhaus aufgenommen, und direkt mit dem ersten Track ,Nouveau Son‘ geht man auf eine knapp neunminütige Klangreise, mit ausgiebigen Soli, sphärischen Sounds und schweren Rock-Grooves. Das Schöne an der Musik von Agitation Free ist immer noch, dass die Musiker Parameter wie Harmonie, Raumklang, Groove sehr positiv installieren, ohne aber dabei in Schönklang oder New-Age-Beliebigkeiten abzudriften. Das verhindern jede Menge origineller Ecken und Kanten in dieser Musik, insbesondere aber auch das solistische Potenzial von Keyboarder Tim Sund, und die großartigen, langen Soli von Lead-Gitarrist Axel Heilhecker.

Mit ,Lilac‘ folgt ein ganz eigenwilliger, perkussiver Track auf den erwähnten Opener des Albums, der dann noch so einige verblüffende Wendungen bietet: zweistimmige Leads, Slide-Gitarre und dann noch kurz mal etwas Allman-Brothers-on-Acid-Vibe, woran anschließend die Band dann komplett abhebt – und nach einer intensiven Improvisation wieder zum Thema zurückfindet.
Da könnte man sich fragen: Wo hört Jam-Rock auf und wo fängt Jazz-Rock an? Egal. Absolut egal! Diese fünf Musiker sind großartig, sie beherrschen ihre Instrumente, ihr Handwerk. Kompositionen, Arrangements, Sounds und vor allem die Improvisationen auf ,Live In Berlin‘ sind wirklich extrem spannend. Und in ,You Play For Us Today‘, ein Track vom 1972 erschienenen Debüt-Album ,Malesch‘, legen sie dann noch mal ein paar Schippen drauf: schräge Samples, weirde 70s-Keyboards, eine ausgebrochene E-Gitarre spielt plötzlich ,Purple Haze‘ – das war natürlich Hendrix-Fan Heilhecker. Und irgendwann spürt man sogar sehr deutlich, dass diese Band in der gleichen, wilden, offenen, experimentellen Zeit wie die Kölner Institution Can angefangen hat, wie auch die Allman Brothers oder Jimi Hendrix – zumindest was deren eigene Musik anging
Wer instrumentale Musik zwischen den Stilen mag, kann mit diesem gelungenen Album 10 Tracks und über 70 Minuten lang eine legendäre Live-Band entdecken – ganz kurz vor ihren 60. Geburtstag! Die Vinyl-Ausgabe vereint mit ca. 44 Minuten Musik die sechs spannendsten Tracks von ,Live In Berlin‘.
www.agitationfree.com
www.luul.de
www.axelheilhecker.com
www.timsund.com

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FRED FRITH & KREUSCH BROTHERS: PINK / NEON

Der britische Saiten-Freigeist & Multiinstrumentalist Fred Frith (*1949) ist vor allem als Improvisator, E-Gitarrist & Sound-Tüftler bekannt – und dass seit 1968, als er die legendäre Artrock-Band Henry Cow gründete. Seine Mitspieler, Klassikgitarrist Johannes Tonio Kreusch (*1970) und dessen Bruder, der Jazz-Pianist Cornelius Claudio Kreusch (*1968), entstammen einer anderen Generation und sind beide studierte Musiker.
Gemeinsam haben die Drei die Liebe zur Improvisation – und zur stilistischen wie harmonischen Grenzüberschreitung. Das betrifft immer wieder auch die Klangerzeugung und Spielpraxis am Instrument Und so klingen auf ,Pink / Neon‘ vor allem die Gitarren immer wieder ganz ungewohnt. Fred Frith setzt diverse elektronische Raumeffekte und dezent auch Modulation ein, Tonio Kreusch präpariert die Saiten seiner Konzertgitarre – eine in der modernen E-Musik, aber auch im freien Jazz gängige Praxis, bei der irgendwelche Materialien, Hölzer, Folien, Metallstücke zwischen oder auf die Saiten gelegt werden, um so das Schwingungsverhalten zu modifizieren. Dadurch klingt dann schon mal alles ganz, ganz anders, wenn man es darauf anlegt. Frith, Kreusch & Kreusch sind Experimentalisten!
Diese bereits im Mai 2024 eingespielten Aufnahmen präsentieren aber vor allem drei Menschen, die im Sinn des Wortes miteinander spielen, aufeinander hören, reagieren und einzeln oder im günstigsten Fall auch mal gemeinsam neue Wege entdecken – und gehen. Die gelungene Aufnahme bringt das sehr räumlich rüber, oft wirklich raumfüllend, und dabei kommt man den diversen Saiten extrem nahe.
„Die spontanen Improvisationen leben vom aufmerksamen Aufeinander-Eingehen, pendeln zwischen freien Klanggebirgen und strukturierteren Stimmungsbildern. Von faszinierend bis verstörend ist alles dabei!“ schrieb das eher für straighteren Rock zuständige, aber auch immer weltoffene Fachmagazin „GoodTimes“ in Ausgabe 08-09/2026 absolut treffend.
,Pink / Neon‘ ist ein spannendes, oft abstraktes Klangerlebnis, zu dem Pianist Cornelius Claudio Kreusch mit Hilfe der Polaris-Software auch noch schwer zu beschreibende Sounds & Samples in die Improvisationen schießt.
Für die Kreusch-Brothers war die Produktion dieses Albums ganz sicher ein absolut spannendes, inspirierendes Zusammentreffen mit einem legendären Improvisator, was Gitarrist Tonio Kreusch wie folgt beschreibt: „Wie immer bei Fred Frith macht es auch in der Kombination mit den Kreusch-Brüdern wenig Sinn, der Musik einen stilistischen Stempel aufzudrücken. Es ist von Vielem etwas, vor allem aber ein Beispiel für die kreative Gemeinsamkeit dreier starker künstlerischer Charaktere. Und für einen pink-neon leuchtenden Funken des akustisch Einmaligen an einem besonderen Tag im Mai 2024.“ Spannende Improvisationen auf zwei CDs, verpackt in einem sehr geschmackvoll gestylten Digipak. Auch als 2LP-Set auf Vinyl erhältlich.
www.fredfrith.com
www.johannestoniokreusch.com
www.corneliusclaudiokreusch.com
corneliusclaudiokreusch.bandcamp.com

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PHILIPP RÜTTGERS TRIO: RE: SATIE PICTURING THE INVISIBLE

Ein Cover-Album? Nein, die Musik auf ,Re: Satie Picturing the Invisible‘ ist nur vom französischen Komponisten und Pianisten Erik Satie (*1866 +1925) inspiriert, bzw. von seiner Klaviermusik, die für einen sehr eigenwilligen Minimalismus steht. Was Philipp Rüttgers nicht daran hindert, seine Inspiration hier und da auch mal etwas kräftiger rauszulassen. Und dass ihm das immer sehr eigenwillig gelingt, passt zum Thema. Ebenso wie das eigentlich sehr zurückhaltende Schlagzeugspiel von Sun-Mi Hong.
Und dann ist da noch der in Amsterdam lebende Kontrabassist Omer Govreen, der mir in diesem Trio am besten gefällt. Denn sein oft grundtöniger und dabei aber nie eintöniger Minimalismus ist einfach großartig. Er ist die starke Achse dieser Band und sein spielerischer Ansatz ist oft so einfach wie er effektiv ist. Weil er Klavier und Drums auch mal explodieren lässt, ohne da mitmischen zu wollen: Er ist die Startbahn beim Abheben. Ein Kontrabassist, der ganz klassisch, mit warmem, rundem Ton eine unglaubliche Tragkraft hat und der aus diesem Trio ein ganz besonderes macht.

,Re: Satie Picturing the Invisible‘ ist das zweite Album des 1981 in Berlin geborenen Pianisten und Komponisten Philipp Rüttgers. Und er hatte mit diesem Projekt einfach eine sehr gute Idee mit Pop-Appeal im besten Sinne. Dafür arbeitete er sich allerdings intensiv durch das Gesamtwerk Erik Saties, über die bekannten ,Gymnopédies‘ und ,Gnossiennes‘ hinaus zu weniger populären Werken wie ,Les Fils des étoiles‘ und ,Uspud‘, und baute sich so ein musikalisches Vokabular zu diesem Thema, dieser Musik auf. Und dann machte Philipp Rüttgers sein eigenes Ding daraus. Absolut gelungen!
Gelungen ist auch die Live-im-Studio-Aufnahme der beiden Toningenieure Frans de Rond und Peter Bjørnild vom Hilversumer Studio Sound Liaison. Das Album wurde direkt im DSD-Verfahren (Direct Stream Digital) aufgenommen, wodurch der volle Dynamikumfang und die klangliche Klarheit und Räumlichkeit erhalten blieben. Auch das passt zu dieser inspirierten und auch inspirierenden Musik.
www.philippruettgers.com
www.sunmihong.com
www.instagram.com/omergovreen


